FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 309/310
Hans Peter Bleuel

Geisteskönig von Berlin

Lassalles Blüte

Ferdinand Lassalles Leben fließt nicht, es springt in Gegensätzen. Als Jude in Preußen nimmt er einen französischen Namen an. Der Freund von Heine und Marx wird Marxens (erfolgreicher) Gegenspieler bei den Arbeitern und gründet am 23. Mai 1863 die erste deutsche Arbeiterpartei. Wenige Tage davor hat er, der Teilnehmer der 48er Revolution, mit Bismarck über Zusammenarbeit verhandelt. Der Arbeiterfreund ist seit 1857 in Berlin der Liebling der bürgerlich-philosophischen Salons — als Wissenschafter, Dramatiker, Pamphletist. Als erster „Feminist“ kämpft er 1846-1854 an der Seite der Gräfin Sophie von Hatzfeldt gegen deren Ehemann für ihre unabhängige Existenz. Als ewig donquichottierender Liebhaber stürzt er sich schließlich in ein Duell, das er im Grundsatz ablehnt, schießt sich mit dem rumänischen Verlobten der teigigen Adelsbraut, nachdem sie ihn bereits abgelehnt hat. Der schwindsüchtige junge Gutsbesitzer trifft die Geschlechtsteile des Arbeiterführers, woran dieser nach zwei Tagen stirbt.

Der vorliegende Essay wird Teil einer Biographie sein, die demnächst im Bertelsmann-Verlag erscheint.

Ferdinand Lassalle am Totenbett, 31. August 1864

Spitzen der gelehrten Welt: Berliner Leben

Am Neujahrstag 1857 trifft Lassalle die Gräfin Sophie von Hatzfeld in Breslau wieder und reist mit ihr wegen dringender Geschäfte eilends über Berlin nach Düsseldorf. Die nächsten Wochen sind mit fieberhafter Tätigkeit angefüllt. Mitte März kann Lassalle der Gräfin nach Berlin melden, daß das Manuskript des „Heraklit“ vollendet ist — was sie nun endlich für seine Ansiedlung in Berlin erreicht habe?

Gräfin Sophie weilt in Berlin, um ihrer an Krebs zu Tode erkrankten Schwester Klara von Nostitz beizustehen. Außerdem ist sie da ihrem Sohn Paul nahe, außerdem kann sie ihre Beziehungen zu ihrer Familie wieder in ordentliche Bahnen bringen. Aber eines geht unmöglich: daß die Gräfin und Lassalle gleichzeitig in Berlin und dann womöglich noch beieinander wohnen. Das dulden weder die Familie noch die Anstandsregeln der höfischen Kreise, entsprechend wird es von den Behörden verwehrt. Die Gräfin bemüht sich also nur sehr lässig um die Aufenthaltsgenehmigung für Lassalle und muß sich dafür von ihm barsche und drängende Schelte gefallen lassen. Lassalle will natürlich, daß sie beide zugleich und zusammen in Berlin sind — aber die Gräfin nicht, die des ständigen Ringens mit den gesellschaftlichen Widerständen müde ist. Auseinandersetzung durchzieht und belastet das Verhältnis der beiden in den nächsten zwei Jahren, während derer die Gräfin nur zu kurzen Besuchen in der Hauptstadt auftaucht.

Denn wieder einmal setzt Lassalle seinen Willen durch. Seiner Hartnäckigkeit gelingt es, dem Berliner Polizeipräsidenten von Zedtlitz-Neukirch klarzumachen, daß er für sein gelehrtes Werk nur in Berlin einen Verleger finden könne und die Drucklegung begleiten müsse. Am 25. April 1857 erhält er die Erlaubnis zu einem sechsmonatigen Aufenthalt in Berlin „behufs des Gebrauchs einer Augenkur und der Herausgabe des von ihm verfaßten Werkes über Heraklit“.

Lassalle sagt Düsseldorf sofort und erleichtert Valet — „eine kleine Stadt und hat überhaupt keine geistigen Kapazitäten —, die Gräfin kehrt nach dort zurück. Binnen weniger Tage hat er einen Verleger für seinen Heraklit gefunden, Franz Duncker, und ein reizendes, etwas kleines Mietshaus an der Potsdamer Straße 131, Dunckers Wohnung gegenüber. Er fordert aus Düsseldorf dringend die Bücherkiste, die Weinkiste und überhaupt alle meubles an. Er knüpft alte Kontakte wieder an, findet im Hause Dunckers neue, übt sich in politischer Zurückhaltung und verfolgt die Drucklegung. Zu Marx, an den er jetzt wieder erste Briefe richtet, äußert er sich darüber: „Ich habe immer sehr viel auf antike, theoretische und philosophische Bildung gehalten und halte daran im wesentlichen fest. Es ist die geistige Freiheit und somit Wurzel und Quelle aller andern! Deshalb scheint mir jede wissenschaftliche Leistung in diesem Sinne immer höchst leistenswert. Geisteswissenschaft und Politik sind durchaus weder Gegensätze noch — im tiefsten Sinne — unabhängig voneinander. Wir Deutsche zumal haben uns nun einmal auf diesem Wege unsern Freiheitsbegriff erzeugt, und eben deshalb vielleicht einen zwar noch sehr unlebendigen, aber doch um so tiefern.“

Daneben steht aber noch ein ganz anderes Kalkül, von Eitelkeit wie politischer Berechnung getragen. Er will sich durch eine grandiose wissenschaftliche Leistung bei den großen Geistern der Nation in Respekt setzen — und, mit einem entsprechenden öffentlichen Ruf und Schutz als anerkannter Gelehrter versehen, politisch unangreifbar machen. Und diese Rechnung geht auf.

