FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1986 » No. 387/394
Jürg Jegge

Kuh frißt Museum

Selbstverständlich besaß Dagobert Duck — wer sich in unserer Bubenzeit nicht an die SJW-Heftlein oder an das vom Lehrer Stoll besonders empfohlene Periodikum „Der Schweizer Kamerad“ halten wollte, konnte sich die Welt von Enten erklären lassen — auch ein Museum. Dies diente keinem anderen Zweck als der Zurschaustellung seines Reichtums, sowohl vor gleichrangigen wie vor den von ihm finanziell und deshalb auch sonst abhängigen Vögeln. Die Fürsten, die Dagoberts der Barockzeit, hielten’s damit genau gleich, und wir betrachten heute ihre angehäuften Schätze mit einer Mischung aus gut eidgenössischer Abscheu vor soviel Ausbeutung und protestantischer Ehrfurcht vor soviel Reichtum.

Später, anno Aufklärung und Naturwissenschaft, bekamen Museen einen anderen Stellenwert. Neben Fürst Dagobert trat Dr. Daniel Düsentrieb, der Wissenschafter, manchmal etwas wirr, aber seiner stumpfen Umwelt um Jahre voraus. Wenn der von „Schätzen“ sprach, meinte er nicht ihren Geldwert, ın diesem Punkt war er genauso abhängig wie alle Entenhausener, er meinte vielmehr ihren Erkenntniswert. Eine brauchbare Einteilung der Welt zu besitzen, wie etwa in der Welt der Pflanzen der Freiherr Carl Daniel von Linné D. und nach ihm unzählige Studienräte, kann sehr nützlich sein, und so gesehen erhält auch eine ganz gewöhnliche Rumex acetosa L. ihren Wert, während irgendeine dahergelaufene Kuh so etwas nicht einmal frißt. Für ein Museum allerdings reicht’s nicht ganz.

Wie wird etwas zum Museumsschatz? Das Etwas Angelo Soliman (17??—1796), Neger in Wien, war zu Lebzeiten ein Freund, sogar ein Logenbruder des Kaisers Josef Dagobert II. von Habsburg-Düsentrieb; zum Schatz wurde er erst nach seinem Tode, als ihn nämlich der nachmalige Kaiser Franz Dagobert I. ausstopfen und zu den „Exempla des Menschengeschlechts“ ins Museum stellen ließ. Neger waren vor der Entdeckung Europas durch die Amerikaner eine Seltenheit in Wien. „Exempla“ müssen sehr selten sein oder sehr alt — oder es muß sehr weit her sein mit ihnen.

Distanz ist die Grundlage des Museums. Ein historisches Museum lebt davon, daß die Leute schon lange tot sind, um die es in seinen Räumen geht, ein völkerkundliches, daß sie weit weg leben, ein botanisches, daß sein Grünzeug nicht in jedermanns Garten wächst usw. Neben dieser spezifischen Distanz gibt’s hier noch eine andere, die kritische. Weil nämlich geordnet, eingeteilt, angeschrieben wird, Akzente gesetzt werden, weggelassen, eben: gewertet wird, und genau das unterscheidet ein historisches Museum von einem Flohmarkt oder ein volkskundliches von einem Trachtenfest. (Wer das Wort „ausstellen“ in Band 7 von Duden-Düsentriebs gesammelten Werken nachschlägt, wird feststellen, daß es auch den Sinn von „aus der Reihe stellen, tadeln“ hat.)

