FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1982 » No. 347/348
Jürg Jegge

Die Mittelmäßigkeit der Lehrer

Unser Siegfried-Komplex

Rede an der Pestalozzifeier des Bernischen Lehrervereins, 13. März 1982, vom Veranstalter des Abdrucks für unwert erachtet, vom FORVM den Schülern, Eltern, Lehrern gewidmet, auch denen von Bern.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

nach der klassischen Vortragsregel beginnt man eine Rede mit der „captatio benevolentiae“, einer artigen Netthaftigkeit an die Zuhörer, um sich von diesen das fürderhinige Wohlwollen zu sichern für das, was man ihnen eigentlich beibringen will. Das will ich zunächst auch tun mit einer Hinausgesprochenheit, über die Sie sich gewiß sogleich herzlich freuen werden: „Wir Lehrer sind doch eigentlich recht durchschnittliche, aufs Ganze gesehen eher schwach profilierte, farblose Leute.“

Wenn man so etwas behauptet, tut man gut daran, die Anwesenden zur Sicherheit gleich auszuschließen. (Ist Ihnen nicht auch schon aufgefallen, wie leicht man den meisten von uns eine klammheimliche Freude machen kann mit der Versicherung, man wäre jetzt wirklich nicht auf den Gedanken gekommen, daß man es bei uns mit Lehrern zu tun habe, wir sähen überhaupt nicht wie solche aus?) Aber ich möchte Sie nicht aus-, sondern im Gegenteil mich mit einschließen. Und ich will zugleich meine Behauptung an meinem Beispiel etwas erläutern.

Dilemma

Ich singe — wahrscheinlich wissen Sie das — öffentlich eigene Lieder zur Gitarre. Vielleicht kennen Sie ein paar meiner Lieder. Sicher aber haben Sie eine Platte von Mani Matter zuhause, dem zu Recht bekanntesten Schweizer Liedermacher. Wenn Sie unsere Lieder vergleichen, fällt der Vergleich ganz eindeutig zu meinen Ungunsten aus. Ich glaube, daß einige meiner Lieder ganz ordentlich sind. Aber diese Fähigkeit, ein Problem auf den kleinsten möglichen Nenner zu bringen, in eine scheinbar banale Geschichte zu kleiden und diese in einer Art vorzutragen, die völlig unrechthaberisch ist und dem Zuhörer in keiner Weise Gewalt antut — da bin ich dem Mani Matter haushoch unterlegen. Ich schreibe auch hin und wieder Aritkel, Kolumnen für Zeitungen. Auch da glaube ich, daß einige gar nicht so schlecht sind. Aber wenn ich eine der besseren Arbeiten Peter Bichsels lese, muß ich neidlos gestehen: Diese Fähigkeit, mit Sprache umzugehen, sie subtil-hintersinnig (und manchmal durchaus hinterhältig) zu gebrauchen wie der Peter, die habe ich ganz einfach nicht. Hin und wieder besuche ich den mir seit Jahren befreundeten Pädagogikprofessor Hans-Jochen Gamm in Darmstadt. Wir sitzen dann ein paar Stunden beisammen. Ich berichte ihm, wie es mir so geht, was ich mir zu diesem und jenem so denke. Wenn ich dann etwa eine Viertelstunde lang ziemlich wirr, wie das so meine Art ist, „herumgestürmt“ habe, sagt er: „Ja, wenn ich Sie richtig verstanden habe, geht es darum ...“ Dann folgt ein einziger Satz, in dem etwa fünfzehn Fremdwörter stecken, in dem aber zugleich all das enthalten und schön geordnet ist, was ich eben hervorgesprudelt habe. Und mir wird wieder einmal klar: Diese Fähigkeit zur Abstraktion — und damit zum wissenschaftlichen Denken — geht mir ganz einfach ab.

Ich breche hier die Aufzählung meiner zahlreichen Nachteile ab. Ich will ja keine Selbstkritik nach chinesischem Muster betreiben. Aber ich glaube, daß meine Situation auch Ihre ist: Auf den verschiedensten Gebieten begabt (darum hat es seinerzeit geheißen: „Der muß in’s Seminar“), aber doch nicht so ausgeprägt, so farbig, daß es für irgend etwas Großartiges gereicht hätte (sonst wären Sie jetzt Blockflötist oder Eisenplastiker — oder sonst irgend etwas Ehrfurchterheischendes).

