FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1977 » No. 282/283
Heidi Pataki

Gloggnitz z.B.

Wo die Neue Rechte herkommt

Zwangsarbeit & Todesstrafe! Es droht ein neues Volksbegehren von rechts: nach der „Aktion Leben“, deren Ziel es war, die Reform der Abtreibung rückgängig zu machen (im Parlament soeben abgeschmettert), soll jetzt die ganze Strafrechtsreform wieder umgekrempelt werden.

Der Anlaß für das blutdurstige Begehren war ein Sexualmord in einer niederösterreichischen Kleinstadt: Hilfsarbeiter erwürgt Mädchen aus reicher Familie — eine soziale Konstellation, die wie eh und je zur Klassenjustiz herausfordert. Gloggnitz wurde zum Synonym für die Todesstrafe und zum Aufmarschplatz der Neuen Rechten. Hier trafen die drei wieder zusamm’: das traditionell rechte besitzende Kleinbürgertum der Provinz; eine offen faschistische Partei, die NDP; und die Kronen-Zeitung.

Industrieruine mit Eisernem Kreuz

Gloggnitz ist ein ausgepowerter Ort, halb Wirtshaus, halb Industrieruine. Kann man seine ökonomischen und sozialen Blößen mit Parolen verkleistern, seine leeren Fensterhöhlen mit Plakaten stopfen? Zwei Symbole beherrschen den Papierkrieg, der in Gloggnitz tobt: Eisernes Kreuz und Lebensrune. Schwarz auf weiß prangt das Kreuz auf den mannshohen Plakaten des Kameradschaftsbunds, die zur Hundertjahrfeier Mitte Mai in Mödling einladen. Es baumelt zwischen Plaketten und Abzeichen an grünen Lodenjoppen. Blankgeputzt steckt das EK in natura auf den Marmorgräbern im vornehmen Gloggnitzer Waldfriedhof, wo auch das ermordete Mädchen begraben liegt.

In Gloggnitz findet gerade ein Treffen rüstiger Männer statt, am hellichten Werkeltag ziehn sie von Wirtshaus zu Wirtshaus. Einer im Steirergwand und mit Gamsbart hat eine Armbinde um, in den Farben Schwarz-Rot-Gold, auf der zu lesen steht: Obmann der Gemeinde Pottschach. Das ist ganz in der Nähe. Die Männer wirken wie eine aggressive Mischung aus Volkstanzgruppe, Kameradschaftsbund und Naturwacht. Der Trachtenlook des Faschismus!

Das Zentrum von Gloggnitz bildet die Sparkasse. Drum herum sind die unvermeidlichen Supermärkte gruppiert, von jeder Ladenkette einer: Konsum, Hofer, Billa. Die Kirche aus dem Barock ließ man droben auf dem Berg, wo sie verfällt, dafür ragt abseits hingequetscht ein Betonturm mit Glocke in die Höhe. Entlang der Hauptstraße reiht sich Wirtshaus an Wirtshaus, doch bei keinem entdeckt man ein Schild „Zimmer frei“ oder „Fremdenzimmer“; auf Übernachtungen sind sie nicht eingerichtet, damit rechnet man gar nicht. Ein, zwei Gasthöfe am Platz wirken recht solide, gradezu wohlgenährt, hier speisen die Autofahrer, die in der Gegend zu tun haben. Anderswo kriegt man kein warmes Essen, höchstens Bohnensuppe — das sind richtige Kneipen wie in einem Proletarierbezirk der Großstadt. Nur daß jetzt die angestammten Gäste fehlen, die Arbeiter.

Feze für die Monarchie

Das industrielle Herz von Gloggnitz ist heute eine armselige Fez-Fabrik: zu Zeiten der Monarchie wurde hier der rote Filz für die Käppis der Mohammedaner, der „Bosniaken“, erzeugt. Als der schwungvolle Handel mit den Kronländern vorbei war, stieg die Fabrik auf „Industriefilze aller Art“ um. Mit Müh und Not hält sich das Werk auch noch mit der Fertigung von „Plaids, Kappen, Schals“ über Wasser; das besagt die verwaschene Schrift an der Wand.