Im November 1857 kommt „Die Philosophie Herakleitos des Dunkeln von Ephesos“ in zwei Bänden heraus und macht sofort Sensation. Von dem verrufenen roten Lassalle, dem berüchtigten Streiter der Hatzfeld-Prozesse, hatte man eine so kenntnisreiche und detailsichere akribische Arbeit in Philosophie und Philologie nicht erwartet. Der Kerngedanke dieser Hegelschen Interpretation: „Der Mittelpunkt der heraklitischen Philosophie, der ewig wiederkehrende Grundgedanke aller seiner Philosopheme, ist also nichts anderes als der wahre Begriff des Werdens, die Einheit des Seins und Nichtseins, dieses absoluten Gegensatzes. Und zwar, was auch nicht übersehen werden darf, diese Einheit nicht als ruhige, sondern als Prozeß gefaßt. Als tätig prozessierende Bewegung ist ihm diese Einheit Fluß und als Einheit des schlechthinnigen Gegensatzes ist sie ihm Kampf oder Gegenfluß.“

Die große Garde der Gelehrten und Hegelianer, meist würdige Herren, überschüttet Lassalle mit Lob und Anerkennung, man reißt sich um sein Werk und seine Gesellschaft, stattet Dankesschreiben und Besuche ab. Der Philologe August Boeckh und der Ägyptologe Richard Lepsius, Alexander von Humboldt und Varnhagen von Ense preisen die Arbeit überschwenglich. Bei einem Festessen wird Lassalle spontan durch Akklamation gemeinsam mit dem ehemaligen preußischen Ministerpräsidenten Ernst von Pfuel in die „Philosophische Gesellschaft zu Berlin“ aufgenommen und von ihrem Präsidenten Friedrich Förster wie dem Sekretär Karl Ludwig Michelet hofiert.

Lassalle ist in den Reigen der gelehrten Honoratioren aufgenommen und begreiflicherweise stolz auf seinen überraschenden Erfolg, den er ausführlich an die Eltern und die Gräfin berichtet. Und auch an Marx: „Philologen wie Hegelianer gehen hier wie der Ausrufer des Königs Ahasverus vor Mardochai vor mir her und schreien: ‚Das ist der Mann, der den Heraklit geschrieben hat.‘ Humboldt hat mich genötigt, zu ihm zu kommen, und kolportiert meinen Ruhm, und nachdem es durch alles dies nun einmal Mode geworden ist, mich auf das unverschämteste zu lobhudeln, übertreibt jeder um die Wette! Ich lasse mir das ruhig gefallen und lege das Gute mit ebenso ungerührtem Gemüte danieder wie früher das Schlechte. Der reelle Gewinn bei der Sache ist, daß ich infolge des großen Geschreis unter den Spitzen der gelehrten Welt von der Polizei keine Emission von hier zu befürchten habe, was mir sehr zurecht kommt, denn der mir gestattete sechsmonatliche Aufenthalt war eben abgelaufen, und in der Tat hat man sich auch jetzt noch nicht zu einer bestimmten Verlängerung verstanden. Aber man wird sich jetzt scheuen, Skandäler mit mir zu machen, und das reicht mir hin.“

Marx war nicht der Mann, eine solche Selbstanzeige neidlos hinzunehmen. Spontan und ohne Kenntnis des Heraklit vermutet er zuerst einmal gegenüber Engels: „Der brave Lassalle hat die Philosophie, den Heraklit, getrieben wie den Hatzfeldschen Prozeß und schließlich seinen ‚Prozeß‘ gewonnen, wenn ihm zu glauben. Es scheint in der Tat, daß die Alten — Philologen und Hegelianer — überrascht waren, eine solche posthume Blüte einer vergangenen Epoche wieder zu erleben. Vielleicht kann er uns nützlich sein zum Auftreiben von Buchhändlern, wenn er nicht etwa fürchtet, der Ruhm, den er auf dem ökonomischen Feld sucht, möchte durch die Konkurrenz leiden und so der ‚Prozeß‘ verlorengehen.“ Später bestätigt er sich, daß Lassalle in seinem Heraklit dem absolut nichts Neues hinzugefügt habe, was schon Hegel darüber gesagt, und dafür hätten zwei Druckbogen genügt — während er Lassalle gegenüber von „meisterhaft“ und „Scharfsinn in der Polemik“ spricht. Nur Formelles habe er auszusetzen und vermisse kritische Andeutungen Lassalles über sein Verhältnis zur Hegelschen Dialektik, da es nötig sei, „sie von dem mystischen Schein, den sie bei Hegel hat, zu befreien“. Das wäre in der Tat einer kritischen Auseinandersetzung wert gewesen, aber die vermeidet Marx — schließlich kann er Lassalle noch brauchen. Lassalle verschafft ihm einen Vertrag mit Duncker für seine Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie“. Allerdings erscheint davon trotz vieler Mahnungen und Peinlichkeiten für Lassalle gegenüber dem Verleger nur das erste Heft: Marx liefert die weiteren Sendungen trotz vieler Versprechungen nicht, wird nicht fertig.

Für Lassalle ist indes — wie er an Marx schrieb — von entscheidender Bedeutung, daß seine wissenschaftliche Reputation ihm in Berlin einen festen Stand verleiht. Er pflegt freundschaftlichen Umgang mit dem Philologen Adolf Stahr und dessen Frau, der Schriftstellerin Fanny Lehwald. Mit der Frau seines Verlegers, Lina Duncker, steht er in recht intimen Beziehungen, die ein Gemisch von Verehrungen, Koketterie und Bemutterung sind; der Kontakt ist so intensiv, daß da wieder einmal die Gräfin Sophie als dritte im emotionalen Bunde nach den Vorstellungen Lassalles aufgenommen werden soll, und wieder hat er für die daraus erwachsenden eifersüchtigen Anspannungen keine Ader.

