FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » No. 176-177
Herbert Marcuse • Harvey Wheeler

Gibt es noch Christen?

Ein Gespräch

Humanismus

Wheeler: Professor Marcuse, Sie gelten als einer der einflußreichsten Männer in einer relativ jungen Bewegung, die man bisweilen „marxistischen Humanismus“ nennt. Als erstes möchte ich gerne herausfinden, was das heißt. Was sind die Unterschiede gegenüber den anderen Marxismen? Gegenüber den anderen Humanismen?

Marcuse: Ich bin nicht glücklich über den Begriff „marxistischerr Humanismus“. Für mich ist das eine Tautologie. Ich bin gegen die weitverbreitete Tendenz, nur den jungen Marx zu lesen und nur dort den Humanismus zu finden. Was marxistischer Humanismus wirklich ist, findet sich im „Kapital“ und in den späteren Schriften, nämlich, um es möglichst einfach zu sagen: der Aufbau einer Welt ohne Beherrschung oder Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Da diese neue Welt eine völlig andere Gesellschaft mit völlig anderen Institutionen und völlig anderen menschlichen Beziehungen erfordert, ist der marxistische Humanismus gleichzeitig Theorie und Strategie der Revolution.

Wheeler: Wahrscheinlich gibt es tausend Humanismen, aber drei scheinen mir besonders wichtig: der Renaissance-Humanismus, der christliche und, aus jüngerer Zeit, der existentialistische. Kann man diese von Ihrem Humanismus unterscheiden?

Marcuse: Der marxistische Humanismus will eine Form der Existenz, in welcher die Menschen über ihre Lebensweise, ihre Bedürfnisse, die Art der Befriedigung und Entfaltung dieser Bedürfnisse selber entscheiden, folglich als freie Menschen existieren können. Das unterscheidet den marxistischen Humanismus klar und endgültig vom Christentum.

Wheeler: Vom christlichen Humanismus, aber nicht notwendigerweise vom Renaissance-Humanismus.

Marcuse: Der Renaissance-Humanismus war ein sehr begrenzter Humanismus. Er beschränkte sich auf eine intellektuelle Elite, weil die große Mehrheit der Bevölkerung weder Mittel noch Zeit hatte zur Entwicklung der Persönlichkeit; sie hatte die Schmutzarbeit zu erledigen. Nur eine kleine Zahl war in der Lage, das humanistische Ideal zu verwirklichen.

Wheeler: Das Gemeinsame am Renaissance- und marxistischen Humanismus wird also im marxistischen Humanismus völlig demokratisiert.

Marcuse: Jawohl, völlig demokratisiert.

Existenzialismus

Wheeler: Jean-Paul Sartre ist ein Marxist, und aus seinem Buchtitel „Der Existentialismus ist ein Humanismus“ folgt wohl, daß er ein Humanist ist. Machen Sie einen Unterschied zwischen marxistischem und existentialistischem Humanismus?

Marcuse: Es gibt einen beträchtlichen Unterschied. Es scheint mir aber nicht fair, sich heute auf dieses Buch Sartres zu beziehen, denn er hat implizit wie explizit erklärt, daß er nicht mehr diesen Standpunkt vertritt. Er ist politisch und theoretisch weit darüber hinaus gegangen.

Wheeler: Dann müssen wir uns eben auf das Eigenleben dieses existentialistischen Humanismus beziehen, ohne Rücksicht auf Sartres seitherige Entwicklung.

Marcuse: Ich stimme überein mit dem, was gegen die existentialistische Definition der menschlichen Freiheit eingewandt wurde — es ist eine entsetzliche Freiheit. Eine der fragwürdigsten Vorstellungen Sartres war, daß der Mensch auch in einem Konzentrationslager frei sein kann, weil er stets die Freiheit hat, sein Schicksal abzuschütteln, indem er protestiert und daraufhin erschossen wird. Das ist eine Karikatur der menschlichen Freiheit. Aber heute ist Sartre längst darüber hinaus.

Wheeler: Sie wurden gefeiert, wo man sich’s nicht erwarten würde, nämlich in „Time“ und „Life“.

Marcuse: Ja, ich bin darüber sehr beunruhigt. Aber gleichzeitig ist das eine schöne Verifikation meiner Theorie, daß in dieser Gesellschaft alles und jedes kooptiert, integriert, verdaut werden kann.

Wheeler: So daß Sie zum Bestandteil des Establishment werden.

