FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 307/308
Christl Spitzy

Lärm und Delogierung

Neuland unterm Fluch
Fotos aus den Trabrenngründen: Elisabeth Kmölniger

Aus dem Loch in die Helle

Ich versteh das nicht! Früher sind wir auch durchgekommen, aber jetzt geht es einfach nicht mehr! Mir ist es richtig peinlich, daß ich zu Ihnen kommen muß. Aber ich weiß einfach nicht mehr weiter!

Mit diesen oder ähnlichen Worten kommen immer wieder Menschen zu privaten Hilfsorganisationen oder öffentlichen Institutionen. Leute, die sich eigentlich freuen müßten. Nach jahrelangem Warten haben sie endlich eine neue Gemeindewohnung zugewiesen erhalten. Warum machen sie den unangenehmen Schritt, warum bitten sie jemand Fremden um Hilfe? Sie stehen vor einer Gehaltspfändung bis zum Existenzminimum wegen eines Heizkostenrückstandes, vor einer Räumungsklage oder einem Delogierungstermin bei Zinsrückständen — in einer Gemeindewohnung. Wie kann es überhaupt zu so etwas kommen?

Sehr viele Familien leben in sogenannten Substandardwohnungen, auf kleinstem Raum, in dunklen Zimmern mit Wasser und WC am Gang. Sehr viele Familien sind schon seit Jahren für eine neue Gemeindewohnung vorgemerkt. Sie warten, manchmal zehn Jahre und länger. Dann ist es soweit, die Familie bekommt eine Gemeindewohnung zugeteilt. Aber da beginnen erst die großen Sorgen. Die neue Wohnung ist nicht nur schöner, sie ist auch viel teurer, die Nebenkosten werden steigen. Diese Bedenken werden von den Beamten zerstreut: „Sie bekommen ja eine Wohnbeihilfe!“ Oder auch: „Wenn S’ die Wohnung net nehmen, kriegen S’ gar keine mehr.“ Da es keine Wahl gibt, hat noch niemand abgelehnt, irgendwie wird es schon gehen.

Mit dem neuen Schlüssel bewaffnet, wird die neue Wohnung besichtigt. Sie ist groß, hell, hat ein Bad und ist sicher besser als die alte Wohnung. Nur, wenn man so manchen nach zwei, drei Monaten fragt: „Gefällt’s Ihnen jetzt?“, hört man ein zögerndes „Na ja, es geht.“ Warum ?

Neubausiedlungen stehen immer am Stadtrand, weit weg von der vertrauten Umgebung, von den Verwandten, den Bekannten, weit weg vom Arbeitsplatz, von der alten Schule. Jetzt lebt man unter 10.000 fremden Menschen, zwar in großen Wohnungen, aber allein. Was kann man in der Freizeit tun? Ein Beisl, gelegentlich ein Freizeitheim, die paar Geschäfte haben ein Monopol und sind teurer. Die Betriebe zahlen weniger, weil sie wissen, wie sehr man auf sie angewiesen ist. Eine Frau verdient bei einer Vierzigstundenwoche durchschnittlich 4.200 Schilling netto monatlich.

Leben, um zu wohnen

Die Einschränkung „Na ja“ gilt auch für die Wohnung. Der Zins macht oft ein Drittel des Einkommens aus. Die Zinsbeihilfe wird oft erst drei, vier Monate nach dem Einziehen ausbezahlt. Man bekommt sie zwar rückwirkend, aber anfänglich muß doch der volle Betrag am Ersten auf den Tisch gelegt werden. Alle zwei Monate ist ein Heizkostenpauschale von rund 1.300 Schilling fällig. Viele verstehen nicht, warum sie diesen Betrag auch im Sommer bezahlen müssen. Früher hat man halt Öl oder Kohle gekauft, wenn es nötig war. Stromkosten machen im Monat 500 oder 600 Schilling aus, gekocht wird nämlich elektrisch. Dazu kommt noch der halbjährlich fällige Baukostenzuschuß in der Höhe von 1.500 Schilling.

Niemand will sein Geld nur für Miete, Strom usw. ausgeben. Die Familien kommen meistens aus sehr schäbigen Wohnverhältnissen, haben kaum Möbel, sie wollen sich endlich wohl fühlen. Sie nehmen Kredite auf, um sich Möbel, Vorhänge, Jalousien kaufen zu können. Damit halsen sie sich eine Kreditrate von monatlich 1.000 bis 2.000 Schilling auf. Ein Schuldenberg türmt sich auf.

