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Julius Deutsch

Dollfuß, Diktator aus Schwäche

In einer Sitzung des parlamentarischen Beirates für den Bundeswohn- und Siedlungsfonds, der staatliche Mittel für gemeinnützige Bauvorhaben verwaltete, traf ich zum ersten Mal Dollfuß. Der kleine, fast zwerghaft gebaute Mann vertrat als Direktor der niederösterreichischen Landwirtschaftskammer die ihm in dieser Eigenschaft anvertrauten Interessen. Er tat dies mit einer helltönenden, fast knabenhaften Stimme und mit großem Eifer. Ich kam einige Male mit ihm ins Gespräch, in dem es zumeist um finanzielle Fragen des Wohnbaues ging, wobei aber auch politische Aspekte eine Rolle spielten. Dabei fiel mir auf, daß Dollfuß anscheinend wenig Gewicht darauf legte, der Linie der Christlichsozialen Partei stets überzeugungstreu zu folgen, daß ihm vielmehr daran gelegen war, mit politischen Gegnern ein Einvernehmen herzustellen, auf diese Weise bekundend, daß ihm sachliche Lösungen stets wichtiger schienen als vorgefaßte Parteimeinungen. Daran änderte sich auch nichts, als er im Frühjahr 1931 Landwirtschaftsminister in der Regierung Dr. Ender wurde. Er kam mit den sozialdemokratischen Parlamentariern ohne Schwierigkeit zurecht, und niemand — er selbst wohl am wenigsten — dachte in dieser Zeit daran, daß der Fachminister bald darauf eine so prominente politische Rolle spielen werde.

Am 7. Mai 1932 fuhr ich zu einer Tagung meiner Partei nach Klagenfurt. Im selben Zug reiste Dollfuß. Kurz bevor wir die Kärntner Landesgrenze erreichten, kam er in mein Abteil und sagte, daß er in den nächsten Stunden eine wichtige politische Mitteilung erwarte, über die er mit mir reden wolle. Er fragte, wann ich zurückreise, und wir kamen überein, den selben Zug zu benützen. Da wir in diesen Tagen wieder einmal eine Regierungskrise hatten, nahm ich an, daß der Landwirtschaftsminister darüber mit mir reden wolle, was nicht weiter auffällig war.

Als ich am Abend des nächsten Tages im Zug nach Wien saß, erschien ein Bahnbeamter und bat mich in das Abteil des Landwirtschaftsministers. Dollfuß teilte mir mit, daß er vom Bundespräsidenten den Auftrag erhalten habe, eine neue Regierung zu bilden. Er wünschte zu wissen, wie sich die Sozialdemokraten zu seiner Person stellten. Ich antwortete, daß wir politische Dinge nicht vom persönlichen Standpunkt beurteilten, daß aber, soviel ich wahrnehmen könne, in unseren Kreisen keine Animosität gegen ihn bestehe. Unser weiteres Verhalten werde begreiflicherweise davon abhängen, was für eine Regierung er bilden und welches Programm er vorlegen werde.

Ob ich glaube, daß die Sozialdemokraten im Parlament für eine von ihm geführte Regierung stimmen würden? Nein, das glaube ich nicht. Es sei ja nicht üblich, daß eine Oppositionspartei für die Regierung stimme, antwortete ich. Bestenfalls, fügte ich hinzu, könne seine Regierung von den Sozialdemokraten toleriert werden. Das hänge, so betonte ich abermals, von der Zusammensetzung dieser Regierung ab und von ihrem Programm.

Heimwehr statt fortwursteln

Er wolle, rief mein Gegenüber, keine Regierung des „Fortwurstelns“ bilden. Es müsse eine starke Regierung werden. Wenn sich die Sozialdemokraten nicht verpflichten, zumindest Stimmenthaltung bei seiner Regierungserklärung zu üben, werde er eine Regierung mit der Heimwehr bilden. Ich war aufs höchste erstaunt.

„Wenn Sie eine Regierung mit der Heimwehr bilden“, wandte ich ein, „werden Sie im Parlament eine sehr schwache Mehrheit haben. Sie werden es sich mit den demokratischen Kräften des Landes verderben und schließlich ein Gefangener der Heimwehr sein.“

„Was fällt Ihnen ein“, fuhr Dollfuß dazwischen. „Ich bin doch kein Faschist. Meine Abstammung aus der Bauernschaft bürgt für meine demokratische Einstellung.“

Ich blieb skeptisch und meinte, daß unter Umständen die Dinge stärker wären als die Menschen. Dollfuß blieb hartnäckig dabei, daß auch eine Teilnahme von Heimwehr-Abgeordneten an seiner Regierung noch lange keinen faschistischen Kurs bedeute.

