FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1975 » No. 257/258
Jean-Pierre Vigier

Haie sterben gemeinsam

Monopole im Wettlauf

Die Historiker werden in den Ereignissen des Herbstes 1973, als Nixon und Kissinger die Hausse des arabischen Erdöls organisierten, den Auslöser einer Weltwirtschaftskrise sehen, die tiefer geht als die Krise von 1929.

1 Der kleine Unterschied

Die Stärke der marxistischen Analyse liegt darin, daß sie den Ursprung der Krise in den tiefen Widersprüchen der kapitalistischen Produktionsweise sucht und eine dynamische Erklärung liefert, die den technischen Fortschritt [1] und die Entwicklung der Produktivkräfte einbezieht. Für Marx ist der tiefste Grund aller Krisen die Armut der Massen, ihr eingeschränkter Verbrauch, während der Kapitalismus die Produktivkräfte entwickelt, als gäbe es für sie keine andere Grenze als die absolute Konsumfähigkeit der Gesellschaft.

Die Krise von 1929 war eine Überproduktionskrise, die mit dem tendenziellen Sinken der Profitrate zusammenhing, und deren klassische Merkmale die massenhafte Vernichtung überschüssiger Produkte und das allgemeine Brachliegen menschlicher und materieller Produktionskapazitäten waren. Eine Kettenreaktion von Einschränkungsmaßnahmen führte zu einer Lähmung des internationalen Handels und zu einer Blockierung des kapitalistischen Produktionskreislaufes.

Heute wissen wir, daß die Krise von 1929 die Phase der von Marx beschriebenen „zyklischen“ Krisen beendete. Tatsächlich erfuhr das kapitalistische System, von seinen Gegnern voreilig für tot erklärt, in den Jahren 1945 bis 1965 einen neuen Aufschwung, gestützt auf: 1. die wissenschaftlich-technische Revolution, 2. die neokolonialistische Ausbeutung der Dritten Welt (die billige Energiequellen lieferte und damit eine beschleunigte Reproduktion des Kapitals ermöglichte), 3. die Entwicklung des Staatskapitalismus. Diese drei Phänomene verändern Wesen, Ablauf und Folgen der Krisen, die periodisch das System erschütterten.

Wissenschaftlich-technische Revolution

Dank der wissenschaftlich-technischen Revolution entwickelt das kapitalistische System neue Ausbeutungsformen, erweitert es die ökonomische Basis der Kapitalreproduktion auf den Massenkonsum und auf neue Produktionszweige wie Petrochemie und Elektronik, die sich aus der Entwicklung der Wissenschaft ergeben. Es liquidiert brutal alle vorkapitalistischen Produktionsformen, vor allem in der Landwirtschaft. Es erstreckt sein Regiment auf die Gesamtheit der menschlichen Wirtschaftstätigkeit. Von der Freizeit bis zum Verkehr (das Auto spielt in der Expansion nach dem Zweiten Weitkrieg die gleiche Rolle wie die Eisenbahn vor dem Ersten Weltkrieg) sind nun sämtliche menschliche Aktivitäten in die Marktwirtschaft integriert. Der von Marx vorhergesagte „Verdinglichungsprozeß“ ist heute im höchstentwickelten Teil der Welt Wirklichkeit geworden.

Neoimperialismus

Am Ende des Zweiten Weltkriegs gingen die Vereinigten Staaten daran, ihr Imperium zu erweitern. Sie bewegten sich dabei auf zwei Ebenen: Nachdem sie ihre Kräfte mehr als verdoppelt hatten, leisteten sie zuerst ihren Beitrag zum Zerfall des britischen und des französischen Kolonialreiches. Sodann okkupierten und organisierten sie schnell das frei gewordene Terrain. Sie ersetzten das alte Kolonialsystem, das auf Kapitalexport beruhte, durch ein neokolonialistisches System, das sich auf neue Techniken stützt. Mit sechs Prozent der Weltbevölkerung verwerten die USA 60 Prozent aller Rohstoffressourcen der Welt. Indem sie die Kluft zwischen Industriepreisen und Rohstoffpreisen erweitern, bewirken sie einen Kapitalstrom von den armen in die reichen Länder und treiben methodisch zwei Drittel der Menschheit in den Ruin. Ein Beispiel: das Außenhandelsdefizit Lateinamerikas ist innerhalb weniger Jahre von zehn auf 60 Milliarden Dollar angestiegen.