Sein neugewonnener Ruf strahlt so stark, daß Lassalle auch darangehen kann, den bösen Leumund vergessen zu machen, der ihm in der Berliner Gesellschaft als Bevollmächtigter und Freund der Gräfin Hatzfeld aus dem Rheinland noch anhängt — jetzt ist er nicht mehr der böse Kassettendieb, sondern der ritterliche Verteidiger in einer für ihn rühmlichen Affäre. Und er setzt alles daran, auch der Rückkehr der Gräfin nach Berlin die Wege zu ebnen und ihr eine erlesene Gesellschaft zu präsentieren.

Im Hause seines Verlegers, der die bürgerlich-demokratische „Volkszeitung“ herausgibt, verkehrt, was im kulturellen Berlin Rang und Namen hat. Hans von Bülow und seine Frau Cosima, die spätere Gattin Richard Wagners; Varnhagen und seine Nichte Ludmilla Assing, die mehr als nur ein Faible für den interessanten Lassalle hat; Ernst Dohm vom „Kladderadatsch“, Assessor Eduard Hiersemenzel von der „Preußischen Gerichtszeitung“, ein Zirkel honoriger bürgerlicher Damen, der sich gerne um Lassalle und seine Einladungen dreht. Denn Lassalle veranstaltet opulente Abendgesellschaften, er hängt den Futterkorb heraus, und da werden auch einmal an einem Abend von dreizehn Gästen fünf Flaschen Bordeaux, vier Flaschen Steinberger Kabinett und acht Flaschen Champagner getrunken, wie er Gräfin Sophie vergnügt berichtet. Denn alles geschieht für sie. „Ich kann Ihnen jetzt, sowie Sie herkommen, die Elite unserer Berliner Welt, alle unsere Berühmtheiten versammeln und Ihnen die beste Gesellschaft machen, die es hier überhaupt gibt, sowie den interessantesten Frauenkreis, den ich hier getroffen habe. Es gibt niemand in Berlin, der Ihnen jetzt eine bessere, zahlreichere und glänzendere Gesellschaft zu bieten vermöchte als ich.“

Andererseits ist er auch arg geplagt von Krankheiten, Infektionen und Augenleiden, nicht selten bettlägerig, häufig arg erschöpft, und erwähnt in dieser Zeit gelegentlich, daß einem das plaisir gründlich vergehe, wenn man Krankheiten wie er mit sich herumtrage. Er streut aus, daß er an weiteren philosophischen Monographien arbeite, tatsächlich jedoch verfolgt er ein ganz anderes Projekt, das er schon während des Abschlusses seines Heraklit begonnen: ein Drama über Franz von Sickingen. Bei seiner körperlichen Verfassung und den Anstrengungen, die ihm die Fülle geselliger Begegnungen wie die Intensität seines Arbeitens abverlangen, sind seine Beteuerungen gegenüber der mütterlichen Freundin nicht unglaubhaft: „Auch müssen Sie das schon aus meinem Geschmacke wissen, denn ich liebe es, lang aufs Sofa hingelagert mit zwei bis drei guten Freunden alten Rheinwein zu trinken, nicht aber solche Damengesellschaften mit Honoratioren usw. wobei ich selbst nur viel Mühe und Qual habe. Aber um Ihretwillen ist es mir ein Genuß ...“

Duell: Ein überwundenes Petrefakt

Die ganzen Bemühungen um honoriges Ansehen und Unauffälligkeit drohen durch einen lächerlichen Zwischenfall zunichte zu werden, der Lassalle wieder in den Ruch des Skandals bringt.

Zu den langjährigen Verehrern und Hausfreunden Lina Dunckers zählte ein Intendanturrat Fabrice. Gottfried Keller, ein früherer Bewunderer Linas, nennt ihn einmal den „Spinnenfresser“ — er muß herzlich wenig sympathisch gewesen sein. Fabrice fühlte sich zu Recht von Lassalle in der Aufmerksamkeit Linas ausgestochen und übergangen — Lassalle konnte ihn nicht ausstehen und verlangte auch von der Freundin gebieterisch entsprechende Konsequenzen. Als Fabrice bei den Dunckers mit allgemein gehaltenen Denunziationen Lassalles erfolglos blieb, übersandte er ihm im Mai 1858 eine Duellforderung.

Das ist nun zweifach grotesk. Einmal hatte bei einem Gespräch im Hause Duncker im März Lassalle das Duell „aus sittlichen wie vernünftigen Gründen für verwerflich erklärt“, wobei ihm der Herr Intendanturrat — das entspricht in der militärischen Administration dem Rang eines Majors — aufs lebhafteste widersprach, Fabrice konnte also wissen, daß Lassalle in praxi eine solche Forderung mit moralischem Mut zurückweisen und für lächerlich erklären würde. Zum anderen nannte Fabrice als Grund seiner Duellforderung ein gewisses Lächeln, mit dem ihn Lassalle im Januar des Jahres bedacht habe, also vor Monaten eines fortgesetzt konventionell artigen Umgangs miteinander!

