FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1975 » No. 255
Terence McCarthy

Dem Kapital geht die Luft aus

Der Staat muß den ganzen Laden übernehmen

1 Hochzins: Wie der Staat den Privatbanken Kapital entzieht

Der Kapitalismus liegt im Sterben. In einem Land nach dem anderen drängt der Staat die privaten Banken in die Ecke, indem er höhere Zinsen für Spareinlagen bietet als sie. Das kapitalistische Unternehmertum kann folglich nicht mehr auf Spareinlagen zählen, mit denen es schuldenfreie Expansion finanzieren oder gewichtige Neuinvestitionen tätigen könnte. Sogar Kreditkapital ist immer schwieriger aufzubringen. Der Präsident der Duke Power Company in North Carolina beispielsweise gab eine Kürzung des bis 1979 laufenden Expansionsprogramms seiner Firma um 1,5 Milliarden Dollar bekannt, mit der Begründung, die benötigten Summen könnten nicht aufgetrieben werden.

Die Staaten haben die Macht, dem Bankensystem Spareinlagen zu entziehen (um die wachsende Staatsschuld bei Fälligkeit zu erneuern), und untergraben damit die privatkapitalistische Ethik, die verlangt, Industriewachstum durch persönliche Sparsamkeit zu finanzieren. Doch das ist mehr als eine Ethik. Es ist eine Notwendigkeit für den Kapitalismus. Und die Quelle ist versiegt. Unter diesen Bedingungen kann der Kapitalismus nicht leben — und er vermag die Bedingungen nicht zu ändern.

Die Methode des staatlichen Vorgriffs auf vorhandene Finanzquellen wird bisher am stärksten in England praktiziert. Um die Spareinlagen an sich zu ziehen, hat die britische Regierung die sogenannte Indexbindung erfunden, ein Verfahren, das sicherlich in den Vereinigten Staaten und anderswo in der kapitalistischen Welt Nachahmung finden wird. Diese Attraktion zielt auf ein Publikum, dem bereits wohlbekannt ist, daß seine Sparzinsen weit hinter der Inflation zurückbleiben. Inhaber staatlicher indexgebundener Sparkonten und Käufer indexgebundener Staatspapiere erhalten zwar keine Zinsen, aber der Nennwert ihrer Guthaben wird alljährlich im Ausmaß des Lebenshaltungskostenindex erhöht (das waren in England für die mit 30. Juni 1974 abgelaufenen zwölf Monate 16,5 Prozent). Außerdem bekommen Sparer, die ihre Guthaben für eine bestimmte Zeit nicht abheben, als Anreiz eine zusätzliche Prämie. Daneben gibt es noch ein besonderes „Zuckerl“: Der aus der Indexbindung resultierende Guthabenszuwachs ist von Einkommen- und Gewinnsteuer befreit, mit der vernünftigen Begründung, daß der Sparer nichts gewonnen hat, wenn die Kaufkraft am Ende genauso groß ist wie am Anfang.

Das englische Projekt ist zunächst nicht in einem solchen Ausmaß vorgesehen, daß es den Banken bedeutende Einlagen entziehen würde. Es bezieht sich nur auf Alterspensionisten sowie auf Lohn- und Gehaltsempfänger, die aufgerufen werden, bis zu 20 Pfund im Monat (durch Abzug von der Auszahlung) für eine Dauer von fünf Jahren einzulegen. Doch der Plan wird sicherlich nicht auf diesen engen Rahmen und auch nicht auf England beschränkt bleiben. Er bietet der Regierung eine so gute Möglichkeit, die Staatsschuld zu erneuern, und den Sparern, ihre Einlagen vor der Entwertung durch die Inflation zu bewahren, daß es unmöglich sein wird, seine Ausbreitung auf andere Länder zu verhindern. Tatsächlich erwägen mehrere europäische Regierungen schon seit einiger Zeit ähnliche Pläne. Die Verbreitung des Systems scheint unvermeidlich.