Zugleich richteten die Vereinigten Staaten, nachdem sie den Kalten Krieg entfesselt hatten, ihre im Krieg besiegten Gegner wieder auf. Konzerne, die man „multinational“ nennt, um ihren amerikanischen Charakter zu verhüllen, annektieren ganze Zweige der westlichen Wirtschaft, obwohl dies ein wachsendes Defizit der Zahlungsbilanz der USA hervorruft und die Dollar-Währung in Gefahr bringt. Das amerikanische Imperium steht also auf zwei Beinen: auf der Dritten Welt und auf der Konjunktur Westeuropas und Japans, die sich im Kielwasser der amerikanischen Expansion entfaltet.

Staatskapitalismus

Das dritte Phänomen ist die wachsende Rolle, die der Staat in der kapitalistischen Wirtschaft spielt. Die großen Konzerne leben heute in Symbiose mit dem Staatsapparat. Sie verwenden öffentliche Mittel zu ihrem Nutzen und monopolisieren die sich daraus ergebenden Kontrakte. Es ist dies das Stadium des „Staatskapitalismus“, das John Maynard Keynes, der größte bürgerliche Ökonom seit Adam Smith und David Ricardo, analysiert hat. Er war der erste Nicht-Marxist, der erkannte, welche Folgen der Einsatz der Staatsmacht für die Entwicklung der gesamten kapitalistischen Wirtschaft haben kann. Er definierte die neuen finanziellen und ökonomischen Mittel, die den Wirtschaftsablauf beeinflussen. Die Konzeption wurde von Roosevelt angewandt und hat in der Zeit des New Deal den amerikanischen Kapitalismus gerettet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden staatlich finanzierte Anlagen (Rüstungsbetriebe, Atomforschungsinstitute) im Wert von 40 bis 60 Milliarden Dollar der Privatwirtschaft übergeben.

Im Rückblick ist zu erkennen, daß der Widerspruch zwischen der Dynamik des technischen Fortschritts und dem Privateigentum an den Produktionsmitteln in der Zeit von 1945 bis 1965 keineswegs verschwand, sondern nur vorübergehend in den Hintergrund trat, zugleich aber an Breite gewonnen hat.

Wieder ein goldenes Zeitalter flöten

An die Stelle der Schwankungen zwischen den einzelnen Produktionszweigen, die die Ursache der sechs- bis zehnjährigen Krisenzyklen waren, sind unregelmäßige Intervalle getreten, die durch das beschleunigte, aber in den verschiedenen Zweigen der Technik unterschiedliche Tempo bedingt sind. Daraus resultieren die kurzfristigen Schwankungen, die seit dem Zweiten Weltkrieg für die allgemeine Wirtschaftsentwicklung kennzeichnend sind. Diese Erscheinung, welche die Illusion hervorrief, die Krisen wären verschwunden, war in Wirklichkeit die Vorstufe zur Stagnation der gesamten Volkswirtschaft, von der die USA als höchstentwickeltes Land seit 1965 betroffen sind. Banken und Außenhandel sind zu den wichtigsten Profitzentren geworden (siehe Tabelle 1).

Modifikation des US-Krisenzyklus: infolge des Wiederaufstiegs Japans und Westeuropas, der Rivalen Amerikas, schreitet die Krise langsamer fort (siehe Tabelle 2).

Der Anteil der Vereinigten Staaten an der Produktion der westlichen Welt ist von 70 Prozent im Jahre 1950 auf 57 Prozent im Jahre 1965 und auf 49 Prozent im Jahre 1973 zurückgegangen. Seit 1973 ist das amerikanische Wirtschaftswachstum auf dem Nullpunkt. Der Lebensstandard der Arbeiterklasse ist auf das Niveau von 1969 zurückgefallen. Die Möglichkeiten einer Selbstfinanzierung schwinden. Die Selbstfinanzierung der Firmen lebt nur noch von der Inflation und von den Petrodollars. Die Vereinigten Staaten bedienen sich der Eurodollars, um systematisch ihre Krise zu exportieren.

