FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1963 » No. 114
Alexander Lernet-Holenia

Geheimbünde in Österreich?

Der Bayerische Rundfunk, der mich für einen genauen Kenner österreichischer Verhältnisse zu halten scheint, hat die Anfrage an mich gerichtet, was ich denn zu den Einflüssen zu sagen hätte, die hierzulande zum Beispiel die Industrie, der sogenannte Ce-Vau, die Theresianisten und die Studienbeflissenen aus Kalksburg, die Stella Matutina in Feldkirch und gewisse geistliche Orden auf den Ablauf der politischen und sozialen Ereignisse zu üben vermöchten; oder mit anderen Worten: ob es ein sogenanntes „Establishment“ gäbe und wie diese Macht-Elite, soferne man sie überhaupt als homogenes Ganzes betrachten könne, eigentlich beschaffen sei. Dabei habe der Bayerische Rundfunk aber die erwähnten Cliquen und Schulen — so sagte er — nur ganz unmaßgeblich aufgezählt, um das Thema konkreter zu umreißen, ja den bundesdeutschen Hörern werde man sogar erst sagen müssen, ob man in Österreich schon auf der Schulbank Komplotte zu schmieden pflege oder nicht. Jedenfalls dürften die meisten dieser Hörer weder von Kalksburgern und Schotten, ja nicht einmal von Theresianisten und Cevauern jemals läuten gehört haben; und so weiter.

Zur Beruhigung derjenigen Angehörigen österreichischer Geheimbünde, die mir, mit Schweiß auf der Stirn, bis hierher gefolgt sind, weil sie nicht wissen, was denn nun schon wieder für Enthüllungen folgen werden, kann ich aber jetzt schon sagen, daß die Anfrage des Bayerischen Rundfunks weniger um der Antwort willen interessant ist, die man, etwan, darauf zu geben vermöchte, als vielmehr deshalb, weil sie zeigt, in welchem Lichte wir im Ausland stehen. Die Vorstellung nämlich, die man sich dortselbst von den Drahtziehern der österreichischen Politik und von den Geschehnissen hierzulande macht, scheint immer noch aus der Zeit Metternichs zu stammen; und seine Art wiederum, selbst das Verborgenste auszuforschen und es auszunutzen, um verderbliche Intriguen daraus zu spinnen, mag sich wohl noch aus Venedig herleiten, dessen Bewohner einander in der Weise zu schaden suchten, daß sie die Anzeigen, durch die sie sich wechselseitig ans Messer lieferten, in die sogenannte „Bocca di Leone“, das steinerne Löwenmaul am Dogenpalast warfen, aus welchem unheilvollen Postkasten die Denunziationen sogar mit noch größerer Präzision ausgehoben wurden als bei uns die Briefe um die Weihnachtszeit, zu der sie bekanntlich, laut offener Mitteilung durch die Post, von Freitag abends bis Montag morgens überhaupt nicht befördert werden, weil die Bevölkerung ihrer einfach zu viele schreibt.

Derlei altvenezianisch-romanische Zustände aber herrschen bei uns nur noch selten, denn es findet zwar immer noch eine Menge geheimnisvollen Geruders statt — was dann aber wirklich geschieht, geht weder auf die Machinationen eines Jesuitengenerals noch auf den angeblichen Machthunger unseres Industriellenverbandes und weder auf eine Verschwörung der Theresianisten noch auf irgendwelche südamerikanisch anmutenden Putschversuche der im allgemeinen äußerst friedfertig gesinnten Offiziere im Ministerium für Landesverteidigung zurück, vielmehr wird uns, was wir zu tun und zu lassen haben, so gut wie ausschließlich aus dem Auslande diktiert, sei’s nun durch die allgemeine Wirtschaftslage an sich, sei’s durch Errichtung oder Wegfall von Zollschranken, sei’s durch die Spannungen zwischen den Gruppen der EFTA und der EWG, sei’s durch Chruschtschew oder de Gaulle oder durch die Zurückziehung der Raketenbasen Kennedys. Denn angesichts der Zuckungen, welche die angespannte Haut des Erdballs ständig überlaufen, könnte, all unserer großen Vergangenheit zum Trotz, jeder Versuch zu weiterer wirklicher Eigenständigkeit immer nur den Eindruck einer Rebellion von Mikroben machen. Mit Mozart und den Lipizzanern allein beeinflußt man globale Vorgänge nicht mehr, Wien, mit seinen zwei Millionen, täuscht uns über die Machtlosigkeit der sieben Millionen Österreicher hinweg, und alles, was bei unsern unterirdischen Manövern herausspringt, ist höchstens dieser oder jener rein persönliche, im größeren Zusammenhang aber völlig belanglose Vorteil in Gestalt eines Pöstchens für diesen oder jenen gut Angeschriebenen an höherem Orte.

