FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1967 » No. 166
Bruno Kreisky

Jenseits des Reformismus

Man kann mir den Vorwurf machen, vielleicht mit Recht, daß ich den Zusammenhang zwischen sozialistischer Ideologie und praktischer Politik viel zu einfach sehe; vielleicht bin ich tatsächlich, wie die meisten Politiker, dem Laster der Vereinfachung verfallen. Ich nehme diesen Vorwurf entgegen und betrachte ihn nicht einmal als Vorwurf.

Epoche der Re-Ideologisierung

Manche Gelehrte, darunter der bedeutende Prof. Tingsten in Stockholm, vertreten eine Ideologie der Entideologisierung; in der modernen Demokratie und im modernen Wohlfahrtsstaat sei kein Platz für Ideologie. Man könne sich den Luxus von Ideologien heute nicht mehr leisten. Er führe zur Degeneration des demokratischen Staatswesens.

Wir haben nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich eine sehr deutliche Entideologisierung im politischen Bereich erlebt. Aber dies war in erster Linie darauf zurückzuführen, daß wir uns damals gegen einen massiven Angriff des Kommunismus zur Wehr setzen mußten, und zwar nicht von innen, sondern vor allem von außen; alle demokratischen Parteien flüchteten daher unter das schützende Dach der Oberideologie der Demokratie. Man hörte damals immer wieder von allen diesen Parteien Bekenntnisse zur Demokratie. Diese Bekenntnisse waren zwar recht inhaltslos, aber jeder verstand, worum es in Wirklichkeit ging: es ging um jenes Stück Freiheit, das man nach dem Zusammenbruch der Diktaturen in Europa errungen hatte und das man sich bewahren wollte.

Der Prozeß der Entideologisierung war nicht das Ergebnis der Entwicklung zum Wohlfahrtsstaat; er war in erster Linie darauf zurückzuführen, daß wir uns in einer belagerten Festung befanden und daher eine Mentalität des Burgfriedens hatten.

Wir sind heute immer noch in der großen Auseinandersetzung mit dem Kommunismus. Aber zumindest in Europa gibt es den Kalten Krieg nicht mehr in dem Sinn, in dem es ihn in den ersten zehn Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gab. Ich weiß, daß viele diese Auffassung nicht teilen. Meines Erachtens ist der Kalte Krieg zu Ende.

Kurz nach den ersten Zeichen einer Abschwächung des Kalten Krieges — der österreichische Staatsvertrag war ein solches, weithin sichtbares Zeichen — beschäftigten sich viele sozialdemokratische Parteien wiederum stärker mit programmatischen Fragen. Die österreichische Partei gab sich 1958 ein neues Programm, nachdem sie mehr als ein Jahr lang den Entwurf hiezu diskutiert hatte. Dann gab es das neue Programm der deutschen Partei. Zu neuen Formulierungen, zu neuem Durchdenken der Situation, gelangten auch die schwedische Partei und andere Parteien, die stets ihrem Handeln ein Programm zugrunde gelegt hatten. Anders z.B. die Labour Party, die sich auf viel pragmatischere Art mit der Politik beschäftigte; das schloß aber nicht aus, daß sie nach dem Zweiten Weltkrieg gelegentlich eher radikaler war als die kontinentalen Arbeiterparteien.

Insgesamt stehen wir am Anfang eines Prozesses der Reideologisierung. Er ist nicht nur darauf zurückzuführen, daß der Kalte Krieg zu Ende ist, sondern auf einen weiteren damit zusammenhängenden Umstand. Im Polarisierungsprozeß der Weltpolitik gibt es eine vielleicht nur temporäre Unterbrechung infolge der Auseinandersetzungen innerhalb des Weltkommunismus. Dieser Polyzentrismus des kommunistischen Lagers gibt der demokratischen Welt eine wirkliche, kräftige Ruhepause. Dies gestattet die Reideologisierung im Bereich der Innenpolitik, und zwar in immer stärkerem Maße. Vor allem die aufgeweckten, politisch denkenden und politisch agierenden Menschen haben das Bedürfnis, genauer herauszufinden, warum sie der einen Partei ihre Stimme geben, und nicht der anderen.