Der Euphorie der Jahre 1941 bis 1965 (in dieser Zeit stiegen die Preise nur auf das Doppelte, während die Profite von 2,1 auf 21,2 Milliarden Dollar anwuchsen und der Dow-Jones-Index der Börsenkurse der Industrieaktien von 100 auf 1.000 anstieg) folgte eine schwierige Periode: Vietnamkrieg, inflationäre Spannungen im Inneren der USA und jähe Zunahme des amerikanischen Zahlungsbilanzdefizits. Banken und Außenhandel wurden die stärksten Branchen. Das erklärt die Gegensätze zwischen den beiden führenden Gruppen in den USA: dem Finanzkapital (verbunden mit den Auslandsinvestitionen und den Erdölkonzernen) und dem Industriekapital (Stahl, Automobile usw.), deren Widerspiel die politische Führung bestimmt. [2]

Gestützt auf das Währungsprivileg, das der Dollar als einziges in Gold konvertierbares Zahlungsmittel bot, nutzte das amerikanische Finanzkapital den technologischen Vorsprung der USA, um über die „multinationalen“ Konzerne ein Maximum an Kapital ins Ausland zu exportieren, zum größten Teil in Form von Krediten. So machten sie sich die geringeren Lohnkosten im Ausland zunutze und bauten auf das exponentielle Wachstum der Auslandseinkünfte.

1971 stimmte diese Rechnung auf einmal nicht mehr. Die amerikanische Handelsbilanz wurde passiv. Das Passivum betrug 6,8 Milliarden Dollar. Es mußte etwas geschehen. Nixon und Kissinger folgten dem Beispiel der Politik, die Hitler am Vorabend des Zweiten Weltkriegs praktiziert hatte, verständigten sich mit der Sowjetunion und machten Front gegen ihre wirtschaftlichen Rivalen. Die Operation bestand aus zwei Zügen: Erst Nichtkonvertierbarkeit und „wilde“ Abwertung des Dollars, dann die Erdölhausse vom Herbst 1973. Die Ziele sind klar: die verlorene Hegemonie auf dem Weltmarkt soll wiedergewonnen (Japan und Westeuropa in die Knie gezwungen) werden, eine neue internationale Arbeitsteilung soll entstehen. Im Einvernehmen mit der UdSSR, die ihrerseits die traditionellen Feinde Rußlands zu schwächen hofft, wollen die Vereinigten Staaten sich das Monopol auf die nukleare, elektronische und industrielle Spitzentechnologie sichern.

So verstärken sich die zyklischen Krisen vom „klassischen“ Typus, die in den Vereinigten Staaten seit 1965 andauern, und es begann ein dritter „kalter“ Weltkrieg, den die USA seit 1972 orchestrieren.

2 Inflation + Krise = Ende des Kapitalismus

Nach dem Scheitern der letzten Wirtschaftsberatungen zwischen den Verantwortlichen der Industriemächte im Herbst 1974 dürfte auf dem Weg in die Krise ein Punkt erreicht worden sein, von dem es kein Zurück mehr gibt. Jeder Staat kämpft nun auf eigene Faust gegen Krise und Inflation. Offenkundig haben die Vereinigten Staaten den Zauberlehrling gespielt. Indem sie brutal das labile Gleichgewicht der Weltwirtschaft störten, haben sie eine Reihe ökonomischer und politischer Ereignisse ausgelöst, die sich immer schwerer kontrollieren lassen. Die Krise, die ursprünglich die amerikanische Hegemonie wiederherstellen sollte, gewinnt vor unseren Augen an Breite und Tempo. Sie entwickelt sich in drei Richtungen, wobei sie sich wechselseitig verstärken.

... hinkt auf allen Zinsfüßen

Folgende Symptome deuten auf den Beginn einer globalen Wirtschaftskrise der großen Industriestaaten hin: Das Zahlungsbilanzdefizit, [3] hervorgerufen durch die Erhöhung der Erdöl- und anderer Rohstoffpreise, treibt alle Preise in die Höhe und beschleunigt die Inflation. [4] Da es für alle Länder unmöglich ist, mehr zu exportieren, wenn kein Land mehr importieren will, kommt es zu einer allgemeinen Schrumpfung der Produktion, verbunden mit Krediteinschränkung und Zinsfußerhöhung. [5] Dies führt zu wachsender Arbeitslosigkeit und durch Verringerung der Gastarbeiterbeschäftigung zu einem Übergreifen der Krise auf die Herkunftsländer der Gastarbeiter. So zeichnen sich in der Wirtschaft Erstickungserscheinungen ab: Das Steigen der Zinssätze bedeutet auf längere Sicht den Ruin vieler kleiner und mittlerer Unternehmer — zum Nutzen des Großkapitals, das noch über den internationalen Geldmarkt verfügt. Seit dem Sommer 1974 ist außerdem eine Akkumulation der Industrieaktien und eine Lähmung von Wirtschaftszweigen zu beobachten, die von 1950 bis 1970 als Triebkräfte der Expansion gewirkt haben, z.B. der Automobilindustrie. [6]