Faktisch läuft die britische Methode, die Kaufkraft von Spareinlagen zu sichern, auf eine zinsenfreie Staatsanleihe hinaus. An der Kaufkraft gemessen, wird der Staat nicht mehr zurückzahlen, als er geborgt hat — die totale Negation des kapitalistischen Prinzips (und der seit Ricardo geheiligten Theorie), daß Sparsamkeit belohnt werden muß.

Aber auch das ist immer noch ehrlicher als die Praxis anderer Staaten, Pfandbriefe und Schuldverschreibungen zu verkaufen, deren Verzinsung unter der jährlichen Inflationsrate liegt. Die Staaten zahlen faktisch weniger zurück, als sie geborgt haben, und krönen den Betrug mit Raub, indem sie von den Zinsen noch Steuern einheben.

2 Ruin der Privatkapitals

In der gesamten kapitalistischen Welt bekommt der Arbeiter, der zu sparen versucht, entweder — wie in England — keine ökonomische Belohnung für seinen Konsumverzicht oder — wie in den USA — sogar noch weniger Kaufkraft zurück, als er eingelegt hat, und muß dafür obendrein Steuer zahlen. Da der Staat gezwungen ist, die verzinslichen Staatsschulden ständig zu erneuern und die Fälligkeitsfristen zu verkürzen (in Amerika von neun Jahren und fünf Monaten im Jahre 1947 auf zwei Jahre und elf Monate im Jahre 1974), hat der amerikanische Sparer nur die Wahl, entweder langsamer zu verlieren, wenn er bei staatlichen Instituten einlegt, oder schneller, wenn er es bei einer Bank tut.

So versteigerte beispielsweise die amerikanische Regierung am 6. August 1974 neunprozentige Schuldverschreibungen mit 33 Monaten Laufzeit im Gesamtwert von 2,25 Milliarden Dollar bei Nennwerten ab tausend Dollar. Der Ertrag war 8,59 Prozent, verglichen mit einer Inflationsrate von 10,7 Prozent, und ist natürlich steuerpflichtig. Nichtsdestoweniger war er um 2,74 Prozentpunkte höher als die Zinsen, die private Sparinstitute für Einlagen mit vergleichbaren Fälligkeitsfristen bieten. Am folgenden Tag versteigerte das amerikanische Schatzamt neunprozentige sechsjährige Schuldscheine im Wert von 1,75 Milliarden Dollar mit einem Ertrag von 8,75 Prozent und am 8. August 25jährige Pfandbriefe im Wert von 400 Millionen Dollar mit 8,63 Prozent Gewinn, all dies als Teil einer Rückzahlung von fällig gewordenen Staatsschulden in der Höhe von 4,6 Milliarden Dollar. Wegen der höheren Erträge und größeren Sicherheiten, die von der Regierung geboten wurden, flossen riesige Beträge von privaten Sparkassen und Banken ab. Wie im Fall England ist der Endeffekt eine Verminderung der Kreditkapazität. In logischer Folge wird die Fähigkeit des Privatkapitalismus zu expandieren — und solcherart Kapitalismus zu bleiben — durch den Kapitalbedarf der kapitalistischen Staaten in Frage gestellt.

Die Bankiers klagen, ernstlich besorgt, über den Spareinlagenschwund. Sie könnten auch sagen, daß das kapitalistische System in aller Öffentlichkeit Harakiri begeht. Denn eine Folge der Prügel, welche die Regierungen — mit den höheren Zinsen als Stock — den kapitalistischen Sparinstituten versetzen, ist ein weiteres Ansteigen der Kreditzinsen. Damit wird die Rentabilität privater Unternehmen bedroht (manche Kreditnehmer in den USA zahlen dem Vernehmen nach für kurzfristige Darlehen bereits bis zu 16 Prozent Zinsen). Da die hohen Zinsen sich in den Produktenpreisen niederschlagen, kommt es bei vielen Produkten zu einem Absatzrückgang — namentlich bei Häusern, Autos, Haushaltsgeräten, Möbeln, Textilien und ähnlichen Artikeln.