Reden wir noch kurz von der seelischen Seite der ganzen Angelegenheit. Ich selber habe als Bub starke Minderwertigkeitsgefühle gehabt. Ich war, wie Sie sich wahrscheinlich vorstellen können, zu dick, ich hatte das Gefühl, wie Sie es vermutlich auch hatten, ein schlechter Mensch, ein Sünder oder was weiß ich zu sein. Da ist es kein Zufall, daß ich in einem „helfenden Beruf“ gelandet bin. Wäre ich damals ein besserer Schüler gewesen, hätte ich das Gymnasium absolviert und nachher Arzt oder Pfarrer studiert. Wäre ich ein schlechterer Schüler gewesen als ich es war, hätte ich einen Beruf erlernt, Buchhändler zum Beispiel (da kann man die Leute auch beraten) und wäre jetzt vielleicht Sozialarbeiter. So, als relativ erfolgreicher aber doch durchschnittlicher Schüler, bin ich eben Lehrer geworden, wie Sie. Aber gerade, weil ich seinerzeit gelitten habe, weil ich deswegen ein ausgeprägtes Gefühl dafür habe, wie es sein müßte, bin ich jetzt in einem Beruf tätig, der mir die Möglichkeit gibt, mich heute noch von meinem seinerzeitigen Leiden abzulenken, indem ich einfach „helfe“, einen Beruf, in dem die Ideale unheimlich hoch gesteckt sind. So werde ich mir meiner Durchschnittlichkeit ständig bewußt, ich bin, gemessen am Ideal, ein „schlechter Mensch“ (wie früher als Bub), die Schlange hat sich in den Schwanz gebissen. Dieses Kunststück beherrschen viele Angehörige unseres Berufsstandes.

Jetzt will ich aber aufhören, von unserer Durchschnittlichkeit zu schwärmen. Es gibt ja darüber ohnehin genug hämische Kommentare von Leuten, die sich für profilierter halten. Aber ich glaube, im großen Ganzen stimmt es schon, wenn Sie sich in Ihrem Kollegenkreis um- oder im Spiegel anblicken: Die kräftigen, farbigen Figuren sind eher selten. (Und die, die es gibt, haben die größten Schwierigkeiten. Das muß man natürlich auch sagen.) Wenn irgendwo von Schulproblemen die Rede ist, fällt bald einmal der Satz: „Letztlich kommt es halt auf den einzelnen Lehrer an“, und sogleich beginnt das große allgemeine Nicken. Doch der Satz stimmt nur zur Hälfte. Schule — das hat immer auch mit Politik zu tun, mit gesellschaftlichen Anforderungen und Zusammenhängen. Aber davon soll jetzt nicht die Rede sein. Ich will von unserer Verantwortung und von unseren Möglichkeiten sprechen.

Drei Auswege

Sie werden sich vielleicht fragen, wie ich jetzt die Kurve kratze. Wie ich jetzt, nachdem ich zu Beginn meines Vortrages so ausgiebig Negatives von mir gegeben habe, zum aufbauenden Mittelteil und zum versöhnlichen Schluß kommen will. Ich muß ja aus der beklagten Not irgend eine Tugend machen. Aber das weiß jeder Sonntagsprediger — man soll nicht zu rasch positiv werden. Sonst beruhigen sich die Leute zu leicht. Ich will jetzt über drei Auswege aus diesem Dilemma berichten, drei Möglichkeiten, wie Leute aus unserem Beruf an Profil gewinnen. Zwei unglückliche und eine glücklichere, ich werde die beiden unglücklichen voranstellen.

