FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 186/187
Simon Wiesenthal

Kommunofaschismus in Polen

Ich habe mir oft Gedanken darüber gemacht, daß Sie sich aus einer Art Idealismus zu weit mit der polnischen Angelegenheit einlassen könnten. Bei aller Sympathie mit der gegenwärtigen dortigen Regierung kann ich nicht an der Labilität der Verhältnisse zweifeln. Nach einiger Zeit werden die Dunkelmänner wieder aus den Mauselöchern hervorkriechen, in denen sie sich jetzt verborgen halten — so ähnlich wie es in Deutschland in den zwanziger Jahren gewesen ist. Dann werden Ihnen die Brüder die Hölle heiß machen.

Albert Einstein an Leopold Infeld, 20.6.1949

Über tausend Jahre lebten Juden in Polen. Nun geht dieses Kapitel der Geschichte zu Ende. In einer Bevölkerung von mehr als 35 Millionen gibt es heute noch etwa 15.000 Juden. Ihre Zahl verkleinert sich durch die endlich erlaubte Auswanderung von Tag zu Tag.

Die Geschichte der Juden Polens ist eine Geschichte von Hoffnungen und Enttäuschungen, oft auch Prüfstein für Menschen und Ideologien. Es gab humane Könige, die verfolgte Juden aus anderen europäischen Ländern nach Polen einluden, Toleranzedikte erließen, Möglichkeiten des Lebens gewährten. Es gab aber auch Fälle, in denen die Juden für alle Mißerfolge des Staates verantwortlich gemacht wurden. Später kam die Teilung Polens; unter den Freiheitskämpfern für Polens Wiederherstellung gab es immer Juden. Im Kampf gegen den Zarismus kämpften Juden zusammen mit Polen in zahlreichen Aufständen für „eure und unsere Freiheit“. Nicht selten gelang es dem Unterdrücker, die Unterdrückten mit Hilfe des Judenhasses abzulenken.

Als 1918 Polen wiedererstand, lebten dort Millionen Juden, die mit der Zeit zehn Prozent der Bevölkerung ausmachten. Durch alte Sitten, falsche Einstellung der in Polen allmächtigen Kirche und sonstige Vorurteile wurden die Juden zum Fremdkörper. Es wurden gegen die jüdische Intelligenz Verordnungen des „numerus clausus“, manchmal auch des „numerus nullus“ erlassen, um ihre Zahl einzuschränken. Die polnischen fortschrittlichen Kreise sahen in diesen Gesetzen einen Rückfall in die Zeit der Barberei und kämpften, oft zu ihrem persönlichen Nachteil, mutig für Freiheit und Gleichberechtigung der Juden.

Seit Aufkommen des Faschismus, der vor allem auch den polnischen Staat bedrohte, gab es in Polen kleine Gruppen von Nachahmern des Nationalsozialismus. Sie wurden, bewußt und unbewußt, zur Fünften Kolonne, die den Untergang Polens vorbereitete. Sie sorgten dafür, daß die Judenfrage zum Hauptinteresse wurde.

Als man in ganz Europa gegen die Gewalt Hitlers rüstete, als man davon sprach, man müsse dem Drang des Nationalsozialismus nach Osten begegnen, man müßte Verbündete suchen, da hatte das polnische Parlament nichts Wichtigeres zu tun, als ein Schächtverbot zu diskutieren. Zur gleichen Zeit rief man zum Boykott gegen Juden und jüdische Geschäfte. An den Universitäten proklamierte man „Tage ohne Juden“; jüdische Studenten, die sich an die Universität wagten, wurden oft blutiggeprügelt, auch jüdische Passanten.

