FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 194/I
Lucio Lombardo-Radice

Genosse Ausgeschlossener

Zu Ernst Fischers Memoiren

Frei nach Hebbel ist die KPÖ eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält: Nach dem Ausschluß Ernst Fischers Ende Oktober 1969 begann die Säuberung in der KPTsch erst in voller Schönheit, säuberte die KPI — immer noch die liberalste — drei prominente Linksabweichler (Natoli, Pintor, Rossana Rossanda), demnächst dürfte Garaudy aus der KPF gesäubert werden. Desto höher sind Mut und Souveränität einzuschätzen, mit denen unser Freund und Mitherausgeber, Lucio Lombardo-Radice, Rom, Dialogist der ersten Stunde (Salzburg 1965), ZK-Mitglied, im folgenden Text für Ernst Fischer eintritt. L. L.-R. schreibt original Deutsch („mein Halbdeutsch“ nennt er’s).

Und solang du dies nicht hast,
Dieses „Stirb und werde!“,
Bist du nur ein trüber Gast
auf der dunklen Erde.

Die letzten Verse meines Lieblingsgedichtes aus dem „Westöstlichen Divan“ tauchten spontan aus meinem Gedächtnis, als ich Ernst Fischers jüngstes Buch [1] beendete, das außerordentliche Buch eines außerordentlichen Mannes. Keine Biographie im klassischen Sinn, kein Material für Geschichtsschreiber, vielmehr, wie Fischer zu Beginn sagt, eine Galerie von

wechselnden Gestalten, die hinter mir her sind, mit dem unabweisbaren Wunsch, anerkannt zu werden als Ich, ein Rudel solcher Ichs, und alle notorisch befugt mir, der ich heute bin, die Verantwortung zuzuschreiben für alle, die ich war, für alles, was ich getan und was zu tun ich versäumt habe.

„War das ich?“ fragt der Siebzigjährige, angesichts der schwankenden Gestalten, die sich ihm als seine Ichs nahen. Während der klassische alte Wolfgang uns sagt: „Was ich besitze, seh’ ich wie von weit — und was verschwand, wird mir zur Wirklichkeit“, sind für unseren romantischen, leidenschaftlichen, jung-alten Stürmer und Dränger die verschwundenen Ichs nicht zur Wirklichkeit, sondern oft zur Unmöglichkeit geworden.

Fischers Leben hat einige der entscheidendsten Momente der dramatischen Geschichte unseres Jahrhunderts durchlaufen: Niedergang und Fall der austro-ungarischen Monarchie; Erster Weltkrieg; Verzweiflung und Elend des Nachkriegsösterreichs; anarchistisch-literarischer Aufruhr des Expressionismus; Kampf, Ruhm und Elend der austromarxistischen Sozialdemokratie, von den Hoffnungen und Illusionen der zwanziger Jahre bis zum Gemetzel des Februars 1934; unterirdische illegale Tätigkeit der Kommunisten unter den faschistischen Diktaturen; große Wende der Dritten Internationale, von der Taktik „Klasse gegen Klasse“ zum Kampf gegen die Sozialdemokratie als „Sozialfaschismus“ und als Hauptfeind weiter zu der Strategie der Volksfront, der antifaschistischen Einheit; Übergang der Sowjetunion vom Leninismus zum Stalinismus, von der Rätedemokratie zur strengsten Zentralisierung, vom innerparteilichen Pluralismus zur Monolithik; Liquidierung der Oppositionen, Moskauer Prozesse 1937; Verteidigung von Moskau 1941, Organisation der antifaschistischen Gegenoffensive, Befreiung Europas vom nazistischen Ungeheuer.

Fischers Leben geht durch diese Ereignisse, nicht neben ihnen her. Ernst Fischer hat an jeder dieser historischen Krisen leidenschaftlich teilgenommen, sie von innen erlebt, sich ganz in Kämpfe, Hoffnungen, Ideen, menschliche Beziehungen, Lieben und Hassen hineingeworfen: ohne Vorbehalt, ohne Sicherheitsausgang. Darum war Ernst Fischer sicher nie „ein trüber Gast auf der dunklen Erde“; darum sind die Wendepunkte seines Lebens immer tiefe Verwandlungen, „Stirb und werde“. Darum fragt der siebzigjährige Junge: „War das ich?“

Und darum die Grundkontinuität dieses außerordentlichen Lebens, die mutige Aufrichtigkeit dieser Biographie. Ernst Fischer sucht keine Rechtfertigung:

Ich bin bereit, gegen mich Prozeß zu führen, obwohl es nicht leicht ist, die Rollen zwischen Ankläger, Verteidiger, Gerichtshof so zu verteilen, daß es der Wahrheitsfindung dient, jede Eitelkeit aus dem Verjähren auszuschließen, die übliche der Selbstbeschönigung und die noch schlimmere der Selbstzerfleischung ...

