FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1961 » No. 88
Alfons Dalma

Die Intellektuellen am Ruder

Notizen nach der Rückkehr aus Washington

Zwei Monate nach der Amtsübernahme durch Kennedy steht zwar noch nicht genau fest, was die neue Politik sein wird, doch kann es keinen Zweifel mehr geben, wie die neue Regierung regieren wird — wie diese Gruppe von Menschen an den Schalthebeln der großen amerikanischen Macht gesellschaftlich und geistig geartet ist. Die Situation dürfte normal sein: eine Politik wird nicht nur an ihren Grundsätzen und Absichten erkannt, sie gestaltet sich auch im Fluß der Ereignisse, durch Reaktionen und Entscheidungen in immer wieder neuen Zusammenhängen; das Gesicht einer Regierung nimmt feste Züge an, sobald ihre Zusammensetzung abgeschlossen ist, sobald Charakter und Ideen der schöpferischen Mitglieder des Teams bekannt sind.

In den vergangenen Wochen wurde aus den biographischen Archiven alles hervorgeholt, was zur besseren Kenntnis der neuen Männer in Washington dienlich ist; die Schriften und Bücher, die viele von ihnen in die Welt gesetzt haben, wurden sorgfältig analysiert; die alten Reden wurden einer genauen Exegese unterzogen; ganze Expeditionen von politischen Beobachtern reisten nach Washington, um durch Augenschein und Gespräch die neue politische und menschliche Landschaft im Dreieck der Weltmacht — das Weiße Haus, das neue State-Department-Gebäude und die Termitenstadt des Pentagon — zu erforschen. Es ist für den Zeitgenossen ein Vergnügen, sich daran zu beteiligen — abgesehen davon, daß solche Untersuchungen notwendig sind, weil angesichts der einmaligen Machtkonzentration in den Händen der amerikanischen Regierung jeder Zug im Charakter der neuen Männer von gewaltiger objektiver Bedeutung für die Welt sein kann.

Nach vielen Gesprächen an den Kaminen von Georgetown und in den lederüberzogenen Lehnstühlen der Washingtoner Amtsstuben kehrt der Europäer in seine alte Welt mit der Überzeugung zurück, daß in Amerika etwas wirklich Neues vorgefallen ist: eine Eroberung der Macht durch Schichten, die bisher gegen diese Macht sich auflehnten oder doch in ihrem Schatten lebten — eine regelrechte Machtergreifung der Intellektuellen.

Im europäischen politischen Milieu wird dies Überraschung und Verwirrung hervorrufen. Die Politik ist bei uns eine Domäne von Berufs-, Erfahrungs- und Instinktpolitikern, die politische Wissenschaft dagegen eine Beschäftigung im Grenzgebiet zwischen politischer Philosophie, Zeitgeschichte und Zeitkritik. Der Intellektuelle ist bei uns zumeist politischer Moralist, Kritiker der Macht, manchmal Analytiker und Historiker der politischen Gegenwart, selten fachmännischer Berater im Bereich der Machtausübung, und auch das nur fern von den Entscheidungsmechanismen des Staates. In Amerika haben nun die Professoren der politischen Wissenschaft, die intellektuellen Spezialisten für Probleme der Macht, diese weitgehend ergriffen. Für den europäischen Artgenossen ist das Schauspiel ergreifend.

Das Phänomen kann auf allen Stufen der Machtpyramide beobachtet werden. Es offenbart sich bereits in der Person des Präsidenten. Kennedy ist ein motorischer, urpolitischer Mensch, getrieben von jenem gesunden Ehrgeiz, ohne den starke politische Persönlichkeiten undenkbar sind; sein Aufstieg ist von einem bemerkenswerten politischen Instinkt getragen; seine soziale Stellung als Sohn einer Millionärsfamilie reiht ihn in gesellschaftliche Kategorien ein, aus denen sich in der neueren amerikanischen Geschichte nicht selten einflußreiche politische Persönlichkeiten — einschließlich Präsidenten — rekrutiert haben. Das ist jedoch bei weitem nicht alles, was sein Profil ausmacht, ja nicht einmal das Ausschlaggebende und jedenfalls nicht das Neue. Der tapfere Marineoffizier des pazifischen Seekrieges, der bewährte parlamentarische Taktiker im Kongreß, der erfolgreiche und manchmal kühne, sogar demagogische Volkstribun ist aus den Universitäten von Oxford und Harvard hervorgegangen, er hat lange Zeit seine Reden und Schriften selbst verfaßt und tut es heute noch, wenn es darauf ankommt, er hat Bücher geschrieben und dafür Auszeichnungen wie den vielbegehrten Pulitzer-Preis erhalten. Er umgibt sich seit seiner Studienzeit mit politischen Wissenschaftlern, Schriftstellern, Künstlern, Dichtern, Philosophen, Nationalökonomen und Schauspielern — von den politischen Publizisten und Journalisten sei nicht die Rede, denn die finden sich auch in der Umgebung anderer Politiker. Kennedys Arbeitsmethode ist akademisch-wissenschaftlich, seine Denkart ist analytisch-exakt, seine Ausdrucksweise intellektuell und kontrolliert. Darum kann er sich’s leisten, Pressekonferenzen vor Fernsehkameras abzuhalten und die Veröffentlichung seiner Stegreif-Erklärungen ohne Korrekturen im Wortlaut zu gestatten. Das konnte vor ihm kein Präsident der Vereinigten Staaten.