Während Lassalle noch überlegt, ob er überhaupt reagieren soll, lauert ihm Fabrice mit einem Kollegen, dem Militärbeamten Bormann, im Tiergarten auf, und die beiden fallen mit der Reitpeitsche über ihn her, morgens um 11 Uhr. Es wird ein jammerliches Fiasko für die beiden hinterhältigen Helden, Lassalle verprügelt sie mit seinem Spazierstock und schlägt dem Fabrice ein mächtiges Loch in den Kopf, das genäht werden muß. „Der Hieb war furchtbar und so stark, daß der goldene Knopf meines Stockes sofort vom Stock abbrach, obwohl er sehr fest angelötet war.“

Lassalle reicht den Fall sofort bei der vorgesetzten Militärbehörde ein, weil der gemeine Überfall von zweien gegen einen allen Begriffen militärischer und bürgerlicher Ehre widerspreche, und sofort von Generalfeldmarschall von Wrangel mündlich und schriftlich strengste Bestrafung des „groben Kriminalvergehens“. Die Empörung in Berlin ist allgemein, alle Bekannte versichern Lassalle die Richtigkeit seines Verhaltens, die „Volkszeitung“ macht die Sache zu der ihren, die anderen Blätter schließen sich an. Die beiden Herren werden letztlich vom Dienst suspendiert und mit Gefängnis bestraft.

Und doch hat der Vorfall noch zwei andere Seiten von prinzipieller Bedeutung. Zwar hält Lassalle das Duell für „ein unsinniges Petrefakt einer überwundenen Kulturstufe“, doch andererseits mag er den Vorwurf persönlicher Feigheit ausgerechnet von reaktionärer Seite nicht auf sich sitzen lassen, ebensowenig aus verletzter Eitelkeit antreten. Soll er Fabrice jetzt gerade auf Pistolen fordern oder nicht — er ist ein mehr als ziemlich guter Schütze?!

Zur Klärung bittet er Marx um Rat, der nimmt mit Engels und Lupus Wolff Rücksprache, und schließlich sind sich die vier über den „Parteistandpunkt“ ziemlich einig. Erstens ist da kein prinzipieller Standpunkt nach den Kategorien gut oder schlecht möglich, auch wenn das Duell an sich nicht rationell und Relique einer vergangenen Kulturstufe ist: Die Entscheidung hängt rein von den Umständen ab. Zweitens sprechen die Umstände hier dagegen: Die Kerle haben sich durch ihre Keilerei als Kanaillen decouvriert und auf den „Holzstandpunkt“ gestellt; und außerdem wäre das Duell hier nur die Erfüllung einer konventionellen Form, gegen die die Partei resolut Front zu machen hat. Summa: Unter diesen Umständen findet kein Duell statt.

Das zweite Problem ist durchaus ernsthafter. Lassalles unverschuldete kriminelle Verwicklung liefert dem Polizeipräsidenten den Vorwand für die politische Maßnahme seiner Ausweisung aus Berlin. Fabrice denunzierte ihn nämlich jetzt noch wegen politischer Äußerungen, die er angeblich bei Dunckers getan habe — z.B. daß die Stellvertretung des Prinzen von Preußen für den geisteskranken König illegal sei ...

Lassalle setzt alle Hebel in Bewegung, die Ausweisung zu verhindern. Boeckh setzt sich ein, Humboldt macht sich zu seinem Fürsprecher beim Prinzen von Preußen. Lassalle spricht beim Minister des Innern vor, Ferdinand von Westphalen, der ablehnt, und beim Ministerpräsidenten Otto von Manteuffel, der sich geneigt zeigt. Er verfaßt eine Immediateingabe an den Prinzen von Preußen, die Humboldt unterstützt — „lang, aber sehr klug“. Und der den Republikanern so verhaßte „Kartätschenprinz“ von 1848 zeigt sich Lassalles Argumenten offen, Lassalle ist beruhigt. Doch auf Betreiben Westphalens — des Schwagers von Marx übrigens —, des Polizeipräsidenten von Zedtlitz, der Junkerpartei und ihrer „Kreuzzeitung“ schlägt die Entscheidung wieder um, Lassalle muß im Juli 1858 die Hauptstadt verlassen.

Zu diesem Zeitpunkt trifft ihn das bei aller Enttäuschung seiner Hoffnungen nicht unmittelbar. Für den 25. Juli hat er sich ohnehin mit Franz und Lina Duncker zum Start einer Schweiz-Reise verabredet — in der Erwartung, im Herbst am Lago Maggiore oder Comer See eine Zeit mit der Gräfin zu verbringen. „Ich kenne bloß zwei starke Neigungen, die sich in mein Herz teilen und die alles erschöpfen, was ich an innerem Leben hab, zwei Neigungen, unwandelbar, die dauern werden, solange ich lebe und ohne welche mein Herz ein trostlos ausgebrannter Krater sein würde. Es ist meine Leidenschaft für die große Sache, und meine leidenschaftliche Freundschaft für Sie. Individuell glücklich kann ich mich nur mit und bei Ihnen fühlen.“ Auf dies individuelle Glück muß er während der Sommerreise verzichten. Die Gräfin ist in Wildbad mit Sohn Paul, während er mit den Dunckers über Aosta bis Turin und Genua zieht und ihr erst im September in Düsseldorf wieder begegnet. „Sie können mir das nun glauben oder nicht, aber ich gewinne den schönsten Dingen nur die Hälfte ihres Geschmackes ab, wenn Sie nicht dabei.“

Am 14. Oktober trifft Lassalle wieder in Berlin ein: Varnhagen von Ense ist gestorben. Es ist noch zu früh, von Zedtlitz will ihm erst nach den bevorstehenden Wahlen den Aufenthalt genehmigen. Doch Lassalle gelingt es, sich mit ihm zu arrangieren. Er verspricht, sich jeder politischen Tätigkeit zu enthalten, und handelt dafür am 19. Oktober die widerrufliche Bewilligung seines Aufenthaltes ein. Es ist eine veränderte Hauptstadt und ein verändertes politisches Klima, in das er jetzt zurückkehrt. Er führt sich mit einem eminent politischen Werk ein, das zu literarisch und zu intellektuell ist, als daß es die Furore machte, die er sich versprochen hatte.