Ganze Fabrikanlagen daneben stehen leer, der Verfall tritt überall deutlich zutage. Nahe der schwachbrüstigen Adlerbrücke über die Schwarza blieb an einer Plakatwand ein älterer Text erhalten, aus der Zeit, als über die Slowenen abgestimmt wurde („geheime Erhebung der Muttersprache“): „JA! Zu Deutschösterreich — NDP.“ Die Neonazis hatten längst vor Mord und Todesstrafe ihren Fuß in Gloggnitz.

Der Lokalaugenschein zeigt eine soziale Topographie, wie sie auch auf andere Kleinstädte rund um Wien zutrifft.
Immer nach der Faustregel: Peripherie der Großstadt; rückständige Industrie, die unaufhaltsam verkommt; kein Tourismus, eben wegen der Industrie — manche Schlote qualmen noch. Dazu Arbeiter, die oft Pendler sind; Arbeitslose, Kleinhäusler ... und drüber eine winzige Schicht wohlhabendes Kleinbürgertum, à la Provinz. Auch ein paar alteingesessene Bauernfamilien mit viel Holz & Korn: ihnen gehören die Getreidesilos, Bäckereien, Sägewerke, Fahrschulen ... Das ist der Nährboden für die Alte und Neue Rechte.

Eine Achse von Perchtoldsdorf und Mödling — beides Hochburgen des Kameradschaftsbunds — über Wiener Neustadt ins Semmeringgebiet, nach Gloggnitz. Dabei spielt auch die besondere Malaise des Semmerings eine Rolle. Sein einstiger Glanz ist dahin: Der berühmte Höhenkurort der Jahrhundertwende, die beliebte Sommerfrische der Wiener hat abgewirtschaftet, die altmodischen Hotelkästen werden verlustreich verschachert, brennen ab, gehn pleite.

NDP: Verzweiflung der dorfbeherrschenden Kleinbürger

Wie ein Schwarm Heuschrecken sind die NDPler in Gloggnitz eingefallen, nachdem der Fahrschulbesitzer Gansterer zum Todesstrafe-Volksbegehren aufgerufen hatte. Norbert Burgers Partei wittert Morgenluft, wenn sich wo ein Rückfall in die finsteren Zeiten ankündigt. Das war schon so beim Volksbegehren der „Aktion Leben“, und diesmal, bei der „Aktion Tod“, erst recht — trifft doch der Sägewerksbesitzer Burger hier auf vertraute Verhältnisse! Burger marschierte beim Begräbnis des Opfers mit, mischte sich unter die Trauergäste, organisierte ein paar Tage später eine große Kundgebung am Sparkassenplatz in Gloggnitz.

NDP-Plakate überall; sie kleben an Bäumen, Verkehrsschildern, Telegrafenmasten, Hausmauern. Viele weisen allerdings Spuren von Gewaltanwendung auf, sie sind zerkratzt, halb runtergerissen, überschmiert — als hätten sich die Bewohner der Parolen geschämt. In Gelb-Schwarz stehts zu lesen: „NDP fordert Todesstrafe!“ Oder in Schwarz-Weiß-Rot: „Mehr Schutz für unsere Frauen und Kinder. Wir fordern die Todesstrafe für Kindesentführung und Blutverbrechen!“ Die Lebensrune bedeutet Tod.

Angesichts der bodenständigen Hysterie von Sex und Tod nehmen die harmlosesten Dinge eine gewisse Zweideutigkeit an, der Verfolgungswahn wirkt ansteckend: Lauernde Blicke treffen einen, man selber beginnt die Leute mißtrauisch zu beobachten. Dort lungern zwei junge Burschen neben ihren Mopeds und starren einer Schulklasse halbwüchsiger Mädchen nach ... Verdacht erregt auch ein Schild in der Auslage eines Geschäfts: FAHNDUNG! Und darunter: Belohnung S 2.000,—. Ist der Mörder gemeint? Nein, bloß die Prämie für ein altes Modell der Singer-Nähmaschine.

