FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 307/308
Michael Siegert

Harrisburger Pils, Prost!

Die neue Gefahr aus dem Osten
Beängstigende Atomreaktorenbatterie
der sowjetischen Kernkraftanlage Nowoworonesch: Kein Notkühlsystem, kein Berstschutz

Kaum hatte Alexej Kossygin am 22. Mai 1979 Prager Boden betreten, erklärte er den Bankettgästen in der Prager Burg, es gäbe „ungeklärte Fragen“ im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) und eine „schleppende Vorbereitung gemeinsamer Aktionen“. Den tschechoslowakischen Funktionären stieß der Sekt auf. Ein bloßer Zufall, daß Parteichef Husak der Rüge nach Syrien ausgewichen war?

Nach außen wahrte man die Form. Der Besuch des sowjetischen Ministerpräsidenten erstrahlte in einem wahren Atomfeuerwerk: Tags darauf besichtigte er die Skodawerke in Pilsen, wo die Primärkreisläufe einer Serie von 19 Druckwasserreaktoren des sowjetischen Typs Nowoworonesh VVER 440 für den gesamten RGW-Bereich gebaut werden. Am Nachmittag feierliche Inbetriebnahme des ersten dieser Reaktoren in der Tschechoslowakei. Er steht in Jaslovske Bohunice, 60 km von der österreichischen Grenze entfernt, und bringt eine Leistung von 440 Megawatt.

Die kapitalistische Welt, sagte Kossygin in dem slowakischen Dorf, suche schon seit Jahren nach einem Ausweg aus der Energiekrise. Die sozialistischen Länder wären in einer besseren Lage, sie schüfen „eine besonders effektive und rationale Energiewirtschaft“. Dabei stünde die Atomenergie im Vordergrund. Kossygins tschechoslowakischer Amtskollege Lubomir Strougal verstieg sich sogar zu der Behauptung, diese Zusammenarbeit mit der Sowjetunion entspreche den Lebensinteressen der Tschechoslowakei.

Unter den Zuhörern in Jaslovske Bohunice wird es wohl kaum einen gegeben haben, der sich bei diesen Worten nicht an die beiden schweren Reaktorunfälle erinnerte, die in den letzten Jahren dort passierten und die zwei Menschenleben forderten. Durch ein Dokument der Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“ sind diese Unfälle auch im Westen bekannt geworden: das Chartadokument Nr. 22 vom 27. November 1978 erzählt die traurige Geschichte vom 110Megawatt-Schwerwasserreaktor A-1 in Jaslovske Bohunice, der als Versuchsanlage Ende 1973 in Betrieb genommen worden war. Das Chartadokument erzählt unglaubliche Dinge aus der Bauphase. So fehlte z.B. einmal eine technische Zeichnung, so daß „durch Klopfen festgestellt werden mußte, welche Rohrleitung wohin führt“.

Am 5. Jänner 1976 strömte hochradioaktives Kohlendioxid aus, und zwei Arbeiter erstickten daran. Am 24. Februar 1977 trat aus überhitzten Brennelementen radioaktives Tritium aus und wurde über die Klimaanlage (!) im Betrieb verteilt. Zugleich verseuchte radioaktive Flüssigkeit einen Bach vor dem Kraftwerk. Daraufhin wurde der Reaktor stillgelegt.

Aufgrund der brisanten Energieklemme im Osten (regelmäßige Stromabschaltungen im Winter!) marschiert die Atomkraft jetzt in schnellem Tempo voran. Wurde bereits Mitte 1978 im RGW-Bereich eine atomare Gesamtkapazität von 10.000 Megawatt überschritten, so sollen es 1981 schon 30.000 sein.

Im Westen hingegen gehen die Ziffern zurück. Die BRD plante im Herbst 1973, im ersten Ölschock, noch 50.000 Megawatt aus Atomkraft für 1985. Dann wurde die Ziffer halbiert, und jetzt rechnet man allenfalls mit 20.000 Megawatt.