Ein Gesicht wächst in die Geschichte:
Ferdinand Lassalle (von links) als Jugendlicher, als Handelsschüler in Leipzig, 1863, als Student, 1863, 1864

Gründerwoge

Das Jahr 1857 brachte in diesen Jahrzehnten vehementen wirtschaftlichen Aufbruchs, überbordender Gründertätigkeit und wilder Börsenspekulationen den ersten Einbruch. Er hatte europäische Ausmaße: Von der ersten Weltwirtschaftskrise wurden England, Frankreich, Preußen und Österreich betroffen. Handel und Industrie gerieten durch Überproduktion und Absatzkrisen ins Wanken, Massenentlassungen und Lohnkürzungen verschärften die sozialen Probleme, Bankhäuser fallierten und brachen die Zuversicht fröhlich spekulierender Privatiers in die Geldwirtschaft — Gräfin Sophie büßte 57.000 Reichstaler ein und fühlte sich jammernd am Rand des finanziellen Ruins.

Der Umfang der Textilproduktion hatte sich binnen 15 Jahren vervierfacht, der Bau von Dampfmaschinen hatte seit 1840 sein Volumen auf das 15fache gesteigert, die Eisen- und Kohleproduktion sich mehr als verdoppelt, das Eisenbahnnetz war um das 20fache gewachsen. Preußen ging in der industriellen Revolution voran und übernahm im Zollverein die führende Rolle. Industriereviere entstanden in Nieder- und Oberschlesien, in Sachsen und an Rhein und Ruhr. In der Großindustrie hatte Preußen einen Anteil von zwei Dritteln, im Bergbau von 95 Prozent. Dazu kam die große Wanderungsbewegung von Ost nach West, die Übervölkerung der industriellen und städtischen Gebiete; trotz steigender Auswanderungsziffern mehrten sich die Elendsquartiere, und aus den immer mehr ineinander fließenden Bevölkerungskreisen von abwandernder Landarbeiterschaft, qualifiziertem Handwerksstand und Fabrikarbeitern entwickelte, formierte sich, immer deutlicher erkennbar, der Stand, die Klasse des Proletariats.

Das bürokratische Polizeiregiment der Reaktionszeit war gänzlich ungeeignet, auf diese Herausforderung zu antworten. Auf die sozialen Probleme der entwurzelten und verarmenden Massen konnte man mit Unterdrückung und Repressionen reagieren, nicht aber auf die wirtschaftlichen Forderungen von Bourgeoisie und Unternehmertum, von deren Wachstum und Prosperität das Gedeihen und die Kraft des Staats abhingen. Zugeständnisse an eine stärkere politische Mitbestimmung der Wirtschaftskreise und nationale Lösungen zumindest hin zu größeren ökonomischen Einheiten waren unvermeidlich geworden.

Im Oktober 1867 schon hatte der „Kartätschen-Prinz“ Wilhelm von Preußen von seinem kinderlosen geisteskranken Bruder Friedrich Wilhelm IV. die Regierungsgeschäfte stellvertretend übernommen. Ein Jahr darauf wird er Regent von Preußen, löst das reaktionäre Kabinett von Manteuffel auf und bildet eine gemäßigt liberale Regierung unter dem Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen. Seine programmatischen Äußerungen vom 8. November 1858 weisen auf den Beginn einer „Neuen Ära“: „In Deutschland muß Preußen moralische Eroberungen machen, durch eine weise Gesetzgebung bei sich, durch Hebung aller sittlichen Elemente und durch Ergreifung von Einigungselementen, wie der Zollverband es ist, der indes einer Reform wird unterworfen werden müssen.“ Bei den Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus — nach dem Dreiklassensystem natürlich — erlitten die Konservativen eine böse Schlappe und behielten nur 60 von 224 Sitzen, während sich die Zahl der liberalen Abgeordeten von 36 auf 147 erhöhte.

Revolution in Reimen: Das Sickingen-Drama

Lassalle erwartete ja ständig, daß in absehbarer Zeit die große Erhebung losbreche — nicht gerade in Preußen, aber in Frankreich und in Ungarn, wo die Befreiungskämpfe nur mühsam unterdrückt wurden, um dann über Wien auch auf Berlin überzugreifen. Jedenfalls spürte er, daß die Macht der Reaktion zum Erliegen kam und sich eine Chance für neue politische Impulse eröffnete, ohne das gleich zu überschätzen. „So illusionär grundlos und erbärmlich dieser Jubel und diese Hoffnungen sind“, kommentiert er in einem Brief an Marx im Februar 1858 die hochgespannten Erwartungen der Bourgeoisie in die Regentschaft Prinz Wilhelms, „so steht doch fest, daß grade durch dieselben eine Auflockerung der Regierungszügel in irgendwelchem Umfange eintreten wird. Eine Voraussetzung der öffentlichen Meinung, wenn sie, wie die gegenwärtige, eine ganz allgemeine ist, wirkt eben dadurch, wie irrig sie auch an sich sei, wie eine Tatsache. Infolge dieser allgemeinen Voraussetzung nimmt sich jeder von der Oppositionspartei eine Gurke mehr, jeder aus den Reihen der Administration — denn diese ist gleichfalls von der allgemeinen Annahme beeinflußt — eine Gurke weniger heraus, und damit ist die Auflockerung aber gegeben.“

Noch während er den Heraklit abschließt, macht sich Lassalle im Frühjahr 1857 an ein neues Werk, von dem er glaubt und hofft, „daß es einigermaßen zünden wird! Diese Arbeit, die mir fast um so mehr Spaß macht, als nicht nur alle meine Freunde, sondern auch ich selbst mich für vorzugsweise ungeschickt und unbefähigt zu dieser Art von Produktion gehalten hätte ... Wie gesagt, ich hoffe, diese wird etwas zünden! Zündete sie aber selbst nicht im Volke, so wird sie doch jedenfalls wohl die Polizei entzünden, mich wieder von Berlin fortzujagen! Bonne résistance werde ich machen, wenn es auch wohl nicht viel helfen wird.“

Die so geheimnis- und verheißungsvoll angekündigte Arbeit ist im Frühjahr 1858 vollendet: die historische Tragödie „Franz von Sickingen“. Durch Vermittlung Ernst Dohms vom „Kladderadatsch“ reicht Lassalle die Bühnenfassung anonym im Juli beim Königlichen Hoftheater ein. Nach einem halben Jahr, am 31. Januar 1859, erfolgt die Ablehnung. Aus literarischen Gründen, aus dramaturgischen, politischen?

