FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1982 » No. 337/338
Michael Siegert

Jud kaputt?

Ein Buch und ein Abend im Jüdischen Gemeindehaus

Arbeiterbewegung und Antisemitismus — ein heikles Thema, bisher fast nur von Außenstehenden angepackt und gegen die Arbeiterbewegung gewendet. Leopold Spira, Chefredakteur des Wiener Tagebuch, hat’s gewagt, und es ist ihm ein interessantes, lesbares und übersichtliches Buch gelungen: »Feindbild ‚Jud‘« (Löcker Verlag, Wien 1981, 185 Seiten, öS 198, DM 29,80). Spira schildert nicht nur den Antisemitismus, den Deutschnationale und Christlichsoziale gegen die Arbeiterbewegung einsetzten, das ist ihm nur historischer Hintergrund, vor dem er herauspräpariert, wie und wo sich die Arbeiterbewegung selbst zu antisemitischen Tendenzen hat hinreißen lassen. Das Buch wurde am 3. Dezember 1981 unter Vorsitz von Günther Nenning im Jüdischen Gemeindehaus in der Wiener Seitenstettengasse vorgestellt. Auch die Diskussionen dieses Abends werden hier dokumentiert, Privates kommt dem Thema vielleicht näher als Akademisches. Drei Monate vorher, am Samstag, den 29. August überfielen zwei Palästinenser vor diesem Haus jüdische Gläubige, die gerade von einem Gottesdienst kamen, mit Maschinenpistolen und Handgranaten. Es gab zwei Tote.

Glückliches Österreich?

»Was hier passiert ist in diesem Haus, das ist das Aneinanderrücken des sogenannten Rechtsantisemitismus mit dem sogenannten Linksantisemitismus.« Heinz Brandt sagt es, der 72jährige, er hat elf Jahre Haft unter den Nazis hinter sich und drei Jahre in der DDR. Immer noch jugendbewegt, im Hemd, man sieht die blau eintätowierte KZ-Nummer am Unterarm (Sachsenhausen—Auschwitz—Buchenwald), überstrahlt von einer Protuberanz wirren weißen Haares, er war lange Zeit linker Flügelmann der IG Metall, jetzt ist er Grüner, kaum einer kennt seine Geschichte als Bote des Aufstands an die SED-Parteileitung in Ostberlin 1953, dafür haben sie ihn 1961 dann gekidnappt, wie eh und je ist er unter den Jungen vorne mit dabei, am Bohrloch in Gorleben, an der Startbahn in Frankfurt, er sagt: »Glückliches Österreich! Keine Atomwaffen, kein Kernkraftwerk ...«

Die Juden fühlen sich hier gar nicht glücklich. Da kommt einer vom Fußballplatz. Lokalderby Austria—Rapid. »Eine Gruppe von drei- bis vierhundert Jugendlichen ruft: Schlagt’s den Juden die Schädel ein! Juden kusch! Dabei ist bei der Austria kein einziger Jude dabei. Die ham halt was gegen die Austria, und das müssen sie rauslassen. Der Reidinger (Polizeipräsident von Wien) hat gesagt: Ich hab eh schon verstärkt! Beim Eishockeymatch Kanada—Rußland waren Polizisten da und führten die Schreier hinaus.«

Razzien am Mexikoplatz

Rund um den Wiener Donauhafen am Mexikoplatz haben sich Händler gruppiert, die mit Ostgut und Billigwaren handeln. Einer erzählt im Jüdischen Gemeindehaus: »Im AKH-Skandal war kein einziger Jude dabei, man sucht das Feindbild Jud bei den Händlern vom Mexikoplatz. Der Bezirksvorsteher (Anmerkung: er gehört der SPÖ an) sagte: Die Menschen wollen das nicht sehen! Später hat ein Rechtsradikaler einen Aufruf erlassen, daß man diese Menschen verschwinden lassen soll. Ein SPÖ-Nationalrat wurde von einem Rechtsradikalen gelobt!« Der Historiker Jonni Moser bestätigt, ja, es gab »Razzien am Mexikoplatz«, er konstatiert bei den Wienern eine »Steigerung des spießbürgerlichen Gefühls«.