In diese Neubauten ziehen Familien mit zwei bis zehn Kindern ein. Die Mutter bleibt zu Hause, um die Kinder zu betreuen. Der Vater mußte seinen Arbeitsplatz wechseln, wenn er nicht Fahrzeiten von ein oder zwei Stunden in Kauf nehmen wollte. Das Einkommen muß erst einmal reichen, um den primitivsten Lebensbedarf und die zusätzlichen Kosten zu decken. Oft reicht es nicht. Spätestens wenn eine Gehaltsexekution wegen unbezahlter Heizkosten vor der Tür steht, wollen auch die Frauen in die Arbeit gehen. Aber wer soll auf die Kinder aufpassen? Für die Plätze in den Kindergärten gibt es lange Wartezeiten. Insgesamt ist die Versorgung mit Kindergärten in Wien ganz gut. Nur nützt das den Familien in den Stadtrandgebieten wenig, wenn sie erst nach einem Jahr einen Platz erhalten. Dann ist es oft schon zu spät, die ständigen Streitereien ums Geld haben die Ehe bereits zerrüttet.

Kein Wunder, daß in den Neubaugebieten die Zahl der Ehescheidungen ein bis zwei Jahre nach den ersten Einzügen sprunghaft ansteigt. Geschiedene und alleinstehende Mütter mit Kindern (Väter in ähnlicher Situation gibt es erst wenige) rutschen besonders leicht in eine finanzielle Notlage ab, wegen der wenigen Kindergartenplätze, wegen der schlecht entlohnten Arbeit. Diese Frauen sind psychisch und physisch anfälliger, wegen ihrer Isolation und wegen der Doppelbelastung mit Beruf und Haushalt.

Kunststücke der Frauen

Für diese Frauen bedeutet es eine Katastrophe, wenn ein Kind krank wird und nicht mehr in den Kindergarten gehen kann. Die Großmutter, die Tante, die Schwester, die Freunde wohnen am anderen Ende der Stadt. Masern, Feuchtblattern und Mumps begnügen sich meistens nicht mit einer Woche Pflegeurlaub im Jahr. Bleiben die Mütter öfters zu Hause, sind sie schnell ihren Job los. Der einzige Ausweg ist dann der peinliche und unangenehme Weg aufs Arbeitsamt oder zum Sozialreferat, wo sie um einen Vorschuß auf die Arbeitslosenunterstützung oder um eine Aushilfe betteln müssen.

Es ist sagenhaft, welche Kunststücke an Organisation und Improvisation Mütter vollbringen, wenn sie Kinder noch vor der Arbeit in den Kindergärten abliefern und abends wieder rechtzeitig abholen müssen. Oft sind die Kinder nicht einmal im selben Kindergarten untergebracht, weil es an freien Plätzen fehlt. Verständlich, daß manch eine Frau die Arbeit hinschmeißt, weil sie vom Sozialreferat mehr bekommt, als sie im Beruf verdient, und sie sich außerdem den Beitrag für den Kindergarten erspart.

Dieses Problem haben nicht nur die geschiedenen Frauen. Es braucht jemand nur länger krank zu sein, keinen Job mehr zu finden, arbeitslos zu werden, seinen Anspruch auf die Arbeitslosenunterstützung zu verlieren. Er muß dann von der Aushilfe aufgrund des Richtsatzes des ASVG leben: eine enorme Einschränkung. Schlimm ist auch ein Zinsrückstand, denn da wird die Wohnbehilfe der Gemeinde Wien gestrichen, bis der Rückstand wieder bezahlt ist. Aber wie soll jemand, der schon die Differenz zwischen Wohnbeihilfe und Zins nicht bezahlen konnte, auch noch das Geld für den vollen Zins und den Zinsrückstand aufbringen? Wenn ein Strick reißt, reißen die anderen auch.