Die gegenwärtigen Zinssätze treiben viele Unternehmer in den Ruin. So legte beispielsweise eine Firma, die Kunststoffprodukte erzeugt, Vorräte von Ausgangsmaterialien auf Erdölbasis an, als die Ölknappheit vorüber war. Aber ihr Auftragsstand ist heute um 40 Prozent niedriger als vor dem Ölembargo, hauptsächlich deshalb, weil die Gewinnspannen der Abnehmer nicht groß genug sind, um die heutigen Zinssätze der Kommerzbanken aufzuwiegen (und weit niedriger als die Sätze der „Agioteure“, die für die Konzerne arbeiten). Die Firma entläßt Arbeiter, weil ihre Kunden die derzeitigen Kreditkosten nicht tragen können.

Die Banken müssen jedoch Zinsen zahlen, die hoch genug sind, um mit den Zinsenerträgen der Staatspapiere konkurrieren zu können. Dies können sie nur, indem sie die Zinsen auf die von ihnen gewährten Kredite noch mehr erhöhen. Außerdem vermindert die Abwanderung von Spareinlagen die Leihkapazität der Banken und zwingt sie zu einer zusätzlichen Steigerung des Kreditzinsfußes und zu einer Einschränkung der Kredite.

Kurz gesagt, wir haben den Punkt erreicht, wo staatliches und privates Finanzkapital kollidieren. In allen fortgeschrittenen westlichen Ländern können die Regierungen ihre Finanzbedürfnisse nur befriedigen, indem sie bessere Bedingungen für Spareinlagen bieten, als private Institute es können. Das kapitalistische System im traditionellen Wortsinn ist hilflos angesichts der finanziellen Ansprüche der staatswirtschaftlichen Regierungsformen, die der Kapitalismus selbst geschaffen hat, um sich zu erhalten und zu schützen.

„Oh — bist du die Inflation? Oder Pest und Niedergang? Hunger? Verfall? Oder gar die schleichende Krankheit des kollektivistischen Sozialismus?“

3 Totaler Staatskapitalismus

Das Bild hat natürlich auch eine Kehrseite. Der Staat hat so manchen großen Konzern vor dem Untergang gerettet. Der Energiekonzern Consolidated Edison wurde vom Staat New York nicht nur vor dem Konkurs bewahrt, sondern sogar in die Lage versetzt, nun eine Wiederaufnahme der Dividendenzahlungen (wenn auch in weniger als der Hälfte der früheren Höhe) ankündigen zu können. Wie? Dadurch, daß der Staat Schulden der „Con Ed“ in Höhe von 500 Millionen Dollar als Vorauszahlung für die Errichtung von Kernkraftwerken übernahm. Faktisch bedeutet dies, daß die Dividenden — und die Schulden — der „Con Ed“ von den Steuerzahlern im Staat New York gezahlt werden. In früheren Jahren wurden Lockheed (Flugzeuge), Penn Central (Eisenbahn) und Chrysler (Autos) gerettet, indem die Federal Reserve Board (Staatsbank) die im Besitz der großen Konrmerzbanken befindlichen Wechsel jener Firmen garantierte. Zur Rettung von Michele Sindonas Franklin National Bank streckt die Federal Reserve Board eine Milliarde (manchen Schätzungen zufolge sogar 1,45 Milliarden) Dollar vor.