Am steilen Weg hinauf zum Kirchberg hängt ein Marienbild im Fels, das mit frischen Blumen geschmückt ist. Neben dem blassen Öldruck erkennt man die Zeilen:

Herzliebstes Kind, wo gehst du hin,
Bedenke, daß ich deine Mutter bin.
Ich liebe dich so inniglich,
Drum bleibe stehn und grüße mich.
„Ziel der Jugenderziehung ist Erziehung zu nationalbewußten und pflichtgetreuen Deutschen, die mit Mut und Selbstbehauptungswillen die Zukunft meistern“
(ANR-Jahresbericht 76). Die neofaschistische Aktion Neue Rechte (ANR) wurde zu den Hochschulwahlen vom 11./12. Mai 77 zugelassen, während gleichzeitig die Kandidatur einer „Linken Liste“ in Wien nicht angenommen wurde. Am 30. März kam es zu der hier abgebildeten Wahlwerbung der ANR (Lautuntermalung: „Rote Judensau!“ u.ä.). ANR-Mann Georg Grasser zog eine Gaspistole und schoß auf linke Studenten. Verhaftet wurde aber nicht Grasser, sondern der Antifaschist Wolfgang Pühringer, der eine Woche in U-Haft blieb und jetzt einem Prozeß entgegensieht. Die ANR erhielt 454 Studentenstimmen (1,2%).

Die Bestie im Feuerschein

Flußabwärts der Schwarza, bei Wimpassing, stinkt es nach verbranntem Gummi: hier ging vor Wochen ein Lager Autoteifen in Flammen auf, durch Brandstiftung. Der Anschlag galt den Semperit-Werken, die während der Rezessionsjahre ziemlich unter Druck gerieten — schlechte Zeiten für den Semperit-Konzern! Viele Leute aus der Umgebung waren damals beim Feuer dabei. Am nächsten Tag schwemmte die Schwarza ein totes Mädchen an, ermordet von einem verwahrlosten Arbeitslosen, der „Bestie von Gioggnitz“. Der Vater des Mädchens ist ein wohlhabender Gloggnitzer, Besitzer einer florierenden Fahrschule.

Im Ort gibt es zwei Dynastien: die Dirnbachers und die Gansterers. Die Dirnbachers betreiben ein ausgedehntes Sägewerk, eine Großtischlerei, eine Getreideverwertung mit Silos, eine Bäckerei. Die Gansterers besitzen zwei Fahrschulen, eine in Neunkirchen und eine in Ternitz, dem Sitz der Vereinigten Stahlwerke, ein paar Kilometer vor Gloggnitz. Ein Gansterer ist Gastwirt und Obmann der Raiffeisenkasse.

Fahrschulen sind ein gutes Geschäft, besonders auf dem Land; die Entfernungen sind groß, öffentliche Verkehrsmittel rar, und grade die Pendler sind auf ein Fahrzeug angewiesen. Eine wichtige Funktion also, die mit hohem Sozialprestige verbunden ist, wie alles, was mit Autos und der dazugehörigen Industrie zu tun hat.

Aktion Tod

Der Fahrschulbesitzer Gansterer handelte rasch und seiner gesellschaftlichen Position gemäß: Er plädiert für Henker und Arbeitslager. In Wien bestürmte er die Politiker im Parlament, sich doch für die Wiedereinführung der Todesstrafe einzusetzen. Die Abgeordneten reagierten jedoch vorsichtig, teils mit Kritik, teils mit Ablehnung, und speisten ihn mit Worten des Beileids ab. Daraufhin verfaßte Gansterer einen offenen Brief „an alle Zeitungen des Landes“: den Aufruf zu einem Volksbegehren zwecks Wiedereinführung der Todesstrafe.

Aber nur die Kronen-Zeitung druckte den Text in voller Länge ab — als wärs ein Stück von ihr. In biederem Untertanenamtsdeutsch heißt es da unter anderem: „Wegen der humanen Justizpolitik unseres Landes und der offensichtlichen Unfähigkeit der durch unser Volk bezahlten Politiker ist es derzeit unmöglich, arbeitsscheue Individuen zur Zwangsarbeit anzuhalten, wodurch solche Verbrechen von vornherein eingeschränkt werden könnten, sowie die Verbrecher nach ihrer Verurteilung durch die Todesstrafe zu eliminieren ...“ (KZ, 2. März).