1) Profilneurose

Der erste Ausweg: Wenn man’s nur richtig ansieht, hat jeder Lehrer Profil. Er ist ja seinen Schülern in vieler Hinsicht überlegen. Er ist älter, meist voluminöser, weiß mehr, zumindest auf den Gebieten, die für die Schule wichtig sind. Ich glaube schon, daß viele aus diesem Umstand Selbstbewußtsein gewinnen. Es ist ein Umstand, der in Lehrerkreisen nahezu tabu ist, auf den in Nichtlehrerkreisen aber umso begeisterter und schadenfreudiger aufmerksam gemacht wird. Aber er ist nicht „lehrertypisch“. Jeder Erwachsene, der mit Kindern zu tun hat, kennt dieses augenzwinkernde Einverständnis Erwachsener über die Köpfe der Kinder hinweg: „Ja Kinder ...“ Nur ist es in unserem Stand sozusagen berufsnotorisch. Unter Blinden ist der Einäugige König. Aber dieser Thron steht auf verflucht wackeligen Beinen. Schon andere Einäugige können so einen König gewaltig aus der Fassung bringen. Die Atmosphäre vieler Lehrerzimmer spricht da Bände. Sie werden auch in Ihrem Kollegenkreis mühelos Beispiele finden von Lehrern, die zwar mit ihren Schülern problemlos umgehen, doch mit anderen Erwachsenen einfach nicht zurechtkommen. Ich habe erlebt, wie zwei bernische Landlehrer einem international tätigen Regisseur Ratschläge gaben, wie er ein Stück, das sie soeben zum ersten Mal in ihrem Leben gesehen hatten, anders hätte inszenieren können. Zum Glück war es ein gutmütiger Regisseur.

Ebenso verbreitet wie der erste Ausweg ist der

2) Siegfried-Komplex

Möglicherweise haben Sie Ihren Schülern auch schon die Geschichte von Siegfried erzählt. Wie seiner Mutter Sieglinde prophezeit worden ist, sie werde einen gebären, der ein großer Held sein werde und der mit dem auch bereits vorhandenen Schwert Notung gewaltige Heldentaten zu vollbringen ausersehen sei. Stellen Sie sich diesen Jung-Siegfried einmal als kleines, rundliches, freundliches, friedliches Kerlchen vor. Da hilft nichts, er muß ein Held werden. Er gehört ja in die Nibelungensage, und da haben freundliche, friedliche Leute nichts zu suchen.

Dieser Siegfried hat von vorneherein gar keine Chance, selber ein eigener Mensch zu werden. Er erfährt von klein auf, daß es Dinge gibt, die wichtiger sind als er selber, seine Ängste, was ihn freut oder traurig macht, kurz, all das, was ihn zu einem Menschen und zu einem Helden der Nibelungensage macht. Das sind Dinge wie Selbstüberwindung, Tapferkeit und noch ein paar weitere -ungen, -heiten und -täten. Und weil diese so überaus wichtig sind, wird er ein Held und kein Mensch. Oder sagen wir: Mensch ist er erst in zweiter Linie. Ich kann mir gut vorstellen, wie er sagt: „Rein als Mensch würde ich heute Abend lieber bei der Brünnhilde bleiben (oder noch lieber bei einer ganz gewöhnlichen Frau, die keine Wotanstochter ist und nicht ‚hojottohoh!‘ schreit, wenn sie bemerkt, daß man sie anschaut). Aber ich bin nun einmal ein Held, und da muß ich Heldentaten vollbringen.“

Viele meiner Kollegen kommen mir vor wie solch verzweifelte Helden. Wie mancher von ihnen hat mir schon — dem Sinne nach — gesagt: „Weißt du, rein als Mensch würde ich diesen Schüler ganz gern in die nächste Klasse nehmen, ich mag ihn ganz gut leiden. Aber ich bin nun eben Lehrer, und da muß ich einfach feststellen, daß er den nötigen Dreieinhalber nicht hat. So leid es mir tut.“ Wenn ich dann sagte: „So gib ihm doch einfach diesen Dreieinhalber“, kam die Antwort: „Das geht nicht. Das wäre ungerecht gegenüber all den Schülern, die sich diesen Dreieinhalber ehrlich verdient haben.“ Das ist zunächst einfach kaputte Logik. Nach dieser Logik darf ich keinen Ertrinkenden aus dem Wasser ziehen, weil das ungerecht wäre gegenüber all denen, die einen Schwimmkurs besucht haben. Aber es ist eben mehr als das.