Solche erbarmungslose Selbstuntersuchung erreicht ihre Höhepunkte am Beginn, als Fischer seine ersten Ichs wieder erlebt, und am Ende, als er sein „verstalinisiertes“ Ich der dreißiger und vierziger Jahre analysiert.

Ich habe wohl noch nie eigene Familienverhältnisse mit solchem Mut, mit solcher Aufrichtigkeit dargestellt gelesen:

Ödipuskomplex? Ich habe meine Mutter angebetet, aber sie nie begehrt. Im Gegenteil: es gab von mir zu ihr keinerlei Sympathie der Haut, und ihre Zärtlichkeit wehrte ich ab. Was mein Vater in mir provozierte, war nicht Eifersucht, sondern der Haß des Schwächeren gegen den Stärkeren, des zum Beschützer Erwählten, der nicht stark genug ist, die Erniedrigte zu beschützen. Das vor allem war es, das Gefühl, daß er meine Mutter erniedrigte, daß er sie, die ihm so hundertfach Überlegene, durch körperliche Gewalt zu unterwerfen trachtete, in der Rechten den Säbel, in der Linken das Bürgerliche Gesetzbuch.

Und später („Die Schwester“):

Wir hatten vereinbart, uns keinerlei sexuelle Beziehung zu gestatten, und hielten diese Übereinkunft ein ... Das mächtigste Tabu der patriarchalischen Gesellschaft, das den Inzest verdammende, hatte keinerlei Einfluß auf unsere Entscheidung; ich begriff seinen Sinn in einer mir verhaßten Vaterwelt, ohne mich dadurch gebunden zu fühlen.

Vielleicht kann nur ein Wiener (im kulturellen Sinn) mit solcher Reinheit und Einfachheit von diesen sogenannten „heiklen“ Dingen schreiben, ein Mensch, großgeworden in der wienerischen Stimmung des ersten Jahrzehntes unseres Jahrhunderts:

In der Tat ... war Wien ein paar Jahrzehnte lang eine der interessantesten Städte der Welt: die ‚Wiener Schule‘ der Medizin, der Musik, der Nationalökonomie, Positivismus, Austromarxismus, Psychoanalyse: Sigmund Freud, Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Karl Kraus.

Fischers Frage: „War das ich?“, bezieht sich dann vor allem auf das Ich, das die Moskauer Prozesse öffentlich verteidigte, das das Unglaubliche glaubte. Die Untersuchung dieses Ichs ist ein Leitmotiv des ganzen Buches. Sie wird zu einer Selbstkritik des Lesers, in meinem Fall, d.h. im Falle eines alten Kommunisten, der heute erstaunt ist, daß er so etwas glauben konnte — und der doch gleichzeitig, nach der quälendsten Selbstkritik, überzeugt ist, daß er damals auf jener Seite der Barrikade kämpfen mußte, auf der Seite der Sowjetunion unter Stalins Führung.

Die Selbstuntersuchung Fischers ist musterhaft. Er gibt uns freiwillig die schrecklichsten Dokumente über sich selbst preis; und das ist beispielgebend nicht nur ethisch, sondern auch politisch. Die kommunistischen Parteien, um voranzukommen, müssen sich mit ihrer Geschichte konfrontieren, [2] ohne Selbstbeschönigung und ohne Selbstzerfleischung.

Heute, nach dreißig Jahren, zwinge ich mich, zu lesen, was ich damals schrieb, und setze meiner sich wehrenden Erinnerung das gedruckte Wort entgegen. Wenn ich diese Qual auf mich nehme, geht es nicht um Selbstzerknirschung, sondern um Darstellung dessen, wohin ein weder dummer noch bösartiger Mensch geraten kann, wenn er aufhört, kritisch zu sehen, zu hören, zu denken, um nicht an der Sache, der er dient, zu zweifeln ...

Wollte ich also blind sein? Verbot mir der Standort, den ich gewählt hatte, das unbedingte Ja zur Sowjetunion, den Stalin-Mythos anzutasten? ...