Für die Öffentlichkeit handelt es sich um Leute, „die nix arbeiten wollen“. Aber sie wollen ja arbeiten, nur verdienen sie zuwenig Geld, um sich die teuren Wohnungen leisten zu können. Was passiert, wenn einmal die Delogierung ins Haus steht? Private Hilfsorganisationen sind dem Ansturm nicht mehr gewachsen. In besonderen Fällen springt die Erwachsenenfürsorge (Magistratsabteilung 12) ein, sie übernimmt Zinsrückstände und Heizkosten. Das Sozialreferat gibt nur Beihilfen für den Lebensbedarf, die den wirklichen Lebensbedarf nur teilweise decken.

Es gibt auch die Möglichkeit, die Wohnung zu tauschen. Da muß aber zuerst der Zinsrückstand beglichen sein. Die Gemeinde bewilligt den Tausch nur, wenn keine Gefahr einer Überbelegung in der neuen Wohnung und damit kein Anspruch auf eine größere Gemeindewohnung besteht. Wem aber die alte Wohnung zu kostspielig war, will eben in eine kleinere ziehen.

Kann jemand das Geld nicht auftreiben (Ratenzahlungen gibt es nicht, entweder alles auf einmal oder nichts), dann kommt die Delogierung. Unter Umständen landet die Familie im Obdachlosenasyl, mit allen vorstellbaren Konsequenzen. Wenn sie dort lange genug bleibt und brav ist, erhält sie eine neue Gemeindewohnung zugewiesen. Diese neue Wohnung wurde in der Regel später gebaut und ist deshalb noch teurer als die alte: Der Zirkus beginnt wieder von vorn. Was das für die Nerven der Eltern und für die Erziehung der Kinder bedeutet, ist wohl klar.

Der typische Hochhausblick

Eine junge Frau mit einem Kleinkind beantragt eine Gemeindewohnung. Sie lebte bei ihren Eltern, ihr Mann hat sie verlassen, weil er die beengten Verhältnisse nicht mehr aushielt. Er hat ihr versprochen, zurückzukommen, wenn sie es zu einer eigenen Wohnung gebracht hat. Die Frau bekommt von der Gemeinde eine wunderschöne Wohnung mit 100 Quadratmetern. Aber die Kosten sind so hoch, daß der Mann lieber seine Alimente als den Zins bezahlt. Die Frau sitzt allein da und kriegt keine Zinsbeihilfe, weil ihre Wohnung unterbelegt ist. Ihre Zukunft kann man sich vorstellen.

Ein anderer Fall. Ein Mann lebt mit seinen zwei Kindern und seiner Schwester in einer Gemeindewohnung. Die Kosten sind zu hoch, einmal zahlt die Magistratsabteilung 12, dann wird delogiert. Er kam bei einem Verwandten unter. Nach kurzer Zeit erhielt die Schwester eine neue Gemeindewohnung zugewiesen, und zwar in derselben Siedlung, nur auf einer anderen Stiege, eine teurere Wohnung ...

Weil am Stadtrand der Boden billiger ist, werden dort die Neubausiedlungen errichtet. Sie werden möglichst hoch und auf engstem Raum gebaut. In dieser Umgebung entstehen alle möglichen Störungen. Eine Frau erzählte mir, wie ihr ein Taxifahrer prompt ihre Adresse auf den Kopf zugesagt hatte. Als sie ihn perplex fragte, wie er das erraten konnte, gab er die Antwort: „Sie haben auch schon den typischen Hochhausblick!“

Es ist die Bauweise der Siedlungen, die solche Auffälligkeiten verursacht. Eltern kommen in psychologische Beratungsstellen, sie klagen über ihre Kinder, die plötzlich so aggressiv sind. Die Kinder müssen leise sein, weil man jedes Geräusch vier Stockwerke nach oben und vier Stockwerke nach unten hört, weil man den Rasen nicht betreten darf, weil nur langweilige Spielplätze existieren, weil man nicht radfahren darf, weil man nirgends Lärm machen darf ... Eine Mutter sagt: „Wenn ich mit den Kindern wegfahre oder spazierengehe, sind sie lieb, brav und lustig. Kaum sind wir in der Siedlung zurück, werden sie frech und gereizt. Das ist halt das Klima dort.“ Und dieses Klima ist für viele unerträglich.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1979
, Seite 54
Autor/inn/en:

Christl Spitzy: Christl Spitzy hat in den Trabrenngründen als Sozialarbeiterin gearbeitet.

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