Marcuse: Richtig, ich kann Teil des Establishment werden. Recht geschieht mir.

Neue Linke

Wheeler: „Time“ nannte Sie den Propheten der revoltierenden Neuen Linken in Europa. Was ist neu an der europäischen Neuen Linken? Was unterscheidet sie von der amerikanischen?

Marcuse: Gemeinsam ist beiden, daß sie nicht mehr den alten Ideologien anhängen, einschließlich der marxistischen Ideologie, wenn diese Ideologien offenkundig von den Tatsachen widerlegt werden. Das gilt zum Beispiel von der These, daß die Arbeiterklasse die alleinige Kraft der gesellschaftlichen Veränderung sei. Was mir an der europäischen Neuen Linken am wichtigsten erscheint, ist die tiefe Überzeugung, daß eine sozialistische Gesellschaft essentiell verschieden sein muß von der etablierten Gesellschaft; wenn sie das nicht ist, dann — wie gut sie sonst auch sein mag — lohnt es nicht, dafür zu kämpfen.

Wheeler: Ist das eine Kritik an den östlichen kollektivistischen Demokratien?

Marcuse: Jawohl. Die Neue Linke sieht darin im großen und ganzen den Ersatz einer Form der Kontrolle und Herrschaft durch eine andere. Zugleich glaubt die Neue Linke, und ich teile diesen Glauben, daß die sozialistischen Gesellschaften des Ostens das Potential haben, sich zum echten Sozialismus zu entwickeln.

Wheeler: In ihrem Kern sind sie frei von der Erbsünde des privaten Eigentumsverhältnisses, und das gibt ihnen die Möglichkeit der schließlichen Freiheit. — Die Neue Linke hat also das traditionelle Klassenelement im Marxismus preisgegeben: aber wer soll der Träger revolutionärer Umwälzung sein, wenn man diese Rolle nicht mehr der Arbeiterklasse zuschreibt?

Marcuse: Das beunruhigt mich seit langem, und ich fürchte, daß ich Ihnen keine befriedigende Antwort geben kann. Ich kann nur sagen: es scheint mir falsch, herumzugehen und nach Trägern der geschichtlichen Veränderung zu suchen. Sie werden wahrscheinlich erst während dieses Veränderungsprozesses auftreten und dann auch zu identifizieren sein. Zugleich gilt aber, daß man nicht Defaitist werden und sagen kann, es gäbe keine sichtbaren Träger der Veränderung. Unsere fortschreitende Arbeit hilft wahrscheinlich, solche Träger zu schaffen.

Dritte Welt

Wheeler: Wenn man den dialektischen Mechanismus preisgibt, der eine revolutionäre Klasse schafft, hat man tatsächlich einen Großteil der marxistischen Theorie preisgegeben. Was halten Sie von der Hypothese, daß die Träger der Revolution nicht mehr innerhalb des Nationalstaates zu suchen sind, sondern in der Welt als solcher? Dann ist die sogenannte Dritte Welt das „äußere Proletariat‘‘ des vereinigten Industriekombinates, das der „Westen“ darstellt.

Marcuse: Ich stimme damit weitgehend überein. Ich halte dies für eine echte dialektische Weiterentwicklung des Marxschen Konzeptes. Der Korporationskapitalismus ist heute ein globales System. Was als äußeres Proletariat erscheint, ist das innere Proletariat im weltweiten Sinn, im Sinn der globalen Interessen und der globalen Macht des Kapitalismus. Die Kräfte der Dritten Welt, als Erben des Marxschen Proletariats, befinden sich in diesem Sinn ganz bestimmt im Herrschaftsbereich des Korporationskapitalismus, wie er heute existiert.

Wheeler: Das schafft eine interessante Verbindung zwischen dem Freiheitskampf der afrikanischen Völker und dem Kampf der Neger als Minderheitsgruppe in Amerika. Wird dieser Kampf weltweit betrachtet, so sind die Neger keine Minderheit mehr. Damit fällt das von uns immer wieder gebrauchte Argument gegen die Negerrevolution, daß eine Minorität keine Revolution machen könne. Die amerikanischen Neger sind dann die potentiell effektive Avantgarde einer weltweit revolutionären Bewegung.

Marcuse: Anderseits können wir nicht übersehen, daß im gegenwärtigen Stadium Verbindungen zwischen den Schwarzen in den USA und den Schwarzen in Afrika praktisch nicht existieren.