Juden wurden Kommunisten, weil sie hofften, daß mit der alten Gesellschaftsordnung, die dem Rassenhaß Tür und Tor öffnete, auch der Antisemitismus untergehen wird. So wurden Juden, weil sie Kommunisten geworden waren, in Gefängnisse und Konzentrationslager geworfen. Anderseits wurden die Schlägerbanden der ONR („Oboz Narodowo Radykalny“) nur mit schwachen Mitteln bekämpft. Wenn es sich bei deren Exzessen gegen Juden um Mordfälle handelte, sperrte man die Täter bloß für einige Monate ein.

Schläger, vor allem aus der Gruppe der faschistischen „Falanga“, die die Gefängnisse verließen, hefteten an ihre Rockaufschläge Abzeichen, die ein Gefängnisgitter darstellten, und wurden als nationale Helden im Kampf gegen das Judentum gefeiert.

Die Nationaldemokraten (ND) und die Jugendgruppen dieser Partei sowie die Bewegung „Großpolen“ („Oboz Wielkiej Polski“) standen den Leuten der ONR und der „Falanga“ ideenmäßig — was Judenhaß und Bekämpfung der Juden betrifft — nicht sehr nach, auch wenn sie nicht immer die Methoden der ONR und „Falanga“ nachahmten.

Der halbfaschistische polnische Staat duldete alle derartigen Auswüchse, die seine Souveränität und Integrität untergruben, aber auch eine Herausforderung humanistischer fortschrittlicher Teile der eigenen Bevölkerung waren.

Als am 1. September 1939 die deutschen Armeen einmarschierten, war Polen für einen Krieg unvorbereitet. Wie ein Kartenhaus fiel die Republik zusammen.

Die bittere Zeit der Besatzung brachte Polen, die sich vorher radikalen und antisemitischen Bewegungen verschrieben hatten, zum Umdenken. So mancher machte jetzt trotz seiner Vergangenheit aus seiner Sympathie für die Unterdrückten kein Hehl. Andere nutzten die Möglichkeit der Abrechnung mit den Juden. Sie suchten und fanden im Nationalsozialismus etwas Positives, trotz der deutschen Besatzung und ihrer Greuel. Das Positive war: „Hitler erledigt für uns die Judenfrage.“

Aber für viele Polen war der Kampf gegen die Okkupanten das Wichtigste, weshalb sie schon aus diesem Grund — wenn nicht, wie in vielen Fällen, aus humanitären Gründen — Hilfskomitees für die Juden gründeten und in zahlreichen Fällen (die freilich gegenüber der Millionenzahl der Juden prozentual nicht ins Gewicht fallen) halfen.

Polen war ein Land, das nicht aufgab. So formten sich gleich nach der Besetzung zahlreiche Widerstandsgruppen. In diesen Widerstandsgruppen haben auch Juden eine Rolle gespielt. Als es zum Warschauer Aufstand kam, kämpften Juden und Polen gemeinsam. In den Wäldern unter den Partisanen gab es Juden, die mit der Waffe in der Hand für die Befreiung Polens kämpften.

Als unter den Schlägen der Alliierten das Dritte Reich zusammenbrach, die Tore der Gefängnisse und Konzentrationslager sich öffneten und Polen, wenn auch in anderen Grenzen, wieder ein selbständiger Staat wurde, setzten die überlebenden Juden Vertrauen in das neue Polen. Ihre Zahl war nicht mehr groß. Kaum 150.000 hatten überlebt. Sie kamen aus Verstecken, aus Wäldern, aus den Konzentrationslagern, aus der Sowjetunion, auch aus den Reihen aller alliierten Armeen zurück. Sie widmeten sich dem Wiederaufbau Polens.

Aber bald stellte sich heraus, daß die Saat der Propaganda, die während des Krieges gegen die Juden betrieben worden war, aufging. Es gab wieder — entgegen den Absichten der Regierung — Pogrome (etwa in Krakau 1945, in Kielce 1946) und zahlreiche antisemitische Vorfälle.

Die antikommunistischen Gruppen trugen ihren Kampf gegen das Regime auf den jüdischen Köpfen aus. Es herrschte wieder nackte Gewalt und Angst. So verließ ein Großteil der Juden Polen.