Ich behaupte nicht, daß die durch den kommunistischen Polyzentrismus gegebene Ruhepause ohne Unterbrechung andauern wird. Es kann Entwicklungen geben, die z.B. der de Gaulle’schen These widersprechen, daß der Konflikt zwischen den kommunistischen Großmächten Sowjetunion und China unweigerlich zu immer größerer Spannung führen müße und ein irreversibler Prozeß sei, durch welchen die Sowjetunion nach Europa zurückgedrängt werde. Dies veranlaßte de Gaulle zu der Formulierung, daß ein Europa vom Atlantik bis zum Ural anzustreben sei; geographisch ist dies richtig, aber in Moskau wird man mit einer solchen Begrenzung der Sowjetunion auf Europa durchaus nicht einverstanden sein.

Was kommt hinter dem Wohlfahrtsstaat?

Die Frage der Reideologisierung erhebt sich im Bereich des demokratischen Sozialismus mit immer größerer Intensität, weil viele, vor allem junge Menschen mit Recht wissen wollen, was denn eigentlich jenseits des Wohlfahrtsstaates liegt.

Es ist behauptet worden, der Streit zwischen reformistischem und revolutionärem Sozialismus — ich meine nicht das Problem des Kommunismus, sondern jenen alten Streit, der in der Zwischenkriegszeit innerhalb jeder guten sozialdemokratischen Partei ausgetragen wurde — sei eigentlich zugunsten des Reformismus entschieden worden. Ich glaube, daß der Streit zugunsten keiner der beiden Gruppen entschieden wurde. Er hat vielmehr im Gefolge der Weltwirtschaftskrise eine ganz andere Lösung gefunden.

Dies ist im deutschen Sprachgebiet noch nicht so richtig erkannt worden. Dort gab es damals eine Diktatur. Die Entwicklung in Richtung jener anderen Lösung vollzog sich außerhalb des deutschen Sprachgebietes.

Gemeinsam war den Anhängern der reformistischen wie der revolutionären Richtung die negative These, daß dem Staat überhaupt keine ernstzunehmende wirtschaftliche Bedeutung zukomme. Das hängt wahrscheinlich mit ihrer geistigen Abstammung von der klassischen Nationalökonomie zusammen; Marx selbst stammt ja von dort. Bis 1930 konnte man sich in Europa nicht recht vorstellen, was der Staat mit der Wirtschaft anfangen und wie er jener furchtbaren Wirtschaftskrise Herr werden könnte. Beide Gruppen glaubten, daß die Krise eine jener Erscheinungen des Kapitalismus darstelle, gegen die man machtlos sei wie gegen Elementarkatastrophen. Folglich diskutierte man nur darüber, ob diese Krise des Kapitalismus schon die letzte sei, oder — wenn ich es ironisch sagen darf — erst die vorletzte.

Weder Revisionisten noch revolutionäre Sozialisten konnten sich zunächst vorstellen, daß der Staat echten Einfluß auf Gestaltung und Entwicklung der Wirtschaft ausüben könne. Aber schon mitten in der Krise gab es eine bemerkenswerte Veränderung in der sozialdemokratischen Diskussion. Ich erinnere an den Satz von Tarnow, [1] welcher heftige Kritik fand, vor allem von Seiten der Kommunisten; Tarnow sprach vom Sozialismus als Arzt am Krankenbett des Kapitalismus.

Es ist mir bewußt, daß die Tarnow’sche Formel vielleicht nicht sehr adäquat war, angesichts der damaligen Stimmung in der deutschen und österreichischen Arbeiterklasse, insbesondere unter den vielen Millionen Arbeitslosen. Aber irgendwie sollte diesem Satz und dem Gedanken, der dahinter steckt, eine späte Rechtfertigung zuteil werden. Ich will dies durch ein Zitat meines großen Lehrers Otto Bauer verdeutlichen, welcher keineswegs dem reformistischen Flügel der Sozialdemokratie angehörte, sondern einer der markantesten Vertreter des Austromarxismus war. Das Zitat ist lang, aber es dient der Ehrenrettung eines der bedeutendsten Sozialdemokraten der neueren Geschichte. Otto Bauer sagte auf dem Kongreß der Internationale, Wien 1931:

Ungeheure Kapitalien liegen in den Vereinigten Staaten von Amerika, in Frankreich, in den neutralen Ländern Europas brach. Unverwertet für die Zwecke, für die sie sonst bestimmt waren, während indessen die Volkswirtschaft in Mitteleuropa an der Kapitalnot erstickt. Der Mechanismus, der in früheren kapitalistischen Krisen automatisch die brachgelegten Kapitalien wieder in die Produktion zurückgeführt hat, er funktioniert nicht mehr. Sein Funktionieren ist vor allem verhindert durch das Mißtrauen, durch die Furcht vor neuen Erschütterungen, durch die Furcht vor neuen Kriegen. Diese Kapitalien in die Produktion zurückzuführen und die Produktion durch sie zu beleben, wäre unzweifelhaft eines der allerwirksamsten Mittel zur Eindämmung der Weltkrise und der Arbeitslosigkeit in der Welt. Aber die Kapitalisten selbst sind nicht mehr imstande, dieses Mittel zu benützen. Nur die Aktion der Regierungen kann noch bewirken, daß die brachgelegten Kapitalien der Wirtschaft wieder zufließen und Arbeitskräfte wieder beschäftigen, nur die Aktion der Regierungen kann bewirken, daß diese Kapitalien eingesetzt werden dort, wo ihre Einsetzung heute am allernotwendigsten ist, zur Rettung der mitteleuropäischen Wirtschaft, nicht des mitteleuropäischen Kapitalismus, sondern der mitteleuropäischen Arbeiterklasse, der mitteleuropäischen Demokratie und des europäischen Friedens. Wir sprechen darum von diesen Fragen des Kredites, wir fordern darum eine großzügige Kreditaktion für Deutschland, weil diese Probleme heute nicht mehr Probleme der Kapitalisten allein sind, weil sie nur gelöst werden können durch die bewußte Aktion der Regierungen.

Was der Mashall-Plan 1947 brachte, war nichts anderes als was Otto Bauer 1931 zur Rettung der europäischen Demokratie gefordert hatte. Jene Rede Otto Bauers kündigte einen sehr bemerkenswerten Sinneswandel in der europäischen Sozialdemokratie an. Es wird die These verworfen, daß es den Regierungen nicht möglich sei, in das Geschehen der kapitalistischen Wirtschaft einzugreifen, weil diese Regierungen in Wahrheit nur Exponenten der Kapitalistenklasse seien. In dieser Rede Otto Bauers wird zum erstenmal das aktive Eingreifen der Regierungen in Form einer internationalen Kreditaktion verlangt.

Aus solchen Gedanken entwickelte Keynes seine neuen ökonomischen Auffassungen. [2] Durch die Theorien von J. M. Keynes, Gunnar Myrdal, Ernst Wigforss u.a. kommt es zu völlig neuen Vorstellungen über die politische Ökonomie. Die Grundthese des Liberalismus ist erschüttert, ja unhaltbar geworden. Es zeigt sich, daß Reichtum nicht automatisch in Kapital verwandelt wird; es bedarf dazu der Intervention der Regierungen, des politischen Wollens also. Nur so konnte man in den USA, in Skandinavien und, nach dem Krieg, in anderen Staaten Europas die Krisensituationen überwinden. Die Ausgabenpolitik des Staates gewann solcherart einen völlig neuen Charakter, und die natürliche Folge hievon war die Hinneigung zum Gedanken der Rahmenplanwirtschaft.

Aus den neuen Auffassungen über die Möglichkeiten des Staates im Bereich der Ökonomie ergibt sich, daß der Streit zwischen reformistischen und revolutionären Sozialisten, revisionistischen und orthodoxen Marxisten obsolet geworden ist. Beide Gruppen haben heute anerkannt, von ihrem jeweiligen Standpunkt aus, daß sich aus der neuen Stellung des Staates gegenüber der Ökonomie neue politische Aufgaben ergeben.

Synthese von Markt- und Planwirtschaft

Ich bin mir durchaus im klaren darüber, daß die Konfrontation von Marktwirtschaft und Planwirtschaft ein weites Manöverfeld für semantische Streifzüge eröffnet. Ein deutscher Bankier meinte kürzlich, daß ein Wettbewerb zwischen sozialer Marktwirtschaft von rechts und sozialer Marktwirtschaft von links sehr nützlich wäre. Ich kann mir unter sozialer Marktwirtschaft an sich schon wenig vorstellen, noch weniger unter sozialer Marktwirtschaft von links. Vielleicht bin ich eben ein Simplifikator. Ich glaube, daß es um die Konfrontation von Markt- und Planwirtschaft geht — woraus dann eine für den demokratischen Staat brauchbare Synthese werden kann und meines Erachtens werden wird. [3]

