FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1975 » No. 255
Alice Schwarzer

Glückliche Sklavinnen

Die Ehefrau als Dienerin, die Mutterschaft als Gefängnis

1 Frauen arbeiten doppelt soviel wie Männer

Wenn ein Mann und eine Frau heiraten — dann wird sie, spätestens nach den Flitterwochen, zur Hausfrau. Der Mann aber wird darum nicht Hausmann. Ein Mann hat einen Beruf. Das Gesetz verpflichtet ihn zwar neuerdings zum Helfen bei der Hausarbeit, aber es steht erstens nur auf dem Papier, und es bleibt zweitens eben beim Helfen: er hilft ihr bei ihrer Hausarbeit — wenn er Lust hat. Nur in Ausnahmefällen wird er Hausmann.

Eine Hausfrau arbeitet im Schnitt 60 Stunden in der Woche, spült bis zu ihrem Lebensende einen Geschirrberg, der dreimal so hoch ist wie der Kölner Dom, und verbraucht beim Arbeiten mehr Sauerstoff als ein Maurer. Das Bundessozialgericht entschied: Hausfrau sein ist ein Beruf! Und die Gesellschaft für Hauswirtschaft errechnete für die Durchschnitts-Hausfrau ein Gehalt von 1.800 Mark monatlich; aber niemand zahlt dieses Gehalt: Hausfrauen arbeiten gratis. Hausfrau wird man aus Liebe. Will eine Hausfrau gleichzeitig neben ihrer Hausarbeit einer entlohnten Berufsarbeit nachgehen, so kann ihr das ihr Mann noch immer (gesetzlich!) verbieten.

Eine Hausfrau sollte — Umfragen zufolge — sauber sein und sparsam, ordentlich und dabei heiter. Drei von vier Hausfrauen putzen ihren Männern regelmäßig die Schuhe. Mindestens jede zehnte ist nach Schätzung des Mütter-Genesungswerkes vor Erschöpfung am Rande eines Zusammenbruchs. Dennoch — so glaubt die Soziologin Helge Pross herausgefunden zu haben — halten sich Deutschlands Hausfrauen für „zufrieden“.

Die Frau ist durch die positive Fähigkeit, Leben geben zu können, zu 20 Jahren fast alleinverantwortlicher Mutterschaft und zu lebenslangen Dienstleistungen in der Familie verurteilt. Zum Spülen, Waschen, Putzen, Trösten und zur Unterbezahlung im Beruf: Die Mutterschaft wird Vorwand für Doppelbelastung und Ausbeutung. Allein in der Bundesrepublik leisten Vollhausfrauen und Feierabendhausfrauen im Namen von Weiblichkeit und Liebe 45 bis 50 Milliarden Gratis- Arbeitsstunden pro Jahr. Das sind annähernd genausoviel wie alle in diesem Land geleisteten bezahlten Arbeitsstunden. Außerdem leisten Frauen noch zusätzlich ein Drittel der bezahlten Lohnarbeit. Das heißt also: zwei Drittel der gesamtgesellschaftlichen Arbeit wird von Frauen gemacht. Nur ein Drittel von Männern. So kommen Mütter nicht selten auf zwölf Arbeitsstunden täglich urid berufstätige Mütter auf 14.

Abgesehen von einern diffusen Gerede über die sogenannte Weiblichkeit ist die männerbeherrschte Gesellschaft bisher noch die Antwort schuldig geblieben, warum ein Mensch mit Vagina länger arbeiten kann und eher prädestiniert ist zum Windelwaschen und Geschirrspülen als ein Mensch mit Penis ... Aus dem kleinen biologischen Unterschied machten Männer die große kulturelle Differenz.

Das Heimchen am Herd ist unökonomisch. Die Zukunft gehört der Frau mit der 80-Stunden-Woche, die den modern rationalisierten Haushalt gleichzeitig mit der subtil unterbezahlten Berufsarbeit bewältigt, dabei immer heiter und sexy. Die Vollhausfrau ist tot, es lebe die Feierabend-Hausfrau. Für die zehn Millionen Hausfrauen, die es noch gibt, kommt nun die sogenannte Hausfrauen-Renaissance. Denn Frauen sind mit mehr Geld nicht nur bessere Konsumenten, sondern heute in der Bundesrepublik (bei Gastarbeiter-Stopp und flexibler Altersgrenze) auch die letzte Arbeitsmarktreserve für die Wirtschaft.