Ein neuer Widerspruch ist im kapitalistischen System aufgebrochen. Auf der einen Seite überbietet der Staat die Privatbanken in den Debetzinsen, auf der anderen Seite kommt der Staat großen Konzernen und Kommerzbanken, die in ernste Schwierigkeiten geraten sind, zu Hilfe. Das mag schizophren aussehen. Aber wann hat der Kapitalismus nicht zwei Gesichter gehabt? Er kam als Befreier vom Feudalismus und als Begründer des Industriesystems, das in den fortgeschrittenen Ländern zu einer gewaltigen Hebung des Lebensstandards geführt hat; zugleich brachte er unbarmherzige Ausbeutung und vernichtete alle, die zu schwach waren, um dem permanenten Streben, sie auf das nackte Existenzminimum hinabzudrücken und in Lohnsklaven zu verwandeln, zu widerstehen. Der Widerspruch der Widersprüche besteht darin, daß die staatlichen Machtmittel, vom Kapitalismus für seine Zwecke geschaffen, nun so weitreichend und in ihrer Wirkung so drückend geworden sind, daß der Privatkapitalist selbst ihnen unterliegt. Die Vollzugsausschüsse der Bourgeoisie haben solche Macht erlangt, daß die Bourgeoisie sich ihnen unterwerfen muß. Der Staat ist nun nahezu allmächtig, innerhalb der Grenzen, die dadurch gegeben sind, daß der Staat die Bedürfnisse, für deren Befriedigung er geschaffen wurde, doch nicht völlig ignorieren kann.

Meine jugoslawischen Freunde haben häufig bemerkt, daß innerhalb des Kapitalismus sozialistische Formen entstehen — eine Entdeckung, die auch viele Leute in den Vereinigten Staaten (manche mit akutern Unbehagen) gemacht haben. Ich bezweifle, ob sie die neue Erscheinung, daß der Staat höhere Zinsen zahlt als private Banken und sonstige Firmen, schon als Entstehung einer sozialistischen Form bezeichnen würden. Ich für mein Teil tue es nicht.

Meiner Meinung nach zeigt diese Erscheinung den Fiebergrad in der Krankheit des heutigen Kapitalismus an: Der Expansionszwang des Kapitals ist verbunden mit einem Bedarf nach Vorfinanzierung, für dessen Befriedigung der Konsumverzicht der Bevölkerung nicht mehr ausreicht. Das benötigte Kapital muß aus dem Nichts geschaffen werden, das heißt, durch Inflation, deren Zweck es ist, eine konsumhemmende Umverteilung des Nationaleinkommens zu bewirken.

4 Keynes ist ratlos

Wir leben in einer Zeit tiefen, ungläubigen Schweigens der Ökonomen. Alles, was sie jahrzehntelang als ewige Gesetze eines (vermeintlich) ewigen Systems verkündet hatten, ist von den Ereignissen widerlegt worden. Die Dinge laufen nicht so, wie sie den „Gesetzen“ nach sollten. Und anscheinend entwickeln sich keine neuen, den veränderten Umständen angemessenen Disziplinen, sondern statt dessen ein innerlicher Protest: das, was jetzt geschieht, kann doch nicht wahr sein! Es ist, als könnten die Logiker des Kapitalismus sich mit den Tatsachen des Staatskapitalismus nicht abfinden. Richard Nixon sagte am 25. Juli 1974: „Eine Politik der Inflationseindämmung ist im Grunde eine Politik der Einschränkung der Nachfrage im Vergleich zum Wachsen des Angebots ... Unsere Strategie muß zwei Elemente enthalten — Einschränkung der Nachfrage auf kurze Sicht und Steigerung des Angebots auf lange Sicht.“ Was Nixon sagte, entspricht der Theorie von Keynes, wonach der Verbrauch mit dem Wachstum der Produktion Schritt zu halten sucht und die Preise zu unbegrenztem Steigen, zur Inflation tendieren. Nixon berief sich auf Keynes’ These, indem er zu verstehen gab, die Industrieproduktion steige nicht, weil der gesamte Zuwachs des Nationaleinkommens für Konsumzwecke verwendet werde, und dies sei die Ursache der Inflation. Für Keynesianer war Nixons Behauptung unanfechtbar. Eine andere Erklärung stammt von Dr. Burns, dem Vorsitzenden der Federal Reserve Board, und muß im Zusammenhang mit der Erklärung Nixons gesehen werden. Sie besagt, daß die sogenanmte „Phillips-Kurve“ nicht gelte. Die Phillips-Kurve ist eine aus der englischen Wirtschaftsgeschichte abstrahierte Regel, derzufolge Perioden steigender Preise durch günstige Entwicklung von Beschäftigungsstand, Wirtschaftstätigkeit und Lebensstandard gekennzeichnet seien. Alles steige, auch das Lebensniveau. Der gegenteilige Effekt zeige sich in Perioden sinkender Preise. Burns bestreitet die Richtigkeit dieser Theorie — und unter den heutigen Umständen hat er recht. Aber soweit ich sehe, ist Burns mit seinen Schlußfolgerungen nicht weit genug gegangen. Die Phillips-Kurve war nicht immer schon falsch, sondern ihre Geltung hat aufgehört.