Die gelehrten und dichtenden Zeitgenossen, denen Lassalle die im Februar 1859 erscheinende Buchfassung seines Stückes schickt, sind voll des Lobes über die außerordentliche Leistung: Humboldt, Fürst Pückler-Muskau, Adolf Stahr, David Friedrich Strauß, Friedrich Theodor Vischer. Die ersteren beschränken sich auf die Anerkennung des unvermuteten dramatischen Talentes Lassalles, die letzteren riskieren auch einige offene kritische Einwände.

Was die meisten besticht, wenn auch nicht immer überzeugt, ist die zugrunde liegende dramatische Intention. Lassalle — so erklärt er in seinem Vorwort — will das historische Drama über Schiller hinaus fortführen: Bei Schiller bildeten „die großen Gegensätze des historischen Geistes“, das heißt die Zustände und Bedingungen, Bewegungen und Kräfte der Zeit nur den Boden, den Unter- und Hintergrund der Zeit, vor dem sich dann doch wieder die rein individuellen Interessen und Schicksale in der dramatischen Handlung entfalten. „Was ich dagegen seit lange für die höchste Aufgabe der historischen Tragödie, und somit der Tragödie überhaupt, halte, ist, die großen kultur-historischen Prozesse der Zeiten und Völker, zumal des eigenen, zum eigentlichen Subjekte der Tragödie, zur dramatisch zu gestaltenden Seele derselben zu machen, die großen Kulturgedanken solcher Wendeepochen und ihren ringenden Kampf zu dem eigentlichen zu dramatisierenden Gegenstand zu nehmen.“

Die gewaltige Zeit der Reformation fasziniert ihn wie viele seiner Zeitgenossen, die sich nun der Betrachtung ihrer großen Vergangenheit zuwenden. Für sie alle sind die Parallelen zum Scheitern der 48er Bewegung unübersehbar. „Was damals in Deutschland wirklich erkämpft wurde, die geistige Freiheit, das ist und bleibt ein für ewige Zeiten Gerettetes! Was damals erstrebt, aber verfehlt wurde — ist über drei Jahrhunderte lang der Punkt geblieben, an welchem die deutsche Nation und Geschichte schmerzlichst krankt. Die gerstige Freiheit wurde erkämpft, aber — und es ist dies eine höchst traurige, höchst tragische Betrachtung — dies wirklich Erreichte wurde gerade dadurch erreicht, daß ihm bis auf seine letzte Spur alles nationale Dasein, alle politische Freiheit, Einheit und Größe mindestens auf drei Jahrhunderte von Grund aus zum Opfer gebracht wurde!“

So weit mochten die gebildeten Kritiker Idee und Inhalt des Dramas folgen. Auf den Konflikt, den er in seinem Titelhelden aufreißt, gehen sie nicht näher ein. Sie fragen, ob ihm die Umsetzung, die poetische Wahrheit und Gestaltung des Stoffes gelungen sei — und antworten mit einem verblümten Nein. Ein Einwand, meist behutsam vorgetragen, gilt der mangelnden Lebendigkeit und Realität der dramatischen Personen. Der entschiedenere richtet sich gegen die unvollkommene und holprige Metrik der Jamben, in denen das riesige Wortdrama abgefaßt ist, gegen die aufdringliche Rhetorik.

Nachdem Sickingen vergeblich versuchte, seinen Kaiser (Karl V.) zum Geburtshelfer für des Reiches Einheit und Freiheit zu bestimmen, nimmt er selbst den Kampf gegen die „Fürstenanarchie“ auf. Aber er nennt sein Ziel nicht offen, sondern deklariert kleinliche Händel als Anlaß seines Kriegszuges. Damit täuscht er nicht seine Feinde, wohl aber seine Freunde, die ihm nur zögernd zum Beistand eilen. Sickingen muß die Belagerung Triers abbrechen und zieht sich mit kleiner Bedeckung nach Landstuhl zurück. Im Frühjahr will er den großen Streich wagen, die Fürstenmacht brechen und sich zum Haupt eines eigenen Reiches machen, in dem Glaubensfreiheit und Geistesfreiheit herrschen. Doch es ist zu spät, durch diplomatische Kniffe hat er seine Chance vertan, die Bauernschaft und die Nation nicht zur Begeisterung entflammt, sondern in ihrer „Unbewußtheit“ belassen.

Das eben ist’s! Durch Eure Klugheit stürztet Ihr.
Das Größre hättet Ihr gekonnt, das Kleinre konntet Ihr nicht!
Oh, nicht der erste seid Ihr, werdet nicht
Der letzte sein, dem es den Hals wird kosten,
In großen Dingen schlau zu sein. Verkleidung
Gilt auf dem Markte der Geschichte nicht,
Wo im Gewühl die Völker dich nur an
Der Rüstung und dem Abzeichen erkennen;
Drum hülle stets vom Scheitel bis zur Sohle
Dich kühn in deines eignen Banners Farbe.
Dann probst du aus im ungeheuren Streit
Die ganze Triebkraft deines wahren Bodens
Und stehst und fällst mit deinem ganzen Können!
Nicht daß Ihr stürzet, ist das Schrecklichste
Daß, wenn Ihr stürzt, Ihr hinsinkt in der Blüte
Der unbesiegten, ungebrauchten Kraft,
— Das ist es, was ein Held am schwersten trägt.