Hier möchte ich auf eine Entwicklung hinweisen, die sich parallel zur Entwicklung von Ökonomie und Politik abspielt. In den frühen Dreißigerjahren und auch schon zuvor gibt es eine Integration von Mathematik und Ökonomie; Adolf Adam sagt hiezu, [4] daß die Idee des Programmierens oder Optimierens von Wirtschaftsprozessen in immer stärkerem Maße Eingang in die Wirtschaftspraxis findet. Ich behaupte nun: die sozialistische Grundidee der Planwirtschaft kann überhaupt erst verwirklicht werden, seit es diese mathematisch-ökonomische Methode gibt.

Mit großem Interesse las ich die „Mobilisierung der Demokratie“, jene Diskussionsschrift des Kreises junger Sozialdemokraten um Waldemar von Knoeringen. [5] Die dort geäußerten Ideen — insbesondere im Kapitel „Der Mensch in der Gesellschaft“ — erinnerten mich an die Definition der Kybernetik durch deren Begründer Norbert Wiener: Ziel dieser Wissenschaft sei die menschenwürdige Verwendung des Menschen. Lange Jahre galten sozialistische Ideen als utopisch, oder auch als widerlegt durch ihre Anwendung in den kommunistischen Staaten; in Wahrheit erlangen sie erst heute reale Relevanz durch die modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Die sowjetische Akademie der Wissenschaften empfahl 1960 — und das ist relativ spät — die Zusammenarbeit von Mathematikern und Ökonomen. Seither bedient man sich auch in der Sowjetunion der modernen mathematisch-ökonomischen Methoden. Dieser Umstand war einer der maßgeblichen Faktoren für die Entwicklung der sogenannten Konvergenztheorie.

Die Gleichartigkeit der Methoden im kommunistischen und westlich-demokratischen Bereich, behauptet die Konvergenztheorie, müßte zu einer starken Annäherung der Wirtschaftssysteme führen. Tatsächlich verbreitet sich im kommunistischen Bereich allmählich ein anderes Plandenken als bisher: man akzeptiert die indikative Planung, respektiert gewisse Elemente der Marktwirtschaft, anerkennt höchst persönliche Motive für das Wirtschaften des Einzelnen und für seine Teilnahme am Wirtschaftsprozeß. Aus diesen Gründen, und einigen mehr, werde es zur ökonomischen Annährung kommen, und daraus werde sich auch ein sehr weitgehender politischer Annäherungsprozeß zwischen Ost und West ergeben.

Ich glaube, daß dies eine sehr bestechende, aber allzu einfache Theorie ist. [6]

Was sich in den kommunistischen Staaten vollzogen hat — soweit sie Agrarstaaten waren —, ist in Wahrheit (wenn ich ein altmarxistisches Wort gebrauchen darf) ein Prozeß der ursprünglichen Akkumulation. Im 24. Kapitel des 1. Bandes des „Kapitals“ sagt Marx:

Historisch epochemachend in der Geschichte der ursprünglichen Akkumulation sind alle Umwälzungen, die der sich bildenden Kapitalistenklasse als Hebel dienen; vor allem aber die Momente, worin große Menschenmassen plötzlich und gewaltsam von ihren Lebensmitteln losgerissen und als vogelfreie Proletarier auf den Arbeitsmarkt geschleudert werden. Die Expropriation des ländlichen Produzenten, des Bauern, von Grund und Boden bildet die Grundlage des ganzen Prozesses. [7]

Wer in der Geschichte der Sowjetunion nachliest, wie es zur Lösung des sogenannten Kulakenproblems kam; wer weiß, daß man, um die Zahl der Proletarier zu vergrößern, die Dörfer praktisch gesäubert hat; wer sich vor Augen hält, was nach dem Zweiten Weltkrieg in kommunistischen Staaten geschehen ist — der muß zu der Auffassung kommen, daß dies die unserer Epoche entsprechende Form der ursprünglichen Akkumulation ist.