Eine junge Frau: »Wenn ich hier täglich die Polenhetze gegen die Flüchtlinge erlebe, dann finde ich, das Buch kommt zu rechten Zeit.« Heinz Brandt sekundiert: »In der BRD höre ich: schlagt die Makkaronis tot, schlagt die Türken tot!«

Spira dokumentiert in seinem Buch einen historischen Parallelfall: die Ostjudenflucht nach Wien im und nach dem Ersten Weltkrieg. 125.000 waren’s am Höhepunkt 1915, die aus Pogromangst vor den Russen nach Wien strömten, 25.000 blieben nach dem Krieg hier — etwa soviel wie sich 1981 Polenflüchtlinge in Wien registrieren ließen (auch die Ostjuden kamen meist aus Galizien, dem polnischen Gebiet der Monarchie).

Karikatur aus: Karl Paumgartter: Judentum und Sozialdemokratie, Graz 1922
Personen: Jüdischer Bankier, jüdisch-sozialdemokratischer Journalist, »arischer« Arbeiter, »arischer« Intellektueller.

Sozialdemokratische KZs?

Im Motivenbericht zum Entwurf eines Ausweisungsgesetzes, das christlichsoziale Abgeordnete 1919 im Nationalrat einbrachten, heißt es, der »Bevölkerung Deutschösterreichs« könne »unmöglich zugemutet werden, daß sie jedes Gesindel, dem in seinem früheren Aufenthaltsort der Boden zu heiß« geworden sei, »bei sich aufnehmen und von demselben zum Danke dafür sich bis auf die Haut ausziehen, ja zu guter Letzt noch das Dach über dem Kopfe anzünden lassen müsse«. Ja die Vertreter der christlichen Wähler Deutsch-Österreichs scheuten nicht einmal den Hinweis auf »blutige Szenen« in Polen und Ungarn — sie drohten also schlicht mit Pogromen!

Wie verhielt sich demgegenüber die Sozialdemokratie? War sie wirklich eine »Ostjudenschutztruppe«, wie die Reichspost schrieb? Der sozialdemokratische Landeshauptmann von Niederösterreich und Wien, Albert Sever, erließ am 10. September 1919 eine Kundmachung, nach der alle Nicht-Heimatberechtigten, also auch die Ostjuden, »aus dem Staatsgebiet zu entfernen« wären. Wer nicht Folge leiste, gegen den »wird unnachsichtlich mit der Abschaffung vorgegangen werden«.

Der christliche Abgeordnete Kunschak wollte die Juden vor die Wahl stellen, »entweder freiwillig auszuwandern oder aber in Konzentrationslager gesteckt zu werden«. Sogar der große Austromarxist Otto Bauer regte im sozialdemokratischen Parteivorstand an: »Internierungslager könnte nur für Leute in Betracht kommen, die ausgewiesen wurden und trotzdem nicht weggehen.«

Diese Sünden wider den Geist des Humanismus waren allerdings Konzessionen an den vermeintlichen Wählerwillen, in der Praxis fehlten dann Kohlen- und Eisenbahnwaggons zur Deportation der Juden. Die sozialdemokratisch verwaltete Gemeinde Wien hat jedenfalls 1920—25 an 20.000 Juden das Heimatrecht verliehen, die Hälfte von ihnen stammte aus dem Osten.

Engels’ Bengels

Die theoretische Rechtfertigung für seine Antipathie gegen die Ostjuden fand Otto Bauer, indem er sie quasi als Botschafter der »korrupteren Methoden der ‚ursprünglichen Akkumulation‘« aus den Osten darstellte (in seiner Schrift »Die österreichische Revolution«). Aus den galizischen Juden hätte sich eine »neue Bourgeoisie« aus »landfremden, kulturell tiefstehenden Elementen« gebildet.

Spira weist auf viele Beispiele hin, wo die Sozialdemokratie sich erlaubte, ihren Antikapitalismus nach dem Muster der Christlichsozialen antisemitisch zu würzen: »Ostjudengeld stinkt nicht!« (die Arbeiter-Zeitung 1921 gegen einen christlichsozialen Abgeordneten), oder es wird 1923 in einer Wahlbroschüre die katholische Partei mit einem ihr nahestehenden »berühmten Petroleum-Juden David Fanto aus Galizien« gehänselt.