Kennedy hält Seminar

Die beiden deutschen Politiker, die mit Kennedy in den ersten zwei Monaten seiner Amtszeit gesprochen haben — Heinrich von Brentano und Willy Brandt —, faßten ihren Eindruck von diesen Unterredungen übereinstimmend dahin zusammen, daß sie sich in die Atmosphäre eines politisch-wissenschaftlichen Seminars versetzt fühlten. Dem intellektuell-kühlen Brentano, welcher wegen dieser Eigenschaften wenig Popularität genießt und nicht leicht Kontakt findet, scheint die geistige Verwandtschaft mit dem neuen Präsidenten zum größten Erfolg seiner langjährigen Karriere als Außenminister verholfen zu haben; in einer schwierigen und etwas undurchsichtigen Phase der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Amerika und Deutschland gelang ihm eine rasche Klärung und die Herstellung eines neuen Vertrauens.

Kennedy ist so sehr ein Intellektueller, daß sich schon dadurch — zumindest zum Teil — der allgemeine Durchbruch der Intellektuellen zur Macht erklärt. Sie haben Washington in seinem Schlepptau erobert. Sie hätten dies aber nicht zustande gebracht, wenn die Zeit für sie nicht reif gewesen wäre. In größeren Zusammenhängen erweist sich der besondere Charakter des Kennedy-Teams als ein Phänomen der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung unserer Epoche. James Burnham hat dies vor fast zwei Jahrzehnten (vielleicht etwas zu dramatisch) die „Revolution der Manager“ genannt. Gemeint war die um sich greifende Übernahme von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Schlüsselfunktionen durch eine Schicht von Menschen, deren Einfluß sich nicht aus Reichtum, Eigentum an den Produktionsmitteln oder privilegiertem Besitz von politischer Macht ergibt, sondern aus ihrer Unentbehrlichkeit als Techniker und Fachleute. Wenn die Analyse Burnhams der Wirklichkeit in der hochentwickelten Industriegesellschaft entspricht, dann war die Regierung Kennedy vorauszusehen. Die politische Sphäre mußte von der „Revolution der Manager“ erfaßt werden — einmal wegen der in diese Richtung verlaufenden sozialen Umschichtung überhaupt, zum anderen wegen des außerordentlich komplexen Charakters und der immer komplizierteren Inhalte der Politik im Atomzeitalter. Wie Wirtschaft und Technik verlangt heutzutage auch die Politik ihre Manager: Techniker der Macht, Fachleute der Politik und wissenschaftliche Kenner der in der Gegenwart wirkenden historischen Kräfte. Wenn die Anzeichen nicht trügen, bricht mit Kennedy in der Politik jene Ära der Manager an, welche in der Wirtschaft, Technik und Sozialpolitik schon lange begonnen hat. Ein Triumph der politischen Wissenschaft — im Sinne der technischen Vorbereitung zur Ausübung der Macht — bereitet sich vor.

Die Zusammenhänge werden besonders am Fall des neuen amerikanischen Verteidigungsministers klar. Robert McNamara hatte im Alter von 40 Jahren einen der größten persönlichen Erfolge in der amerikanischen Wirtschaft errungen; als Generaldirektor hatte er die gigantische Ford-Gesellschaft aus einer Betriebskrise herausgeführt und den neuen Erfordernissen der Technik und des Marktes angepaßt. Er war damals zu dieser Aufgabe berufen worden, weil er als Harvard-Mann und namhafter Spezialist für Betriebswissenschaft hiefür geeignet schien. Präsident Kennedy erwartet nun von ihm, daß er nach denselben wissenschaftlichen Gesichtspunkten der akademischen Betriebslehre das größte Unternehmen der Welt, das Pentagon, in Ordnung bringt. Der wissenschaftlich befähigte Wirtschaftsmanager wurde Manager des größten Machtinstruments der Welt.