Die Hausse der Rohstoffpreise entspricht einem langfristigen Bedürfnis des amerikanischen Finanzkapitals, das seine Auslandsinvestitionen schützen und entwickeln will. Sie wurde durch Vereinbarungen zwischen den Produzenten und den Verwertungsfirmen organisiert und trifft sich mit dem Interesse der sozialistischen Länder, sich jeder Steigerung der Weltmarktpreise anzuschließen.

Der Casus Erdöl ist zu gut bekannt, als daß man hier darauf näher eingehen müßte. [7] Die Erdölhausse hat eine Verteuerung der Rohstoffe für die Industrie zur Folge. In dem typischen Fall der für die modernsten Produktionszweige unentbehrlichen Buntmetalle hat z.B. das „europäische“ Zinkkartell eine kontinuierliche Steigerung der Letztverbraucherpreise, unabhängig von den spekulativen Preisschwankungen, organisiert. Diese Schwankungen rühren zum Teil von den Verkäufen sozialistischer Länder, die Devisen brauchen, an der Londoner Metallbörse (London Metal Exchange) her. Die in London gehandelten Metallmengen sind zwar im Verhältnis zu den effektiv auf der ganzen Welt verbrauchten Quantitäten sehr klein, entziehen sich aber jeder Kontrolle und ermöglichen es einigen Maklern, den Preis nach Belieben zu manipulieren. Die Prognose, wonach die Krise durch ein Sinken der Rohstoffpreise ein Ende finden werde, beruht auf Unkenntnis der Interessen der kapitalistischen Firmen, die diese Rohstoffe produzieren.

Drei zusätzliche Inflationsursachen, die mit der Auswirkung des wissenschaftlichen Fortschritts auf die kapitalistische Wirtschaft zusammenhängen, verstärken die Aufwärtsbewegung der Preise. Die erste besteht in der Ausdehnung der Hegemonie der kapitalistischen Produktionsweise auf fast alle vorkapitalistischen Produktionszweige, wie die Landwirtschaft. In der aufsteigenden Phase des Systems waren die Kapitalisten bestrebt, die Agrarpreise (besonders die Getreidepreise) zu senken, um die Kosten der Arbeitskraftreproduktion zu verringern und die unbezahlte Arbeitszeit ihrer Arbeiter (den Mehrwert) maximal zu vergrößern. In einer späteren Phase, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Höhepunkt erreichte, erfaßte das kapitalistische System die gesamte Landwirtschaft, liquidierte die alten Produktionsformen und integrierte Weizen, Soja, Fleisch usw. in den Kreislauf der kapitalistischen Produktion und Distribution.

Die Agrarprodukte bilden heute einen großen und wachsenden Teil des Welthandels, und die Agrarpreise folgen den Marktgesetzen und der Bewegung der Industriepreise. Die USA, der größte Getreideexporteur der Welt, nutzen in einer vom Hunger bedrohten Welt das neue Erpressungsmittel weidlich aus. Die Hausse der Getreidepreise, die 1972 dadurch ausgelöst wurde, daß die USA der Sowjetunion 20 Millionen Tonnen Weizen verkauften und damit ihre ganzen Lagerbestände loswurden, hat zum Ausbruch der Krise beigetragen.

Eine weitere Ursache der Inflation ergibt sich aus der rapiden Verkürzung der Lebensdauer von Industrieprodukten. Dies wurde offenkundig bewußt so eingerichtet, in der Absicht, die Kapitalzirkulation zu beschleunigen. Ein beträchtlicher Teil des Forschungsaufwandes (schätzungsweise 20 Prozent) dient dazu, die Produkte weniger dauerhaft zu machen.