Friedrich Engels, der ja auch nicht gerade das Gegenteil eines Nationalisten war, hatte in einem Brief an einen österreichischen sozialdemokratischen Antisemiten 1890 trefflich diagnostiziert: »Der Antisemitismus ist das Merkzeichen einer zurückgebliebenen Kultur und findet sich deshalb auch nur in Preußen und Österreich respektive Rußland.« Es seien dem Untergang durch großkapitalistische Konkurrenz geweihte Gruppen wie Zunfthandwerker und Kleinkrämer, die den antisemitischen Chor bildeten. Solange Bauern, Gutsherren, Handwerker und andere aus dem Mittelalter stammende Klassen die Produktion in der Hand hielten, wäre das Kapital vorzugsweise jüdisch und da gebe es auch Antisemitismus.

Friedrich Engels: »Der Antisemitismus ist also nichts anderes als eine Reaktion mittelalterlicher, untergehender Gesellschaftsschichten gegen die moderne Industriegesellschaft, die wesentlich aus Kapitalisten und Lohnarbeitern besteht, und dient daher nur reaktionären Zwecken unter scheinbar sozialistischem Deckmantel; er ist eine Abart des feudalen Sozialismus, und damit können wir nichts zu schaffen haben.«

Wie kann man aber mit diesem Modell den Antisemitismus des Deutschland der zwanziger- und dreißiger Jahre erklären, das den Entwicklungsnachteil längst aufgeholt hatte? Vielleicht so: Es war eine Regression, ausgelöst durch die Wirtschaftskrise; durch das Versagen des Kapitalismus fällt man in die vorkapitalistische Mentalität zurück, Hinterweltler aus den Grenzregionen übernehmen die Macht.

Vom Typus Danneberg ...

Der Antisemitismus war in der österreichischen Sozialdemokratie etwas doppelt Verdrängtes: die sozialdemokratischen Juden schämten sich für ihr Judentum und die sozialdemokratischen Antisemiten trauten sich mit ihrem Vorurteil nicht hervor. Parteigründer Victor Adler hielt seine jüdische Abstammung ein Leben lang für eine »Belastung« der Partei und tat alles, um jüdische Doktoren von der Parteiarbeit fernzuhalten. Viele gingen nach Deutschland.

Adler hat seine historische Wurzel, den bürgerlichen Liberalismus der 48erTradition, nie ganz abgestreift. Er war Mitverfasser des »Linzer Programms« von 1882, an dem auch Schönerer und Lueger mitgearbeitet haben, die späteren Fahnenträger des Antisemitismus.

Rebellion der Söhne, die ihrer Vätergeneration vorwarf, den Geist der Revolution von 1848 verraten zu haben. Aus dieser Jugendbewegung entstanden die modernen Massenparteien.

Die Sozialdemokratie erbte dabei einen Teil des Liberalismus. Für ihren rechten Flügel stand Engelbert Pernerstorfer, Victor Adlers Schulfreund, der einen »gehobenen« Antisemitismus vertrat. Im Frühjahr 1915 kritisierte er zum Beispiel den »Typus Danneberg«, damals Führer »einer intellektuellen Linksgruppe, die die Parteiführung erobern will« und die laut Pernerstorfer »nicht nur aus Akademikern, sondern ausschließlich aus Juden« bestand. Parteisekretär Robert Danneberg hätte sich ihm gegenüber als »Kosmopolit« bekannt, er sei also ein »gemischtes Subjekt« und wollte »den deutschen Arbeiter auf sein niedriges Niveau herabziehen«. Pernersdorfer: »Nur wir deutschen Sozialdemokraten müssen es dulden, wenn solche Juden in einflußreichen Stellungen mit Eifer dem deutschen Arbeiter das Deutschtum zu verekeln trachten.«

Damals kam es zu erregten Szenen im Parteivorstand, Pernerstorfer zog sich für längere Zeit aus der Parteiarbeit zurück. Die Partei spaltete sich aber nicht, wie die deutsche, in zwei getrennte Organisationen. Victor Adler verdrängte die antisemitische Attacke. Der »nationale« Gegensatz verklebte den politischen.