Auch in anderen Fällen erweist sich die politische Machtergreifung durch die Intellektuellen nicht als so revolutionär, wie sie zunächst aussieht. Vielmehr handelt es sich hier um eine kontinuierliche soziale und politische Umwälzung, die schon seit längerer Zeit im Gang ist. All die neuen Minister, Staatssekretäre, Unterstaatssekretäre und Chefberater, die — als Gruppe genommen — mit Kennedy die Macht erobert haben, waren schon seit vielen Jahren (und ohne Rücksicht auf den parteipolitischen Wechsel) hinter den Kulissen der Macht tätig, wo sie einen nicht leicht zu präzisierenden, aber unschwer feststellbaren Einfluß ausübten.

Zur Genalogie der Eliten

Das Klischee von der amerikanischen Musterdemokratie, welche ein System der direkten Machtdelegierung durch das Volk sein soll, war von Anfang an nicht ganz zutreffend. Gerade eine gut funktionierende freiheitliche Demokratie braucht eine homogene soziale und politische Führungsschicht, die durch gemeinsame Merkmale als Elite gekennzeichnet ist. Die Vereinigten Staaten sind, soziologisch gesehen, das Werk einer autochthon emporgestiegenen sozialen und geistigen Aristokratie von Großgrundbesitzern und Kaufleuten. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wurde diese Elite allmählich durch den steigenden politischen Einfluß des Finanz- und Industriemagnatentums verwandelt. In den letzten fünf bis sieben Jahrzehnten vollzog sich die dritte Metamorphose der amerikanischen Führungsschicht; es ist für diesen Zeitraum bezeichnend, daß der wirkliche politische Einfluß entweder der vornehmen Herkunft aus dem Heroenzeitalter des Staatswesens entspringt oder der Zugehörigkeit zu den mächtigsten Familien oder aber der Kooptierung durch diese beiden Gruppen. Ohne Rücksicht auf den solcherart verschiedenen Ursprung gibt es ein gemeinsames Merkmal für die Zugehörigkeit zur politischen Elite des Landes: die Verbundenheit mit der großen Lebensgemeinschaft aller ehemaligen Studenten von Harvard, Yale, Princeton, Columbia und neuerdings auch Berkeley. Mit jener bewundernswerten Automatik, die nur spontanen gesellschaftlichen Vorgängen eigen ist, ergänzt die traditionelle vermögende Führungsschicht der Vereinigten Staaten ihre Reihen durch Zuwachs aus weniger bemittelten Kreisen, indem sie überdurchschnittlich talentierte junge Leute mit Hilfe der von ihr geschaffenen wissenschaftlichen Stiftungen an den teuern großen Universitäten heranzieht. Die Hörsäle, Bibliotheken und akademischen Sportplätze sind schon seit Jahrzehnten die Apparatur, in der die politische Führungsschicht Amerikas erzeugt wird. Was nun an Neuem geschieht, ist bloß eine Verschiebung innerhalb dieses Milieus. Früher blieben ausgesprochen wissenschaftlich-professoral veranlagte Persönlichkeiten im akademischen Rahmen, sie wurden die Lehrer der anderen, die auf dem Umweg über Privatwirtschaft und freie Berufe — besonders als Juristen — zur Politik gelangten. Jetzt übernehmen die politischen Wissenschaftler und Professoren den politischen Einfluß selbst, offen und allen sichtbar, nachdem sie ihn schon seit Roosevelt im Schatten der Berufspolitiker ausgeübt haben.

Brutstätten der Macht

Die Laufbahn des amerikanischen Außenministers Dean Rusk ist in dieser Hinsicht aufschlußreich. Er ist nicht nur dem äußeren Typ nach ein „egg head“, sondern war tatsächlich zu Beginn seiner Karriere Hochschullehrer. Aktiven Einfluß auf die Politik übte er zuerst im Schatten aus, als rechte Hand des Außenministers Acheson in der Regierung Truman. Während der republikanischen Administration leitete er die Ford-Stiftung, deren indirekter Einfluß auf die Politik und deren direkter Einfluß auf die Karriere von politisch-wissenschaftlichen Talenten außerordentlich ist. Damals wirkte Rusk organisatorisch und intellektuell an jenen zahlreichen privaten Institutionen mit, die — wie etwa das „Council on Foreign Relations“ — in den letzten Jahrzehnten immer mehr die Vorformung der politischen Ziele und Methoden Amerikas übernommen haben. Was gestern noch Theorie innerhalb solcher Institutionen war, ist heute Staatspolitik.

Ähnliches gilt von der Laufbahn des Unterstaatssekretärs im Pentagon, Paul Nitze, welcher — neben dem Betriebswissenschaftller McNamara — der eigentliche politische Kopf im Verteidigungsministerium ist. Auch er war Universitätslehrer; auch er konnte schon früher die ersten praktischen Erfahrungen in der Diplomatie sammeln; auch er arbeitete in einem jener politisch-wissenschaftlichen Institute (in Professor Arno Wolfers Washingtoner „Institute for Political Research“, einer Brutstätte der neuen Praktiker der Macht).