Die ČSSR hat wenig Primärenergie zur Verfügung (außer unglücklicherweise Uran im Boden) und mußte im vergangenen Jahr bereits 18 Millionen Tonnen Erdöl aus der Sowjetunion importieren, wobei diese schon nicht mehr nachkommt. (Vervielfachung der Aufschließungskosten, unabsehbare Projektdauer und Kosten bei Kohle und Holz, außerdem braucht man das Öl für Devisen, muß in den Westen exportieren.) Also schluckt man die Sicherheitsbedenken hinunter. Der Reaktortyp Nowoworonesh kennt keinen Berstschutz (Stahlkugel gegen Explosion des Druckbehälters, engl. Containment), und er hat kein Notkühlsystem (allenfalls Zusatzpumpen).

Damit sind die Nowoworonesh-Reaktoren für einen Unfall vom Typ Harrisburg prädestiniert: Auch dort handelte es sich um einen Druckwasserreaktor, und das auslösende Problem war das Versagen der Kühlung. Der mangelnde Berstschutz der Ost-Reaktoren würde dann aus dem GAU einen Super-GAU machen. Auch das DDR-Kernkraftwerk Greifswald zählt zu diesen gefährlichen Reaktoren ...

Als die Finnen einen Reaktor vom Sowjettyp Nowoworonesh erwarben, bestanden sie auf dem Einbau einer Notkühlung und ließen sich außerdem von einer westlichen Firma eine Stahlkugel als Berstschutz einbauen (um das Reaktorgefäß herum, innerhalb des Reaktorgebäudes aus Beton).

Der ČSSR-Energieminister Vlastimil Ehrenberger hat es in einem Artikel, der ausgerechnet zu Stalins 99. Geburtstag in Rude Pravo erschien (21. Dezember 1978), selbst zugegeben: „Die jetzige technische Konzeption der Atomkraftwerke des Typs VVER macht es vorläufig unmöglich, sie an große Siedlungen anzunähern.“ Das weiß der Herr, aber weiß es auch der Hund? Während in der Sowjetunion ein Sicherheitsradius von 25 km für Ortschaften gilt, hat man ihn in der dichtbesiedelten Tschechoslowakei aus Opportunitätsgründen auf 3 km herabgesetzt — bei gleich schlechtem Sicherheitszustand, wie das Chartadokument den Behörden vorhält.

Die ČSSR-Regierung will gleich drei Atomparks à la Biblis errichten: In Dukovany (zwischen Brünn und Znaim), in Jaslovske Bohunice (beim Kurort Pistian, nahe Tyrnau sowie in Mochovce (zwischen Neutra und Levice). An allen diesen Orten sollen je vier Reaktoren vom Typ VVER 440 aufgestellt werden. Sie liegen nur 25, 60 bzw. 110 km von der österreichischen Grenze entfernt.

Als Kanzler Kreisky nach Österreichs Verzicht auf die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf (Volksabstimmung vom 5. November 1978) am 26. Jänner 1979 in Brünn mit Strougal zusammentraf und zaghaft anfragte, wie es nun mit der atomaren Sicherheit bestellt sei, sagte der Tscheche: Die Geographie der Tschechoslowakei lasse keine anderen Standorte zu. Dann machte er eine Routinekonzession, mit der sonst Kreisky selbst lästige Bittsteller abzuspeisen pflegt: Eine Kommission wird gegründet. Wenn die radioaktive Wolke unterwegs ist, wird man es melden ... (In einer Stunde kann sie da sein).

Das Chartadokument weist auch auf das nächste Problem hin, dem sich die ČSSR-Atomwirtschaft gegenübersieht: die Abfallagerung. Die Sowjetunion weigert sich, die Brennstäbe zurückzunehmen, Anfang 1977 war das Zwischenlager beim AKW Jaslovske Bohunice bereits zur Hälfte voll! Wahrscheinlich wird man einen alten Schacht in der Mittelslowakei mit dem Zeug vollstopfen, wobei allerdings ein riskantes Grundwasserproblem unvermeidlich ist.