Karikatur aus der Arbeiter-Zeitung, 11. Oktober 1925

Grotesknazi Walter Riehl

Der krasseste Fall auf diesem Gebiet wäre wohl einmal eine eigene Monographie wert: Walter Riehl, der Schüler Pernerstorfers, dessen Lebenslauf wilde Kurven durch die Parteienlandschaft zog. Als Enkel eines niederösterreichischen 48ers begann er am rechten Rand der Sozialdemokratie. Wie er als Richter nach Südtirol ging, um für das Grenzlanddeutschtum was zu tun, stand er noch in der Tradition Victor Adlers, der selbst Mitbegründer des Deutschen Schulvereins war. Später, im nordböhmischen Reichenberg, schlug er sich in den Kämpfen zwischen tschechischen und deutschen Arbeitern endgültig zu den Nationalisten. Er half den deutschen Facharbeitern, ihre Privilegien gegen die tschechischen Hilfsarbeiter zu verteidigen. Schon 1904 wurde in Böhmen die »Deutsche Arbeiterpartei« gegründet. Als sie nach dem Ersten Weltkrieg DNSAP hieß und Zweigorganisationen in Böhmen, Österreich und Bayern unterhielt, war Walter Riehl zeitweise Chef der Gesamtpartei und der bayrische Regionalführer Adolf Hitler ihm unterstellt!

Riehl konnte sich in den Cliquenkämpfen der Austronazis nicht oben halten, aber er blieb in der ganzen Geschichte der ersten österreichischen Republik der unbestrittene Häuptling der Antisemiten, die die Wiener Juden terrorisierten und 1927 sogar auf einer gemeinsamen Liste mit Seipels Christlichsozialen für den Nationalrat kandidierten. 1932 wurde Riehl auf der NSDAP-Liste in den Wiener Gemeinderat gewählt. Bei den Nazis nichts geworden, stieß er nach dem zweiten Krieg über den Akademikerbund zur ÖVP, für die er ebenfalls kandidierte.

Pernerstorfer am nächsten kam Karl Renner, der zweimalige Republikgründer, über den ein Tiroler Delegierter am sozialdemokratischen Oktoberparteitag 1917 sagte: »Es ist ein Fehler bei dir, daß nicht acht Tage nach deiner Geburt eine Operation an dir vorgenommen wurde (Heiterkeit). Wenn Genosse Renner zur Gilde gehören würde, dann wäre er unser großer Karl ...«

Christlichsoziales Wahlplakat, 1920

Entschuldner Kreisky

Spiras Betrachtungen zum Thema Sozialdemokratie und Antisemitismus enden mit einem Kapitel über Bruno Kreisky, der eigentlich Erbe der »niederösterreichischen Linie« ist, die von Pernerstorfer über Renner, Helmer und Olah bis eben zu ihm verläuft. Kreiskys Erfolg in diesem antisemitischen Milieu wirkt paradox, und da bietet sich eine psychoanalytische Deutung an, wie sie uns Wilfried Daim präsentiert: Die Schuldgefühle der sozialdemokratischen Antisemiten über ihre zunächst schweigende Hinnahme des Judenmords und dann über die faktische Aussperrung der Emigranten, von denen kaum einer zur Rückkehr nach Österreich eingeladen wurde, konnten erst mit einem Parteiführer jüdischer Abstammung beruhigt werden. Umsomehr, als es in der illegalen Sozialdemokratie unmittelbar nach der Februarniederlage 1934 starke antisemitische Stimmungen gegen die »jüdischen Artikelschmierer und Phrasendrescher« gegeben hatte.

Der Zauber dieses Entschuldungsverfahrens wirkte auch auf die gesamtösterreichische Öffentlichkeit und sicherte Kreisky die absolute Mehrheit durch jenes besondere »Bündnis«, das er immer wieder beschwört; danach sollen bestimmte liberale Bürgerschichten an ihn persönlich gebunden sein. Wahrscheinlich gehören dazu auch jene Deutschnationalen, die ihren nazistischen Sündenfall zu büßen haben.

Spira stellt erstaunt fest, daß antisemitische Angriffe auf Kreisky nicht ziehen, weder Scheibenreifs »Saujud«-Attacke noch die Josef Klaus-Plakate mit der Unterschrift »Ein echter Österreicher«. Geradezu typisch ist Kreiskys Wahl zum SPÖ-Parteiobmann 1967 durch die traditionell antisemitischen Bundesländerfunktionäre, die zuvor auf Olah geschworen hatten, dessen Nachfolger als niederösterreichischer Parteiobmann Kreisky wurde. Kreiskys Obmannwahl nach den antisemitischen Wallungen der Borodajkewycz- und Olah-Skandale (1965 bzw. 1964) kann auch als unbewußte Sicherungsmaßnahme vor dem Wagnis verstanden werden, das der Hinaustritt aus dem Koalitionssystem (1966) immerhin bedeutete — eine Art Tariergewicht gegen die zu erwartende Polarisierung.