Eine dritte Inflationsursache schließlich ist die übermäßige Entwicklung des Tertiärsektors und die Hypertrophie unproduktiver Dienstleistungen, mit denen ein wachsender Teil der berufstätigen Bevölkerung beschäftigt ist.

Regierungen machtlos

Die Inflation ist in der Epoche der wissenschaftlich-technischen Revolution zu einem permanenten Element des kapitalistischen Systems geworden. Sie entspringt zunächst den wachsenden Staatsausgaben für die ständige Erneuerung immer teurer werdender unproduktiver Militär- und Zivilausrüstungen. Weiter wird sie angeheizt durch den beschleunigten Geldumlauf, durch die von den Banken verwendeten mechanischen und elektronischen Hilfsmittel: Der beschleunigte Umlauf hat den gleichen Effekt wie eine vermehrte Banknotenemission.

Die westlichen Regierungen erweisen sich gegenüber der sich verschärfenden Krise zunehmend ohnmächtig. Aus evidenten ökonomischen und politischen Gründen kann sich der Kapitalismus heute nicht Millionen Arbeitslose leisten, da eine solche Einschränkung des unentbehrlich gewordenen Marktes den ganzen Mechanismus lahmlegen würde. Der Kapitalismus kann die Tendenz zum Sinken der Profitrate, die durch den wachsenden Anteil des konstanten Kapitals bewirkt wird, nicht mehr dadurch bekämpfen, daß er vorkapitalistische Produktionszweige liquidiert. Nur der Dritten Welt kann man noch die Kosten dieser Operation aufhalsen, vorausgesetzt allerdings, daß die daraus resultierenden Explosionen unter Kontrolle gebracht werden.

Die kapitalistischen Regierungen können nicht mehr hoffen, die Inflation im nationalen Maßstab einzudämmen, weil sie nicht mehr imstande sind, die internationalen Kapitalbewegungen wirksam zu kontrollieren. Sie verfügen nicht über die notwendigen Mittel, um die Amerikaner am Export ihrer Krise zu hindern.

Seit dem Jänner 1974 haben die Vereinigten Staaten, unter Anwendung der Erdölwaffe, Westeuropa und Japan in einem entscheidenden Punkt zur Kapitulation gezwungen. Sie nötigen sie, anstelle des Golddollars den Papierdollar als internationales Zahlungsmittel anzuerkennen. Den Europäern und den Japanern blieb nichts anderes übrig, als der Erpressung im Rahmen des Systems zu weichen. Um die neuen Erdöldefizite zu decken, mußten sie entweder ihre bereits ungenügenden Goldvorräte (Deutschland: fünf Milliarden Dollar, Frankreich: 4,3, Schweiz: 3,5) liquidieren oder sie unter Berechnung des freien Weltmarktpreises belehnen.

Die amerikanische Zustimmung zu dieser Operation rettet die westlichen Länder für den Augenblick, bedroht sie jedoch auf längere Sicht mit noch größerem Unheil. Den Papierdollar als Zahlungsmittel zu akzeptieren bedeutet in der Praxis, daß die ungeheure Akkumulation liquider amerikanischer Schulden (mehr als 100 Milliarden Papierdollar) noch durch massiven Ankauf von Waren und Dienstleistungen um Papiergeld vermehrt wird. Das entspricht de facto einer Vorauszahlung der Gläubigerländer an die Vereinigten Staaten.

Die Inflation hängt also zusammen mit der Anerkennung des Papierdollars als internationales Zahlungsmittel, dessen Flut man nicht eindämmen kann, ohne mit dem von den Vereinigten Staaten beherrschten Weltmarkt zu brechen. Anders ausgedrückt: man kann nicht aus der Krise herauskommen, ohne die Außenpolitik zu ändern und den Amerikanern die Stirn zu bieten.

Die Beschleunigung der Inflation ist in diesem Rahmen zu erklären. Nachdem die Vereinigten Staaten Anfang 1974 zunächst einige ansehnliche Erfolge errungen hatten — Ausgleich der Zahlungsbilanz, politische Wiedergewinnung des Nahen Ostens, Anerkennung des Papierdollars als internationales Zahlungsmittel —, stießen sie in Japan auf beträchtlichen Widerstand. Japan ging sogar zur Gegenoffensive über. Es betrieb dem Nahen Osten gegenüber eine Politik „à la Jobert“, verhandelte direkt mit den Ölproduzenten und akzeptierte den Dollar nicht als Zahlungsmittel.