Für die Kronen-Zeitung kam dieser Mord wie gerufen — eine neue blutrünstige Kampagne war schon fällig. Nach der Hetze gegen Gastarbeiter, Linke und subversive Jugendliche endlich wieder ein herzhafter Brocken! Todesstrafe ... ein Thema, das wie kein andres geeignet ist, die untersten Emotionen zuoberst zu kehren. Davon lebt ja die Krone. Solche Feldzüge sind die wahre Basis ihrer Existenz: die Unzufriedenheit, die Verbitterung, den Zorn der Menschen auszubeuten und auf die schiefe Bahn zu leiten. Eine permanente falsche Revolution.

„Beauftragen Sie Ihre Zeitung mit der Durchführung des Volksbegehrens!“ Diesen Schlachtruf aus Gloggnitz griff die größte Zeitung des Landes denn auch begierig auf. Die Lokalreporter wateten tagelang in einem Blutbad von Druckerschwärze. In diesem Klima gediehen noch einige weitere Mordfälle.

Die Pranke des Redakteurs

Wie jede Literatur brauchen auch Leserbriefe Vorbilder und Stile, an denen sie sich ausrichten können. Prompt erschien zum Auftakt das Schreiben einer anonymen „treuen Leserin“ unter der Spitzmarke „Todesstrafe — zu gut!“: „Wir Frauen, Mütter und Großmütter sind furchtbar empört über dieses Sexualverbrechen. Die Todesstrafe wäre für diese Bestie in Menschengestalt noch viel zu gut“ (KZ, 2. März). Ärgeres als der Tod ... so was ist nur der Pranke eines Redakteurs geläufig. Das ist die bewährte Strategie des Massenblattes: das Feuer zu schüren, um es dann im nachhinein als „Volksmeinung“ zu dokumentieren (KZ, 15. März).

Bestialisch sind die sozialen Gegensätze in einer Kleinstadt wie Gloggnitz. Arme und Reiche leben hier unüberwindlich voneinander getrennt, schon rein geographisch. Die Schwarza fließt am Fuß der Nordhänge entlang, wo es düster und feucht ist. Da befinden sich die verfallenden Industrieanlagen, die Ziegelbauten mit zerbrochenen Fensterscheiben. Es schaut aus wie nach dem Krieg. Schmutzig und rußig wirkt die ganze Gegend, auch die Bahn fährt hier durch. Auf die sanftgeschwungenen Hänge gegenüber scheint den ganzen Tag die Sonne, dort stehn die Villen mit gepflegten Blumengärten davor.

Am Ufer der Schwarza hauste auch die „Bestie von Gloggnitz“, Krausner, in einer baufälligen Keusche mit Frau und vier Kindern: Hilfsarbeiter, stellungslos. Zur allgemeinen Arbeitslosigkeit kamen bei ihm eine Menge Vorstrafen wegen irgendwelcher kleiner Diebstähle, oft bloßer Mundraub. Zuletzt muß er auf einer fast schon vorzivilisatorischen Stufe gelebt haben, als eine Art Jäger & Sammler. Er nährte sich von den Früchten des Waldes, aber selbst die haben heutzutage einen Besitzer. Er wilderte, legte Schlingen, raubte die Fallen der legitimen Jäger aus, schoß auf Tauben und Amseln.

Mordskonkurrenz

Die Krone delektiert sich an den Qualen des Opfers, der Kurier schwelgt in der Schilderung der Primitivität des Täters. Als Beweis seiner unfaßbaren Grausamkeit diente ihm die Tatsache, daß Krausner „so gern Amseln aß“. Singvögel! (Kurier, 1. März).

Schon aus Konkurrenzgründen stellte sich auch der Kurier in den Dienst der rechten Sache, bloß versteckter, sozusagen durch die Puste-Blume. Am 3. März, einen Tag nach dem Start der Todesstrafenkampagne in der Kronen-Zeitung, erschien ein groß aufgemachter Bericht über die „späte Rehabilitierung der Südtiroler Sprengstoffattentäter“: „Bumser werden Bürger“. Er enthielt ein Loblied auf den altfaschistischen Schützenmajor Georg Klotz, der als der „tote Held von Südtirol“ apostrophiert wird. Die Dynamitanschläge der rechtsradikalen Terroristen aus den sechziger Jahren werden darin als „absolut erklärbare und menschlich gerechtfertigte Handlungen idealistischer Männer“ hochgejubelt, ein Ausspruch, den man vorsichtshalber dem Chef der Südtiroler Volkspartei in den Mund legt. Diese „Männer, die für ihre Heimat alles gewagt und eingesetzt hatten“ und dafür von den Katzelmachern manche Schikanen erdulden mußten, haben jetzt offenbar wieder Oberwasser. Damit hat der Kurier geschickt die historische Parallele zu den grade stattfindenden Treffs der NDP und den Schlägertrupps der Aktion Neue Rechte hergestellt.

