FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1966 » No. 150-151
Alexander Lernet-Holenia

Königgrätz

3. Juli 1866

Bisher hatte ich stets gedacht, daß wir die Schlacht von Königgrätz nur deshalb verloren hätten, weil einer meiner Onkel Stabschef des österreichischen Oberkommandierenden, Feldzeugmeisters Ludwig Benedek, gewesen war; und nicht nur das: die Schlacht fand auch auf einem Gebiete statt, wo meine Familie eine ganze Zeit ansässig gewesen war und das sie dadurch gleichsam verpecht haben mochte. Aber schließlich habe ich mich zur Ansicht bekehrt, daß unsere Niederlage denn doch auch noch andre Gründe gehabt haben müsse; und jener Onkel, beziehungsweise Großonkel, war, wie ich inzwischen zu ermitteln Gelegenheit hatte, auch gar nicht so sehr auf den Kopf gefallen gewesen, ja wahrscheinlich war er das sogar noch weniger als Benedek selbst.

Zwar ist es möglich, daß sich bei Königgrätz nicht nur zwei Heere, das preußische und das österreichische, gegenübergestanden haben, sondern geradezu zwei Weltanschauungen: eine im Grunde schon durchaus moderne und eine im Wesen immer noch mittelalterliche, eine protestantische und eine katholische, eine nationale und eine übernationale. Aber ich vermag nicht damit zu sympathisieren, daß man alle praktischen Erscheinungen immer gleich auf eine ideale Ebene erhebt, und vor allem will mir nicht gefallen, daß man das immer erst hinterher tut — realistisch besehen also hießen die Gegner wahrscheinlich bloß: Organisation und Zündnadelgewehr gegen Desorganisation und Vorderlader, allgemeine Schulbildung gegen helle Haufen von Primitiven im buchstäblichen und im übertragenen Sinne, in Mannschaftskreisen nicht nur, sondern auch in Offizierskreisen; und hätte man österreichischerseits auch bei Skalitz und Gitschin gesiegt — das, was man nicht nur im kriegsgeschichtlichen, sondern auch im schicksalsmäßigen Sinne die Schlacht von Königgrätz zu nennen hätte, wäre zuletzt dann doch verlorengegangen.

Lässigkeit und Ungenauigkeit, sagt Friedjung, Zaudern und Saumseligkeit waren die Ursachen der Niederlage Österreichs. Doch nicht nur die österreichische Führung beging, trotz aller Kriegserfahrenheit, Fehler, auch die preußische ließ sich, wahrscheinlich aus Mangel an Kriegserfahrenheit — hatte man doch seit fünfzig Jahren keinen Krieg mehr geführt —, reichliche Entgleisungen zuschulden kommen, nur daß die preußischen Offiziere und ihre Leute die Fehler, welche die Führung beging, zufolge ihrer Intelligenz und sprachlichen Einheitlichkeit, oft genug wieder wettmachten, während die polyglotten Österreicher, nicht dumm zwar, doch aus einer gewissen soldatischen Verachtung des Intellekts, Benedeks Fehler gleichsam noch unterstrichen. Zuletzt war’s aber auch die Auseinandersetzung zwischen einem jungen Staat, der eigentlich immer noch im Kommen war, und einem alten, ja überalterten Staate, der das Seine längst geleistet hatte und eigentlich nicht mehr recht wußte, was er noch Sonderliches zu wollen gehabt hätte.

Wir sagen ausdrücklich, daß es ein Konflikt zwischen Staaten und nicht zwischen Völkern war. Denn die meisten Österreicher, zumindest die Slawen, mochten, im nationalen Sinne, sogar noch jünger sein als das zu einem guten Teil gleichfalls slawische Preußenvolk. Aber das preußische Herrscherhaus war jünger als das österreichische, die preußische Führung war jünger und im besten Sinne moderner als die österreichische, und wenngleich die Generalität beider Heere reichlich Fehler beging, wirkten sich die Fehler Benedeks verhängnisvoll aus, und die Fehler Moltkes führten sozusagen bloß mit zum Siege der Preußen. Kurzum, es mag schön sein, eine große Vergangenheit zu haben wie Österreich, aber besser ist es, man hat eine große Zukunft, und die hatten die Preußen, die, in diesem Falle, nicht so sehr für sich selbst, wie vielmehr für ganz Deutschland standen.