2 Warum Hausfrauen Amok laufen

Ein subjektives „Ja“ oder „Nein“ auf die direkte Frage „Sind Sie zufrieden?“ will noch nicht allzuviel besagen. Das weiß auch die Soziologin Helge Pross. Fragebogen-Antworten hängen wesentlich davon ab, welche Antworten in dieser Gesellschaft erwünscht sind und welche nicht. Auch wird es eine Hausfrau mit zwei Kindern kaum wagen, sich und anderen offen einzugestehen, daß sie unzufrieden ist — sie kann ihre Situation ja doch im Moment nicht ändern. Außerdem wird sich Zufriedenheit und Unzufriedenheit an dem orientieren, was Frauen heute erwarten. Und sie erwarten nicht viel. Drei von vier Hausfrauen empfinden — so das Meinungsforschungsinstitut infas — Hausarbeit als „lästige Pflicht“ oder tun sie „notgedrungen“. Drei von vier Hausfrauen halten laut Helge Pross ihren Mann für klüger und tüchtiger. Drei von vier Hausfrauen sind es auch, die ihre Ehe als „gut“ oder „sehr gut“ bezeichnen ... Drei von vier Hausfrauen also halten sich, trotz „lästiger Pflichten“, aber dank Einsicht in ihre Minderwertigkeit für „zufrieden“.

Zur gleichen Zeit wie Helge Pross führte Professor Peter Hofstätter eine Erhebung bei 450 Frauen durch, die in einigen Punkten ähnliche Resultate zeigt. Auch er fand die scheinbar zufriedene Mehrheit, auch er konstatierte, daß es die Vollhausfrau kaum noch gibt. Über 90 Prozent aller Vollhausfrauen waren in einer früheren Lebensphase berufstätig, und die meisten wollen es auch wieder werden. Und umgekehrt hatten die berufstätigen Frauen mit Kindern einige Jahre mit der Berufsarbeit ausgesetzt. Doch Hofstätter setzte einige Akzentunterschiede zur Pross-Untersuchung: mehr als acht von zehn Frauen mit Kindern unter 15 Jahren finden nach Hofstätters Untersuchungen, „daß erwerbstätige Frauen ein anderes und interessanteres Leben führen als Nur-Hausfrauen“. Ganz anders liest sich das in dem Pross-Fragebogen; da wird gefragt, was Frauen vorziehen würden, wenn sie jetzt wählen könnten: Tätigkeit im Beruf oder als Vollhausfrau. 40 Prozent entscheiden sich für den Beruf, 41 dagegen. Verständlich. Weiß doch die Mutter, daß, wenn sie sich jetzt für den Beruf entscheidet, ihr die Hausarbeit zusätzlich bliebe. Und das übersteigt ihre Kräfte. Ihre Wünsche, das zeigt die Hofstätter-Untersuchung, sind ein anderes Kapitel. Da votieren 82 Prozent für die Berufstätigkeit — trotz bekannter Unterbezahlung, Benachteiligung und bleibender Doppelbelastung.

Der Zwang zur Alternative, die Schwierigkeit, beides glücklich zu vereinbaren, gerade das treibt viele Frauen in die seelische Sackgasse und macht sie krank. In der Untersuchung ist unter anderem von einer „merkwürdigen Sorge der Frauen um ihre Gesundheit“ die Rede. Mediziner, Psychologen und Soziologen jedoch wissen seit Jahren, daß diese Sorge durchaus nicht „merkwürdig“, sondern sehr begründet und in Zusammenhang mit diesen „Ängsten“ zu sehen ist. Hausfrauen leiden am sogenannten Hausfrauen-Syndrom, dem der holländische Professor van der Velden eine umfassende Untersuchung widmete. Er definierte diese Krankheit als „eigenständiges Leiden, das zu Depressionen und somatischen Beschwerden“ führen kann. Er und andere Wissenschaftler nennen die Zweifel an der Hausfrauenrolle und den Rollenkonflikt der Frauen überhaupt als Ursache des Syndroms.

Frau Winterfeldt zum Beispiel, die Mutter von Manuella und Nancy, leidet an diesem Hausfrauensyndrom — ohne selbst jemals das Wort gehört zu haben. Sie ist 40 Jahre alt, ihr Mann ist erfolgreicher Bauingenieur, sie selbst war früher Krankenschwester, hatte vier Fehlgeburten, nahm vier Kinder an und widmet sich seither dem Haushalt. Ihre Ehe bezeichnet Frau Winterfeldt als glücklich. Frau Winterfeldt ist eine von 60.000 Frauen, denen das Mütter-Genesungswerk jährlich eine Kur ermöglicht — mindestens eine Million Frauen hätten das nach Schätzung der Ärzte nötig!