Dieser Lehrer führt einen ziemlich verzweifelten Kampf gegen sich selber. Er entscheidet sich für das, was weit über ihn und seinen Schüler hinausgeht: die Erfordernisse des Lehrplans, das Verfahren der Selektion, letztlich die Gerechtigkeit. Er wird sich zwar einreden, das liege vor allem im Interesse des Schülers, die Repetition zum Beispiel oder die Gerechtigkeit schon gar. Aber im großen Ganzen stimmt es schon: „Rein als Mensch“ — das kommt erst nachher, wie bei Siegfried. Er ist froh, wenn das einigermaßen deckungsgleich ist. Aber im Extremfall wird er sich mit Gewissensbissen dagegen entscheiden. Das wäre unschwer an anderen Beispielen aus dem Schulalltag zu erhärten: Hausaufgaben, Noten, Disziplin usw. Diese Extremfälle sind recht häufig. In meiner Klasse sitzen lauter solche. Kinder, die in der Schule unsäglich gelitten haben. Man kann es auch anders sagen: Kinder, die gequält worden sind. Gequält nicht zuletzt von ihren Lehrern. Von Lehrern, die das gewiß nicht beabsichtigten — ich sehe jetzt von den Sadisten ab, die es in unserem Beruf natürlich auch gibt, wie bei den Karosseriespenglern oder den Krankenschwestern. Von Lehrern aber, die sich — wie Siegfried — für das Große, das Überpersönliche entschieden haben. Ich denke halt, es gibt keinen Gedanken, kein Prinzip, und sei es noch so erhaben, um dessentwillen man Menschen leiden machen darf. Zudem ist es eines freien Menschen ganz einfach unwürdig, andere leiden zu machen. Aber wo Helden sind, liegen eben nicht nur Lorbeerkränze herum, sondern auch Leichen.

Ich glaube, es stimmt schon: Unter unseren Kollegen versuchen unzählige, sich auf diese Weise Profil zu verschaffen. Das würde als Lösung etwa so aussehen: Ich selber bin überhaupt nicht wichtig. Doch gibt es Dinge, die wichtiger sind als ich und in deren Dienst ich mich stelle. Die Tugend zum Beispiel, die Erziehung — hier werden dann je nachdem Dinge eingesetzt, die vor allem das gemeinsam haben, daß sie sehr erhaben sind. Ich erhalte Profil, indem ich mich in den Dienst dieser erhabenen Sache stelle, indem ich diese Siegfried-Rolle spiele. Auch dort, wo ich „rein als Mensch“ etwas anderes täte.

Das ist nun wieder etwas, das nicht nur in unserem Beruf vorkommt. Die meisten Menschen, die ich kennen lerne, sind solche Siegfriede, schaumgebremst, eingeengt, abgedämpft, aber der verzweifelten und festen Überzeugung, daß ihre Einengung zu irgend etwas gut ist. Sie entspricht der Konvention, dient der Karriere, dem Geschäftsinteresse, dem Sieg des Christentums, des Kommunismus oder sonst irgend einer gewaltigen Sache. Nehmen Sie so einen Menschen mit in die Ferien, in eine Situation also, in der er von ein paar solchen Einengungen beurlaubt ist. Sie werden vermutlich erleben, wie er etwas herzlicher, etwas lustiger, vielleicht auch etwas trauriger, im Ganzen etwas liebenswerter wird. Der Schluß, den die meisten Menschen aus solchen Beobachtungen ziehen, lautet: „Jaja, man kann natürlich nicht wissen, wie ein Mensch wirklich ist, wenn man ihn nur in den Ferien kennengelernt hat.“ Ich selber würde genau das Gegenteil sagen. Diese alltägliche Eingebremstheit ist das Resultat dessen, was wir erlebt haben. Da sind wir durchaus in derselben Situation wie Klein-Siegfried. Wir alle haben ja als Kind erlebt, daß es viel wichtigeres gibt als unsern Kummer, als das, was uns freut, als uns selber.