Es ist zu spät, sich an die Spitze der demokratischen Kräfte des Bauerntums zu setzen, die draußen im Lande sich schon sammeln — „die Triebkraft deines wahren Bodens“. Sickingen sühnt in einem verzweifelten Ausbruchsversuch seine intellektuelle und sittliche Schuld und stirbt. Ulrich von Hutten beschwört an seinem Totenbett die verlorenen Hoffnungen für das deutsche Vaterland: „Künftigen Jahrhunderten vermach ich unsre Rache.“

Die Gräfin Sophie von Hatzfeldt
(Fotografie um 1860), der Lassalle in ihren Prozessen gegen den Ehemann 1846-1854 zur Seite stand, war für ihn „mein bester Freund“. Sie war ihm „Mutter“, er ihr „Feminist“.

„Seien Sie kein Narr! Leben Sie!“

Den Winter 1858/59 verbringt Lassalle recht zurückgezogen, öfter von Krankheiten geplagt, zu Bett. Bei dem Ägyptologen Heinrich Brugsch nimmt er ein Hieroglyphenstudium auf: Es ist davon die Rede, daß er das altägyptische Totenbuch herausgeben wolle, eine Absicht, die nun wirklich außerhalb seiner vernünftigen Arbeitsfelder liegt und schließlich auch untergeht, genauso wie einige angebliche Vorhaben klassisch philosophischen Inhalts. Zu seinem regelmäßigen Umgang zählt Ludmilla Assing, die Nichte Varnhagen von Enses. Lassalle ist ihr bei der Herausgabe der brisanten Tagebücher ihres verstorbenen Onkels behilflich und bemüht, sie nicht zu nahe an sich herankommen zu lassen. Denn Ludmilla macht ihm hartnäckig eindeutige Avancen, auf die er nicht eingehen mag. Ein Souper mit dem Feinschmecker Pückler-Muskau ist ihm lieber, der sich für die Einladung bedankt, erfreut, „daß Sie sich der guten altfranzösischen Sitte des Soupers anschließen, denn beim Schein der Lichter statt am Tage zu essen, halte ich wörtlich für gastronomische Aufklärung“. Für den Freund Franz Duncker spielt er gelegentlich den Vermittler bei zwei jungen musikalischen Damen und berichtet darüber launig der Freundin Lina Duncker.

Die politischen Zustände können ihn schwerlich entflammen, er wird eher „kirschbraun vor Wut“, wie er in einem Lagebericht an Marx äußert.

Der eiserne Druck hat ein ganz klein wenig nachgelassen — aber was ist das gegen den tollen Krönungsochsenjubel unserer Bourgeoisie und Pseudodemokratie, den man deshalb herunterschlucken muß? Dieser Ekel würde einem selbst die russische Knute als erfreulich erscheinen lassen. Also kurz: die Leute hier schwärmen für die neue Ära und den gewissenhaften Prinzen und die gesetzestreue Verwaltung, die jetzt gekommen sei ... (Wer aber nicht ganz und gar den Star hat, merkt von alledem nichts). Die Volkszeitung (Franz Dunckers — d.V.), das einzige halblich demokratische Blatt, das Berlin noch hat, ist Hals über Kopf in das ministerielle Lager übergegangen und spielt eine Rolle, von deren Unwürdigkeit die Geschichte demokratischer Blätter kein Beispiel kennt ... Die Strömung des ‚liberalen Jubels‘ riß alles fort. Daß es in der Kammer und in der pseudodemokratischen Partei nicht besser aussieht, ergibt sich von selbst. Die jetzt im Ministerium befindliche Linke denkt — es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie usw. — nicht einmal daran, ihr eigenes Programm auszuführen, das sie als Opposition aufstellte ... Nun liegt zwar an allem diesem Quark nichts — aber woher der Jubel, die Gefühlsschwelgerei, die Vertrauensseligkeit in diesen sogenannten ‚Umschwung der Dinge?‘ Es ist, um auszuspeien vor den Leuten! Jetzt hat die Prinzeß Victoria gekitzt. Und da kommt nun noch der Familienjubel hinzu. Die Bourgeoisie gebärdet sich, als wenn sie alle Geschwisterkinder von Victorchen wären! Und wenn diese die Windeln des jungen Prinzen verauktionieren lassen wollte, könnte sie ein schönes Geld verdienen.

Im Februar und März kommt Gräfin Sophie zu Besuch nach Berlin, mit der es Pauls wegen wieder einmal zu schrecklichen Verstimmungen und Beschuldigungen geführt hatte. Auch das Beisammensein jetzt ist voller Reibungen und Empfindlichkeiten, bei denen sie sich gegenseitig Lieblosigkeit vorwerfen. Im Hintergrund steht die hartnäckige Weigerung der Gräfin, endlich nach Berlin überzusiedeln — Lassalle braucht sie jetzt dringender als sie ihn. Eine Wohnung für die künftige Repräsentation hat er schon angemietet, und der Brief, in dem er ihr davon berichtet, ist ein treffliches Zeugnis seines Lebensstiles und des Antriebes, den die zögerliche Gräfin braucht.