Bei dieser Unterredung hatte ich abermals den Eindruck, daß für Dollfuß politische Überlegungen, die sich im Gedankenkreis westlicher Demokratie bewegten, nicht in erster Linie bestimmend waren. Er war nie ins Parlament gewählt worden, hatte sich weder um ein Abgeordnetenmandat beworben, noch ein solches ausgeübt. Parteiobmann wurde er ebenfalls nicht. Der parlamentarische Boden blieb ihm fremd.

Nun wucherten in diesem Zeitabschnitt in ganz Europa antiparlamentarische Ideen wie Unkraut. Es mochte da dem in jungen Jahren zur Ministerwürde Aufgestiegenen der normale Weg, über ein Mandat zu einem Sitz in der Regierung zu gelangen, nicht als das immer Gegebene erscheinen. Dagegen waren ihm durch seine Betätigung als Kammerfunktionär ständische Begriffe von Haus aus vertraut.

Noch kein Faschist

Zu Beginn seiner politischen Laufbahn konnte Dollfuß sich guten Gewissens dagegen verwahren, ein Faschist zu sein. Er war es tatsächlich nicht, er war aber auch kein Demokrat. Er war überhaupt kein Mann einer bestimmten Doktrin, und er hatte lange Zeit in politischer Hinsicht keine bestimmten Absichten. Sein ihm sehr wohlwollender, ja ihn mitunter überschwenglich lobpreisender Biograph, Gordon Sheperd, kann nicht umhin, festzustellen, daß Dollfuß in den Tagen der Parlamentskrise im März 1933 vorerst „keinen klaren Begriff davon hatte, daß da etwas Neues geschaffen worden war; und noch viel weniger wußte er, was daraus werden sollte“. [1] Nicht weniger deutlich schrieb der Historiker Walter Goldinger, daß Dollfuß in dieser Zeit „noch keine weitgesteckten Pläne“ hatte. [2]

Wirft man einen Blick auf die Anfänge seines öffentlichen Auftretens, dann wird dieses Verhalten verständlich. Wenn er damals überhaupt in politischen Terminologien dachte, dann in solchen einer reichlich verschwommenen Art von Nationalismus auf einer im Grunde apolitischen katholischen Weltanschauung.

In seiner Studentenzeit war Dollfuß einer der Mitbegründer der „Deutschen Studentenschaft“ an den österreichischen Hochschulen; dort arbeiteten Nationale und Katholiken zusammen. Auch später bekannte er sich stets ostentativ zum Deutschtum, weshalb es ihm leicht fiel, die Verbindung zu deutschnationalen Kreisen nie ganz abreißen zu lassen. Schuschnigg sagte von ihm: „Dollfuß war katholischer Großdeutscher.“ [3] Und in gleicher Weise meinte der gesinnungsverwandte Wilhelm Böhm: „Er war Demokrat mit großdeutschen Neigungen.“ [4]

Auch mit den Sozialdemokraten gab es Berührungspunkte, wofür unter anderem das oben angeführte Gespräch mit mir ein Zeugnis ist. Dollfuß schwankte immer wieder, ob er es mit den einen oder mit den anderen politischen Kräften versuchen sollte. Bezeichnend für ihn war, was Heinrich Schneidmadl, aus eigener Wahrnehmung als einer der wichtigsten Unterhändler der Sozialdemokraten, über Dollfuß’ Verhandlungsart in entscheidungsvollen Tagen berichtet. Er lud zu einer Aussprache ein, um sie alsbald auf den nächsten Tag zu verschieben und sich ihr dann überhaupt unter irgend einem Vorwand zu entziehen. [5]