2a) Besserungswahn

Kürzlich sprach ich mit Wernis Vater. Er erzählte: „Da kommt doch Werni am Abend ins Büro. Sie hätten ihn sehen müssen: offene Turnschuhe, verwaschene Jeans, einen vergammelten Pullover, ungekämmt. Ich sagte ihm sofort, er solle sich zumindest zuerst kämmen, bevor er mit mir spricht.“ Ich erwiderte: „So war ich mit Ihrem Buben im Wiener Burgtheater. Aber vielleicht ist Ihr Büro etwas Feineres.“ Wir grinsten beide, er etwas angestrengter als ich. Begreiflich, ich muß ja aus Werni keinen besseren Menschen machen. Am nächsten Morgen bekam ich in der Schule dieselbe Geschichte von Werni erzählt. Er war an jenem Nachmittag sehr allein gewesen und hatte sich ziemlich verzweifelt gefühlt. Dann kam ihm die Idee: „Jetzt gehe ich zu meinem Vater ins Büro.“ Aber nach diesem Empfang zog er den Schluß: „Jetzt gehe ich halt nicht mehr zu meinem Vater.“ Aber möglicherweise, wahrscheinlich sogar, wird er sich, erwachsen geworden, seinem Sohn gegenüber ähnlich verhalten. Er muß ja einen besseren Menschen aus ihm machen, und da gehört der Scheitel halt dazu.

So pflanzt sich der Siegfried-Komplex fort, ohne direkten Körperkontakt, durch Knollen. Wir Lehrer sind gewaltige Knollengärtner. Aber: Profil verleiht das nicht. Das, worum es geht, ein eigener, unverwechselbarer Mensch zu sein, genau das kommt damit ja abhanden. Zudem ist es für mein Gefühl schlicht falsch. Dinge, Gedanken, Prinzipien sind immer von Menschen gemacht oder erdacht worden und werden auch von diesen weitergegeben. Die können ja gar nicht wichtiger sein als die Menschen, für die sie eigentlich da sind. Der Gedanke, sie könnten es, entspringt einem etwas naiven Kioskheftli-Denken. Sie kennen ja sicher die Kioskgeschichten, in denen von Menschen hergestellte Ungetüme, zum Beispiel Roboter, die Macht über die Menschen an sich reißen. Ist es Zufall, daß zugleich in den meisten dieser Geschichten die Menschen auf Sprechblasen reduziert sind? Sobald etwas Überpersönliches im Spiel ist, muß nicht mehr miteinander geredet werden, aufeinander eingegangen werden. Da reichen Sprechblasen durchaus. Denken Sie sich selbst bitte einmal als Comic-Figur. Der Roboter Selektion ist los, was sagen Sie? Er wird sich in der Sonderklasse sicher wohler fühlen. Das Kind ist halt milieugeschädigt. Das paßt hervorragend in eine Sprechblase.

Vielleicht ist Ihnen im Verlauf der letzten paar Minuten irgendwann durch den Kopf gegangen: „Da ist doch noch etwas Positives versprochen worden. Wo bleibt das eigentlich?“ Gemach, das kommt gleich. Zuvor aber möchte ich Ihnen noch rasch ein schlechtes Gewissen anhängen. Sie werden staunen, wie leicht das in unserem Beruf geht: Sind Sie Ihren Schülern wirklich ein Vorbild?

Sie können es sich leicht machen und sagen: „Natürlich bin ich eines. Das ergibt sich von selbst dadurch, daß ich älter bin, mehr weiß, mehr Erfahrung habe.“ Das wäre im Sinne unserer ersten Lösung, und ich denke, wir sind uns einig, daß das keine ist. Sie können auch sagen: „Ich versuche es, ich gebe mir täglich Mühe, und ich bemerke immer wieder, daß das nicht klappt. Es ist anstrengend, immer Vorbild sein zu müssen. Aber ich reiße mich zusammen.“ Das entspricht unserer zweiten, der Siegfried-Lösung. Sie ist sehr heroisch und sehr unglücklich, aber sehr häufig. Die Kinder haben zwar viel weniger davon, als Sie sich wahrscheinlich denken. Sie kennen sicher auch Menschen, die als Kinder schon das Opfer der ständigen Vollkommenheit ihrer Eltern waren. Zudem ist ganz einfach die Gefahr sehr groß, daß sich bei diesen Vorbildern Lebenslügen einschleichen, was dann deren schlechtes Gewissen nur noch verstärkt.

Und die dritte Lösung, die „positive“? Diese bestünde darin, auf den ganzen Vorbild-Krampf zu verzichten, die Siegfried-Rolle abzulehnen, keinen Wert darauf zu legen, ein verzweifelter Held zu sein. Das ist allerdings ein Vorschlag, der selten gemacht und noch seltener befolgt wird.