In diesem Aufhören drückt sich aus, daß etwas anderes aufgehört hat: die historische Tendenz zum Vorsprung des Angebots vor der Nachfrage in den fortgeschrittenen Ländern. Heute übertrifft die Nachfrage das Angebot. Und trotz der Armut der Fürsorgerentner und anderer fehlt den fortgeschrittenen Ländern eine zahlenmäßig signifikante Reservearmee völlig unbemittelter Arbeitslosen, die den Verbrauch drücken würde. Daher existieren heute nicht mehr die Bedingungen, die für die britische Wirtschaftsentwicklung in der langen, von Phillips untersuchten Zeitspanne kennzeichnend waren. Die Dinge haben sich geändert, und die Veränderung ist grundlegend und unwidertuflich. Wenn die Dritte Welt in der industriellen Entwicklung fortschreitet — woran nicht zu zweifeln ist —, wird in den heute hochentwickelten Ländern die Nachfrage nach Investitionsgütern ständig größer sein als das Angebot.

5 Sozialentwicklung macht Kapitalismus unbeweglich

Im abgelaufenen Stadium des Kapitalismus bewirkte eine maßvolle Inflation — durch Stimulierung der Wirtschaftstätigkeit — ein allgemeines Ansteigen des realen Sozialeinkommens und ein überproportionales Steigen des Beschäftigungsgrades und des Lebensstandards der ärmsten Schichten. 1947 beispielsweise hatten 24,4 Prozent aller amerikanischen Familien ein Einkommen von weniger als 3.000 Dollar (umgerechnet auf die Kaufkraft von 1969); 1960 waren es nur noch 9,3 Prozent. Der Anteil der weißen Familien in der Einkommengruppe unter 3.000 Dollar betrug 1947 21,1 Prozent, 1969 8,1 Prozent, jener der nichtweißen Familien sank von 56,7 Prozent im Jahre 1947 auf 20,4 Prozent im Jahre 1969. Das mittlere Einkommen — jenes, bei dem die Hälfte der Familien darunter und die andere Hälfte darüber liegt — betrug 1947 4.973 Dollar, 1969 9.433 Dollar. Ungleichheit? Gewiß, aber die Ungleichheit war im Abnehmen begriffen, wenn auch viel zu langsam, um für das Gewissen erträglich und für die sozialen Kräfte tragbar zu sein.