Fruchtbar noch

Der Antisemitismus ist indessen noch immer da, auch ohne Juden, er scheint nur opportunistisch überdeckt. Die Zivilisationshaut ist in Österreich dünner als anderswo. Das ist der Befund zahlreicher soziologischer Untersuchungen (z.B. Bernd Tichatschek-Marin in Österreichische Zeitschrift für Soziologie 1/1976). »Wie sehr sich ein Jude auch an unsere Verhältnisse angepaßt haben mag, er bleibt doch anders als die Österreicher«, meinte genau die Hälfte der Befragten bei einer IFES-Untersuchung 1969. 56 Prozent sahen immer noch ein »Übergewicht an Juden in entscheidenden Berufen wie Journalisten, Schriftstellern, Politikern«, zwei Drittel waren der Meinung, »Prozesse gegen sogenannte Judenmörder sind im Grunde sinnlos«. 49 Prozent meinten, »ein Hauptfehler der Juden ist ihre Einbildung, einem auserwählten Volk anzugehören«. 64 Prozent glaubten, »wo Juden das Geschäftsleben beherrschen, da kommt im allgemeinen kein anderer mehr hinein«. Die Behauptung, »die Juden haben eine Abneigung gegen harte Arbeit, sie suchen daher immer nach bequemen, einträglichen Positionen«, wurde in einer Vergleichsuntersuchung zwischen Gewerkschaftsfunktionären und Studenten (IFES 1969) unterschiedlich bekräftigt: 62 Prozent der Gewerkschafter bejahten sie, aber nur 39 Prozent der Studenten.

Buchautor Spira, der selbst jahrelang in der Meinungsforschung gearbeitet hat, glaubt an einen Wandel: »Die Hochschulen waren einmal das Zentrum des Antisemitismus, seit ’68 hat sich da viel geändert.« Spira bekennt sich, gleich Otto Bauer und Kreisky, als Assimilant: »Die große Mehrheit der Juden lebt nicht in Israel, sondern außerhalb, sie wandern mehr aus als ein. Als Sohn eines k. k. Staatsbeamten, er war Post-Oberoffizial, kann ich mich schwer woanders zugehörig fühlen als nach Österreich. Wir wollen normal leben, nicht als bedrängte Minderheit. Ich sehe den Kampf gegen den Antisemitismus als Teil des Kampfes gegen die Unterentwicklung der Humanität in Österreich.«

Antisemitische Karikatur der KPÖ: »Der Bauersche Finanzplan«
aus Rote Fahne, 6. Oktober 1921

Dem eigenen Tod Beifall

Das hindert ihn aber nicht, stolz auf seine jüdischen Vorfahren zu sein. Er schwärmt vom »Sohn des Rabbi Spira, dessen Grabstein noch am alten jüdischen Friedhof von Prag steht, der 1648, im letzten Jahr des Dreißigjährigen Krieges, an der Spitze der Gettobewohner Prag vor einem Überraschungsangriff der Schweden gerettet hat. Der dankbare Kaiser Ferdinand hat ihn dann zum Hauptmann ernannt ...«

Sein eigenes Leben sieht er nicht so glänzend. »Hätte ich Pech gehabt, wäre ich gehenkt worden ... Ich habe meinem eigenen Todesurteil quasi Beifall geklatscht.« Das kam so. Als Jungsozialist in Schuschniggs Gefängnis, vor dem Anschluß freigelassen, als Kommunist zur Fahne der Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg geeilt, anschließend in der englischen Emigration, kehrte er nach dem Krieg als kommunistischer Funktionär nach Österreich zurück. Jahrelang war er so etwas wie der Propagandachef der KPÖ.

Wie in der Sozialdemokratie gab es auch in dieser Partei einen latenten Antisemitismus, der vor allem auf antiintellektuellen Stimmungen des Arbeiterelements beruhte. Zwischen der von Arbeitern dominierten Wiener Stadtleitung in der Taborstraße und der nationalen Leitung am Höchstädtplatz, deren Klima von jüdischen Intellektuellen bestimmt wurde, gab es einen traditioniellen Gegensatz.