Doch selbst die auf solchen Nutzen zielenden, wenn auch noch so tief versteckten Machinationen sind verhältnismäßig harmlos. Denn weder dringen etwa maskierte Edelleute, mit dem blanken Degen in der Faust, in die Redaktion der Arbeiter-Zeitung, um dortselbst den Chefredakteur niederzustoßen, noch schleicht der eine oder andre Pater aus dem Dominikanerkloster auf den Ballhausplatz, um dem Bundeskanzler, der sein Nachmittagsschläfchen hält, geheimnisvolle Beschwörungen ins Ohr zu raunen. Auch die Absolventen der Mittelschulen bei den Schotten und im Theresianum schließen sich nicht im geringsten zu unterirdischen Bünden zusammen, sondern begnügen sich damit, einander beizustehen, wenn jemand von ihnen in Not gerät; und gar von Attentätern, die dafür bezahlt werden, politische oder wirtschaftliche Gegner niederzustrecken, ist schon seit vielen Jahren nicht mehr die Rede.

Was also mochte es gewesen sein, das den Bayerischen Rundfunk veranlaßt hatte, sich dennoch nach dem Einflusse österreichischer Geheimorganisationen bei mir zu erkundigen? Ich beschloß, die einzelnen Sparten, die er aufgezählt hatte, einer genauen Prüfung zu unterwerfen. Heute will ich meine Analyse der Industrie darlegen; die Untersuchung der übrigen aufgezählten Gruppen soll in späteren Heften folgen.

Zwar sind die Industriellen gewiß nicht weniger auf ihren Vorteil aus als andere Leute auch; aber der Umstand, daß sie sich bestreben, tunlichst nicht mehr ihren durch die verhängnisvollen Ereignisse der letzten Jahrzehnte so sehr zusammengeschrumpften Eigenbesitz, sondern die Mittel anderer Leute für ihre Zwecke einzusetzen, gestattet uns, sie einer weit höheren als der bisher üblich gewesenen Wirtschaftsordnung zuzuzählen. Es kommt ja, heutzutage, nicht mehr darauf an, selber Geld zu haben, sondern, auf dem Weg über die Banken, über anderes Geld zu verfügen. Das hat nicht nur wirtschaftliche, sondern auch moralische Vorteile. Denn mit eigenem Gelde wird man stets mehr oder weniger vorsichtig, mit anderem, gleichsam anonymem Gelde durchaus großzügig operieren. Darauf beruht auch alle Neidlosigkeit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Denn der zur Mittellosigkeit Entschlossene beneidet den Kapitalisten um das Geld, welches schon aus prinzipiellen Gründen niemals das seine werden kann und darf. Der Kapitalist aber, auch wenn er selber gar kein Geld hat, beneidet einen anderen Kapitalisten niemals, gibt er doch schon aus weltanschaulichen Ursachen die Hoffnung nicht auf, daß er, wenn er auch nur einigermaßen geschickt ist, das Geld dieses andern zu seinem eigenen machen wird.

Im Grunde sind Kapitalisten also nicht, wie man immer wieder fälschlicherweise glaubt, Besitzer, sondern sie sind bloß besitzfreudig. Die Gegner der kapitalistischen Weltordnung aber sind das nicht, ja sie hassen den Besitz geradezu und werden’s deshalb auch nie zu etwas bringen. Kapitalisten jedoch lieben den Besitz, und deswegen werden sie auch, selbst wenn sie im Augenblick auch noch keinerlei Besitz ihr Eigen nennen, oder gerade deshalb, über kurz oder lang im Besitze des Eigentums der andern sich befinden. Denn unbegrenzten Besitz gibt es nicht. Es handelt sich immer nur um dasselbe Eigentum.