Die jungen Menschen, die mit mir Kontakt aufnehmen, weil sie sich unglücklich fühlen, sind meist auch bereits solche verzweifelte Helden. Das wichtigste, das sie lernen, erfahren müssen, ist: „Das, was ich zu bieten habe als Mensch, reicht eigentlich aus. Es ist nicht nötig, daß ich noch zusätzlich moralische oder intellektuelle Turnübungen veranstalte. Es ist genug, daß es mich gibt, und es ist schön, daß es mich gibt.“ Das ist in den meisten Fällen das genaue Gegenteil von dem, was sie bis jetzt gelernt haben, und es dauert oft Jahre, bis sie das wirklich spüren und nicht nur nachbeten. Aber ich habe immer wieder erlebt: Wenn sich dieser Siegfried-Krampf einmal löst, geschieht etwas ganz ähnliches wie in den Ferien, nur dauerhafter: Dieser Mensch wird etwas fröhlicher, etwas freier, etwas entspannter. Er bekommt auch mehr Mut, zu sich selber zu stehen, auch zu seinen sogenannten „schwachen Seiten“. Und mit der Zeit wird etwas sichtbar, was noch niemand an ihm bemerkt hat, vielleicht auch er selber nicht: Farbe, Profil. Kein billiges Einäugigen-Profil, kein verkrampftes, komplexbehaftetes Siegfried-Profil, sondern ein vielleicht etwas weniger prachtvolles, aber in der Regel ungleich liebenswerteres. Wenn Sie als Erzieher eine ähnliche Entwicklung machen, hat das zusätzlich noch einen Vorteil für die Kinder, die mit Ihnen zu tun haben. Diese haben nämlich nicht dauernd einen „vollkommenen Erwachsenen“ vor der Nase und bekommen so mehr Mut, selber ein eigener Mensch zu werden.

Ich könnte mir denken, daß Sie sich jetzt sagen: „Der hat gut reden. Der mit seinen Büchern und seinen Liedern. Wenn Sie meine Bücher der Reihe nach durchlesen (ich würde Ihnen allerdings davon abraten), werden Sie feststellen, daß von Mal zu Mal mehr von meinen Schwierigkeiten, meiner Unsicherheit die Rede ist. Von Mal zu Mal habe ich mehr Mut bekommen, unsicher zu sein und davon auch zu reden. Nun kann ich Ihnen aber nicht guten Gewissens empfehlen, einfach Bücher zu schreiben. Ein sogenannter Bestseller wie Dummheit ist lernbar — und das müßte es ja mindestens sein — ist ein Glücksfall, für den ich nichts kann und der sich auch nicht wiederholen läßt. Aber er bringt’s nicht. Er bringt einen höchstens plötzlich in die Verlegenheit, irgendwelche ergreifende Reden halten zu müssen.

Nein, an solchen Entwicklungen sind immer Menschen schuld. Menschen, die zu mir stehen, wenn ich daneben bin oder wenn ich durchhänge. Da ist auch die Erfahrung, daß die Welt, so wie ich sie täglich kennenlerne, menschlicher werden muß. Auch die Schule. Für unsere Schüler, aber auch für uns selber. Und dann ist da noch das Wissen, daß auch da Menschen dran arbeiten, sich dafür einsetzen. Nicht nur in der Schule, aber auch dort. Es lohnt sich.

Denn unsere Erde ist verdammt schön, und der Wein, der auf ihr wächst, kann gut sein, wenn nicht zuviel Gift darin ist. Hoffentlich ist das als Schluß versöhnlich genug.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1982
, Seite 33
Autor/inn/en:

Jürg Jegge:

Geboren 1943 in Zürich, war Lehrer, Fernseh­moderator, Radio­mitarbeiter, ist Buchautor und Liedermacher. Von 1985 bis 2011 leitete er den „Märtplatz“ in Rorbas, eine berufliche Ein­gliederungs­stätte für junge Menschen mit „Start­schwierigkeiten“; schrieb im FORVM ab 1982 zahlreiche Beiträge, darunter die theaterfreundliche Serie „Pawlatschenreport“. Wird alles (hoffentlich:) bald hier wiederveröffentlicht werden.

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