Frau Winterfeldt war seit 15 Jahren nicht mehr im Urlaub gewesen, die Familienferien werden in einem gemieteten Haus verbracht, in dem die Hausfrauenpflichten weitergehen. Im Müttergenesungsheim entdeckte Frau Winterfeldt, wie gut es ihr geht — gemessen am Leid der anderen. Frau Winterfeldt ist ohne Zweifel eine der „zufriedenen deutschen Hausfrauen“:

Ich konnte es überhaupt nicht fassen, was manche Frauen so ertragen. Ich hatte echt ne Woche zu tun. Ich hab mir immer gesagt: das glaub ich überhaupt nicht. Was die alles so erzählt haben! Ich hab gesagt: das ist nicht möglich! Wir hatten viele Frauen, zum Beispiel eine Berlinerin, die hatte den zweiten Selbstmordversuch mit 30 Jahren. Die kam vom Krankenhaus aus gleich dahin. Wir hatten mehrere Frauen mit Selbstmordversuchen, die gleich aus dem Krankenhaus dahin kamen ... Ich hab noch meinem Mann nen Brief geschrieben, daß ich erst gar nicht wußte, wie gut mir das geht. Das hab ich erst gemerkt, nachdem ich mich mit den anderen Frauen unterhalten habe. Die eine war dreißig, heiratete und nach nem halben Jahr ging das vollkommen daneben. Die kriegte Schläge, durfte nie weggehen, wurde eingesperrt. Der Mann kontrollierte die Aschenbecher, wenn er kam, ob da vielleicht jemand gewesen wäre. Sie hatte nen unehelichen Sohn, und den nahm man ihr dann aus diesen ganzen Verhältnissen weg. Der kam nach Hamburg in ein Kinderheim. Und da muß sie irgendwie durchgedreht haben.

Sie selbst, Sie haben gesagt, daß Sie in Kur gingen, weil Sie so erschöpft waren. Wie hat sich das geäußert? Und wie verläuft Ihr Tag?

Daß ich zum Beispiel nicht mehr soviel geschafft habe wie vorher. Daß ich an meinem Haushalt bis zweie gearbeitet habe und immer noch nicht soweit war, wie sonst, wie jetzt, wenn ich bis um elf arbeite. Dann hab ich bei jeder Gelegenheit angefangen zu heulen. Wenn irgendwas war, dann brach ich in Tränen aus — über irgendwelche Kleinigkeiten. Ich bin bei jeder Gelegenheit explodiert — ob das mit den Kindern war, oder ob mein Mann mal irgendein Wort gesagt hat. Also ich hatte ne ganz trübe Stimmung. Und abends um acht war ich müde, und so ausgelaugt. Also, das kannte ich eigentlich gar nicht die ganzen Jahre, ich kann sonst immer ganz kräftig arbeiten. Ich hatte son Gefühl, daß ich total ... Irgendwo mußt ich mal raus. Ich bin sonst sehr für Familie und auch gar nicht so für Alleinsein, aber auf einmal, als die sagten, ich könnte fahren ... Erst hatt ich immer überlegt: Mensch, wie machst du das bloß mit den Kindern? Das mußte doch irgendwie regeln. Die können doch nicht hier im Haus allein bleiben. Ich hab gedacht, das geht gar nicht, wenn du wegfährst. Aber wie dann die Frau Hannemann gesagt hat, das ist durch, Sie können fahren, da hab ich da überhaupt nicht mehr dran gedacht! Ich hab meinen Koffer zusammengepackt und ... Das war mir ganz egal, ob das hier läuft oder nicht. Und es ist dann auch sehr gut gelaufen. Wir hatten ne Oma hier im Haus. Denn manchmal abends um neun hab ich noch keinen Feierabend. Ich hatte das Gefühl, ich muß hier mal raus! Also, mir sind die Kinder — das ist sonst gar nicht meine Art — mir ging alles auf die Nerven. Alles. Alles. Mich störte die Fliege an der Wand. Sehr unzufrieden bin ich dann geworden. Mit allem. Ich hatte doch gar keinen Grund ... Ständig hatt ich das Gefühl, ich bin fürchterlich benachteiligt. Mein Mann hat auch mit mir darüber gesprochen, gesagt, was willste denn? Kauf dir doch mal ein schönes Kleid. Geh mal zum Frisör. Nee, das wollt ich alles gar nicht. Was ich wollte, wußte ich auch nicht.