Diese an sich vorhandenen Spannungen wurden Ende der vierziger Jahre durch die Titoistenprozesse in Osteuropa akzentuiert, deren Ritual in allen kommunistischen Parteien nachgebetet werden mußte. In den Schauprozessen gegen Slansky und Rajk wurden reihenweise »zionistische Verräter entlarvt« und hingerichtet. Spira kam in seiner letzten ZK-Rede 1969, als er zusammen mit der Gruppe um Ernst Fischer wegen des Tschecheneinmarsches aus der KPÖ ausschied, zu dem Schluß, daß es ihm wohl auch so ergangen wäre, hätte die KPÖ in Österreich gesiegt oder hätte sein Vater 1918 für die Tschechei optiert. »Wenn 1945 die Entwicklung in Österreich so gekommen wäre, wie ich und wir alle es wollten, glaubt ihr, daß sich die Dinge bei uns 1950/51 wesentlich anders zugetragen hätten?« Spira kann sogar seine eigenen damaligen Artikel über den Zionismus gegen sich ins Treffen führen ...

Seit dem Tod Franz Mareks ist Leopold Spira im Kreis um das Wiener Tagebuch das Haupt eines KPÖ-Erinnerungsvereins mit vagen eurokommunistischen Aspirationen.

Sovü Kommunikation

Das Folgende ist ein Gespräch am Tisch des koscheren Restaurants Cäsarea, das sich im Anschluß an die Präsentation von Spiras Buch ergab. Das Restaurant befindet sich ebenfalls im Gebäudekomplex des Gemeindehauses in der Seitenstettengasse. Personen: Georg, ein AZ-Redakteur; Ruth, eine Jungfilmerin; Erhard Löcker, Buchhändler und Verleger; Erika Weinzierl, Universitätsprofessorin für Zeitgeschichte; Frau Spira, Gattin des Autors; Peter Huemer, ein Fernsehredakteur; Günther Nenning, FORVM-Herausgeber; Karl Stuhlpfarrer, Zeithistorier.

Löcker (erzählt von einem Anschlag mit antisemitischer Tendenz auf das Szene-Lokal Oswald & Kalb in der Bäckerstraße): Zwei Burschen ham Feuer gemacht unterm Gaszähler. Einer von nebenan hat’s Gott sei Dank gesehen, ein Antiquitätenhändler. Kalb hat zuvor junge Leute rausgehaut. Samstag haben sie angerufen: Was, am Samstag haben sie geschlossen? — Wäre das Feuer ein paar Minuten später entdeckt worden, wäre die ganze Bäckerstraße in die Luft geflogen.

Der Kalb, der verträgt viel. Die Küche war irgendwie zerstört. Der Kalb ist ein Mensch, der den Zigeunern zehntausend Schilling auf die Stirn pickt, damit sie schön spielen. Er hat es den Zeitungen nicht gesagt.

Ruth (zu Georg): Das einzige was hilft, ist verlieben! Wenn man depressiv ist, schaut einen keiner an, das merken alle. Eine Woche bin ich im Oktober zu Hause gesessen und war völlig arbeitsunfähig ... Es gibt keine Linke mehr!

Georg: Du —

Ruth: Ich meine mit Perspektive!

Georg: Ich war eine Woche auch vollkommen verwirrt ...

Weinzierl: Nach der Vorlesung eine antisemitische Frage ...

Ruth: ... auch wenn wir noch so viele Friedensmärsche machen.

Georg: Ich bin sehr optimistisch, ich hab jetzt meine Theorie.

Ruth: Diese ganze Packelei will i net, und weil du so kommst, hab ich so Angst vor dir, und da weiß i net, was ich mit dir reden soll.

Weinzierl: Da ham sich der Blecha und ich so angesoffen ... der Peter hätte kommen sollen ... daß wir regulär nicht mehr hätten stehen können. Das war ein Hexenkessel sondergleichen. Es war die Zeit der Minderheitsregierung Kreisky, wo die auf die FPÖ angewiesen waren. Da hab ich festgestellt, in gewissen Situationen kann man soviel Alkohol trinken ...

Ruth: Die taz les ich täglich, ich hab sie abonniert.

Georg: Liest du auch die AZ?

Ruth: Da gibt’s wenig zu lesen. Manchmal regt mich auch dein Pauschaloptimismus auf, dieser Anstrich: wie klar ist diese Welt! Die VEW-Arbeiter müssen jetzt streiken ...

Georg: Der Hermann Dvorak ist der Kuron von Österreich!

Ruth: Sagst du das oder die VEW-Arbeiter?

Weinzierl: Ich hab nie so viel Hörer gehabt wie beim Nationalsozialismus, auch viele Senioren ...