Erfahrungen dieser Art waren nicht geeignet, einen klaren Kurs erkennen zu lassen; aber letztlich durfte man sich sagen, daß Dollfuß ein Mensch mit seinen Widersprüchen war, wie eben alle Menschen. Er hatte es insofern schwerer, als er von Natur aus benachteiligt war, denn sein kleiner Wuchs mußte ihn bewußt oder unbewußt Geringschätzung argwöhnen lassen, was zu einer starken Überempfindlichkeit führte. Ein Beispiel dafür war sein Verhalten im Parlament, wo Rede und Gegenrede mitunter unbekümmerte Formen annahmen. Stieß Dollfuß auf Widerspruch, dann reagierte er nicht selten nervös, aufbrausend, gereizt. Es schien, als ob ihn ein Minderwertigkeitsgefühl, ein seelischer und geistiger Komplex, dazu verführte, stärker aufzutrumpfen als nötig. Wie es oft bei Kleingewachsenen vorkommt, war er bemüht, mit allen Fasern seines Seins über sich selbst hinauswachsen zu wollen.

Hier kommen wir zu einem zweiten Punkt, der manches erklärt. Dollfuß war ein gläubiger Katholik. Sein Gottesglaube gab ihm nicht nur Kraft und Zuversicht, er umhüllte ihn auch mit einem Mantel mystischer Geborgenheit. In einer Bekenntnisrede am 11. September 1933 sagte er, zitternd vor innerer Bewegung, „daß der Weg, den wir gehen, uns von oben als Pflicht gegeben ... daß es der Wille einer höheren Macht ist“.

Friedrich Funder, dem gewiß ein tiefes Verständnis für religiöse Gefühle zu eigen war, zitiert diese Rede mit der Hinzufügung, daß Dollfuß an eine, „ihm von oben gewordene heilige Berufung“ glaubte. [6]

Der Beifall in einer anderen Versammlung verwandelte sich in seiner Vorstellung zu einem „Fingerzeig Gottes“. Und als gar ein unzurechnungsfähiger Narr ein Attentat verübte, bei dem Dollfuß nur leichte Verletzungen davontrug, war er erst recht überzeugt von seiner „göttlichen Sendung“.

In der Kompliziertheit und auch Rauheit der Ereignisse in den Dreißigerjahren mochte der Glaube, eine Mission zu erfüllen, eine innere Stärkung sein. Sie half Dollfuß über manches hinweg, das niederdrückend wirkte. Objektiv betrachtet war ja tatsächlich die Situation, die zu meistern er berufen wurde, verzweifelt genug.

Dokument aus wirren Zeiten:
„Katholisch-Deutsch“ ... Kegelabend im Februar 1934 ...

Politik statt Heimatschutz

Auf diesem Boden und in dieser Stimmung entstanden und entwickelten sich die Selbstwehren. Im Anfang waren sie nur der Versuch, den geschwächten staatlichen Kräften zu helfen, ein bescheidenes Maß von Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten. Das galt in gleicher Weise für Stadt und Land. Bald aber wurde aus den Wehren mehr; sie gerieten in den Strom der Politik und wurden von ihm mitgerissen.

Dollfuß, der neue Bundeskanzler, sah sich, was die Heimwehr betrifft, einer Erscheinung gegenüber, an deren Entstehen er nicht mitgewirkt hatte und für deren entscheidende Förderung nicht er, sondern Ignaz Seipel verantwortlich war. Sicher ist, daß Dollfuß das innere Wesen der Heimwehren nicht oder zu spät erkannte. Er glaubte, wie es seinerzeit Seipel vorexerziert hatte, die Heimwehrbewegung als Figur auf seinem Schachbrett behandeln zu können. Er erkannte nicht die heterogene Zusammensetzung dieser zwar einheitlich uniformierten, aber innerlich völlig verschiedenartigen Formationen, die da provozierend anspruchsvoll aufmarschierten. Es gab unter ihnen einfache Bauernsöhne, die mitmachten, weil sie guten Glaubens waren, auf diese Weise Haus und Hof zu schützen. Neben ihnen standen berufslos gewordene Angehörige der alten k. und k. Armee, Offiziere und Unteroffiziere. Überdies gab es da auch gar nicht wenig Arbeitslose, die um bares Geld als Söldlinge dienten. Alles in allem ein abenteuerlicher Haufen in einer wirren Zeit, keineswegs verbunden durch echte gemeinsame politische Überzeugung. Es standen Monarchisten neben Nationalsozialisten, Konservative neben Liberalen, Christen neben Juden (es gab in Wien eine jüdische Frontkämpfer-Abteilung) — und so wie die Mitgliedschaft sah ihre Führung aus.