Das ist dann der Punkt, an dem Frauen manchmal Amok laufen. Am nächsten Tag ist dann in der Zeitung die lapidare Meldung zu lesen: „Als der Ehemann von der Arbeit nach Hause kam, fand er seine Frau tot vor. Ihre drei Kinder nahm sie mit in den Tod. Der Ehemann ist ratlos. Er sagte der Polizei: ‚Ich versteh das gar nicht. Meine Frau hatte doch alles, was sie brauchte.‘“

Kein Fortschritt in der Hausarbeit

In der Küche von damals, in der allenfalls eine Glühbirne vom Anbruch des elektrischen Zeitalters kündete, verbrachte die Hausfrau rund 25 Stunden pro Woche mit Kochen und Abwaschen. Dazu kamen weitere 27 Stunden für Putzen, Waschen, Bügeln, Besorgungen und Betreuung der Kinder. Insgesamt: 52 Stunden.

Die Hausfrau der siebziger Jahre kocht schneller und braucht weniger Zeit zum Abwaschen (beides zusammen 18 Stunden wöchentlich), verbringt aber zum Beispiel volle acht Stunden pro Woche unterwegs und in Geschäften, um einzukaufen. Sie wendet mehr Zeit für ihre Familie auf — zur Überwachung der Schularbeiten etwa — und braucht immer noch zwölf Stunden zum Saubermachen. Gesamtaufwand im Durchschnitt: 55 Stunden.

In ihrem Fleiß übertreffen Nur-Hausfrauen die berufstätige Frau auch am Wochenende. Sowohl am Sonnabend als auch am Sonntag werkeln die Nur-Hausfrauen je eine halbe Stunde länger, obwohl sie im Durchschnitt nicht mehr Kinder zu versorgen haben als ihre flinkeren Konkurrentinnen.

Hausarbeit lasse sich „dehnen wie Gummi, sie ist nie fertig ... Keine andere Arbeit hat diese Eigenschaft“, zu dieser Feststellung gelangten die Soziologen kürzlich auch in der DDR, wo nun schon rund 80 Prozent aller erwachsenen Frauen berufstätig sind.

Der Spiegel
27. Jänner 1975

3 Beruf als Fluchtweg aus dem Haushalts-Gefängnis

Ich hab voriges Jahr schon mal versucht — seitdem ich hier draußen wohne — hab ich mal versucht, ein paar Stunden irgendwas zu machen. Aber mein Mann erlaubt es mir nicht, und wahrscheinlich würde ich es auch gar nicht schaffen.

Was heißt das: Irgendwas machen?

Ja, ich wollte ein paar Stunden arbeiten gehen.

Außer Haus?

Ja.

Warum?

Na, Sie schen ja selber, ich wohne hier sehr weit draußen. Ich hab keine Nachbarin. Die gehen alle arbeiten, die Frauen. Ich bin hier weit und breit praktisch die einzige. Um hier mal ein bißchen rauszukommen! Ich hab gedacht, wenn ich mir das gut einteile, schaff ich das auf jeden Fall. Ich war mal Krankenschwester, das ist inzwischen 20 Jahre her. Da würd ich sehr gern mal wieder was machen. Da hab ich gedacht, ich geh erst mal zum Roten Kreuz, mach da nen Lehrgang, und dann geh ich eben wieder ein paar Stunden arbeiten. Um mal die Tapete zu wechseln. Wenn mein Mann abends nach Hause kommit, ist er natürlich auch nicht mehr so munter, daß er die Probleme, die ich hier habe, vom Kaufmann oder was weiß ich, da hat der dann kein Ohr mehr für. Und da ich hier so gar keinen habe, mit dem ich mal so reden kann, hab ich gedacht, gehste mal wieder ein paar Stunden raus. Daß man mal wieder unter die Leute kommt. Das hab ich auch gemerkt, als ich verreist war, daß sehr viele Frauen in ihrem Haushalt so isoliert sind.

Im Mütterheim stand bei Diskussionen immer der Wunsch nach Berufstätigkeit an erster Stelle. An zweiter rangierten die Probleme in der Kindererziehung. Auch bei den Arbeitsämtern ist das häufigste Motiv der Hausfrauen, die wieder in den Beruf wollen, die häusliche Isolation.

In der Pross-Untersuchung hingegen liest sich das ganz anders: „Im Gegensatz zu den in der Öffentlichkeit verbreiteten Vermutungen ist auch das Ausmaß der sozialen Kontakte kein Problem. Die Mehrheit fühlt sich nicht isoliert und hat kaum Verlangen nach mehr geselligen oder anderen Beziehungen über die bestehenden hinaus. Hier befindet sich die öffentliche Kritik auf einer falschen Spur.“

Aber: welche Frau gesteht sich und anderen schon gern direkt ein, wie sehr sie isoliert ist — das tritt erst bei der Schilderung ihres Alltags zutage. Und auf welches Maß von menschlichen und sozialen Kontakten glauben Frauen Anspruch haben zu dürfen? Doch zurück zu Frau Winterfeldt. Sie ist eine recht energische Frau. Wie kommt es, daß ihr Mann ihr die Berufstätigkeit verbietet und daß sie sich das verbieten läßt?