In extremen Situationen mag es richtig scheinen, sich zum Partei-Ich zu reduzieren, also nur Funktion, nicht widerspruchsvoller Mensch zu sein; ich glaube nicht, daß es richtig ist: Der mögliche Vorteil des Augenblicks wird durch eine zunehmende und schließlich nicht mehr zu behebende Deformation überzahlt.

Gibt es einen roten Faden in Fischers Leben? Gibt es Dauer im Wechsel, Kontinuität zwischen dem Anarchisten und dem Sozialdemokraten, dem Freiheitskämpfer und dem Stalinisten, dem feinfühligen Intellektuellen und dem harten Berufsrevolutionär?

Ja, es gibt, glaube ich, einen solchen roten Faden. Es ist das Streben nach Freiheit, nach der freien Entwicklung eines jeden und aller.

Ich spreche zu meinem dreißigjährigen, zwanzigjährigen Zeitgenossen, zu einer nicht mehr verlorenen, nicht mehr pragmatischen, sondern kämpfenden jungen Generation. Gewiß, da gibt es vielerlei: Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten, Trotzkisten, Maoisten, Atheisten und Christen, radikale Demokraten und fanatische Antidemokraten, Mystiker der Gewalt und Prediger der Gewaltlosigkeit; aber dennoch, so scheint mir, überwiegt das Gemeinsame. Sehnsucht nach dem Phantom, dem fast schon zu Gespött gewordenen — Freiheit.

1913: der Vierzehnjährige liest heimlich Nietzsche:

... der Gesamteindruck war: der Mensch ist imstande, über sich selbst binauszuspringen ... Ich wußte nichts von Imperialismus, ‚Zerstörung der Vernunft‘, Diktatur der Monopole: für mich war Nietzsche der Rebell, der meine Rebellion gegen die Vaterwelt bekräftigte, der Zerbrecher der alten Tafeln, der Umwerter aller Werte, das Jenseits von Gut und Böse, das die Tabus gegen ‚Fleischeslust‘ und Geistesfreiheit nicht anerkannte.

Vom Bohèmien zum Stalinisten

1928: der Dreißigjährige schreibt das Theaterstück „Lenin“:

Es war (was Lenin darin sagte) ein Lehrbuch gegen mich, gegen den romantischen Intellektuellen Leonid, für den die Revolution nicht Mittel zum Zweck ist, sondern sich selbst bezweckt, als permanente Erschütterung, Reinigung, Befreiung, als Erlebnis der Selbstüberschreitung des Menschen, als Religion ... Was ich in Leonid zu gestalten versuchte, war ‚die Revolution an sich‘ ... Der Trieb nach Selbstzerstörung ... wirkte an solcher Selbstverneinung mit; doch ebenso das aufrichtige Verlangen, den Bohèmien in mir, den Anarchisten, den selbstsüchtigen Intellektuellen zu überwinden und mich ohne Vorbehalt einer Sache, die ich bejahte, hinzugeben, in unbedingter Disziplin einer Kampfgemeinschaft anzugegehören.

1931 schreibt der Linkssozialdemokrat ein Buch, „Krise der Jugend“:

Woran glaubte ich? — Nicht mehr an die Demokratie, an die Möglichkeit, mit demokratischen Methoden die Welt zu ändern. ‚Der Fortschrittsoptimismus der alten Generation‘, schrieb ich, ‚wird von der neuen nicht mehr verstanden. Daß die Welt sich, kraft innerer Gesetzlichkeit, dem Guten und Schönen entgegenentwickle, glaubt die Jugend nicht mehr, daß man diesen Prozeß gewaltsam unterstützen müsse, davon ist sie durchdrungen ...

1933 Deutschland, 1934 Österreich: die Katastrophen der Demokratie in Mitteleuropa. Der Sozialdemokrat wird Kommunist, um Freiheitskämpfer zu bleiben:

Lesend, was ich da schrieb (1937, Moskauer Prozesse), frage ich, was da fehlt. Jede Antwort ist unzureichend. Was da fehlt: Die Konzentration all dessen, was ich damals war: mein Haß gegen Hitler. Ich bin kein Hasser, doch Hitler habe ich gehaßt wie nichts in der Welt, bis in den Urgrund meiner Existenz ... Eine Welt Hitlers war unausdenkbar. Alles trat zurück, wenn es darum ging, dieses Unheil aufzuhalten. Zum Untergang Hitlers ein Winziges beizutragen, war Sinn und Inhalt meines Lebens ... Wenn ich all das andere gewußt hätte, mich nicht gewehrt hätte, es zu wissen — was wäre die Konsequenz gewesen? — Entweder Selbstmord — oder daß ich trotz allem für die Sowjetunion, die mit Stalin identifiziert wurde, gegen Hitler meine Arbeit fortgesetzt hätte mit verminderter Kraft und Sicherheit. — Aber auch diese Erkenntnis vermag mich nicht freizusprechen.