Man könnte sagen, daß die Preissteigerungen einen Großteil des Einkommenszuwachses aufgefressen haben — und das ist unwiderlegbar, da der Verbraucherpreisindex in jener Zeitspanne um rund 64 Prozent gestiegen ist. Dennoch stieg das „reale“ mittlere Einkommen, nach Berücksichtigung der Preiserhöhungen, um 89,7 Prozent, das Einkommen der weißen Familien um 88,6, das der nichtweißen um 132,7 Prozent. Welche Mängel die Statistik auch haben mag (etwa die Ungenauigkeit des Begriffs „Familie“) und wie unverläßlich die Methoden des Sammelns statistischer Daten auch sein mögen, es steht dennoch fest, daß Beschäftigungsgrad und Einkommen, insbesondere bei den ärmsten Schichten, gestiegen sind, und zwar als direkte Folge des stimulierenden Effekts mäßiger Preissteigerungen (während einer Zeitspanne von 22 Jahren um 2,2 Prozent im Jahresdurchschnitt).

Die entscheidende Frage lautet also, warum die Phillips-Regel nicht mehr stimmt. Wenn sie in der Vergangenheit galt, warum gilt sie heute nicht mehr? Die Antwort ist bei den Zinssätzen zu suchen. Geld ist so teuer geworden — mehr als zwölf Prozent im Jahr für den Kreditnehmer —, daß die Firmen nun eine Bruttoertragsrate (einschließlich Zinsendienst, Schuldentilgung und Abschreibungen) von 24 bis 25 Prozent jährlich auf Leihkapital brauchen, wenn sie an neuen Darlehen nach Abzug der Steuern sechs bis sieben Prozent verdienen wollen.

Das kann nur durch Preissteigerungen erreicht werden (wenn überhaupt). Wird es erreicht, bewirkt es eine Multiplikator-Kettenreaktion, die sich über das gesamte System, auf alle Stadien des Produktionsprozesses von der Rohstoffgewinnung bis zum Einzelhandel, verbreitet. Und die Preissteigerungen treffen nicht nur die neue, mit Leihkapital finanzierte Produktion, sondern jegliche, auch die selbstfinanzierte. Alles Kapital, ob geborgt oder nicht, muß nun jene Profitraten liefern, die erforderlich sind, um bei den heutigen erhöhten Zinssätzen Rentabilität zu gewährleisten. Sonst wäre es nämlich profitabler, das Kapital auf Zinsen zu verleihen, statt es in der Produktion anzulegen.

Unter diesen Umständen gelten die alten Gesetze der kapitalistischen Ökonomen nicht mehr. Die Preissteigerungen drücken nun den Lebensstandard und den Beschäftigtenstand, weil die vermehrten Einnahmen für die Zinsen aufgehen und nicht bis zu den untersten Schichten des Systems durchdringen können. Die Firmen stellen daher die kapitalistische Wirtschaftscheorie auf den Kopf. Statt ihre Profite durch nachfragegerechte Grenzpreise zu maximieren, erhöhen sie die Preise in dem Maß, wie die Nachfrage sinkt. Ihre Absicht (oder Hoffnung) ist es, an dem verringerten Absatz ebensoviel zu verdienen, wie sie früher an steigendem Absatz verdient haben. (General Motors zum Beispiel haben schon zum zweitenmal die Preise um 500 Dollar je Wagen erhöht.) Das neue Motto der Konzerne lautet: Wenn du nicht mehr verkaufen kannst, berechne mehr. Es ist anzunehmen, daß bei einem weiteren Sinken der Nachfrage die Preise noch mehr steigen werden. Unter solchen Verhältnissen kann die von Phillips beobachtete Regel offenkundig nicht mehr stimmen.

6 Fiktive Profite

Die Einsicht, daß die Phillips-Regel nicht mehr gilt, ist die folgenschwerste Feststellung, die man machen kann. Daraus folgt nämlich, daß wir es nicht mehr mit kapitalistischer Wirtschaft im eigentlichen Sinn zu tun haben und daß das System von relativem Gleichgewicht zu Ungleichgewicht übergegangen ist. Die Konzerne nähern sich dem Punkt, wo sie, bloß um weiterwirtschaften zu können, borgen müßten, sich dies aber bei den gegenwärtigen Kapitalkosten nicht leisten können.