In Tirol stand der Rechtsanwalt Dr. Richard Steidle an der Spitze, an seiner Seite der aus Deutschland geflohene Putschist Major Waldemar Papst; in der Steiermark wirkte der deutschnationale Judenburger Rechtsanwalt Dr. Walter Pfrimer, gefördert vom christlichsozialen Landeshauptmann Dr. Anton Rintelen; in Niederösterreich war neben dem Christlichsozialen Julius Raab ein politisch unbestimmbarer Graf Alberti an der Führung beteiligt; in Oberösterreich dirigierte (und bezahlte zum Teil) der Großgrundbesitzer Ernst Rüdiger Starhemberg die Scharen; in Wien führte dessen erbitterter Widerpart, der über alle Maßen ehrgeizige Major Emil Fey. Kein einziger dieser Führer vertrug sich mit dem anderen. Jeder wollte die Macht an sich reißen und hielt den Kameraden an seiner Seite „im gleichen Schritt und Tritt“ für einen gefährlichen Nebenbuhler.

Eines Tages wurde der Versuch unternommen, eine gemeinsame Plattform zu finden. Man kam am 18. Mai 1930 in Korneuburg zusammen. Stundenlang stritt man, ohne einander näherzukommen. Schließlich wurde zum Abschluß der Tagung eine Resolution verlesen, die im allgemeinen Lärm unterging, von den meisten Teilnehmern kaum verstanden. Das war der berühmte „Korneuburger Eid“, mit dem sich die Teilnehmer an der Tagung wie folgt verpflichteten: „Wir wollen nach der Macht im Staate greifen ... Wir verwerfen den westlichen demokratischen Parlamentarismus und den Parteienstaat.“ Trotzdem beteiligten sich die Heimwehren unter dem Namen „Heimatblock“ ein halbes Jahr später, am 9. November 1930, an der Wahl zum Nationalrat, errangen aber nur 8 von 165 Sitzen.

Dollfuß brauchte diese acht Stimmen, um eine, wenn auch knappe Mehrheit zustande zu bringen. Er bewilligte deshalb dieser kleinen Gruppe eine viel stärkere Vertretung in der Regierung als ihr zukam. Aber nicht nur das. Am 17. Oktober 1932 berief er Emil Fey als Staatssekretär für das Sicherheitswesen in die Regierung — und damit begann jene folgenschwere Entwicklung, die mit einer blutigen Schicksalstragödie endete.

Umgeben von Diktaturen

Die innerpolitischen Verhältnisse in Österreich wurden von Jahr zu Jahr mehr von der Außenpolitik überlagert. Es war für das kleine Land schon schwierig genug, daß sich in ganz Europa autoritäre Bewegungen ausbreiteten, die nicht ohne Rückwirkungen auf Österreich bleiben konnten. Die autoritären Regierungen in Polen und Rumänien, Jugoslawien und Ungarn mochten bereits als Zeichen einer bestimmten Entwicklungstendenz gewertet werden. Daß aber selbst im Mutterland der parlamentarischen Demokratie, in England, Sir Oswald Mosley faschistische Umtriebe organisieren konnte, bedeutete noch mehr. Es konnte kaum anders sein, als daß sich unter diesen Umständen auch in Österreich die dafür anfälligen Kreise faschistisches Gedankengut zu eigen machten. Wie mußte da erst auf das kleine Land die Machtergreifung Hitlers in Deutschland wirken, der schon vor Jahren Mussolinis Imperium vorangegangen war!

Zu Beginn der Dreißigerjahre war es insbesondere das faschistische Italien, das Österreich zum Schicksal wurde. Dort lebten noch die Gedanken des Risorgimento, die Lehren Mazzinis, die Taten Garibaldis. Sie waren gegen das habsburgische Großreich gerichtet, dem zu Trotz die Einigung Italiens zustande kam. Nichts lag näher, als daß nun der Spieß umgedreht wurde: das geeinte Italien wollte dem ungeeinten Mitteleuropa seinen Willen aufzwingen. Mussolini wäre nicht der gewesen, der er war, hätte er sich nicht zum Bannerträger dieser Bewegung gemacht: die Fahnen seiner Legionen sollten wie einstens die des antiken Rom am Ufer der Donau wehen! Horthy, der Beherrscher Ungarns, stand bereits unter italienischem Einfluß, war ein Verbündeter geworden. Nun war ein weiterer Schritt fällig, die Einbeziehung Österreichs in die Machtsphäre Italiens.