1956 bis 1968:

Der XX. Parteitag der KPdsU hat den Stalin-Mythos ins Wanken gebracht, leider nicht gestürzt. Chruschtschow unterlag dem Apparat. Die immer deutlicher werdende Mißachtung aller sozialistischen, demokratischen, humanen Grundsätze durch die Epigonen, neue Verhaftungen, neue Prozesse, neue Maßnahmen gegen jeden Hauch der Freiheit nötigten uns zur Frage: Ist das noch Sozialismus? Ist die Entfremdung geringer geworden? ... Sind die Menschen freier, aufrechter, glücklicher als anderswo? Gibt es das überhaupt — Sozialismus? — Ja, war die Antwort. Sie kam aus Prag, aus Bratislava, aus der Tschechoslowakei. Was dort geschah, war die Rechtfertigung unseres Daseins als Kommunisten, mit all den Irrtümern, Verirrungen, Verfehlungen, die wir uns vorzuwerfen haben. — Die Tschechoslawakei hat den Beweis für die Möglichkeit eines europäischen Sozialismus erbracht.

Ich behaupte, daß Freiheit der rote Faden in Fischers Leben ist. Ich behaupte es in Polemik mit anderen Marxisten, mit anderen Kommunisten, die Fischer als Revisionisten, als Wortführer der bürgerlichen Demokratie innerhalb der revolutionären Arbeiterbewegung betrachten. In der Tat, das Grundmotiv des Kampfes, den Fischer heute gegen die Revolutionäre von gestern führt, gegen die konservativen Kommunisten, gegen jede Form von Monolithik und Dogmatismus, ist das Streben nach einem „europäischen Sozialismus“, nach der Revolution in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern Europas mit hochentwickelten demokratischen Traditionen. Die Freiheit ist für Ernst Fischer die innere Triebfeder einer solchen Revolution. Keineswegs Freiheit anstatt Sozialismus, sondern Freiheit um des Sozialismus willen.

Konservative Kommunisten

Es ist Unsinn, die heutigen Kämpfe innerhalb der kommunistischen Bewegung als Kämpfe zwischen Wortführern der Bourgeoisie und Verteidigern der Arbeiterklasse darzustellen. Nein, es handelt sich um Kämpfe innerhalb der Klasse, innerhalb des Sozialismus. Die Grundfrage ist: Erleben wir eine historische Wende des Sozialismus oder nicht — un grand tournant du socialisme, wie Roger Garaudy dies behauptet? [3]

Es gibt Kommunisten und Marxisten, die in Theorie und Praxis eine solche historische Wende verneinen und sie auch mit Gewalt verhindern.

Solche Kommunisten und Marxisten wiederholen: man muß dem Marxismus-Leninismus treu bleiben, die führende Rolle der Partei bewahren, den Sozialismus verteidigen. Treu bleiben, bewahren, verteidigen: das heißt, gegen eine Erneuerung kämpfen. Das heißt, ohne den Widerspruch zu spüren, „konservative Kommunisten“ sein: Kommunisten, die dafür kämpfen, daß die sozialistischen Staaten und die kommunistischen Parteien sich nicht ändern, nicht entwickeln, nicht erneuern.

Anderseits: es gibt Kommunisten, die nur in wenigen Parteien eine Mehrheit sind (z.B. in der Kommunistischen Partei Italiens und Spaniens), die von der Notwendigkeit einer Erneuerung überzeugt sind: von der Notwendigkeit einer neuen revolutionären Strategie, eines neuen revolutionären „historischen Blocks“, eines neuen, tiefen Zusammenhangs zwischen Sozialismus und Demokratie, zwischen Freiheit und Revolution; von der Notwendigkeit einer „Partei neuen Typs“.