Ein Grund dafür ist, daß die erstaunlich hohen Gewinne, die in den letzten Monaten verzeichnet wurden, zum Großteil illusorisch, reine Phantomzahlen sind. Wie ist das zu erklären? Hauptsächlich damit, daß die Firmen ihre Produkte zu Preisen verkaufen, denen die gegenwärtigen erhöhten Rohstoffpreise zugrunde liegen, während die verwendeten Rohstoffe tatsächlich schon früher zu weit niedrigeren Preisen gekauft wurden. Die Differenz zwischen den tatsächlichen Anschaffungspreisen der Rohstoffe und den für die Fertigprodukte verlangten Preisen scheint in den Büchern als „Profit“ auf. Solche Profite aber sind fiktiv. Mehr noch, da bei Ersatz der Rohstoffe für diese noch höhere Preise zu zahlen sein werden, bringen die fiktiven „Profite“ keine Zunahme der verfügbaren liquiden Mittel. Sie können nicht ausgegeben werden, weil sie zum Großteil bloß auf dem Papier stehen. Und darum müssen die Konzerne massiv borgen. Es fehlt ihnen an Bargeld, um Rohstoffe und Maschinen zu den heutigen erhöhten Preisen nachzuschaffen. Und wenn alte Schulden fällig werden, können sie nur durch Aufnahme neuer Schulden getilgt werden, die größer sind als die alten, erstens wegen der Verteuerung von Kapitalgütern und Rohstoffen, zweitens wegen der höheren Zinssätze. Das heißt also, daß der staatliche Kapitalbedarf nicht nur die Leihkapazität der Banken einschränkt, sondern auch die Fähigkeit der Industriefirmen, ihre Schulden bei Fälligkeit zu erneuern. Das kann einen starken Rückgang der Industrieproduktion zur Folge haben. Und es erhebt sich die Frage, woher die Spareinlagen kommen werden, die der Staat braucht, um seine Schulden erneuern zu können.

Der Kreis wird immer enger. Das ist mehr, als das politische System auf die Dauer aushalten kann. Es ist nicht anzunehmen, daß das Volk sich mit dem Plan abfinden wird, den Lebensstandard bewußt zu senken und zugleich die Produktion anzukurbeln. Geschieht dies jedoch nicht, wird das System an der Unfähigkeit, durch gesellschaftliches Sparen flüssige Mittel zu bilden, zerbrechen. Liquidität ist das Um und Auf des Kapitals. Das heutige illiquide System ist nicht mehr Kapitalismus im wahren Sinn des Wortes. Was es eigentlich ist, kann ich nicht sagen — und nicht einmal, was daraus werden könnte. Am wahrscheinlichsten ist (wenn das Volk es zuläßt), daß der Staat, heute bereits der größte Schuldner und Regent der Zinssätze, auch zum größten Gläubiger. wird, der den Konzernen direkt oder indirekt nach eigenem Gutdünken und nach den Entscheidungen der Bürokratie Kapitalvorschüsse aus der Notenpresse gewährt.

Manche Leute glauben, wir stünden an einem Scheideweg. Ich glaube es nicht. Wir stehen an einem Endpunkt. Ein historischer Prozeß ist zum Abschluß gelangt. Seine Todeszuckungen sind kein erhebendes Schauspiel, weil keine Gewähr besteht, daß das Nachfolgende besser wird.

© Ramparts, Berkeley, Cal.

Was ist die Phillips-Kurve?

Unter der Phillips-Kurve [1] wird heute meistens — extrem vereinfachend — die wechselseitige Beziehung zwischen Arbeitslosigkeit und der Inflationsrate verstanden. Phillips [2] hatte 1958 konstatiert, daß in Großbritannien in der Vergangenheit eine nicht-lineare Beziehung zwischen nominellen Lohnänderungen und der Arbeitslosenrate festzustellen gewesen sei:

W ist der Geldlohnsatz, U die Arbeitslosenrate a, b, e sind Parameter.