Auf dem Weg zu diesem Ziel gab es ein Hindernis, die sehr starke und selbstbewußte österreichische Arbeiterbewegung. Mussolini wußte genau, daß ohne die Beseitigung dieses Hindernisses die geographische wie politische Brücke zu Ungarn, die er für seine Zwecke brauchte, nicht zustande kommen konnte. Deshalb war ihm jedes Mittel recht, um seine Ziele zu erreichen. Er brauchte nicht lange zu suchen. Die österreichische Heimwehr bot sich dem italienischen Diktator von selbst an; sie brauchte dringend Geld, um ihre Söldner zu bezahlen, benötigte außerdem Waffen. Sie konnte beides nur von Mussolini in genügender Menge erhalten, da Hitler um diese Zeit noch nicht an der Macht war; sonst hätten sich Starhemberg und Fey ohne jedes patriotische Bedenken auch an ihn gewandt, wie es später ja tatsächlich geschehen ist.

Im Memoirenbuch Starhembergs, „Between Hitler and Mussolini“, ist geradezu erschütternd zu lesen, wie der Vizekanzler Österreichs als demütiger Bittsteller den Diktator Italiens anging, ihm Geld und Waffen für seine Privatarmee zu geben. Schon beim ersten Ansuchen erhielt er zwei Millionen Schilling sowie die Zusage von Waffensendungen. Bei den Waffensendungen gab es eine Panne. Österreichische Eisenbahner kamen durch Zufall darauf, daß in einigen aus Italien kommenden Waggons 80.000 Gewehre lagen. Sie sollten unter falscher Deklaration an die Patronenfabrik Hirtenberg gehen, die einem Freund Starhembergs gehörte. Ein Teil dieser Gewehre war, wie man alsbald herausbekam, für Ungarn bestimmt, einige Zehntausend für die Österreichischen Heimwehren. Es gab einen Riesenskandal: Parlamentsdebatten, Notenwechsel der ob dieses eklatanten Bruches der Friedensverträge empörten Westmächte.

Der Sturm legte sich zwar; übrig blieb jedoch eine noch stärkere Entschlossenheit Mussolinis, mit den österreichischen Sozialdemokraten aufzuräumen. Brief auf Brief ging an Dollfuß mit der Aufforderung, die Errichtung eines faschistischen Staates zu beschleunigen, einen sofortigen Schlag gegen die „Austromarxisten“ zu führen, ihre Organisationen aufzulösen, sie aus dem Wiener Rathaus zu vertreiben. Der österreichische Bundeskanzler, auf diese Art von einer auswärtigen Macht bedrängt, fand im eigenen Land keine große Hilfe. Die christlichsoziale Partei beschritt nur widerwillig den von ihm eingeschlagenen gefährlichen Weg, und von der Heimwehr war erst recht nichts zu erwarten; denn sie hatte ihre eigenen Absichten. Starhemberg und Fey bekämpften einander leidenschaftlich, weil jeder von den beiden die Macht im Staate an sich reißen wollte. Einig waren sie nur in ihrer Gegnerschaft zu Dollfuß. Dieser suchte Zuflucht nach zwei Seiten: er spann nun auch Fäden zu Hitlers Deutschland, und er versuchte im Innern des Landes seine Position durch die Gründung der Vaterländischen Front zu stärken.

Mitte Mai 1933. verhandelten die Minister Schuschnigg und Buresch mit Theo Habicht, dem nationalsozialistischen „Landesinspekteur für Österreich“ und einem zweiten Nationalsozialisten in Wien.

Am 30. Oktober 1933 fuhr Dr. Schuschnigg im Auftrag des Bundeskanzlers Dollfuß nach München zu einer Aussprache mit Rudolf Hess, dem Stellvertreter Hitlers.

Am 8. Januar 1934 war Habicht bereits mit einem Flugzeug über Wien. Nach längeren Verhandlungen, die eine Aufnahme mehrerer Nationalsozialisten in die österreichische Regierung vorsahen, sollte in Wien der Abschluß erfolgen. In letzter Minute wurde von Berlin das Flugzeug mit dem „Landesinspekteur“ zurückberufen.

Warum wohl?