Amerikanische Linke

Wheeler: Das ist wahr. — Gehen wir zurück zu den Unterschieden zwischen der europäischen und amerikanischen Neuen Linken. Ein solcher Unterschied ist wohl, daß die amerikanische Neue Linke in ihrem Ursprung nicht marxistisch ist, wogegen die europäische Neue Linke anscheinend so etwas wie eine marxistische Entwicklung nimmt.

Marcuse: Jawohl, ich würde es eine neomarxistische Entwicklung nennen.

Wheeler: Gibt es andere Unterschiede? Die amerikanische Neue Linke ist z.B. sehr emotionell engagiert im Kampf für partizipatorische Demokratie, in der Sehnsucht nach neuen Gemeinschaften, die nicht entfremdet sind. Gibt es das auch in der europäischen Neuen Linken?

Marcuse: Ja, aber auf ganz andere Art, weil die europäische Neue Linke in einem ganz anderen Zusammenhang operiert, nämlich in Gesellschaften, in denen ein großer Teil der Arbeiterbewegung immer noch zumindest potentiell radikal und marxistisch ist. Daher kann die partizipatorische Demokratie viel konkretere und realere Formen annehmen, z.B. Teilnahme der Arbeiter an der Unternehmensleitung. Das ist eine sehr starke Tendenz in Jugoslawien und anderswo. In den Vereinigten Staaten würde das sinnlos sein, weil die Teilnahme der Arbeiter an der Unternehmensleitung keine radikale politische Veränderung zum Besseren bedeuten würde; eher im Gegenteil.

Dutschke

Wheeler: Warum ist einer Ihrer Schüler, Rudi Dutschke, so bedeutungsvoll in der Neuen Linken? Er scheint beinahe eine prophetische Rolle innezuhaben.

Marcuse: Ich habe Rudi erst im Frühjahr 1967 in Berlin kennengelernt. Er ist ein hochintelligenter, ehrlicher und aktiver Student, eine der großen Hoffnungen für alle, die nach einer besseren Gesellschaft streben. Die Art, wie er Demonstrationen organisierte und neue Formen der Organisation fand usw., ist durchaus erstaunlich. Die Springer-Presse — mit einem Monopol von, ich glaube, 70 Prozent der entscheidenden meinungsbildenden Zeitungen und Zeitschriften in Berlin und Westdeutschland (70 Prozent in Hamburg und Berlin, 30 Prozent in der Bundesrepublik. — Red.) — unternahm mehr als ein Jahr lang eine wütende Kampagne gegen die von Dutschke geführte studentische Opposition. Die Schreibweise der Springer-Zeitungen war so hetzerisch, daß der Mordversuch an Dutschke mich keineswegs überrascht hat.

Wheeler: Die Springer-Presse ist aber nicht neonazistisch?

Marcuse: Wenn Sie Nazismus mit Antisemitismus gleichsetzen, dann nicht. Springer hat Israel und der Brandeis-Universität viel Geld gegeben. Aber die Springer-Presse ist der Exponent aller regressiven und aggressiven politischen Tendenzen in Deutschland.

Dialog

Wheeler: Man sagt uns, daß in Europa ein sehr aufregender und lebenswichtiger Dialog zwischen Christen und Marxisten stattfindet. Er verbreitet sich auch nach Amerika. Vielleicht wird er schon zu sehr Mode.

Marcuse: Das ist auch meine Befürchtung. Ich sehe die Gefahr, daß dieser Dialog damit endet, die wirklichen Differenzen zu verwischen. Mißverstehen Sie mich nicht. Es ist bestimmt besser, diese Dialoge zu führen, als sie nicht zu führen. Dessenungeachtet kann ich mir kaum ein Christentum vorstellen, ohne sein transzendentes Element, ohne das Bekenntnis zu Christus als dem Messias und ohne den Glauben an ein jenseitiges Leben — und das steht im absoluten Gegensatz zum Marxismus, welcher glaubt, daß die menschlichen Verhältnisse verbessert werden können und sollen durch die eigene Kraft des Menschen, und daß jede Verheißung einer jenseitigen Welt nur dazu dienen kann, das Leiden des Menschen auf Erden zu verlängern.

Wheeler: Man kann aber behaupten, daß ein Mann namens Herbert Marcuse in einem Buch „Vernunft und Revolution“ in gewissem Sinn eine Theorie der Transzendenz entwickelt.