Da man von den Menschen nicht erwarten kann, daß sie einer solchen gigantischen Ausplünderung auch noch ihre Zustimmung geben, kann sich die ursprüngliche Akkumulation in den kommunistischen Staaten nur in den Formen der Diktatur vollziehen. Ich behaupte nun, daß es viel weniger um die Methoden der Nationalökonomen geht als vielmehr um den möglichst raschen Abschluß dieses Prozesses der ursprünglichen Akkumulation — hievon hängt es ab, ob es zu einer echten, wenn auch nur allmählichen Demokratisierung in diesen Ländern kommt.

Wir spüren in manchen dieser Staaten Ansätze zu einer solchen Demokratisierung, mehr nicht. Wenn man genauer hinsieht, findet man solche Ansätze gerade dort, wo der Prozeß der ursprünglichen Akkumulation einigermaßen abgeschlossen ist.

Ganz falsch wäre die Meinung, jene sehr bescheidenen Ansätze zur Liberalisierung innerhalb der kommunistischen Staaten würden eine besondere Akzentuierung durch die außenpolitische Liberalisierung Osteuropas erfahren. Die äußere Liberalisierung kann der inneren Entwicklung gelegentlich entgegenkommen, vor allem weil sich diese äußere Liberalisierung als Prozeß der nationalen Identifikation darstellt. Die äußere Liberalisierung ist aber nicht etwa eine Folge der Entwicklung innerhalb der einzelnen Staaten, sondern eine Folge des Polyzentrismus innerhalb des Weltkommunismus. [8]

Albanien, das europäische Tibet, könnte in wenigen Stunden mit einem Prankenschlag der Sowjetunion ausgelöscht werden. Wenn ein Staat von solcher Kleinheit und in so ausgesetzter geographischer Lage die Wahlfreiheit besitzt, sich auszusuchen, wessen Satellit er sein will dann kann dies jeder andere kommunistische Staat in Europa gleichfalls (mit Ausnahme der DDR, die ein besonderes Kapitel darstellt).

Wenn es den albanischen Kommunisten möglich ist, sich für Peking zu entscheiden, dann ist es erst recht für die Kommunisten im vergleichsweise reichen Rumänien möglich, sich einen Platz irgendwo zwischen Moskau und Peking zu suchen; das ist Außenpolitik jener Art, wie sie Rumänien auch in der Vergangenheit, wann immer möglich, praktiziert hat.

Den Grad der außenpolitischen Liberalisierung kann man am Beispiel der diplomatischen Beziehungen mit der Bundesrepublik Deutschland ermessen. Die Rumänen konnten sich am stärksten freispielen; sie haben diesen Schritt sehr pragmatisch und in aller Eindeutigkeit vollzogen. Wenn es zu keinen Störungen in der europäischen Politik kommt, werden die Interessen der Tschechoslowakei, Ungarns und auch Bulgariens früher oder später dazu führen, daß diese Länder den gleichen Schritt unternehmen.

Das hängt mit dem Polyzentrismus im kommunistischen Lager zusammen, nicht mit der Innenpolitik dieser Länder. Rumänien ist z.B. ein äußerst orthodoxer kommunistischer Staat; die innere Liberalisierung ist dort am wenigsten weit fortgeschritten.

Die Vision des Sozialismus

Zwischen verschiedenen Formen des Sozialismus und den jeweiligen konkreten historischen Situationen scheint ein enger Zusammenhang zu bestehen. Demnach glaube ich, daß die Grundideen des demokratischen Sozialismus in Wirklichkeit auf die großen moralischen Ideen der Geschichte zurückgehen, nämlich auf die Ideen der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Diese Ideen wurden in der Zeit des beginnenden Hochkapitalismus transformiert, und sie unterliegen heute, durch die moderne ökonomische Entwicklung, neuerlich einem Transformationsprozeß. Im Lichte der Entwicklung erscheinen diese Ideen in gewandelter Form; im Grunde aber bleiben sie für die Sozialdemokratie heute genauso wegweisend, wie sie es in der Vergangenheit waren.

Die Idee der Freiheit kann heute nicht mehr im Sinne einer bloß politischen Freiheit betrachtet werden; sie schließt auch die Freiheit von materieller Not ein, und überhaupt ein höheres Maß an allgemeiner Freiheit als jenes, das der Konzeption des Liberalismus entspricht.

Die Idee der Gleichheit ist heute nur akzeptabel, wenn sie nicht abstrakt, sondern im Lichte der konkreten Erkenntnisse jener Wissenschaften aufgefaßt wird, welche sich mit dem Menschen befassen.

