FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » Heft 173
Franz Karasek
Glossen zur Zeit

Kein Westen ohne Osten

Kants Grab, Danzig, die Wiege Schopenhauers, Litauen, das Land Chopins und Mickiewicz’, der Wawel von Krakau, wo Kopernikus und Veit Stoss künftigen Geschlechtern unvergängliche Zeugnisse ihres Genius hinterlassen haben, das Prag eines Hus und eines Comenius, die Matthias-Corvinus-Ära, diese einmalige Variante des südslawischen Humanismus in der Inspiration des ungarischen Quattrocento, die dalmatinischen Städte, Zeugnisse des Renaissancegeistes slawischer Prägung, in denen die slawisch-romanische Symbiose bis zum Barock variiert wurde — all dies sind ruhmreiche Denkmäler der europäischen Kultur, ohne die der Westen gedanklich und künstlerisch, politisch und wissenschaftlich, also in zahlreichen Bezirken des Geistes und der Moral, amputiert wäre.

Miroslav Krleža

Es gibt für mich keine Mission des europäischen Westens im europäischen Osten und umgekehrt. Es gibt für mich, vom Standpunkt der geistigen und menschlichen Potenz, kein Nord-Südgefälle in der Kultur. Europäische Kultur ist für mich eine wahre Einheit in der Vielfalt: Stockholm und Rom, Paris und Moskau, London und Wien. Diese europäische Kultur ist ein Leib mit vielen Gliedern. Wer von diesem Leib, aus welchem Grund auch immer, ein Glied amputiert, ein Organ entfernt, verstümmelt ihn zum Nachteil und Schaden des Ganzen.

Der berühmte Vorhang, der die Europäer Jahre hindurch trennte, war nicht bloß eine strategisch-politische Sperrlinie, nicht nur eine Abgrenzung von Machtbereichen und Einflußsphären, sondern eine Grenze, die auch die kulturelle Kommunikation hemmte, ja viel ärger, menschliche Bindungen zerschnitt und damit dem gesamteuropäischen Leib die schlimmste Verwundung zufügte.

Seit mehr als zehn Jahren sind wir Zeugen eines Prozesses, in dem die Welt der Bipolarität ihrem Ende zugeht und Europa auf der Suche nach einem neuen Gleichgewicht ist. Mehr und mehr besinnen sich die europäischen Nationen, daß sie eine eigenständige Rolle zu spielen haben, unabhängig davon, zu welchem gesellschaftlichen oder politischen System sie sich bekennen, unabhängig von militärischen Allianzen und politischen Gruppierungen.

Dieser Auflockerungsprozeß hat dazu geführt, daß die kulturellen und menschlichen Kontakte wieder möglich wurden und daß wir heute eine große Hoffnung haben dürfen: Europa werde sich eines Tages seiner großen wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Potenzen bedienen, um in der Welt von morgen eine Kraft eigener Art darzustellen, einen tragenden Pfeiler in einem Ordnungssystem, in dem neben den heutigen Supermächten auch das China des Jahres 2000 und die afro-asiatische Welt ihren Platz haben.

Das Europa von morgen ist im kulturellen Sinn (das gilt für die Kunst ebenso wie für die Wissenschaft) weder von den Vereinigten Staaten, noch von der Sowjetunion zu trennen. Man kann die Leistungen des Kirow-Theaters in Leningrad oder des Bolschoi-Theaters in Moskau von der Leistung der Mailänder Scala oder der Wiener Staatsoper so wenig trennen, wie von einer Vorstellung der Met in New York. In allen diesen Fällen haben wir es mit Manifestationen einer Kultur zu tun, die europäischen Ursprungs ist, europäische Traditionen pflegt, Weltkultur geworden ist und „Europa“ darstellt in New York, Moskau, Wien oder Mailand.

Hier hat in den letzten Jahrzehnten, zunächst unbemerkt, heute offenkundig, ein kultureller Integrationsprozeß eingesetzt, der das, was man „europäisch“ in der Kultur nennt, von San Francisco bis Irkutsk in sich schließt und Grenzen nicht zur Kenntnis nimmt, die politischer oder ideologischer Natur sind.