Na, erstmal meint er, ich schaff es nicht. Und da ich mich auch sehr intensiv um die Schularbeiten der Kinder kümmre, meint er, das schaff ich dann nicht mehr. Und unsere beiden Jungens, das sind nicht solche Leuchten in der Schule, da muß ich dann immer hinterhaken. Und da meint er, daß ich mich dann übernehme. Denn ich kann im Haushalt nichts liegenlassen. Ich würde meinen Haushalt genauso machen wie wenn ich nun nicht arbeiten würde. Und er meint, ich hätte das auch finanziell nicht nötig, ich sollt mich lieber zwei Stunden in die Sonne setzen.

Aber wenn Sie doch selber meinen, Sie hätten Lust, arbeiten zu gehen. Was sagen Sie ihm denn dann?

Also, zuerst hatte ich eine ganz große Diskussion mit ihm. Er hat mir erklärt, daß er mir das verbieten könnte. Und das seh ich nicht so ganz ein. Ich halte zwar nicht so sehr viel von Emanzipation, weil ich mich nicht unterdrückt fühle. Ich behaupte mich immer, wenn irgendwas ist. Aber ich hab immer hin und her überlegt: Das kann doch nicht sein! Wie kommt ein Mann dazu, einer Frau zu verbieten, wenn sie arbeiten gehen will? Und da hab ich mich denn mal nach erkundigt. Und der hat recht. Das kann er. Wußten Sie das, daß er das kann?

In der Tat: im § 1356 des Bürgerlichen Gesetzbuches heißt es wörtlich: „Die Frau ist berechtigt, berufstätig zu sein, soweit das mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“ Wenn also Mann und Richter befinden, daß es nicht vereinbar sei, dann darf eine Ehefrau eben nicht berufstätig sein ... Dieser Paragraph soll im neuen Ehe- und Familienrecht so geändert werden, daß eine freie Entscheidung der Ehegatten über die Aufgabenverteilung im Haus und außer Haus möglich ist. Womit das Gesetz dann fortschrittlicher sein würde als die Realität, denn noch ist die weibliche Innenwelt und die männliche Außenwelt fest in unseren Köpfen verankert. Männliche Macht basiert auf weiblicher Ohnmacht und Unwissenheit. Frau Winterfeldt mußte 40 Jahre alt werden, um von diesem Gesetz zu erfahren.

Ich hab mit 20 geheiratet.

Warum?

Na, erstmal, weil ich ihn geliebt hab, hab ich ihn geheiratet. Und zum anderen war das bei uns sehr schwierig. Ich saß im Osten, er im Westen, und mein Mann verlor die Mutter. Da war das für meinen Mann sehr schwierig, erstmal ohne Mutter — sein Vater kümmerte sich nicht um ihn — überhaupt alleine zu existieren. Ich hatte praktisch schon mit 17, wie ich verlobt war, die Pflichten, ich mußte seine Oberhemden waschen und alles, denn er hatte ja niemanden, der das machte für ihn.

Hätte er das nicht selbst machen können?

Ja, natürlich. Hat er auch gemacht. Aber dann war das nicht so richtig, wie ich mir das vorgestellt hab ... Dann haben wir uns das überlegt. Ich hab gesagt. Wenn ich sowieso alles mach, dann können wir auch heiraten. Wir suchen uns irgendwo ein Zimmer, ich geh arbeiten, und er studiert.

Da hab ich jahrelang arbeiten müssen. Ich hab ja jahrelang in unserer Ehe gearbeitet. Mein Mann hat ja erst angefangen zu studieren, als wir geheiratet haben. Wir waren eine typische Studentenehe. Ich hab aber nicht als Krankenschwester gearbeitet, weil man vor 20 Jahren sehr wenig Geld als Krankenschwester verdient hat. Da bin ich in einen großen Betrieb gegangen, in eine Kantine, und hab da als Serviererin gearbeitet. Ich hab auch dadurch eine ganze Menge mehr verdient, und ich hab jeden Tag für uns das Essen gehabt. Nach zehn Jahren war mir das dann über, da wollte ich mal aufhören.

Warum ist Herr Winterfeldt dann heute nicht mehr damit einverstanden, daß Sie auch außer Haus arbeiten?

Ja, er meint, das ist einfach zuviel Arbeit.