Die Idee der Brüderlichkeit, die in der sozialistischen Frühzeit transformiert wurde zur Idee des Internationalismus, muß heute ihren globalen Ausdruck in der Kooperation zwischen den modernen Industriestaaten und den Entwicklungsländern finden.

Gerade diese weltweite Kooperation läßt Platz für eine faszinierende Vision, ohne die wir unsere Arbeit als Sozialisten wahrscheinlich gar nicht weiterführen können.

Als Praktiker und Politiker bin ich der Meinung, daß es ein großes Unrecht ist, soviel Geld für die Vorbereitung der Mondfahrt zu verwenden, während wir auf unserem Planeten noch nicht einmal imstande sind, die simpelsten sozialen Probleme zu lösen. Mit Beträgen der gleichen Größenordnung ließen sich bereits die ärgsten Schwierigkeiten der „Dritten Welt“ lösen.

Der Unterschied zwischen der sozialistischen Bewegung von einst und heute scheint mir zu sein, daß wir heute der Verwirklichung näher sind — oder doch der relativen Verwirklichung — als noch vor 20 oder 30 Jahren. Dies vor allem auch deshalb, weil uns die moderne Wissenschaft helfen kann, Planwirtschaft zu realisieren, genauer: eine elastische Kombination von Plan- und Marktwirtschaft.

Aber auch die große Idee des Friedens, die schon Jahrtausende lang die Menschen bewegt, ist heute voraussichtlich der Verwirklichung näher, als wir selbst dies glauben. Es gibt so perfekte Mittel zur Vernichtung dieses Planeten, daß wir zu einem brauchbaren, haltbaren und praktischen System des Weltfriedens gelangen müssen — angetrieben vom Ausblick auf die Alternative hiezu, nämlich auf eine Weltkatastrophe binnen sehr kurzer Zeit und in einem Ausmaß, das sich nicht einmal jene ganz genau vorstellen können, denen wir die Erfindung solcher Vernichtungsmittel verdanken.

Bertrand Russell sagte: Die moralischen Ideen gehen manchmal Hand in Hand mit der politischen Entwicklung, manchmal eilen sie aber dieser Entwicklung voraus. Für unsere Zeit und für die sozialistische Ideologie läßt sich dies abwandeln: die sozialistischen Ideen sind als moralische Ideen Jahrzehnte lang ihrer Zeit vorausgeeilt. Heute aber gehen sie mit der politischen Entwicklung Hand in Hand.

Obiger Text ist die Kondensation einer Rede des Vorsitzenden der SPÖ vor sozialdemokratischen Akademikern in München, Februar 1967.

[1Fritz Tarnow, 1880-1951, sozialdemokratischer Abgeordneter im Deutschen Reichstag und Gewerkschaftsführer, Vorsitzender des Deutschen Holzarbeiterverbandes. — Die Red.

[2Über die Priorität Otto Bauers gegenüber Keynes vgl.a. Theodor Prager, Wirtschaftswunder oder keines?, Europa-Verlag, Wien 1963, S. 39 f., 175 f. — Die „Durchstaatlichung“ der kapitalistischen Wirtschaft sah schon 1917 Karl Renner voraus, in seinem, Otto Bauer gewidmeten Werk „Marxismus, Krieg und Internationale“, vgl. S. 19 f., 22, 28 ff. — Die Red.

[3Vgl. den Aufsatz von Franz Nemschak in diesem Heft. — Die Red.

[4Vgl. Adolf Adam, Programmiertes Wirtschaften. Über das volkswirtschaftliche Rechnungswesen, Europa-Verlag, Wien 1965. — Die Red.

[5Vgl. Junges Deutschland, Neues FORVM, November/Dezember 1966, sowie Waldemar von Knoeringen, Der große Dialog, Neues FORVM, Oktober 1966. — Die Red.

[6Vgl. Max Beloff und Franz Nemschak in diesem Heft. — Die Red.

[7Karl Marx, Das Kapital, 1. Band, Volksausgabe, 1923, S. 647. — Die Red.

[8Vgl. Alvar Alsterdal in diesem Heft.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1967
, Seite 693
Autor/inn/en:

Bruno Kreisky:

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen

Themen dieses Beitrags

Desiderate der Kritik

Politische Parteien