MOZ » Jahrgang 1989 » Nummer 40
Karin Rick

Ich bin ich

Zwei Beiträge zu einer FalterSerie von Armin Thurnher, R. Knoll, Michael Scharang (in Nr. 8/24.2.89) über die „österreichische Identität”.

Lego-Steffl zur Aktion „Rettet den Steffl“

„Identität, österreichische? Lassen wir das doch den Reaktionären über!“ könnten auch wir, wie der „Falter“, sagen und das Reden darüber tatsächlich dem „Falter“ überlassen. Wir wollen jedoch unsere Befremdung nicht für uns behalten, daß ein Begriff bemüht wird, der unbefragt und undefiniert seine eigene Existenz voraussetzt bzw. diese aus der Tatsache ableitet, daß seitenweise in irgendeiner Form darüber geschrieben wird.

„Wir haben da einen Text vom Knoll und einen vom Scharang. Welchen kleinsten gemeinsamen Nenner haben die? Keinen. Also verpassen wir ihnen auch einen Übertitel, der mit den Texten nichts gemeinsam hat und überhaupt eine Worthülse ist.“ Dies oder ähnliches mag in Armin Thurnhers Kopf vorgegangen sein. Wie stellt man es an, mit einer Worthülse eine ganze Seite des „Falter“ zu füllen? Thurnher gibt zu, daß das Thema „Österreichische Identität“ niemanden interessiert, schreibt aber trotzdem mutig weiter. „Knietief läßt sich da im Abendländischen waten“, fügt er entschuldigend hinzu. Ja, so ist es. Eine längere Beschäftigung mit diesem Gedankenblitz hätte ihn vielleicht noch von seinem Vorhaben abgebracht.

Der Zerfall des Subjektbegriffs macht ja auch die Frage nach einem Begriff nationaler Identität sinnlos. Doch leider verweilt A.T. dabei nicht, sondern leitet aus dem Nichtangebrachten, ja Nichtvorhandenen einen Sollensdiskurs ab. Definieren will er die Ö. Identität zwar nicht, aber „fragen sollte man schon nach ihr“, „man sollte wissen, wo man nicht anknüpfen kann, man hätte genug zu erinnern“ und schon schlüpft das postulierte Ideal (als „Modellversuch mit Vorbildcharakter“, zitiert nach A.T.) bei der Hintertür herein und mißt sich, wie so viele Ideale, wieder einmal an den Oppositionen Schwäche/Stärke. In Untertönen ruft es nach menschlicher (männlicher?) Größe. Der Tenor: wenn wir uns lang genug mit der Definition dieses Begriffes herumschlagen, werden auch die schlimmsten Skandale und Ungeheuerlichkeiten beherrschbar. Die Vielfalt mißlicher Erscheinungen in Östereich — Faschismus, katholischer Fundamentalismus usf. — soll unter einer Einheit verknappt und damit verharmlost werden: das metaphysische Prinzip „Identität“ — zwar Schall und Rauch, rütteln darf man aber daran nicht.

Und das ist vielleicht das wirklich Konservative am Vorhaben des „Falter“. Auch wenn die Artikel zur „österreichischen Identität“ keinen Inhalt haben (zumindestens nicht den, den der Titel suggeriert), auch wenn der Begriff mit nichts zu füllen ist und auch das Editorial darüber letztlich nur leeres Gerede enthält, prägt sich den LeserInnen doch als Unab-/Unveränderliches die immerwährende Präsenz solcher Worthüllen ein. Die werden materialisiert, erheben Anspruch auf eine Wirklichkeit, die sich natürlich nie blicken läßt. Egal, in welchem Medium und mit welchem Anspruch, egal auch, was darüber gesagt wird. Was zählt, ist, wie bei jedem Produkt, die Werbung dafür.

Daß österreichische, nationale Identität zum Thema wird, bringt jene zum Lachen, die ihre Identitätssuche nicht an solchen Äußerlichkeiten aufhängen können. Frauen, die ihr Leben lang je nach Mann Namen, Paß, Religionszugehörigkeit und Wohnort zu wechseln haben, beziehen ihre Identität am allerwenigsten aus der nationalen, und wenn überhaupt, dann höchstens aus einer religiösen, sprachlichen Identitfikation. „Die Sprache, die in meinen Ohren klang? Das waren Sprachen: Spanisch, Arabisch, Deutsch, Französisch. Alles auf dieser Erde kommt von weit weg. Ich sang auf deutsch. Ich habe mit den Hühnern gegackert. Ich habe mich oft verirrt in meiner Heimatstadt.“ So Hélène Cixous. [1] Die Aufarbeitung dieser Geschichte gerät aus dem Blickfeld, wenn salbungsvoll (der neue Ton im „Falter“) zu einer Definition von Nation gemahnt wird. Die gleichen Leute, die in Österreich die Berücksichtigung der Multiethizität einklagen (Republikanischer Club), kündigen naiv einen Leseabend an, an dem sie die „pikanten“ Stellen aus den „Satanischen Versen“ vorlesen. Wie werden sie damit umgehen, daß türkische Frauen ihre Identität in Westeuropa mehr und mehr im Bestehen auf dem Tragen ihres Kopftuches und in dem regelmäßigen Besuch von Koranschulen suchen und sich dort die Geborgenheit holen, die sie in den Gesamtschulen nicht kriegen?

So sind die „Falter“-Artikel erst einmal von den Österreichern an die Österreicher gerichtet. Die einen geben zu denken vor, die anderen haben nachzufolgen. Als Bildmaterial zur Weiblichkeit der Identität werden verhüllte Frauen angeboten. Und, Gipfel des Zynismus, A.T. spricht vom „Randfigurendasein“ jener (Männer!), die sich (und die Belegschaft des „Falter“ wird dazugezählt) um „Konzepte zur Verbesserung des Landes“ bemühen, an Österreich leiden, leider aber nur für die Papierkörbe. Diese „intellektuellen Parias“ (Althusser), die im „Falter“ heroisch die Verbesserung Österreichs in Angriff nehmen, hängen nun sosehr am Rande auch wieder nicht. Die meisten von ihnen haben gutdotierte Professoren- oder zumindest Assistentenposten, von denen aus mann sich gern an den Rand stellen lassen kann. Aber um ihre Nennung geht es im Wesentlichen. Wiederum wird darauf hingewiesen, daß „eine republikanische, liberale, oppositionelle Minorität“ (A.T.) hierzulande existiert, die alles anders machen will (wobei sie leider schon bei dem Begriff „republikanisch“ in letzter Zeit ausgesprochen Pech hat). Thurnher geht es also nicht einmal um die Begriffsbestimmung „östereichischer Identität“, sondern um eine männliche Genealogie, die Wahrung einer Tradition von Außenseitern, die bei Friedrich Heer anfängt und (vorläufig) bei den „Falter“-Schreibern aufhört. Zu deren Reihen gehören zweifellos die besseren von uns allen.

[1zitiert aus: „Das Sexuelle, die Frauen und die Kunst“, Hg. Karin Rick. Tübingen 1988, Verlag Claudia Gehrke.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1989
, Seite 51
Autor/inn/en:

Karin Rick:

Autorin, beschäftigt sich mit Sexualität und Ästhetik.

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