Die natürlich geheim geführten Verhandlungen mit den deutschen Nationalsozialisten blieben ohne Erfolg, weil alles, was Dollfuß in dieser Richtung unternahm, ständig durchkreuzt wurde von den wackeren Heimwehrführern, die das gleiche taten wie er, aber für ihre eigenen persönlichen Zwecke. Hatten sie hinter dem Rücken ihres Freundes und Bundeskanzlers vorher mit Mussolini konspiriert, zögerten sie nun nicht, hinter dessen Rücken mit Habicht zu intrigieren. Sheperd konnte an Hand amtlicher Belege feststellen, Theo Habicht habe an Hitler berichtet, „daß die Führer aller vier Heimwehrgruppen — Fey, Starhemberg, Steidle und Alberti — einer nach dem anderen seinen Vertreter in Wien, Schattenfroh, mit Vorschlägen für separate Vereinbarungen aufsuchten ... Jeder trachtet, den anderen auszustechen und ihn als unmöglich hinzustellen ... Alle sind sich nur in dem einen Punkt einig, daß sie wütend auf Dollfuß sind“. [7]

Kein Wunder, daß Hitler unter diesen Umständen zögerte, mit Dollfuß abzuschließen; er zog es vor, abzuwarten.

Patriotismus ohne Mehrheit

Dollfuß hatte, was die innere Politik anlangte, seine Sache auf die Vaterländische Front gestellt, die Bannerträgerin des österreichischen Patriotismus sein sollte. Es ist nicht klar, wem diese Organisation ihr Entstehen verdankt. Mussolini schrieb am 1. Juli 1933 an Dollfuß, er „halte den Gedanken der Schaffung der Vaterländischen Front für einen sehr guten“; als deren Aufgabe erschien ihm, „der Sozialdemokratischen Partei in ihrer Felsenfestung Wien einen Schlag zu versetzen und ihre Säuberungsaktion auf alle Zentren auszudehnen“.

Worauf der österreichische Bundeskanzler am 22. Juli gehorsam versicherte, er sei entschlossen, „sobald es die Verhältnisse zulassen, den Marxisten ihre Machtpositionen, die sie noch in Händen haben, zu nehmen“.

Trotz diesen großen Worten wurde die Vaterländische Front nicht das, was ihre Gründer erhofft hatten. Der Ausschluß der Sozialdemokraten, deren Vernichtung ja das eigentliche Ziel war, bedeutete rein zahlenmäßig, daß die Vaterländische Front nicht die Mehrheit der Bevölkerung umfaßte. Um wieder den unverdächtigen Dollfuß-Biographen zu zitieren: Die Vaterländische Front war „nach ihren Mitgliedern beurteilt, im Grund das alte christlichsoziale Lager, dem man ein neues patriotisches Prunkgewand übergeworfen hatte“. [8]

Doch nicht nur das Zahlenverhältnis hinderte diese Organisation, eine verläßliche Stütze dieses Regimes zu sein. Noch bedeutsamer war ihr desolater innerer Zustand. Da gab es neben den verschiedenen Heimwehrgruppen, die einander spinnefeind waren, auch noch separate Wehrformationen der Christlichsozialen selbst, wie Schuschniggs „Ostmärkische Sturmscharen“ und den von den Christlichen Gewerkschaften aufgebauten „Freiheitsbund“. Daß dieses Konglomerat eine wirksame Abwehr des Nationalsozialismus hätte sein können, war von Haus aus nicht viel mehr als ein Wunschtraum. Die Cliqueninteressen waren stärker als die patriotische Gemeinschaftsidee.

Schutzbund hilft Bundesheer

Die schwache Basis des Dollfuß-Regimes brachte es unvermeidlich mit sich, daß es in eine immer größere Abhängigkeit von seinem auswärtigen Schutzherrn, von Mussolini, geriet. Ich erlebte ein einprägsames Beispiel: In Bayern stand eine etwa 10.000 Mann starke, gut bewaffnete Truppe, die sich aus österreichischen Flüchtlingen zusammensetzte, Nationalsozialisten, die ihre Heimat verlassen hatten, um sie in einem gegebenen Augenblick für das Dritte Reich zu erobern. Ich fuhr nach Salzburg, um mich an Ort und Stelle über die getroffenen Abwehrmaßnahmen zu informieren. Sie sahen trostlos aus. Eine Handvoll Soldaten und Gendarmen, unterstützt von kleinen Heimwehrgruppen — das war alles, was zur Verteidigung aufgeboten wurde. Ich sprach mit dem Heeresminister Carl Vaugoin, der zum gleichen Zweck wie ich an die Grenze gekommen war, und wir berieten, was zur Verstärkung unserer Abwehr geschehen könnte. Mein Vorschlag, den Republikanischen Schutzbund aufzubieten und ihn dem Kommando von Offizieren der Wehrmacht zu unterstellen, wurde von Vaugoin mit sichtlicher Befriedigung aufgenommen.