Es gab freilich mancherlei Augenblicke in der Königgrätzer Schlacht, wo es schien, als ob die Waage der Geschichte doch noch einmal zugunsten Österreichs ausgeschlagen hätte. Aber vor der Unerbittlichkeit dessen, was dann wirklich geschah, bedeutete ein „Hätte“ oder ein „Wäre“ nichts, und nur das „Ist“ und das „Hat“ sollten von Bedeutung sein und bleiben. Deshalb, als Wilhelm I. seinen Stabschef Moltke in einer besonders kritischen Phase der Schlacht fragte, ob er genugsame Vorbereitungen für einen Rückzug getroffen habe, antwortete der Feldherr seinem König: „Nein, Majestät. Wenn es um Preußen geht, gibt es kein Zurück“; und gleichsam ein Gegenstück dazu, wenngleich mit verändertem Vorzeichen, ist der achtzehn Tage später von Tegethoff im Adriatischen Meere über die italienische Flotte errungene Sieg bei Lissa, einer der ruhmreichsten Seesiege überhaupt. Denn obwohl Tegethoff die Italiener vernichtend schlug, und wenn auch die italienische Landarmee von Erzherzog Albrecht bei Custoza entscheidend geschlagen worden war, half dies alles nichts, und Venedig ging den Österreichern einfach deshalb verloren, weil es ihnen bestimmt war, nicht nur die Lagunenstadt, sondern, nach und nach, überhaupt alles zu verlieren. Der Mensch vermag nichts, als die Linien sichtbar nachzuziehen, welche die Notwendigkeit unsichtbar zieht.

Noch am Tage vor Königgrätz, dem 2. Juli, hatte, zumindest preußischerseits, niemand daran gedacht, daß die Entscheidungsschlacht so nahe sein könne. Als sie sich aber, gleichsam organisch, aus sich selbst entwickelte und herausbildete, als die preußische I. Armee bei Sadowa angriff und als die I. Armee und die Elb-Armee, sozusagen wie die vorwärtsschlagenden Flügel eines auf das Wasser niedergehenden Schwanes, das Gros der Österreicher zu umfassen begannen, hätte es in der Tat nur noch des Umstandes bedurft, daß die 16. preußische Division statt bei Nechanitz bei Kunschitz über die Bistritz gegangen wäre, um sechs Stunden früher auf das Schlachtfeld zu gelangen, die Umfassungsschlacht zu einer Kesselschlacht zu machen und die Niederlage der Österreicher zu einer vollkommenen zu gestalten. So aber, weil die 16. Division, wie Moltke schreibt, „nicht zur Hand war“, lebte Österreich bis zum Ersten Weltkriege weiter. Auch Deutschland wäre ja, hätte Eisenhower im Herbst 1944 nicht zugunsten der amerikanischen Kriegsindustrie am Rheine angehalten, statt sogleich weiterzugehen und seinen Sieg zu vervollkommnen, nicht halb so zerstört worden, wie es zerstört worden ist, und sein Wirtschaftswunder wäre später nicht halb so groß geworden wie nun dieses aus dem Schutte der allgemeinen Zerstörung erblühte Wunder einer dem ehemaligen Volke der Dichter und Denker nicht mehr ganz adäquaten Auferstehung.