Die Sowjetunion hat mit der Endlagerung bereits schlechte Erfahrungen gemacht. Der bisher größte Unfall der Atomwirtschaft überhaupt ereignete sich Ende 1957/Anfang 1958 bei Tscheljabinsk im Südural, als eine Atommülldeponie explodierte. Hunderte Menschen fanden den Tod, Tausende wurden von der radioaktiven Wolke krank oder geschädigt. Das Gebiet mußte evakuiert werden und war längere Zeit nicht benützbar. Große Tafeln hielten Autofahrer zur schnellen Durchfahrt an. [1]

Das Tollste an sowjetischer Bedenkenlosigkeit ist allerdings ein Plan, den der Präsident der Akademie der Wissenschaften, Professor Anatoli Alexandrow, Ende April in Moskau bekanntgab: Man will Atomreaktoren als Heizwerke einsetzen. Das bedeutet, daß der Sekundärkreislauf mit zwangsläufig radioaktiv verseuchtem Dampf in die Wohnungen geleitet wird!

Für die tschechische Wirtschaft ist die Atomindustrie ein zweifelhafter Fortschritt. Vielleicht kommen die Leiden der „konventionellen“ tschechoslowakischen Maschinenindustrie daher, daß man die Spitzenbetriebe aufs Atom ausgerichtet hat? Skoda baute in Pilsen eine neue Halle zur Herstellung der Druckbehälter, in Chomutov sogar zwei neue Hallen für Spezialkühlrohre. Die Hütte Witkovice in Ostrau bastelt an der Regeltechnik für den Reaktor, die Firma Sigma in Olmütz macht die Pumpen. 1985 soll die nächste Entwicklungsstufe mit dem 1.000-Megawatt-Typ beginnen.

Indessen hat die DDR die ČSSR in puncto Maschinenqualität überholt.

Hatte die Sowjetunion noch Anfang der fünfziger Jahre das fortschrittliche Kapitel Atomtechnik für sich reservieren wollen, mußte sie schließlich klein beigeben und sich Anfang der siebziger Jahre an die technisch fortgeschrittenen Tschechen um Hilfe wenden. An das Kombinat „Atommasch“ am Don in der Südukraine wurden die führenden Fabriken Osteuropas als Zulieferer angeschlossen. Ab kommendem Jahr sollte es 8.000 Megawatt Reaktorvolumen liefern. Kossygins bittere Kritik bedeutet, daß dieses Ziel nun nicht erreicht wird.

Streut da jemand Sand ins Getriebe? Hebt die grüne Umwelthydra auch im Osten ihr Haupt? (Siehe dazu das Interview mit Wolfgang Harich auf S. 17.)

Wer könnte heute schon sagen, wie lange das Atomgeschäft selbst im Ostblock noch so weitergeht? Das Chartadokument ist ein Signal, auch wenn Sacharow in Moskau in der Atomfrage noch bockt. Vielleicht gibt es sogar in der ČSSR-Führung bereits Überlegungen, wie die heimische Industrie dem drohenden Untergang, den im Westen die Siemens-Tochter KWU gerade vorlebt, noch entkommen könnte? Dann bekämen die halb drohenden Worte Kossygins in der Prager Burg erst einen Sinn.

[1Siehe dazu das soeben erschienene Buch: Zhores Medwedjew: Bericht und Analyse der bisher geheim gehaltenen Atomkatastrophe in der UdSSR, Hamburg 1979 (Verlag Hoffmann und Campe). — Das Pikante an dieser Veröffentlichung ist, daß der CIA bereits im Jahr 1958 von der Atomkatastrophe erfuhr (Medwedjew reproduziert die Dokumente), aber nichts veröffentlichte — offenbar wollte man die Geschäfte der Atomindustrie nicht stören ...

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1979
, Seite 15
Autor/inn/en:

Michael Siegert:

Geboren am 12. Oktober 1939 in Reichenberg (Liberec), gestorben am 23. Oktober 2013 in Wien; studierte längere Zeit Naturwissenschaften und Geschichte an der Universität Wien; 1963 Vorsitzender der Vereinigung demokratischer Studenten; später Mitarbeiter der sozialistischen Studentenorganisation; war von 1973 bis 1982 Blattmacher des FORVM.

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