Am 15. September 1933 referierte ich einer sozialdemokratischen Länderkonferenz in Salzburg. Wie kaum anders zu erwarten war, wurde mir entgegengehalten, daß es viel verlangt sei, sich dem Dollfuß-Regime zur Verfügung zu stellen, das die Arbeiterorganisationen unterdrücke, ihre Presse kneble usw. usw. Erst als Karl Renner, Ernst Koref und Simon Abram mit aller Entschiedenheit für meine Anträge eintraten, darauf hinweisend, daß auch bei früheren Gelegenheiten Arbeiterwehren und Schutzbund sich an die Seite des Bundesheeres zur Verteidigung des Landes gestellt hatten (Kärnten 1919, Burgenland 1921, Tirol 1926), wurde mir die Vollmacht erteilt, mit Vaugoin abzuschließen. [9]

Was nun geschah, war bezeichnend für die Lage der Dollfuß-Regierung. Unter dem Druck der Heimwehren, die ihrerseits unter dem Druck Mussolinis standen, enthob Dollfuß den langjährigen Heeresminister und christlichsozialen Parteiobmann Carl Vaugoin seines Postens in der Regierung. Dafür rückte Emil Fey als Vizekanzler in das Kabinett ein.

Das bedeutete den Sieg einer Richtung, deren Patriotismus mehr einer Unterwerfung unter die Botmäßigkeit des italienischen Imperialismus glich als einem freiwilligen Bekenntnis zur österreichischen Heimat.

Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Der Konflikt zwischen den beiden großen politischen Lagern spitzte sich zu, trotz den Versuchen verantwortungsbewußter Männer, einen Ausgleich zu finden. Nebenbei: Unter den Sozialdemokraten war man sich über das Wesentliche des Abwehrkampfes viel einiger, als eine gezielte Legendenbildung glauben machen wollte. Mochte vordem, wie es demokratische Art ist, über dies oder jenes diskutiert worden sein, in der Stunde der Gefahr stand man geschlossen zusammen. Das galt für Renner und Bauer (Victor Adlers angeblicher Ausspruch „Bauer, das talentierte Unglück der österreichischen Sozialisten“ ist eine glatte Erfindung) ebenso wie für Seitz und Danneberg, Schneidmadl und Helmer. Daß es ihnen nicht gelang, trotz hundertfältigen Bemühungen, den Zusammenstoß zu vermeiden, war so wenig ihre Schuld wie die von Reither und Kollmann, Schlegel und Stumpf, Kunschak und Buresch auf der anderen Seite.

Dollfuß selbst konnte am Ende darüber nicht hinwegsehen, was und wer tatsächlich hinter den Heimwehren steckte. Er erkannte ihre Abhängigkeit von Italien ebenso wie die Intrigen und Machtkämpfe im Innern des Führungsapparates. Seine Hoffnung, daß die Zeit für ihn arbeite, erwies sich als ein Irrtum. Die Arbeiterbewegung beurteilte er ebenso falsch. Er war überzeugt davon, daß es ihm gelingen werde, die „Führer“ von der Masse zu trennen und diese dann an sich zu ziehen. Er hatte keine Ahnung vom geistigen Charakter und inneren Zusammenhalt einer modernen Arbeiterbewegung. Ein weiteres Axiom war ihm der Ausgang des Kampfes um die Demokratie in Deutschland. Weil dort die Sozialdemokratie nicht zum letzten entscheidenden Waffengang angetreten war, erwartete er das gleiche für Österreich.

Christliche Hemmungen

Er bemühte sich, der Forderung Mussolinis, den „Austromarxismus“ mit Gewalt zu zerschlagen, eine Zeitlang hinhaltend zu begegnen. Er zögerte, die dem Diktator mehrmals gegebenen Versprechungen zu erfüllen, in der Hoffnung, auf einem sozusagen legalen Weg zum Ziel zu kommen. Daß er überdies als gläubiger Christ innere Hemmungen hatte, offen Gewalt anzuwenden, wird von denen, die ihn näher kannten, glaubwürdig versichert.