Aber wir sind schon wieder ins „Hätte“ und „Wäre“ geraten. Jedenfalls ist es schwer, voauszusagen, ob eine Niederlage nicht zuweilen weit mehr Vorteile mit sich bringt als ein Sieg. Denn den Engländern, zum Beispiel, erblühte nichts aus ihrem Siege über Deutschland, es sei denn der Zerfall des Empire und eine immer noch nicht abzuschaffende Deviseneinschränkung, und den Österreichern erwuchs nichts aus ihrer Niederlage, es sei denn der Zerfall der Monarchie. Seit Königgrätz zweifelte niemand mehr, wenn er auch nur einigermaßen unbefangen war, an diesem unabwendbar bevorstehenden Zerfall. Aus dem Anlasse des Nichtfunktionierens irgendeiner Einzelheit bei Königgrätz, oder genauer gesagt aus der Erkenntnis, daß alle Vorbereitungen versäumt worden waren, der flankierenden Kronprinzenarmee zu rechter Zeit zu begegnen, schrieb mein Großonkel schon damals: „Ich erschrak darüber, weil ich für den rechten Flügel fürchtete; das Blut wich mir aus dem Gesicht; hätte man mich zur Ader gelassen, so hätte man keinen Tropfen Blutes gefunden. Ich eilte auf die Höhe von Lipa, und hier fand ich meine Befürchtungen bestätigt. Benedek griff in die Tasche, machte eine Faust und holte das ganz zerknitterte Telegramm des Festungskommandanten von Josefstadt hervor, in welchem der Anmarsch des VI. preußischen Korps gemeldet wurde. Ich machte nun Benedek Vorwürfe, weil er den Befehl zurückgenommen hatte, die Lücken in der Sicherung der rechten Flanke zu schließen. Er aber meinte, man könne die Reserven ja wieder dorthin in Bewegung setzen. Aber ich entgegnete: ‚Man kann 50 Bataillone nicht so leicht wie Schachfiguren in Bewegung setzen‘; und ich fügte hinzu: ‚Es ist zu spät‘ ...“

Ähnlich verhielt sich Benedek, als ihm der Generalstabsoberst Neuber meldete, die Preußen seien schon in Chlum eingedrungen. Der Ort brannte, allenthalben flüchtete die österreichische Reiterei, und feindliche Geschosse heulten hageldicht daher. Neuber war wie vom Donner gerührt und galoppierte zum Gefechtsstand zurück. Da er fürchtete, seine Meldung könne eine vollkommene Panik hervorrufen, wollte er damit nicht herausplatzen, sondern sie dem Feldzeugmeister unter vier Augen erstatten. „Wir haben hier keine Geheimnisse“, meinte jedoch Benedek. „Nun gut“, sagte Neuber, „dann habe ich zu melden, daß die Preußen Chlum bereits besetzt haben.“ — „Unsinn!“ rief Benedek aus und fügte hinzu: „Plauschen S’ nicht!“ Neuber aber beharrte auf seiner Meldung. Da fixierte ihn Benedek und wandte sich dann an meinen Onkel mit dem Ersuchen, die Lage in Chlum in Augenschein zu nehmen. Aber als besänne er sich plötzlich, warf er jäh sein Pferd herum und sprengte, samt dem Stabe, davon, um sich selbst zu überzeugen.

So also sah das Ende aus. Hätte es nicht unabwendbar in der Luft gehangen, so wüßten wir überhaupt keine Erklärung, warum ein Feldherr, dem der Kaiser immerhin ein Heer von Hunderttausenden anvertraut hatte, an das Vorhandensein der ganzen Kronprinzenarmee, allen bezüglichen Meldungen zum Trotz, einfach nicht glaubte. Etwas Übermächtiges, gleichsam der Engel des Verhängnisses selbst, schien seine Urteilskraft geschlagen zu haben.

Denn seit dem 1858 erfolgten Tode Radetzkys existierte Österreich nicht mehr als lebendiger Organismus, es erhielt sich eigentlich nur noch dadurch aufrecht, daß es sich in einem Zustand zunehmender Erstarrung befand. Dies währte bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges. Da, in den ersten Augusttagen des Jahres 1914, brach noch einmal, wie die Glut eines feuerspeienden Berges, den man längst erloschen geglaubt hatte, der Geist des alten Österreichs hervor. Aber der Ausbruch war so gewaltig, daß auch der Vulkan selbst in Stücke brach, welche alles unter sich begruben.

Jedes Volk, auch dasjenige, dessen Ziele längst erreicht sind, hat immer noch Zukunft, einfach deshalb, weil es einen Teil der ganzen Menschheit bildet, deren Ziele im Unbegrenzten liegen. So werden denn wohl auch wir selbst noch Zukunft haben — aber nicht mehr als die, welche wir gewesen sind.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1966
, Seite 386
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Alexander Lernet-Holenia:

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