Ruth: Wie geht’s eigentlich dem Robbi?

Georg: Hast du nicht mit dem eine Liaison gehabt?

Ruth: Hab ich so viel Liaisonen?

Georg: Mit wieviel Männern ich dich im Caféhaus ...

Ruth: Du treibst dich ja grundsätzlich nur mit zwei Frauen herum!

Georg: Es ist so nett, mit dir zu tratschen, du weißt so viel ... Weißt du, mit wem ich eine Liaison gehabt hab? Die Linke hat zu viel Beziehungen!

Ruth: Gspusi ist mehr!

Georg: Die neue Linke leidet unter Sprachverarmung, schöne Beziehungen zwischen Menschen werden dadurch reduziert. Die Wiener Sprache ist so reich: Pantscherl, Gspusi, Affäre — sehr reizvoll!

Frau Spira: Affäre ist nicht nett!

Georg: Ein Pantscherl ist schnell, Affäre ist was Geistiges — was Französisches!

Löcker: Jetzt bin ich von einem polnischen Verlag angesprochen worn ...

Georg: »Kommunikation« ist Quatsch — Pudern! Vögeln könnte es auch sein. Das andere ist Sozialarbeiter- und Lehrerdeutsch der siebziger Jahre. Vögeln tut ma!

Huemer: Sovü Kommunikation, des kann nix guats net sein! Des wüll i net.

Georg: Weißt was ich jetzt gern hätt? Einen Kaffee.

Ruth: Du brauchst einen Kamillentee. Ich hab ein Müsli gegessen, weil nix anderes zu Haus war.

Nenning: Du kannst überall hingehen ohne Krawatte, aber nicht zu einer Gewerkschaftsveranstaltung. I war vorher wo, aber i konnt mi net umziehn ...

Weinzierl: Das ist mir langsam ...

Nenning: Arg ohne Krawatten ...

Ein Mädchen: Ohne ...

Löcker: Das ist ja mit den fachlichen Angriffspunkten ... (der Pikkolo bringt ihm die Rechnung)

Ruth: Ich habe das Kapitel über die KPÖ gelesen, das interessiert mich, wie so jemand als Jude — da hätt ich mehr gern Persönliches ...

Georg: Bei der GRM bist du nie auf Antisemitisches gestoßen!

Frau Spira: Antisemitismus hat’s in der KPÖ immer gegeben.

Ruth: Da hätt ich gern mehr drüber gelesen!

Frau Spira: Das wird er nie schreiben.

Ruth: Für die Hanna, die Kleine von der Toni, soll er schreiben.

Frau Spira: Das kommt nicht in Frage.

Löcker: Das Gästebuch in dem Hotel die ersten, die sich eingetragen haben, waren die Enkel vom Schönerer!

Georg: Wie alt bist du? 27?

Ruth: 29. Und du? 35, 34?

Georg: Du bist wirklich sehr gut.

Ruth: I glaub eh, daß ich mich mit Vierzigjährigen am besten versteh. Vor allem brauch i so an Papa ...

(Die Spiras verabschieden sich.)

Bilder aus Galizien

Georg (zu Löcker): Wie hoch ist die Auflage?

Löcker: 1800.

Ruth: Hast schon viel verkauft?

Löcker: An der technischen Uni, da waren 50 Leut, verkauft wurde ein Buch. Bei einer Oualtingerlesung mit 300 Leut ham wir zehn Stück verkauft. Mit jüdischen Themen haben alle Verlage relativ Schiffbruch erlitten. Viele sind net gangen, sind im Großantiquariat gelandet. Nur die Salcia Landmann ...

Nenning: Weil ich’s von verschiedenen Seiten her angeh: ein Aufsatz, da wieder einen Film draus, und dann ist auch das Buch schon fast da!

Weinzierl: ... bin ich erschrocken.

Nenning: Es ist eigentlich herausgewachsen aus der Beschäftigung mit der Romantik.

Georg (zu Löcker): ... revolutionär. Es spricht auch Linke an.

Löcker: Das deutsche Auslandspublikum in Israel hat keine besondere Leselust, was diese Thematik anbetrifft. Ein gutes Beispiel ist das jüdische Familienalbum von Hubmann, zu den guten Moldenzeiten wurden zehntausend verkauft, ist aber vollkommen in die Ecken gangen, zwei- bis dreitausend. Es gibt auch kaum Bilder aus Galizien. Das lesende Publikum gibt es nicht mehr, das für die jüdischen Autoren da war.