Aber die Taktik des Zögerns, des Hinausschiebens, des Verhandelns, um Zeit zu gewinnen, wurde jäh gestört, als im Januar 1934 der Unterstaatssekretär im italienischen Außenministerium, Fulvio Suvich, in Wien erschien, um im Auftrag Mussolinis in energischer Weise von Dollfuß das endliche Losschlagen gegen die Sozialdemokraten zu verlangen. Gleichzeitig erhoben sich, wohl ebenfalls auf Kommando Italiens — die Heimwehren in den österreichischen Landeshauptstädten und forderten, mit Waffengewalt drohend, die faschistische Umformung der Landesregierungen. Diese Begleitumstände gaben jener berüchtigten Rede des Vizekanzlers Fey eine besondere Note, in der er am Vorabend des 12. Februar erklärte: „Wir werden morgen an die Arbeit gehen, und wir werden ganze Arbeit leisten.“

Diese Arbeit begann mit einer provozierenden Waffensuche im Linzer Arbeiterheim, die die Katastrophe auslöste.

Wir zweifeln nicht daran, daß es für Dollfuß eine schwere Stunde war, als am Mittag des 12. Februar 1934 in Wien die Gewehre und die Maschinengewehre zu rattern begannen. Er mag sich nach berühmtem Vorbild gesagt haben: „Das habe ich nicht gewollt“ — aber daß er, ohne es zu wollen, dazu beigetragen hatte, konnte seinem prüfenden Gewissen nicht verborgen sein.

Der Februar 1934 brachte keinem der Beteiligten den Sieg, sondern allen eine Niederlage. Der Bürgerkrieg löste keines der inneren Probleme des Landes, sondern komplizierte sie noch mehr, von den zunehmenden außenpolitischen Schwierigkeiten ganz zu schweigen.

Dollfuß sah sich dem gesteigerten Machtanspruch der Heimwehren gegenüber, denn vor allem Fey, der sich seit den Februarkämpfen als „Retter vor dem Marxismus“ aufspielte, drängte ungestüm nach vorn. Der Bundeskanzler tat nun, was er längst hätte tun sollen; er entzog dem Vizekanzler die Verfügungsgewalt über das Sicherheitswesen. Doch abermals war es eine halbe Maßnahme: Fey blieb Mitglied der Regierung, wenn auch ohne Ressort. Dollfuß war indessen hellhörig genug, um nun Fey insgeheim polizeilich überwachen zu lassen, leider mit geringem Erfolg.

Es gehört zu den erschütterndsten Momenten des Dramas vom 25. Juli 1934, daß das einzige Regierungsmitglied mit dem der schwerverletzte Bundeskanzler vor seinem Tod noch einige Worte sprechen konnte, sein Widersacher Emil Fey war. Vor diesem grauenvollen Ende hat jedes Ressentiment zu verstummen.

Die Tragik im Leben Dollfuß’ lag darin, daß ihn das Schicksal in die Rolle eines starken Mannes zwang, der er nicht war.

[1Gordon Sheperd: Engelbert Dollfuß, S. 131.

[2„Geschichte der Republik Österreich“, herausgegeben von Heinrich Benedikt, S. 200.

[3In: „Ein Requiem in Rot-Weiß-Rot“, S. 196.

[4In: „Österreich in Geschichte und Literatur“, Jahrgang 1958.

[5Schneidmadl: Über Dollfuß zu Hitler, S. 39 ff.

[6Friedrich Funder: Als Österreich den Sturm bestand, S. 71.

[7Sheperd: op. cit., S. 259.

[8Sheperd: op. cit., S. 138.

[9Der frühere Münchner Staatsanwalt und spätere Ministerpräsident Bayerns, Dr. Wilhelm Hoegner, lebte um diese Zeit als Flüchtling in Österreich. Er nahm an der Salzburger Konferenz teil und veröffentlichte über sie ein Protokoll in seinem interessanten Erinnerungsbuch „Der schwierige Außenseiter“, München 1959, S. 131 ff.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1964
, Seite 298
Autor/inn/en:

Julius Deutsch:

Foto: Von unbehannt - http://www.bildarchivaustria.at/Pages/ImageDetail.aspx?p_iBildID=1556107, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=11526149

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