Der Kampf zwischen beiden Tendenzen konzentriert sich heutzutage auf eine Vorbedingung: die freie Konfrontation verschiedener und auch entgegengesetzter Hypothesen innerhalb der Partei. Ernst Fischer sagt:

Wohl aber ist es möglich und wünschenswert, daß die großen kommunistischen Parteien jeden Sektengeist überwinden und sich in voller Autonomie zu offenen, antiautoritären Parteien mit einem Minimum von Zentraliimus und einem Maximum von Demokratie entwickeln ... Parteien dieses neuen Typus können nicht ‚monolith‘ sein; sie fordern kein Glaubensbekenntnis ... Die Partei, wie Lenin sie geformt hat, entsprach einer bestimmten geschichtlichen, gesellschaftlichen Situation. Neue organisatorische Grundsätze und Formen sind erforderlich ...

Ich bin mit einer solchen Auffassung vom Wesen der Partei mit dem Genossen Fischer einverstanden.

Und das scheint mir wichtiger, viel wichtiger als eventuelle (und immer fruchtbare) Divergenzen in konkreten Fragen der westeuropäischen Revolution.

Ja, wir Revolutionäre erleben eine historisch Wende des Sozialismus. Franz Marek [4] hat die Krise der „Dritten Internationale“ (August 1968) mit der Krise der Zweiten Internationale (August 1914) verglichen. Ich habe einen solchen Vergleich akzeptiert. [5] Aber ich glaube, daß er nur halb richtig ist. Er ist richtig, wenn man die Tiefe beider Krisen betrachtet; er ist falsch, wenn man das Wesen dieser Krisen ins Auge faßt. Wir erleben heute eine ganz einzigartige historische Wende. (Gibt es historische Wenden, die nicht einzigartig sind?) Die heutige Krise der revolutionären Parteien, aus der kommunistischen Internationale stammend, hat sich aus der kommunistischen Tradition selbst entwickelt; Zweck der Kämpfe um eine tiefe Wandlung ist, zu erneuern, nicht zu vernichten, zu entwickeln, nicht zu zerbrechen.

Es ist kein Zufall, daß Menschen wie Ernst Fischer die Wortführer eines erneuerten Sozialismus sind, eines Sozialismus, der nicht nur Ende der kapitalistischen Profitwirtschaft sein soll, sondern Beginn einer höheren und vollständigeren Freiheit. Ernst Fischer hat die kommunistische Geschichte mitgelebt ... als sein eigenes Leben, die Vergangenheit der kommunistischen Bewegung ist mit seinem eigenen Leben eng verflochten. Er verneint nicht, sondern untersucht kritisch, um die Revolution der Vergangenheit in die Revolution der Gegenwart und Zukunft zu verwandeln.

[1Ernst Fischer, Erinnerungen und Reflexionen, Hamburg 1969.

[2Ich halte es für äußerst wichtig, daß die KPI ihre Archive den Historikern geöffnet hat, ihre geheimsten Dokumente nicht verbirgt. Das hat schon gute Früchte gezeitigt, vor allem die „Storia del PCI“ von Paolo Spriano, Historiker, Mitglied der KPI (die zwei ersten Bände erschienen bei Einaudi, Turin). Es ist bekannt, daß die Archive der Dritten Internationale noch immer geschlossen sind. Bei dieser Sachlage sind, wie der Historiker Ernesto Ragionieri in „Critica marxista“, 6, 1969, bemerkt, Fischers Erinnerungen an Dimitroff, Togliatti, Manuilski, Pieck usw, auch für den ‚Historiker wichtig.

[3Roger Garaudy, Le grand tournant du socialisme, Paris 1969.

[4„Wiener Tagebuch“, 1-2, 1969.

[5„Riforma della scuola“, 5-6, 1969.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1970
, Seite 76
Autor/inn/en:

Lucio Lombardo-Radice:

Philosoph, ordentlicher Professor für Geometrie an der Universität Rom, Mitglied der KPI seit 1938, Mitglied von derem ZK seit 1968/69, jahrelang inhaftiert, gehört zu den Avantgardisten eines kritischen Marxismus und Reformkommunismus im Westen und war führend beteiligt an der Anknüpfung des Gespräches zwischen Christen und Marxisten im Rahmen der Paulus-Gesellschaft auf deren Salzburger Kongreß 1965 sowie den folgenden Tagungen. Mitglied des Internationalen Redaktionskomitees (-beirates) des NF seit dessen Gründung im Juli 1967.

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