Meinen Sie, das sind die wirklichen Gründe? Oder hat er vielleicht ganz andere?

Na, ich hab schon gedacht, daß er vielleicht auch son bißchen an seine eigene Bequemlichkeit denkt. Hab ich ihm auch gesagt. Dann kannst du ja vielleicht auch mal deine Schuhe putzen, hab ich ihm gesagt, das widerstrebt dir vielleicht. Natürlich, wenn ich arbeiten geh — vielleicht will er das nicht ...

Wenn Sie da heut so darüber nachdenken, und wenn Sie es anders hätten machen können: Meinen Sie, es ist gerecht, daß Sie gearbeitet haben, Ihr Mann studiert hat, und Sie heute mit 40 dastehen, ohne Beruf?

Na ja, also gerecht ... gerecht ist es wahrscheinlich nicht. Aber ich fühl mich nicht benachteiligt.

Es hat einer Gehirnwäsche von Jahrtausenden bedurft, damit wir Frauen uns trotz einer solch entmündigenden und schamlosen Abhängigkeit und Ausbeutung „nicht benachteiligt fühlen“. Wir nennen es dann auch noch „Liebe“, wenn wir mit 17 die hemdenbügelnde Mutter ersetzen; wenn wir heiraten, weil wir „ja doch schon alle Arbeit tun“, wenn wir schuften, um dem Mann das Studium zu finanzieren, und ihm lebenslang die Schuhe putzen.

4 Von der Biologie zum Küchendienst verdammt?

Wie aber wurden sie dazu gemacht? Der amerikanische Psychologe Staller fand heraus, daß Mütter männliche Babys anders pudern und cremen als weibliche. Kleine Jungen werden von ihren Müttern sinnlicher gestreichelt als kleine Mädchen. Diese ersten Sinnlichkeiten sind das Fundament für die spätere Sexualität; männliche Leidenschaft und weibliche Scheu sind also gar nicht so „natürlich“! Die unterschiedlichen Konditionierungen der Geschlechter von den ersten Stunden an kommen nicht sofort zum Tragen. Kleine Jungen und kleine Mädchen haben zunächst dieselben Fähigkeiten und Talente. Doch je älter sie werden, um so unwiderruflicher zeichnen sich die Konturen ab. Das biologische Geschlecht wird zum primären sozialen Sternpel. Und da genügt es leider nicht, auch mal das Mädchen mit dem Auto und den Jungen mit den Puppen spielen zu lassen. Da, wo die Eltern versuchen, ihren Kindern Geschlechterraster nicht aufzuprägen, holen Umwelt und Schule es nach, präparieren Männer für das feindliche Leben und Frauen fürs Spülen und Hegen.

Familie, Liebe, Mutterschaft: das alles hat Simone de Beauvoir, Autorin von „Das andere Geschlecht“ und radikalste Theoretikerin gegen die Frauenunterdrückung, schon vor 20 Jahren analysiert; sie schrieb: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.“ Sie demaskierte die sogenannte Weiblichkeit als Vorwand zur wirtschaftlichen und emotionalen Ausbeutung des einen durch das andere Geschlecht. Zu dem Thema Hausarbeit sagte Simone de Beauvoir vor einigen Monaten in einem Interview zu mir:

Um die Frauen zur Gratisarbeit zu bringen, kann man ihnen allerdings nicht die Schönheit und Mystik zum Beispiel des Geschirrspülens preisen oder des Wäschewaschens. Also predigt man ihnen die Schönheit der Mutterschaft, damit man sie ans Haus und die Hausarbeit bindet. Man will die Frauen unbedingt davon überzeugen, daß sie, wenn sie nicht vor allem Mütter sind, ihre Berufung als Frau verpaßt haben — und das klappt, unglücklicherweise.

Der bekannte amerikanische Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith zu diesem Vorgang in seinem Buch „Wirtschaft für Staat und Gesellschaft":

Die Verwandlung der Frauen in eine heimliche Dienstklasse war eine ökonomische Leistung ersten Ranges. Diener für niedere Arbeiten konnte sich nur eine Minderheit der vorindustriellen Gesellschaft leisten, im Zuge der Demokratisierung steht heute fast dem gesamten männlichen Bevölkerungsanteil eine Ehefrau als Dienerin zur Verfügung.