Georg: Eine Wüste.

Löcker: Wo doch die Leute mehr lesen als je zuvor, was durch Umfragen erwiesen ist. Wir haben ganz handfeste Beispiele dafür. Ich kenne die Auflagenzahlen von Polgar in den zwanziger Jahren bei Rowohlt, heute haben wir das Zehnfache.

Georg: Wird der Zweig jetzt gelesen?

Löcker: Er ist sicher lesbarer als der Polgar, und der Kuh geht noch sehr gut.

Georg: Ich hab das mit großen Genuß in Mexiko gelesen bei 30 Grad Wärme.

Weinzierl: Der Otto Mühl ...

Nenning: Der Otto ist sehr interessant. Von meiner Basis ist der Otto ein verkappter Faschist. Ob ich Ehe hab zu zweit oder zu dreißigst, das ist kein Unterschied. Da muß sich genauso jeder rechtfertigen, wer fremdgeht. Eine Patriarchenrolle wie beim Schulmeister!

Weinzierl: Die lassen sich feiern ... .

Eine Dame (über Kreiskys Auftritt in Berlin): Es war die jüdische Gemeinde dort. Es war irrsinnig gut. Dann hat er geendet: Ja, wir reden dann später darüber — das hab ich nicht gern. Aber er ist ein toller Mann.

Nenning: Bei jedem denkmalgeschützten Haus kriegen sie’s hin, daß es ein Scheiß ist. In der Blutgassen Laternen, daß ma net hinschaun kann. Betonwänd um die Kolonialkübeln.

Die Dame: In die jüdische Schule kommen die zwölf jüdischen Kinder aus Rußland nicht hinein. Dann stehen sie da in ihren Fetzen. Das ist eine elitäre Schule.

Ruth: Für die Kinder ist es besser in der Malzgasse.

Nenning (mit Tirolerhut samt Feder, schüttelt allen die Hand, wie Franz-Josef; mit Blick auf meinen Schreibblock): Na, jetz is der Artikel schon fertig.

Ich: Ja, allerdings.

Weinzierl: Ihr habt’s ihn ja nicht als Erzherzog Johann gsehn!

Nenning: Jetzt kommt der André Hofer mitm Rosenkranz.

Stuhlpfarrer: Als Hubertus mit der Feder!

Nenning: Der Spielhahn ist ein faschistisches Tier.

Frau Stuhlpfarrer: Der Spielhahn möcht sich bedanken!

Deutsche Meister

Aufschriften an der Pissoirwand im Haus des Buches, Wien 8, Skodagasse 20. Aufgezeichnet am 5. Dezember 1981 anläßlich der Tagung »Kunst und Sexualıtät, veranstaltet ebendort von Ernest Borneman und Peter Gorsen:

Die Wiedervereinigung wird kommen
Das meinst nur du, Naziburli
Juden schmutzig
Österreichs Juden Schande
Nazis raus aus den Bibliotheken
Marsch + Blecha = Volksverbrecher
Wir sind wieder da
Da gehört ihr her
Und werdet wieder so abwirtschaften wie schon einmal
Kauft nicht bei Juden
Scheißerei
ÖVP = Scheißgesindel
SPÖ = Gesindelscheiße
Ein Volk ein Reich ein Führer
Österreich bleibt deutsch
Auch ohne Nazi
17.6.82: Tag der deutschen Einheit
Lieber schwul und lesbisch sein als beim SPÖ-Verein
Ich wichse gern
Wenn Judenblut vom Messer spritzt
Der Nazi gern im Häusel wixt
Ölt die Frösche
Arschgeiger Begin Israel
Nazi machen Deutschland kleiner
Juden hinaus aus Österreich
Lest keine jüdischen Bücher!
Ehret eure deutschen Meister!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1982
, Seite 21
Autor/inn/en:

Michael Siegert:

Geboren am 12. Oktober 1939 in Reichenberg (Liberec), gestorben am 23. Oktober 2013 in Wien; studierte längere Zeit Naturwissenschaften und Geschichte an der Universität Wien; 1963 Vorsitzender der Vereinigung demokratischer Studenten; später Mitarbeiter der sozialistischen Studentenorganisation; war von 1973 bis 1982 Blattmacher des FORVM.

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