Die Vorkriegsfaschisten Polens, Mitglieder der Schlägerbanden der ONR und der „Falanga“, haben nur in wenigen Fällen nach dem Krieg die Rechnung für ihre Kollaboration bezahlt. Sie überlebten. Manche von ihnen sickerten in die Kommunistische Partei ein, auch in die übrigen Parteien, die eigentlich Satelliten der Kommunistischen Partei sind, z.B. die PAX-Bewegung.

Diese Gruppen sorgten, speziell nach 1956, für antisemitische Stimmung, um jüdische Universitätsprofessoren, Wirtschaftsfachleute oder Personen, die in der Hierarchie der Kommunistischen Partei eine Rolle spielten, für die Misere in Polen verantwortlich zu machen. Wieder war der Jud an allem schuld.

Polnische Armeezeitung
8.10.1968

Die BRD und Israel unterschrieben einen geheimen Vertrag über Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Nuklearforschung und Produktion von Raketengeschossen.

Achse Bonn - Tel Aviv

(Man beachte links die jüdische, rechts die „arische“ Nasenform!)

Speziell jene Juden, die während des Krieges in die Sowjetunion geflüchtet waren und nun von dort — soweit sie überlebt hatten — nach Polen zurückkehrten, wurden Ziel jener antisemitischen Propaganda, die gleichzeitig auch antisowjetische Propaganda war. Es begann sich ein „polnischer Weg zum Sozialismus“ abzuzeichnen, der vor allem ein antirussischer, rassistischer, antisemitischer war.

Die Vorkämpfer dieses neuen „polnischen Weges“, vor allem der allgewaltige langjährige Innenminister Mieczyslaw Moczar, heute Sekretär des ZK und Kandidat des Politbüros, spezialisierten sich darauf, die Juden von ihren wirtschaftlichen oder politischen Posten zu entfernen, um auf diese Weise die Sympathien der breiten Massen zu gewinnen. Moczar wußte, daß man versuchen mußte, den Millionen Polen, die vom Kommunismus nichts wissen wollten, etwas zu bieten. Er bot ihnen die Juden.

Aber noch konnte man in Polen keine offene antisemitische Propaganda treiben. Noch schützte die polnische Verfassung die Juden als gleichberechtigt. Da wendete sich das Blatt durch den Krieg Israels mit den arabischen Staaten; der Ostblock nahm Partei gegen Israel. Nun bekämpfte man die Juden unter der Tarnung des Kampfes gegen Israel. Die polnischen Antisemiten entdeckten ihr Herz für die Araber.

Die alten bewährten Antisemiten aus den Reihen der ONR und „Falanga“ kamen wieder zu Wort. In einem großen Teil der polnischen Presse erschienen Artikel gegen Juden und das Judentum, obwohl das Wort „Jude“ nur selten genannt wurde. Man tarnte es unter „Zionismus“.

Als nach dem Sechstagekrieg die Sympathien großer Teile der polnischen Bevölkerung, auch innerhalb der polnischen Armee, auf seiten Israels waren — vor allem deshalb, weil die Russen die Araber unterstützten —, wurde der Kampf gegen den „Zionismus“ zur Tageslosung der Partei.

Es begannen Säuberungen, und hier konnten sich Antisemiten aller Schattierungen die Hand geben und ihr gemeinsames Ziel realisieren: Entfernung der Juden.

„Schöne Seelen finden sich“: die Situation erinnert an das Jahr 1949 in der Sowjetunion, als unter der Losung: Kampf gegen vaterlandslose Kosmopoliten!, zahlreiche Juden aus ihren Stellungen entfernt wurden. Die später abgehaltenen Prozesse gegen Slansky und Rajk enthüllten den von oben gesteuerten Antisemitismus. Die Krone sollte der unmittelbar vor dem Tod Stalins in Vorbereitung befindliche Ärzteprozeß sein.