Ich habe vor einigen Tagen eine neue Wohnung vom 1. April ab gemietet für — 500 Reichstaler! Aber welche Pracht! Bellevuestraße. Haut parterre. Vier große Salons, die ineinander gehen, in einer Suite! Erst ein immenser blauer Salon, Bosserie, vergoldete Plafonds usw., dann Speisesaal, wo ich 30 Personen bequem setzen kann, und prachtvoll dekoriert. Dann großes Bibliothekzimmer, dann kleineres Arbeitszimmer, dessen Glasfenster auf ein Treibhaus stoßen, so daß ich stets die Palmen vor mir habe. Gebe ich ein Restin und öffne die vier Türen, sieht man im Salon bis ins Treibhaus, das ich, wenn es mir auch nicht gehört, doch benutzen kann. Seitwärts Schlafzimmer. Im Souterrain Küche, Keller, Dienerwohnung. Ich kann, wenn ich will, 100 Personen bei mir sehen. Sie glauben vielleicht, daß ich verrückt bin. Ach nein! Ich denke nur, daß ich nur einmal lebe und daher mir nichts abgehen lassen will. Natürlich werde ich in solcher Wohnung auch von Zeit zu Zeit entsprechende Gesellschaft geben. Nun, und das alles könnte ich knapp mit 2800 Rt. etwa bestreiten, vielleicht nicht ganz, mit 3000 Rt. gewiß, mit 3500 Rt. reichlich, mit 4000 Rt. würde mir jedenfalls Geld übrig bleiben, so daß ich dann auf neue Ausgaben sinnen müßte, um es anzulegen. Hätte ich aber gar 5000-6000 Rt., würde ich sie ohne Übermut gar nicht tot zu machen wissen. Nun, die 4000 Rt., die ich zu reichlichem Dasein und vielen Festins in dieser Wohnung eigentlich brauche, gedenke ich mir nächstes Jahr durch Erneuerung des Vertrags mit meinem Schwager und, resp. wenn er nicht will, durch Ankauf von Genfern zu verschaffen. Aber selbst mit 3000 Rt. kann ich diesen Train durchführen. Und nun Sie erst mit 6000 Rt.! Daß ich ein bißchen antizipiere, kann Sie bei mir nicht wundern. Das haben Sie nicht nötig. Im übrigen ist es nur sehr mäßig bei mir selbst der Fall. Und somit nehmen Sie an mir ein Beispiel! Seien Sie kein Narr! Leben Sie! Leben Sie! Was würden Sie hier schon für Vergnügen durch mich haben, was Ihnen gar nichts kostete, da ich es ohnehin ausgebe. Diesen Winter zwar gebe ich gar keine Gesellschaft, wenn Sie nicht kommen, und spare. Nächsten Winter aber öffne ich meine Salons und gebe 1. im Lauf desselben drei bis vier große Abendgesellschaften — 30 Personen oder mehr, die mich — jede Gesellschaft — 100 bis 200 Rt. kosten können, und 2. alle Woche jour fixe mit Auftrommlung so vieler Leute als möglich, am liebsten 70 bis 80 Personen. Die Kosten eines jour fixe sind fast Null. Für die Einrichtung meiner neuen Wohnung will ich auch splendid sorgen, an 500 Rt. oder mehr will es mich kosten lassen. Ich wollte, Sie wären hier, um mir mit ihrem Geschmack beizustehen! Also seien Sie keine Eule, keine Eule! Leben Sie mit mir, wie ich, statt dort zu sitzen und zu rechnen.

Hör auf mit Deinem — Geld zu spielen.
Das wie ein Geyr Dir an der Leber frißt,
Die schlechteste Gesellschaft läßt Dich fühlen,
Daß Du ein Mensch und unter Menschen bist.

Lassalle -— der im Luxus schwelgende verschwenderische Lebemann? Ach nein, der rechnet genau und mit seinen Pfunden, aber nicht für die Ewigkeit und die Erben, sondern für das Leben und seine Behaglichkeit. Warum sollte er sich etwas abgehen lassen und seine Bedürfnisse verleugnen, da er sie doch befriedigen kann, ohne jemandem etwas wegzunehmen?! Im Gegenteil, er gibt ja auch, wo immer man ihn braucht — nicht zuletzt dem Freund Marx, der auch ein angenehmeres Leben liebt, als er sich leisten kann. Daß Marx ein Biergelage mit Prügelszene und Laterneneinwerfen einem Fest mit Sekt und Small talk vorzog, Lassalle sich seine Umgebung mit Geschmack und Kultur einrichtete und dabei auch etwas übertrieb — spricht das gegen den einen oder den anderen, ihren Sozialismus oder ihre revolutionäre Überzeugung? In der Regel sagen solche Urteile nur etwas über den Betrachter und die Zeit, die sie fällen. Wer für die Bedürfnisse der Menschen eintritt und ihrer fatalen Bedürfnislosigkeit den Kampf ansagt — muß der etwa als leuchtendes Vorbild auf die Erfüllung der seinen verzichten?

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1979
, Seite 48
Autor/inn/en:

Hans Peter Bleuel:

Schriftsteller, Publizist, geboren am 18. März 1936 in Stuttgart, der Vater war Prokurist, aufgewachsen in Frankfurt am Main, Gymnasium, studierte 1956 bis 1958 an der Goethe-Universität Frankfurt und 1958 bis 1962 an der LMU München Geschichte, Germanistik, Soziologie und Zeitungswissenschaften, ab 1963 Arbeit als Redakteur bei Siemens in München, 1964 Assistent der Verlagsleitung bei Droemer/Knaur in München, seit 1965 freier Schriftsteller, 1968 bis 1970 in der Evangelischen Akademie Tutzing tätig, 1975 bis 1980 freier Mitarbeiter des Deutschen Jugendinstituts in München, 1976 bis 1984 Vorsitzender des VS-Bayern, 1978 bis 1990 Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks, seit 1983 im Verwaltungsrat der VG Wort, 1984 bis 1987 Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schriftsteller, 1991 bis 2005 Vizepräsident des European Writers’ Congress, seit 2000 Vorstand der VG Wort.

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