Die Krise nimmt nun die Form einer beginnenden Desorganisation des internationalen Finanzsystems an, das heute durch schwankende Wechselkurse und unkontrollierte Bewegungen des Spekulationskapitals (Eurodollars und Petrodollars) gekennzeichnet ist. Daraus resultiert eine gefährliche Verschlechterung der Geldmarktlage, verursacht durch das Steigen der Zinssätze. Dies erklärt das Sinken der Börsenkurse und die einsetzenden Bankenzusammenbrüche.

Die Krise von 1974, die zu einer brutalen Verschlechterung der Austauschverhältnisse geführt hat, bedeutet für den größeren Teil der Menschheit das Ende jeder Hoffnung auf Entwicklung. In der Dritten Welt steht eine Erweiterung der Zone des Hungers und der Revolten bevor.

Arbeiterstrategie

Eine revolutionäre Gegen-Strategie der Arbeiterklasse müßte folgende drei Elemente enthalten:

Als erstes eine Umkehr des außenpolitischen Kurses, den die mehr und mehr amerikahörigen Bourgeoisien verfolgen. Jeder Kompromiß mit dem Atlantismus führt zu einer Verschlechterung der Lage der Massen. Im Rahmen des amerikanischen Imperiums oder der EG ist es unmöglich, aus der Krise herauszukommen.

Das zweite ist die Ablehnung jeder Klassenkollaboration, jedes „historischen“ Kompromisses, der entweder sofort oder auf längere Sicht damit enden würde, daß die Massen zahlen müßten für das System, das sie ausbeutet, und für die Krise, die von den Vereinigten Staaten vorsätzlich organisiert worden ist.

Das dritte ist die Entwicklung eines neuen Wirtschaftsmodells. Heute ist es nicht mehr möglich, gegen Krise und Inflation zu kämpfen, ohne das Wirtschaftssystem und die Herrschaft des Privateigentums als Ganzes in Frage zu stellen. Es geht also heute um die Überwindung der kapitalistischen Arbeitsteilung, um die Frage nach dem Zweck der Produktion, überhaupt um die Existenz der Marktwirtschaft.

Krise und Krieg

Sind wir über das Ärgste hinweg?

Eine banale Wahrheit: die gegenwärtige Wirtschaftskrise der westlichen Welt läßt sich mit der von 1929 nicht vergleichen. Wie verhielten sich die Verantwortlichen in jener Zeit?

„Die Börsenkurse haben einen hohen Stand erreicht, der permanent zu sein scheint“, erklärte am 16. Oktober 1929 der Yale-Professor Irving Fisher. Acht Tage später kam der „schwarze Freitag“, der brutale Zusammenbruch der New Yorker Börse. Die sogenannten „Liberalen“ glaubten so fest an das System, daß jeder Zweifel daran für sie auf eine Seibstverneinung hinausgelaufen wäre. „Frankreich ist stark genug, um mit den gegenwärtigen Schwierigkeiten fertig zu werden“, versicherte Präsident Giscard d’Estaing am 24. Oktober 1974 und fügte hinzu, es wäre möglich, bis Mitte 1975 die Inflationsrate von 15,5 Prozent auf sechs oder sieben Prozent zu senken.

45 Jahre zuvor, am Tag nach dem Wall-Street-Krach, gab die National Association of Manufacturers, der amerikanische Industriellenverband, die beruhigende Parole aus: „Die Wirtschaftslage ist gut. Sorgen wir dafür, daß sie gut bleibt. Nichts kann die USA aufhalten.“ Und der alte John D. Rockefeller sagte mit dem Brustton der Überzeugung: „Die wirtschaftlichen Grundlagen dieses Landes sind gesund.“

Der Optimismus der Herren des Systems ist zählebig. „Wir haben das Schlimmste hinter uns“, behauptete Präsident Hoover am 1. Mai 1930. Sein Finanzminister, der Bankier Andrew Mellon, schlug Predigertöne an: „Das Volk wird härter arbeiten und ein moralischeres Leben führen.“ Dieses unerschütterliche Vertrauen in die Zukunft war nicht gespielt: Doch Anfang 1932 malte das National Bureau of Economic Research ein düsteres Bild von der Lage: die Aktienkurse waren um 83 Prozent gesunken, die Produktion um 40 Prozent, die Löhne um 60 Prozent, die Dividenden um 57 Prozent.