Die untere Achse zusammen mit der rechten Skala der Ordinate stellt die ursprüngliche Phillips-Kurve dar. Unter der Annahme, daß die Arbeitsproduktivität um drei Prozent pro Jahr steigt, erhält man die Preis-Vollbeschäftigungs-Beziehung durch Aufwärtsschieben der Achse um drei Punkte und Betrachtung der linken Skala. Wo die Phillips-Kurve die neue Achse schneidet, erhält man den Punkt der Preisstabilität (U1).

Außerdem stellte Phillips einen Einfluß von Preisänderungen auf Lohnänderungen fest.

Dieses Konzept war insofern sehr populär, als es sich nach Meinung vieler Ökonomen um ein langfristig stabiles Phänomen handelte, woraus sich für die Wirtschaftspolitik die Möglichkeit ergäbe, zwischen bestimmten Arbeitslosenraten und Lohn-(Preis-)Steigerungsraten zu wählen — also eine „Speisekarte“ für wirtschaftspolitische Entscheidungen. Damit wurde die Phillips-Kurve zu einem Preissteigerungs-Arbeitslosenraten-Diagramm, wobei man davon ausging, daß die Preissteigerungsraten stabil bleiben würden, wenn die Geldlohnerhöhung der Steigerung der Arbeitsproduktivität entspräche (siehe Grafik). Damit kam man zu der heute oft gehörten Ansicht, die Phillips-Kurve zeige, wieviel Stabilität man opfern müßte, um eine bestimmte Arbeitslosenrate zu erreichen oder umgekehrt.

Hier setzt jedoch die Kritik an der Phillips-Kurve ein: erstens wird vielfach bestritten, daß sie langfristig stabil sei, d.h. daß sich die Kurve über längere Zeiträume hinweg nicht verschiebe; zweitens gibt es keine klare Bildung von Präferenzen, die ein Entscheidungskriterium zwischen verschiedenen Kombinationen von Arbeitslosigkeit und Inflation böten; weiters impliziert die These vom trade-off zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation innerhalb der Phillips-Kurve eine konstante Lohnquote, woraus der (falsche) Eindruck entsteht, die Inflation könne nur durch Konzessionen der Lohnabhängigen bekämpft werden; schließlich kann man Arbeitslosigkeit und Inflation nicht isoliert von anderen Zielen der Wirtschaftspolitik behandeln, die ja auch selbst wieder Einfluß auf die beiden in der Phillips-Kurve dargestellten Zielvariablen haben; außerdem liegen die heutigen Werte von Arbeitslosigkeit und Inflation außerhalb des Erfahrungsbereiches der letzten 20 Jahre, so daß man auch aus einer stabilen Phillips-Kurve für die Vergangenheit keine eindeutigen Schlüsse auf die Zukunft ableiten kann.

Alle diese Einwände wurden in den sechziger und siebziger Jahren in der Diskussion der Phillips-Kurve entwickelt. Die Skepsis hinsichtlich ihrer aktuellen Brauchbarkeit hat immer mehr zugenommen. Für den Nicht-Ökonomen wirkt freilich die plausible Beziehung zwischen zwei zentralen Zielgrößen der Wirtschaftspolitik bestechend. Mit Professor Rothschild muß man jedoch warnen: „Instabil! Mit äußerster Vorsicht anzuwenden!“ [3]

K. B.

[1Zur Phillips-Kurve siehe E. Novotny (Hg.): Löhne, Preise, Beschäftigung, Frankfurt 1974 (Fischer Athenäum)

[2A. W. Phillips: The Relation Between Unemployment and the Rate of Change of Money Wage Pates in the U. K. (1861—1957), Economica, vol. 25/1958

[3K. W. Rothschild: Die Phillips-Kurven-Diskussion, in: E. Nowotny, op. cit., S. 57

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1975
, Seite 45
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Terence McCarthy:

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