Vier Wochen lang, von Anfang März bis Anfang April, brachte die Kronen-Zeitung regelmäßig einen Kasten mit Leserbriefen zum Thema Todesstrafe — mit der heuchlerischen Begründung, „um sie zur weiteren Behandlung an das Parlament weiterzugeben“. Die ältesten Abonnenten schienen sich darin auszutoben: Schluß mit der Humanitätsduselei! Sie predigen Lynch- und Selbstjustiz; außer Henker und Arbeitslager fordern sie Kastration, Strafverschärfung, zumindest die „volle Ausschöpfung des Strafrahmens“. Dabei ist die ohnehin zahme Justizreform kaum erst richtig in Kraft ...

Todeswütige Diplomingenieure

Ein tiefer Blick in die Volksseele? Er trügt. Die „großen Teile der Bevölkerung“, die angeblich das Volksbegehren unterstützten, bestehen vor allem aus graduierten Akademikern in noblen Wohngegenden, wie man an den Titeln und Adressen der Schreiber ablesen kann.

Der mörderische Tonfall der Bourgeoisie ist unverkennbar. Eine besonders wüste Spezies von Leserbriefschreibern sind stets die „Dipl.-Ing.“. Auch beim Thema Todesstrafe marschieren sie in vorderster Front. Ihnen sind nicht zuletzt ihre akademischen Kollegen, die forensischen Psychologen und Psychiater, ein Dorn im Auge: „Psychologische Kinkerlitzchen!“ Die Sozialpsychologen sind „der Wurm im Apfel unserer Gesellschaft!“ (KZ, 17. März).

Doch auch der Adel läßt sich nicht lumpen. Eine Frau „von“ aus der Wiener City fordert beispielsweise die „gnadenlose Kastration für abwegig veranlagte Männer, gleichgültig, ob es sich um Kranke, Schwachsinnige oder rohe Wegelagerer handelt ...“ (KZ, 26. März).

Ein öfter vorkommendes Motiv ist die Verquickung von Abtreibung und Todesstrafe: eins bedinge das andere. Gibt man die Abtreibung frei, so kann man nicht gut gegen die Todesstrafe sein. Ein alter Bekannter ist dieses Argument noch von der „Aktion Leben“ her!

Mittendrein in diese Briefe platzte dann am 25. März ein schwarzumrandetes Inserat, „bez. Anz.“, mit dem Text: „Heute bei Ihrem Trafikanten die neue National-Zeitung. Was im KZ Auschwitz wirklich geschah und warum die Todesstrafe notwendig ist.“ Was könnte den Neonazis zu dieser denkwürdigen Verbindung noch Neues einfallen, das nicht schon in der Krone stand?

Unübertroffen blieb das hohle Pathos, der knurrende Ton der redaktionellen Worte im Vorspann. Die Politiker werden wegen ihrer Laxheit gerügt, sie „werden ihre Strafreformen überdenken müssen. Der zunehmenden Kriminalität muß ein starker Riegel vorgeschoben werden“ (KZ, 2. März). Dann geht es Schlag auf Schlag. Triumphierend meldet die Zeitung die Zuschriften „von Zehntausenden“; es kämen „täglich ganze Berge von zustimmenden Postkarten“ (KZ, 15. März). Eine Blütenlese erscheint unter der bezeichnenden Frage: „Begünstigt Staat Kriminelle?“ einzig und allein zu dem Zweck, „damit den Politikern die Kluft, die es zwischen den etablierten politischen Kräften und großen Teilen der Bevölkerung in grundsätzlichen Fragen gibt ..., eindringlich vor Augen geführt wird“ (KZ, 15. und 16. März).