Marcuse: Da haben Sie ganz recht, aber die Transzendenz, von der ich dort. spreche, ist die empirisch-historische Transzendenz zu einer anderen Form der Gesellschaft, die christliche Transzendenz ist aus dieser Welt in eine andere Welt.

Wheeler: Vielleicht ist eine angeblich neue Spielart von Theologen gerade dabei, die Transzendenz im Christentum dahin zu entwickeln oder zu reduzieren oder zu transformieren, daß sie Ihrer Transzendenz gleich wird?

Marcuse: Aber dann weiß ich nicht, in welchem Sinn das dann noch Christen sind.

Wheeler: Ein guter Hieb. Aber es bleibt doch Tatsache, daß die aufregendsten Entwicklungen in der christlichen Theologie in diese Richtung gehen. Die Leute, die diese theologische Entwicklung vorantreiben, sind zugleich jene, die den christlich-marxistischen Dialog am aktivsten und fruchtbarsten führen.

Marcuse: Ja, das ist wahr. Aber die wirklich große Veränderung im Christentum wird von jenen Priestern und anderen repräsentiert, welche zum Beispiel im lateinamerikanischen Guerillakrieg aktiv mitkämpfen.

Wheeler: Mir ist rätselhaft, wozu der christlich-marxistische Dialog gut sein soll. Wie viele Christen gibt es denn noch in der Welt? Was wird aus dem Christentum? Warum sollten die Marxisten den Wunsch haben, sich mit ihm einzulassen?

Marcuse: Wenn Sie sich an Kierkegaards Definition halten, blieben nur sehr wenige Christen auf der Erde übrig. Aber der Dialog zwischen Christen und Marxisten ist zumindest darin wichtig, daß er uns mit unseren Partnern im Osten zusammenbringt. Es gibt einen echten Austausch von Ideen, und auf diese Weise finden wir Wege, den Ausbruch des nuklearen Krieges oder die Intensivierung der feindlichen Koexistenz zu verhindern oder zu verzögern oder was immer. Anderseits sollten wir die Bedeutung dieses Dialogs nicht überschätzen.

Teilhard de Chardin

Wheeler: Einer der führenden Aktivisten im christlich-marxistischen Dialog ist Roger Garaudy in Frankreich und einer der interessanten Aspekte seines Werks besteht darin, daß er Teilhard de Chardin als Brücke zwischen Christen und Marxisten benützt. Teilhard war Priester und Biologe. Einige Leute sagen, daß er da wie dort nichts taugte, aber er schrieb brillante Bücher und hatte aufregende Ideen. Was halten Sie von Garaudys Intuition?

Marcuse: Ich habe einiges von Teilhard de Chardin gelesen. Ich kann mit aller Phantasie nicht herausfinden, warum er im christlich-marxistischen Dialog solche Bedeutung hat oder warum er für Marxisten so bedeutend sein sollte. Was er getan hat, war eher die Umwandlung des Marxismus in eine semichristliche Doktrin und nicht eine Radikalisierung des Christentums. Worum es wirklich geht, ist jedenfalls nicht Christentum gegen Marxismus, nicht einmal Ost gegen West, sondern Kapitalismus gegen Sozialismus.

Es gibt überdies einen ganz neuen Dialog, nämlich zwischen den Alternativformen des Sozialismus, die in den ersten beiden Welten wie auch in der Dritten Welt entstehen — Alternativen, die das Erlebnis insbesondere der jungen Generation bestimmen, in Kuba, in Vietnam, im Kampf, für den Ché Guevara ein Symbol ist, usw. Das kann man nicht mit dem Ost-West-Konflikt oder dem Ost-West-Dialog in Korrelation bringen, weil es quer durch die beiden Welten geht.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1968
, Seite 533
Autor/inn/en:

Herbert Marcuse:

Geboren 1898 in Berlin, gestorben 1979 in Starnberg. Philosoph, Politologe und Soziologe, Schüler von Edmund Husserl und Martin Heidegger. 1930 war er neben Heidegger und Erich Fromm Mitbegründer des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Zwei Jahre später siedelte Marcuse angesichts der politischen Entwicklung in Deutschland in die USA über. In New York schloss er sich dem Institut für Sozialforschung an der Columbia University an. 1940 wurde er US-amerikanischer Staatsbürger.

Harvey Wheeler:

Politologe und Fellow des Center for the Study of Democratic Institutions, Santa Balbara, Calif.

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