Sehr charakteristisch für die neue Stimmung in Polen waren die 1968 abgehaltenen Feiern anläßlich des Aufstandes im Warschauer Ghetto. Diese Feiern sollten nach dem Willen polnischer Antisemiten in offizieller und nichtoffizieller Stellung unter dem Motto der Zusammenarbeit der Juden mit der Gestapo abgehalten werden. Dieses Motto deckte sich mit der seit einiger Zeit verfolgten Linie, die Zahl der in Polen in der Nazizeit ermordeten Juden zu verkleinern und die Schuld an ihrem Tod der jüdischen Kollaboration mit den Nazis zuzuschreiben. Auf diese Weise wollte man in Polen dem Vorwurf von jüdischer Seite begegnen, es hätte gewisse polnische Gruppen gegeben, die den Deutschen bei der Vernichtung der Juden geholfen haben.

Interessanterweise wurden in Polen niemals Vorwürfe gegen die polnische Polizei aus der Besatzungszeit (Granatowa policja) erhoben (die ja nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen die polnischen Patrioten vorging), obgleich es nach dem Krieg gegen einzelne Angehörige dieser Polizei Prozesse gegeben hat.

Seit dem Sechstagekrieg hat etwa die Hälfte der Juden Polen verlassen. Man entfernt Personen jüdischer Abstammung von ihren Posten. Man verfolgt Viertel- und Achteljuden nach rassischen Prinzipien als „Zionisten“. Kinder aus Mischehen erfahren oft erst jetzt, daß ein Elternteil jüdischer Abstammung ist.

Zur Ehre des polnischen Volkes soll gesagt werden, daß sein größter Teil dieser neuen Welle kühl und ablehnend gegenübersteht. Vielleicht, weil sie von oben kommt und weil man in Polen alles ablehnt, was von oben kommt. Es gibt zahlreiche Sympathiebeweise der Bevölkerung gegenüber jüdischen Nachbarn und jüdischen Arbeitskollegen, die auf unverschuldete Weise ihre Positionen verloren haben und auswandern.

Anderseits hat die Politik von oben Menschen niedriger Gesinnung ermutigt, Juden zu schmähen und zu drangsalieren. Die Verantwortlichen hierfür sind die Artikelschreiber polnischer Blätter, die seit Mitte 1967 kein Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Juden gemacht und mit Artikeln sowie Karikaturen für antisemitische Stimmung gesorgt haben.

Ich bin mir bewußt, daß die polnischen Antisemiten versuchen werden, dies als antipolnische Propaganda darzustellen. Schließlich haben wir dieselben Erfahrungen mit den Nazis in der Bundesrepublik gemacht, die jeden Angriff auf den Nationalsozialismus in einen Angriff auf Deutschland und das Deutschtum ummünzen möchten.

Meines Erachtens wird antipolnische Propaganda nicht vom Ausland oder von den Juden, sondern gerade von den polnischen Antisemiten betrieben. Als Mensch, der in Polen geboren und mit den Polen aufgewachsen, mit ihnen zusammen in Konzentrationslagern gelitten hat, erachte ich es als meine Pflicht, nachzuweisen, wer die wirklich Verantwortlichen für diese Welle sind. Das bin ich all jenen Polen schuldig, die sich gegen den Nationalsozialismus aufgelehnt haben und dann in Gefängnissen und Konzentrationslagern zugrunde gegangen sind. Ihre Zahl ist viel größer als die Zahl der heute gegen das Judentum kämpfenden polnischen Antisemiten, die die Rolle auf sich genommen haben, Zeitzünder Hitlers zu spielen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1969
, Seite 412
Autor/inn/en:

Simon Wiesenthal: Lebte in Wien als Leiter des Jüdischen Dokumentationszentrums. Die Ausforschung Eichmanns machte ihn weltbekannt, desgleichen seine Untersuchungen über alte Nazis in neuen Ämtern und Würden in Österreich, der Bundesrepublik, der DDR.

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