Wie weit reicht schon der erhobene Arm der Herren Burger und Gansterer? Die Demagogen der Kleinstädte bleiben ohnmächtig, wenn ihnen nicht die Kronen-Zeitung ihren starken Arm leiht. In der Krise wird zuerst die Journalistik hysterisch. Dank der abnormen Pressekonzentration in Österreich kann eine Handvoll Chefredakteure den Rechtsstaat erpressen; sie sind die wahren Terroristen und sehn es drum gar nicht gern, wenn ihnen eine unlautere Konkurrenz ins Handwerk pfuscht. Schon vor zwei Jahren, Ende April 1975, verlangte im profil Chefredakteur Lingens für Terroristen „ein besseres Standrecht“. Lingens erklärte den Kriegszustand: „Dazu zählt, daß Terroristen so kurz wie möglich in Haft zu behalten sind. Der einzige Weg dorthin ist die Wiedereinführung der Todesstrafe.“

Damit sind aber nicht die Subkulturen des einheimischen Rechtsterrorismus gemeint, von Ernst Dostal (1973) bis Hans Georg Wagner, der im Jänner 1977 durch seine eigene Bombe hops ging — gemeint sind die Linken. Als Ende vorigen Jahres die deutsche Staatsbürgerin Waltraud Boock bei einem Bankraub geschnappt wurde, atmete die Wiener Presse erleichtert auf: endlich „Querverbindungen“ zu Baader-Meinhof!

Mit heißen Ohren recherchierten Reporter aller Massenmedien — könnte man nicht auch in Österreich ein Terrornest ausheben? Auf drängende Fragen zuckte ein Beamter des westdeutschen Bundeskriminalamts im hiesigen Fernsehen bedauernd die Achseln: leider, Österreicher habe man bisher in der Szene noch nicht entdeckt. Unbeirrt schrieb die Kronen-Zeitung am 9. Mai: „Interpol warnte: Buback-Mörder wieder in Österreich!“ Ganz fette Schlagzeile: „Bei Jagd auf Terroristen: Polizei riegelte Graz ab!“

Die Provinz, aus der Hitler kam:
NDP-Anschläge in Gloggnitz (niederösterreichische Voralpen)

Apo von rechts

Aber das ist nur ein Nebenkriegsschauplatz. Die Hauptkampflinie verläuft gegen die Strafrechtsreform. Um die Politik der Liberalisierung zu knacken, bedient man sich der heimischen Sexualmörder. Dem Justizminister Broda gilt das Autodafé der Kronen-Inquisition: „Entgegen der Volksmeinung“ ist Broda nämlich der Ansicht, „die Bestrafung der Verbrecher in Österreich sei ausreichend. In diesem Zusammenhang erklärte der Minister, die Unsicherheit entstehe nicht auf der Straße, sondern in den Köpfen der Bevölkerung. Meint Dr. Broda damit wirklich, die allgemeine Angst vor der zunehmenden Kriminalität sei ein Hirngespinst? Unsere Leserbriefe widerlegen ihn täglich, und als demokratischer Minister täte Broda gut daran, Meinungen weiter Bevölkerungskreise ernster zu nehmen“ (KZ, 17. März).

Mit Broda hat die Kronen-Zeitung eine alte Rechnung zu begleichen — er ließ 1966, nach einer jahrelangen Kampagne des Kolumnisten Staberl gegen ÖGB und SPÖ, die Krone besetzen. Er ist der Repräsentant der Partei„linken“ innerhalb der Regierung; der alte Feind Franz Olahs, des geistigen Vaters des Blattes. Der Kronen-Verleger Hans Dichand im profil vom 3. Mai 1977 über die Linie seiner Zeitung: „Auch wir haben, da bekenne ich mich dazu, Sympathien und Antipathien für Politiker, gegen Politiker ... Natürlich ist das dieselbe Rolle, die, sagen wir, die außerparlamentarische Opposition spielt.“ Genau — die KZ ist eine Apo von rechts!

Immer noch ist das Verhältnis Broda—Kronen-Zeitung ein wunder Punkt, an dem sich die seismographischen Linien der österreichischen Politik kreuzen. Letzter Wirbel: die Berufung des Broda-Sekretärs Heinrich Keller in den ORF, was beinahe die Widersacher Bacher und Dichand zu einem zweiten Rundfunkvolksbegehren zusammengeschweißt hätte.