In den letzten Jahren ist das alte Museum Düsentriebscher Prägung, mit seinen Schautafeln für die Ordnung der Dinge und seinen Glaskästen für die Dinge selbst, zunehmend aus der Mode geraten. Kriegerische, wirtschaftliche und ein paar geistige Erdstöße haben die geordnete Welt Berlins, Entenhausens und Zürichs durcheinandergebracht. Die Pfarrer gehen nicht mehr in Schwarz, die Lehrer lassen sich nicht mehr mit „Herr Lehrer“ anreden und die Frau Feuerwehrhauptmann Hefti aus Luchsingen GL ist nicht mehr erpicht darauf, mit dem Titel ihres Mannes angesprochen zu werden. „Kein Wunder, daß es Krieg gibt“, pflegte meine Großmutter solch glarnerischen Kulturzerfall zu kommentieren, Ursache und Wirkung verwechselnd. Diese Entwicklung wird von manchen als Fortschritt begrüßt, von anderen als „Verlust der Mitte“ beklagt, aber leugnen läßt sie sich nicht. Man glaubt heute viel weniger an die allmächtig ordnende Kraft der Systeme, vom kommunistischen bis zum Währungssystem, und in bezug auf Erkenntnis hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß verschiedene Erkenntnisse nebeneinander möglich und richtig sein können. Seither gilt zum Beispiel „Erlebnis“ als zumindest gleichwertiger Zugang zum Wissen. Neben Daniel Düsentrieb tritt Onkel Donald, welcher munter mit dem Jungvolk herumhühnert, den Blick fest auf seinen Bildungsauftrag gerichtet. Die Museumsbesucher dürfen Käferflügel bewegen, sich in Einbäume setzen, Tonbildschauen schauen, sie erhalten Dokumentationsblätter, wenn es sich um Schüler handelt: Arbeitsblätter, es gibt mit allen möglichen technischen Mitteln Informationen zu ständigen oder ständig wechselnden Themen, Lehrpfade, Lernspiele, das Museum beginnt, Anleihen bei der Schule zu machen. Die Bemühungen heutiger Museumspädagogik (oder Museumsdidaktik, wie der Katalog des Buchhändlers in ekelhafter Aufrichtigkeit sagt) zielen auf Öffnung des Museums, auf Verringerung der Distanz. Mit einem Museumsschatz muß ich mehr anfangen können, als ihn abstauben.

Lehrer Hans Daniel Meier führt seine Fünftkläßler („Die Steinzeit“) ins Museum (Düsentrieb), in dem das Thema im Stil einer Käfersammlung abgehandelt ist, Steinbeil neben Faustkeil, dazwischen gähnende Kindlein. Lehrer Hans Donald Meier verzichtet aufs Museum und setzt auf „Erlebnis“. Er lebt mit seinen Schülern eine Woche lang im Wald wie in der Steinzeit; diese erhalten so einen ungleich lebendigeren, aber mit Sicherheit falschen Begriff von der Epoche. Irgendwo zwischen Daniel und Donald liegen die meisten Museen.

An sich ist ein Museum tot. Eine Ausstellung ist nur eine solche, wenn sie sich jemand anschaut. Das Dagobertsche Museum lebte von der Darstellung des Reichtums (und damit der Macht) und vom Eindruck, den beides auf den Betrachter machte. Das Düsentriebsche lebte von der Darstellung objektiver, gesicherter Wissenschaftlichkeit. Heutige Museen leben aus der Spannung von Distanz und Erlebnis und müssen auch bei ihrer Konzeption in diesem Spannungsfeld angesiedelt werden, spürbar, für den Besucher einsehbar, sollen diese nicht schon bei der Eröffnung stieben. Und mag manch ein selbsternannter Dagobert seine Federn plustern und ein Museum in seinem oder doch wenigstens im Düsentriebschen Sinne fordern, so verfällt er doch damit in den Fehler meiner Großmutter: Kulturzerfall kann man nicht aufhalten, indem man ein langweiliges Museum baut.

Nachsatz: Wenn ich mir überlege, was mir die Welt wirklich ein wenig verständlicher gemacht hat, so waren das weder Museen noch SJW- oder gar Micky-Maus-Heftlein, nicht einmal der vom Lehrer Stoll empfohlene „Schweizer Kamerad“, sondern vielmehr zum Beispiel der Lehrer Stoll selber, mit all seinen Schwächen und Vorzügen, es war eine große Zahl von Begegnungen mit wirklichen, lebenden Menschen; und so gesehen muß die vornehmste Aufgabe auch eines Museums darin bestehen, solche Begegnungen zu ermöglichen oder zumindest zu erleichtern, sonst ist es samt seiner wohldurchdachten Konzeption ein tönendes Erz und eine klingende Schelle, ja nicht einmal das, weil nämlich von der Erzgewinnung nur ein vom Besucher in Betrieb zu setzendes Videoband vorhanden ist und die Schelle befindet sich hinter Glas.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1986
, Seite 16
Autor/inn/en:

Jürg Jegge:

Geboren 1943 in Zürich, war Lehrer, Fernseh­moderator, Radio­mitarbeiter, ist Buchautor und Liedermacher. Von 1985 bis 2011 leitete er den „Märtplatz“ in Rorbas, eine berufliche Ein­gliederungs­stätte für junge Menschen mit „Start­schwierigkeiten“; schrieb im FORVM ab 1982 zahlreiche Beiträge, darunter die theaterfreundliche Serie „Pawlatschenreport“. Wird alles (hoffentlich:) bald hier wiederveröffentlicht werden.

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