Mithin ist Kapitalismus nicht eine Bezeichnung für den Wohlstand reicher Leute, sondern für eine Weltanschauung. Auch der Ärmste, sofern er nur entschlossen ist, den Wohlstand der andern an sich zu bringen, ist Kapitalist. Dem Kapitalismus haftet also die Verheißung der glücklichen Zukunft des einzelnen, dem Kollektivismus aber haftet bloß Arbeit an. Oder mit andern Worten: der Kollektivist wird immer nur für andre arbeiten müssen, der Kapitalist aber immer nur andre für sich wirken lassen.

Praktisch sieht dies dann so aus, daß die Arbeiter zwar die Fabrikanten, die Verwaltungsräte aber, mit den Generaldirektoren an der Spitze, die Arbeiter im Bestreben abgelöst haben, die eigentlichen Besitzer der Fabriken zu werden. Im Rahmen der heutigen Wirtschaft also gehen die extremsten kapitalistischen und kollektivistischen Richtungen Hand in Hand; und als Nutznießer davon erweisen sich die Verwalter und nicht mehr die Besitzer der Werke.

Denn in einer rasch vorbeigegangenen Übergangszeit von den Wirtschaftsformen des neunzehnten zu denen des zwanzigsten Jahrhunderts hatten die Fabriksbesitzer immerhin so viel Muße gefunden, ihr Eigentum noch rasch in Aktien umzusetzen, die, kaum daß sie auf dem Markt waren, ihren Wert auch schon insoferne verloren hatten, als praktisch nicht mehr die Aktionäre, sondern nur noch deren Bevollmächtigte, die Verwaltungsräte, darüber verfügten und das Reinerträgnis des Unternehmens unter dem Vorwande, daß dies steuerlich günstiger sei, nicht mehr für die Besitzer der Aktien, sondern, in Gestalt von Reserven, für das Unternehmen und, in Gestalt von Gehältern und Diäten, für die Generaldirektoren und für sich selbst abschöpften.

Nur sonderlich getarnter Organisationen, ja auch bloß wie immer gearteter Geheimnistuerei bedurfte und bedarf es bei diesem Verkaufe von Massen, die Menschen sein möchten, an die wenigen, die bloß ihre Maschinen weiterlaufen zu lassen brauchen, um auch weiterhin auf den Höhen der Menschheit wandeln zu können, durchaus nicht — im Gegenteil, das Geschäft vollzieht sich in aller Öffentlichkeit, und man braucht nur einen Blick in den Wirtschaftsteil der „Presse“, den sogenannten „Economisten“, zu tun, um sich zu überzeugen, daß die Verkauften bei diesem Handel nicht wesentlich schlechter abschneiden als die Käufer. Doch auch wenn sich sonst etwas, zum Beispiel auf dem Ballhausplatze, ereignet, heißt es ganz öffentlich: „Das und das ist passiert, und der Präsident des Industriellenverbandes war schon beim Bundeskanzler.“ Etwas diskreter vielleicht behandelten, zumindest eine Zeit lang, die meist monarchistisch gesinnten Mitglieder des Industriellenverbandes die Fahrten, die sie in das völlig unmonarchistisch orientierte Rußland unternahmen, um den sogenannten Osthandel anzukurbeln. Aber auch dies pfeifen, heute in der Chruschtschew-Ära, schon die Spatzen von den Dächern.

Keinerlei Geheimnisse mithin, wenngleich es dem Gefühl, das die Industrie von ihrer eigenen Wichtigkeit hat, natürlich schmeichelt, geheimnisvoll zu tun. In Wirklichkeit jedoch ist auch der österreichische Industrielle, wie es in Grillparzers „Lob Österreichs“ heißt,

froh und frank,
trägt stolz sein Leid, trägt offen seine Freuden,
beneidet nicht, läßt lieber sich beneiden,
und was er tut, ist frohen Muts getan.

Was bei uns also selbst an feinsten wirtschaftlichen Machinationen vor sich geht, wird mit der gleichen Offenheit besprochen, mit der sich der schlichte Mann aus dem Volke etwa über den Rückgang seiner geschlechtlichen Fähigkeiten zu äußern pflegt; und von Geheimbünden ist, zum mindesten im Rahmen der Industrie, keine Spur zu entdecken.

Weitere Artikel sollen folgen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1963
, Seite 284
Autor/inn/en:

Alexander Lernet-Holenia:

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