Alle Europäer, gleichgültig welcher Nation sie angehören, werden sich einig darin sein, daß die Beziehungen der europäischen Völker zur Zeit des Kalten Krieges nicht als normal bezeichnet werden konnten. Ob die heutigen Beziehungen diese Qualifikation verdienen, bleibe dahingestellt. Vielleicht könnte man sie als „normalisiert“ bezeichnen, was freilich nicht dasselbe bedeutet, wie normal. Mögen in diesen letzten Jahren die militärischen Allianzen und politischen Gruppierungen an Wichtigkeit verloren haben; mögen die technischen Sperren, die weder der Begegnung der Menschen dienten noch dem Aufmarsch von Ideen in Europa förderlich waren, heute nicht mehr die Bedeutung haben wie 1950; unleugbar bleibt, daß nach wie vor ein tiefer Riß die europäischen Völker trennt; Menschen, die Erben und Träger einer gemeinsamen Kultur sind, leben in verschiedenen gesellschaftlichen Systemen.

Man spricht daher in unseren Tagen auf beiden Seiten viel von einer Annäherung, von einem Dialog, der sich auf die Hoffnung gründet, daß alle Nationen dieses Kontinentes sich eines Tages wieder geeint als friedliche Geschwister derselben Mutter Europa fühlen werden.

Die Frage nach der Basis dieses Gespräches ist sinnvoll, wenn man nicht aneinander vorbeireden soll. Hier gilt, daß es nicht Worte sind, die uns näher bringen, sondern Werte. Im Inbegriff dessen, was europäische Kultur ausmacht, gibt es Werte, über die man sich zunächst verständigen sollte. Es sind Werte, die dem Nichtmarxisten ebenso von Bedeutung sein sollten wie dem Marxisten.

Marxisten wie Nichtmarxisten behaupten, daß es ihnen um den Menschen geht. Der französische Kommunist Prof. Garaudy schreibt:

Was Marx die ‚menschliche Grundlage des Christentums‘ nennt, die kein sogenannter ‚christlicher‘ Staat jemals auch nur teilweise verwirklicht hat, die aber der Kommunismus auf ‚profane‘ Weise verwirklichen kann: das ist eine klassenlose Gesellschaft, in der jedes Kind, jeder Mensch die Möglichkeit hat, alle menschlichen Qualitäten voll zu entfalten ...

Die wunderbare Konzeption der christlichen Liebe, nach der ich mich selbst nur durch den anderen und in ihm verwirklichen kann, ist für mich das höchste Bild, das der Mensch über sich selbst wie über den Sinn seines Lebens entwerfen kann. Das ist übrigens auch der Grund, warum bei den größten Mystikern, bei Therese von Avila und Johannes vom Kreuz, die heute noch uns Marxisten die höchste Aussage menschlicher Liebe bedeuten, menschliche und göttliche Liebe die gleiche Sprache sprechen. [1]

Hier hat, wenn es überhaupt einen fruchtbaren Dialog zwischen Marxisten und Nichtmatxisten geben soll, das Gespräch zu beginnen: beim Menschen als Ausgangspunkt aller Bemühungen der Gesellschaft. Was mich als Katholik am Konzil so beeindruckt hat, und auch jemanden, der der Kirche ferne steht, ergreifen konnte, waren die Worte der Pastoral-Konstitution „Kirche in der Welt von heute“ und insbesondere des Papstes in seiner Schlußansprache im Petersdom am 7. Dezember 1965. Ich erinnere mich des gewaltigen Eindrucks der Schlußzeremonie am Petersplatz, als die Botschaften des Konzils an die Menschheit verlesen wurden. Für alle fand der Papst und das Konzil ein Wort, weil es um den Menschen ging, wie er leibt und lebt, in Freude und Trauer, in allen Situationen, auch in den allzumenschlichen.

Wenn es um den Menschen geht, geht es um die Freiheit. Wie wäre es möglich, von europäischer Kultur zu sprechen, ohne sich zu besinnen, daß eine der großen Errungenschaften im politischen und kulturellen Fortschritt der europäischen Völker die Verankerung der Grund- und Freiheitsrechte in fast allen Verfassungen der europäischen Staaten ist. Eine wirkliche Aussöhnung zwischen Ost und West, kann nur Platz greifen, wenn das Problem der individuellen Freiheit im sozialistischen System in einer Weise gelöst wird, die mit der kulturellen Tradition der europäischen Völker nicht mehr in Widerspruch steht. Hoffnungsvolle Worte für uns sind die des verstorbenen Vorsitzenden der KPI, Togliatti, in seiner Denkschrift von Jalta:

Wir müssen die Verfechter der Freiheit, des intellektuellen Lebens, des freien künstlerischen Schaffens und wissenschaftlichen Fortschrittes werden. Das erfordert, daß wir nicht abstrakt unsere Anschauungen den Tendenzen und Strömungen anderer Art entgegenstellen; sondern daß wir mit all diesen anderen Richtungen ins Gespräch kommen, um die Themen der Kultur, wie sie sich heute stellen, tiefer zu untersuchen. Nicht alle Menschen, die heute auf den verschiedenen Gebieten der Kultur uns ferne stehen, sind unsere Feinde oder Agenten unserer Feinde. [2]

Ein Wert, den wir aus der Schatztruhe der europäischen Kultur entnehmen können, um die Basis für die Ost-West-Beziehungen zu bilden, ist die Toleranz, das Bekenntnis zur Pluralität der Weltanschauungen und der philosophischen Systeme. Prof. Wetter kommt zu folgenden Schlüssen:

  1. Der Marxismus betont zu Recht die Unmöglichkeit einer friedlichen Koexistenz auf ideologischem Gebiet, wenn darunter das gegenseitige Verhältnis einander widersprechender Theorien gemeint ist. Zwischen wahr und falsch kann es keine friedliche Koexistenz geben.
  2. Wenn jedoch von den Menschen mit verschiedenen einander widersprechenden Überzeugungen die Rede ist, muß gleichwohl unbedingt gefordert werden, daß ihre gegenseitigen Beziehungen im Sinne einer friedlichen Koexistenz gestaltet werden.
  3. Aus diesen beiden Thesen ergibt sich als weitere Forderung, daß die ideologischen Widersprüche zwischen Menschen mit verschiedenen Überzeugungen mit rein geistigen Mitteln gelöst werden, nicht aber auf gewaltsame Weise. Insbesondere ist strengste Neutralität des staatlichen Machtapparates zu fordern, da die Lösung theoretischer Streitfragen besser nicht der Polizei anvertraut wird. [3]

Allgemein gültigen, zeitlich unbegrenzten Wert haben nur die Grundwerte einer Kultur. Gewiß kann ich von europäischer Kultur sprechen und an Theater, Musik, Roman, Stil denken. Aber ist es nicht viel wichtiger, wenn man von Kultur spricht, an so abstrakte Ideen zu denken, wie die des Wahren, Guten, Schönen — und wenn man von europäischer Kultur spricht, an Grundwerte wie den Menschen schlechthin, Freiheit, Toleranz, Pluralität?

Es können Menschen aus Ost und West, Gläubige und Atheisten, Kapitalisten und Planwirtschafter, Kommunisten und Nichtkommunisten stundenlang über Theater oder Musik reden, über Intensivierung des kulturellen Austausches oder ähnliches. Ein solches Gespräch am Rande mag ein ästhetisches oder intellektuelles Vergnügen sein. Es bleibt aber ein Vergnügen, nicht mehr.

Wenn wir eine Basis für Annäherung, Begegnung, Aussöhnung zwischen Ost und West suchen, dann bedarf es der Fahrt und des Abstiegs in die Tiefe.

[1Roger Garaudy, in: Christentum und Marxismus — heute, Wien 1966, S. 81f. — Vgl. dens. in: Neues FORVM, Juni/Juli 1966, S. 331; Juni/Juli 1967, S. 469, 479, 482; Januar/Februar 1968, S. 25ff.

[2Palmiro Togliatti, Reden und Schriften, Frankfurt 1967, S. 210ff. — Vgl. Claus Gatterer, Togliatti und die Ursachen, FORVM, Oktober und November 1964.

[3Vgl. Gustav A. Wetter, in: Christentum und Marxismus — heute, Wien 1966, S. 309.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1968
, Seite 279
Autor/inn/en:

Franz Karasek:

Dr. Franz Karasek, a. o. Gesandter und bevollm. Minister, Leiter der für „kulturelle Außenpolitik“ zuständigen Sektion VII des österreichischen Unterrichtsministeriums, war seinerzeit, als Sekretär bei Julius Raab und Angehöriger der österreichischen Botschaft in Moskau, einer der stillen Architekten des Staatsvertrages. Er blieb seither, mit Konsequenz, Ideenreichtum und bedeutsamem, wenngleich nicht unbestrittenem Einfluß, Vertreter der österreichischen Öffnung auch nach Osten (vgl. seinen FORVM-Aufsatz in Heft 144/Dezember 1965), zugleich wesentlicher Exponent sowohl der Österreichischen Volkspartei wie der katholischen Laienbewegung.

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