Bei diesem Anlaß fiel Kreiskys Wort von der „Zeitungspartei“. Bemerkenswert ist aber nicht nur, daß die Presse Politik macht, wichtiger ist noch, wie und wofür sie Politik macht. Zum Beispiel mit einem ermordeten Kind. Die Leiche wird politisch verwertet. „Die Sargträger haben 43 Kränze in ihren Listen eingetragen. Von ihren Eltern, von den Verwandten, von der Schule, von den politischen Parteien. Der Kranz, den ÖVP-Obmann Taus geschickt hat, ist noch größer als der der Eltern“ (KZ, 5. März).

Sehnsucht des Bürgers nach der Krise

Den größten Kranz hat angeblich Norbert Burger gespendet. Tendenzwende auf österreichisch: also makaber. Die kollektive Phantasie, geschickt manipuliert und inszeniert (das Begräbnis wurde im Fernsehen übertragen), antwortet auf die soziale Bedrohung mit Begräbnis- und Todesritualen. In der Krise braucht die Gesellschaft Opfer. Die BRD hat ihre „faulen“ Arbeitslosen, Österreich den arbeitslosen Triebtäter. Gibt es eine geheime bürgerliche Sehnsucht nach der Krise, damit man es dem Pöbel endlich zeigen kann ? Der Prolet, der seine barbarisch reduzierten Lebensansprüche aufs barbarischste durchsetzt, muß geschlachtet werden. Nichts erfrischt mehr als ein Biutbad.

So ist auch die Warnung des Leserbriefschreibers „Hans Peter“ in der Kronen-Zeitung zu begreifen, „daß eine Humanisierung des Strafvollzuges im 20. Jahrhundert nur Nachteile bringt ... Wenn man schon auf Wählerstimmen aus ist, so doch nicht auf jene von Verbrechern im übelsten Sinne.“ Und ein anderer Schreiber mit den Initialen E. N. konstatiert: „Diese Regierung tut alles, um es Verbrechern gutgehen zu lassen.“ Über alldem steht der redaktionelle Titel: „Für härtere Strafen!“ (KZ, 5. März).

Es ist der Zweck der Strafrechtsreformen, den Leuten die Angst zu nehmen; insbesondere die Angst vor dem Staat und seiner Gewalt. Die „Zeitungspartei“ aber kann und will auf diesen Kitt der Klassengesellschaft nicht verzichten. Sie schafft Angst: Angst vor dem Verbrechen; Angst vor der Sexualität (bei deren kommerzieller Verwertung die Krone aber kein Kostverächter ist); Angst vor der Obrigkeit. Jeder soll Angst haben! Vor allem die Politiker vor den Zeitungen.

So viele Ängste, um die eine, legitime Angst zu beschwichtigen: die ökonomische. Mit Gloggnitz wurde ein neuer — der alte — Stil in die österreichische Politik eingeschleust. Wie der aussieht, das kann man in der Kronen-Zeitung vom 19. März nachlesen: „Schuld darf nicht ungesühnt bleiben, und sie muß volle Sühne für die volle Schuld sein ... Gnade ist gut, aber wenn Gnade zur Regel wird, wie das in Österreich der Fall ist, handelt es sich nicht mehr um Gnade. Außerdem soll es — nach dem Willen breiter Bevölkerungskreise — für so bestialische Verbrechen wie Sexualmord keine Gnade mehr geben, denn solche Gnade bedeutet neue Gefahr ...“

22. Mai 1977

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1977
, Seite 16
Autor/inn/en:

Heidi Pataki:

Studierte Zeitungswissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Wien; Gedichtband „schlagzeilen“, Suhrkamp 1968; Literaturkritik Hessischer Rundfunk u.a. ORF Studio Steiermark (Essays über jugoslawische Literatur „Über die Grenzen“); Übersetzungen aus dem Serbokroatischen, Englischen. Von 1970 bis 1980 Redaktionsmitglied des FORVM. Sie gehörte 1973 zu den Gründungsinitator/inn/en der Grazer Autorinnen/Autorenversammlung, ab 1991 war sie deren Präsidentin.

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