Am Anfang dieser „ökonomischen Leistung ersten Ranges“ stand die Erfindung des sogenannten Mutterinstinktes. Seine subtilsten und damit gefährlichsten Propagandisten sind heute die Psychologen. Auch Wissenschaftler, die sich für aufgeschlossen halten, wie zum Beispiel Alexander Mitscherlich, spielen da mit:

Die prägenden Einflüsse der Mutter sind die älteren; sie entstehen in der intimsten Zwei-Personen-Beziehung. Sosehr sich durch die Entwicklungen in der spezialisierten Großgesellschaft die Berufsrollen von Mann und Frau angleichen mögen, es bleibt ein natürlicher, biologisch bedingter Unterschied. Soweit Nützlichkeitserwägungen diesen Unterschied verwischen wollen, bedingen sie unweigerlich eine pathologische Entwicklung des einzelnen. Andere gesellschaftliche Einrichtungen können die Intimsphäre zwischen Mutter und Kind niemals gleichwertig ersetzen; Urvertrauen erwirbt das Kind nur im Umgang mit ihr und sonst niemandem.

Die neue Generation wird aber selbstbewußter und unabhängiger sein als zum Beispiel Hannelore Borchert, Ehefrau eines Bild-Reporters, der mit seiner Frau eine Woche lang die Rollen vertauschte und Bild-Leser über das Experiment auf dem laufenden hielt. Der Zeitung war zu entnehmen, daß Frau Hannelore sich zunehmend wohler fühlte. Bisher Vollhausfrau, saß sie nun in der Rezeption eines großen Hotels, ging schon mal mit Kollegen abends einen trinken und hätte es wohl gern ein Leben lang so weiter gemacht — wäre nicht die ach so originelle Reportage ihres Mannes bald zu Ende gewesen.

Zum krönenden Abschluß schrieb er seiner Frau folgenden öffentlichen Brief, den die Bildzeitung mit zwei herzgerahmten Fotos des Ehepaares schmückte:

Meine liebe Frau! Die Milch ist angebrannt, die Waschmaschine ist kaputt, der Große hat in die Hose gemacht — bleibe bitte zu Hause, mein Schatz, und übernimm wieder das Kommando über Kinder, Kochtopf und Kühlschrank! Vor 14 Tagen wollte ich Dir noch beweisen, daß man einen Haushalt mit der linken Hand machen und nach dem Putzen noch putzmunter sein kann, daß Kindererziehung ein Kinderspiel ist und vom Haushaltsgeld eigentlich noch etwas übrigbleiben müßte. Jetzt steht unser Haushalt kurz vor der Auflösung. Mein Rücken tut vom Putzen weh, und das Geld ist auch alle. Wenn ich Dich noch einmal heiraten sollte, würde ich Dich zweimal um Deine Hand bitten: um die linke fürs Herz und um die rechte für die fürchterliche Arbeit, die Du Dir da aufgeladen hast. (...) Doch nun zu Dir und Deinem Ausflug in die Freiheit. Ich weiß, Du würdest gern beides tun wollen: den Haushalt und die Kinder — und die Abwechslung im Beruf. Ich liebe Dich dafür, daß Du Dich für Dein Heim und die Kinder entschieden hast. Noch brauchen sie Dich aber sie werden auch mal größer, und dann können wir noch einmal darüber sprechen. Eines werde ich nicht vergessen! Die Freiheit, die Du geschnuppert hast, in diesen 14 Tagen, hat Dich zu Deinem Vorteil verändert. Deshalb verspreche ich Dir in Zukunft öfter einen freien Tag! Schließlich muß ich doch hin und wieder mal zeigen, was ich in diesen 14 Tagen gelernt habe. Tschüß, ich bin einkaufen gegangen. Dein Uli.

Soviel offener Zynismus macht sprachlos. Nachdem der clevere Herr Borchert seinen journalistischen Gag verkauft hatte, mußte Frau Borchert also wieder zurück zu Kindern & Kochtopf. Der „Ausflug in die Freiheit“ — wie er es in schamloser Offenheit nennt — endete im Gefängnis des Haushalts. Nicht ohne daß er ihr wohlwollend bescheinigt, daß Freiheit schön macht — öfter mal ein Happen Freiheit für Frauchen, das macht die Ehenächte wieder spannend. Und wenn er Lust hat, wird er ihr in Zukunft also hie und da mal wieder einen freien Tag bescheren. Es steht in seinem Belieben. Er will sogar über ihren Berufswunsch nochmals reden!

Ein Feudalherr hätte mit seinen Leibeigenen nicht netter umgehen können.