13 Millionen Arbeitslose wanderten in den Straßen umher oder standen vor den Ausspeisungsstellen Schlange. Sechs Jahre „New Deal“ brachten den Beginn einer Erholung, ohne das Problem wirklich zu lösen: als in Europa der Zweite Weltkrieg ausbrach, zählte man in den Vereinigten Staaten immer noch neun Millionen Arbeitslose. Erst der mörderischste und zerstörerischste aller Kriege rettete die amerikanische Wirtschaft, er ebnete ihr sogar den Weg zu einer beispiellosen Konjunktur.

Die Industriestaaten verfügen heute über wirksame interventions- und Kontrollmittel, die es ihnen ermöglichen, eine Krise wie jene der dreißiger Jahre zu vermeiden. Deshalb gleicht die Krise, die jetzt begonnen hat, nicht jener, die in Amerika Roosevelt und in Deutschland Hitler zur Macht gebracht hat. Darum ist es eine Platitüde, wenn der bedeutende amerikanische Ökonom Paul Samuelson schlußfolgert: „Ich sehe Schwierigkeiten auf uns zukommen, aber sie werden mit denen der Jahre 1930-1933 nicht zu vergleichen sein.“

Die dringendste Aufgabe ist also, zu untersuchen, worin die jetzige Krise sich von jener früheren unterscheidet, Dieses „moderne“, „rationale“, „wissenschaftliche" System, das sich auf alle Hilfsmittel der Ökonometrie, der Informatik usw. stützt, ist plötzlich ins Wanken geraten. Seine Schockwellen sind stark und werden weit reichen. Für die reichsten Länder wird die Versuchung groß sein, in gefährlichen Abenteuern Rettung zu suchen.

© Le Monde diplomatique. Paris

[1Heute spricht man — nicht ganz korrekt — von „wissenschaftlich-technischer Revolution“ (WTR), analog zum Begriff der „industriellen Revolution“. Die WTR ist offenkundig keine Revolution im marxistischen Sinn, sondern ein Infrastruktur-Phänomen, dessen Auswirkungen auf den politischen Überbau es zu untersuchen gilt.

[2Vgl. dazu Frank Browning: Yankees und Cowboys. Watergate als Streit der Kapitalfraktionen, NF Juli/Aug. 1974 (Anm. d. Red.)

[31974 beispielsweise 10,5 Milliarden Dollar in Großbritannien und 6,5 Milliarden Dollar in Frankreich. Die Ölpreiserhöhung entzog den industrialisierten Ländern insgesamt mehr als 40 Milliarden, die zum größten Teil in den USA angelegt wurden.

[420 Prozent in England, 18 Prozent in Frankreich, zehn Prozent in den Vereinigten Staaten, mehr als 25 Prozent in Italien und in Japan.

[5Zwölf Prozent in England, 15 Prozent in Frankreich (1974) — Vgl. zu diesem Punkt Terence McCarthy: Dem Kapital geht die Luft aus, NF März 1975 (Anm. d. Red.)

[6In Westeuropa ist ein 20- bis 30-prozentiger Rückgang des Autoabsatzes zu verzeichnen. In der Bundesrepublik ist die Autoproduktion 1974 im Vergleich zu 1973 um 25 Prozent zurückgegangen, in Italien um 15 Prozent, in Frankreich um 20 Prozent, in England um 13 Prozent. Die Autopreise sind in Italien um durchschnittlich 50 Prozent, in Frankreich um zwölf Prozent gestiegen. VW und Opel zahlen jedem Arbeiter, der weggeht, 4.000 Dollar.

[7Siehe Pierre Péan: Pétrole, la troisième guerre mondiale, Paris 1974 (Calmann-Levy). — Im NF vgl. die Artikel James Ridgeway: Energiekrise — ein Konzerntrick, Dezember 1973, Frank Ackerman/Arthur MacEwan: Das Ölkomplott, April 1974, Douglas Bravo: Ölkolonie Venezuela, Michael Siegert: Konzernprofit/Staatsprofit/Scheichprofit, April 1974 (Anm. d. Red.)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1975
, Seite 15
Autor/inn/en:

Jean-Pierre Vigier:

Foto: Von Copernicus01 - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23451125

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