5 Der Hausfrauenlohn ist ein Köder, der die Frauen von der Emanzipation weglocken soll

Eines der neuesten Beruhigungsmittel ist das Gerede vom Hausfrauenlohn. Das hört sich schön an, ist aber — genau wie das Projekt „Tagesmütter“ — gefährlich, da es die Frauen, die sich langsam, aber sicher auf den Weg nach draußen machen, wieder in ihr Küchen-Getto zurück werfen würde. Ein solcher vom Staat zu zahlender Hausfrauenlohn wäre übrigens kein Lohn, sondern bestenfalls ein Nadelgeld: in der Bundesrepublik sind, wie auch in anderen westlichen Ländern, nicht mehr als 300 Mark monatlich im Gespräch! Dieses Taschengeld, gedacht zur Minderung der Hausfrauen-Irritation und zur Beibehaltung des Familienkonsums, würde vielen Hausfrauen zunächst einmal wieder die Sicht vernebeln, würde sie kurzfristig besänftigen, würde Männern Argumente für die Verbannung der Frauen in die Küche geben und wäre neuer Mörtel zur Zementierung der männlichen Außenwelt und der weiblichen Innenwelt.

Was also sollten Frauen heute tun? Sie müssen an sich denken! Schluß mit der Verzichthaltung! Sie müssen, wenn sie berufstätig sind, die Übernahme der Hälfte der Haus- und Erziehungsarbeit vom Mann fordern. Von ihrem Mann! Wenn’s auch schwerfällt. Denn es ist lästig und kostet noch mehr Kraft, wenn die Frau in einem täglichen Kleinkrieg dem Mann die Teller vorzählt, die sie für ihn spült. Sie wird dann bloß als Kleinlichkeitskrämerin lächerlich gemacht.

Die hauptberufliche Hausfrau soll einen qualifizierten Beruf planen. Die Gelegenheit war noch nie so günstig, denn der Arbeitsmarkt braucht die Frauen, sie sind die letzte Reserve. Vor allem darf sie sich nicht weiter verschaukeln lassen zur Doppelbelastung! Das Ausbildungsförderungsgesetz bietet da mehr Möglichkeiten, als so manche Frau ahnt.

Dazu muß eine Frau sich nicht in ungewollter Ehe prostituieren. Sie kann — wenn auch unter großen Schwierigkeiten — von einem Tag zum anderen finanziell relativ unabhängig sein und sich gleichzeitig ausbilden lassen für einen zukunftsreichen Beruf. Sie sollte sich dabei auf keinen Fall mit einem „Job“ zufriedengeben und sich auch nicht von den kurzfristigen Markterfordernissen einschüchtern lassen. Sie sollte nicht vergessen, daß sie oft noch 20, 30 Jahre Berufstätigkeit vor sich hat. Aber auch Frauen, die nicht in einer akuten Ehekrise stecken, sollten unbedingt kurz- oder langfristig ihre Rückkehr in einen Beruf vorbereiten. Und sollte die Hausarbeit bis dahin ab und zu überhandnehmen, sollten die Familienmitglieder alle Ermahnungen vergessen und wieder selbstsüchtig werden, dann können sie es immer noch halten wie Anne Round, englische Hausfrau aus Mossly, deren Familie eines Tages folgendes Flugblatt über dem Kamin im Wohnzimmer fand.

Ich möchte die Bewohner dieses Hauses davon unterrichten, daß ich ab 30. Juni im Streik bin. Es gibt kein Wäschewaschen, Bügeln, Kochen, Saubermachen, Bettenmachen und keine anderen Hausarbeiten mehr. Ich befinde mich im Sitzstreik auf meinem Platz im Eßzimmer!

Befragt, warum sie streike, antwortete Anne Round, sie habe sich so geärgert, daß sie nach einem Besuch bei ihrer Mutter zu Hause eine unbeschreibliche Unordnung vorgefunden hatte.

Überall standen schmutzige Tassen herum. Das Marmeladenglas war offen, und der Tisch mit Brotkrümeln übersät. Aber das war nicht alles: mein Mann hatte das Wohnzimmer in eine Werkstatt verwandelt, Lötkolben und anderes Werkzeug lagen auf den guten Sachen herum.

Es ist nicht bekannt, wie der Streik von Anne Round ausging. Jedenfalls ist Anne Round keine glückliche Sklavin, sondern eine rebellierende.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1975
, Seite 35
Autor/inn/en:

Alice Schwarzer:

32 Jahre alt, Journalistin, ledig, kein Kind. Lebte längere Zeit in Frankreich, jetzt in Berlin. Bücher: Frauenarbeit — Frauenbefreiung (ed. suhrkamp, DM 6); Frauen gegen § 218 (ed. suhrkamp, DM 5); Der kleine Unterschied und seine großen Folgen (Fischer Verlag, Frankfurt, DM 14,80; in Druck). Interviews mit Simone de Beauvoir im NF Februar 1972 und Kursbuch 35.

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