Alle Macht der amerikanischen Exekutive liegt in den Händen des Präsidenten. Das verleiht seiner unmittelbaren Umgebung, seinem Berater- und Mitarbeiterstab, ein großes politisches Gewicht. Mit Recht kann hier von direktem Einfluß auf die Macht, ja vom Besitz der Macht gesprochen werden. Wer sind die wichtigsten Ideenerzeuger und Sachbearbeiter des Weißen Hauses für die großen politischen Fragen? Ob wir Bundy oder Rostow, Kissinger oder Schlesinger nennen — alle kommen von den großen Universitäten, alle sind politische Wissenschaftler und akademische Lehrer, alle haben politische Institute geleitet, alle haben politische Fachbücher geschrieben (darunter bahnbrechende Werke, wie Kissingers „Außenpolitik im Atomzeitalter“). Die zitierten Namen sind nur einige wenige, die in Europa besonders bekannt sind, weil ihre Träger im Bereich der Außenpolitik und der Weltstrategie wirken. Sie stehen für das Ganze; so sieht der Regierungsapparat aus, den Kennedy in den letzten Monaten aufgebaut hat. Es ist das erste Mal, daß in einem solchen Umfang — fast mit Ausschließlichkeit — der schöpferische Regierungsapparat einer Großmacht sich aus akademischen Fachleuten und politischen Intellektuellen zusammensetzt.

Daß dieses Phänomen in Europa nicht ohne weiteres begriffen wird, hat besondere Gründe. Die europäische Vorstellung vom Intellektuellen trübt hier die Sicht. Auch auf dem alten Kontinent wächst im Hintergrund der Staats- und Parteimacht die Einflußnahme der Fachintelligenz; so wäre etwa auf die ständig steigende Zahl und Bedeutung der „conseillers techniques“ in Frankreich hinzuweisen besonders in den letzten Jahren der Vierten Republik und seither in der Umgebung de Gaulles und seines Premierministers. Diese Art von Intellektuellen ist jedoch auf der Ostseite des Atlantiks immer noch relativ selten. Sie kommt nicht aus dem breiten Nährboden einer spezialisierten politischen Wissenschaft, und ihr entspricht keine weit verbreitete, gesunde und positive Einstellung der Intellektuellen zur Macht.

Die europäische Intelligenz teilt sich ziemlich scharf in eine Gruppe von Praktikern des Wissens und eine andere, die sich in der theoretischen Kritik der Praxis gefällt. Die Angehörigen der ersten Gruppe betrachten selten die Politik als Gegenstand der Wissenschaft; für sie bleibt die Politik eine Kunst, und zwar eine ziemlich verdächtige. Die Angehörigen der zweiten Gruppe sind häufig an der Politik interessiert, aber sie ist ihnen deswegen nicht minder verdächtig — in der Regel als eine Kunst des Bösen. Die Scheidung zwischen den beiden Gruppen ist so stark ausgeprägt, daß wir — zumindest seit Goebbels Zeiten — die schlechte Gewohnheit haben, die Bezeichnung „Intellektuelle“ auf die praktische Intelligenz überhaupt nicht anzuwenden und sie bei der theoretischen Intelligenz auf Publizisten, Schriftsteller und Dilettanten einzuschränken.

Mancher deutsche Universitätsprofessor oder Fachphilosoph wäre beleidigt, wenn man ihn einen „Intellektuellen“ hieße. Und es würde ihm kaum der Gedanke kommen, daß er seine Wissenschaft im Hinblick auf die Möglichkeiten einer praktischen politischen Verantwortung betreiben sollte, ja, daß er eine unmittelbare staatspolitische Funktion sogar anstreben sollte.

Überdies neigen wir in Europa dazu, unter „Intellektuellen“ nur die „Linksintellektuellen“ zu verstehen. Diese zeichnet aber in ihrem typischen politisch-geistigen Verhalten nichts so sehr aus wie ihre negative Beziehung zur Macht, oder mit anderen Worten: zur Politik überhaupt — ist doch die Macht das Mittel und das Objekt der Politik. Sie besitzen zwar nicht selten umfangreiche politische Kenntnisse und entfalten häufig eine hektische politische Aktivität, aber sie bleiben stets am Rande der Politik und ohne wirklichen Einfluß — dies selbst dann, wenn Linksparteien an die Macht gelangen. Dem europäischen „Linksintellektuellen“ schweben in verschiedenen Abwandlungen anarchistische Ideale von der Auflösung des Staates und der Macht vor.

Nachsicht für Europäer

Allerdings gab es auch in den Vereinigten Staaten eine Zeit, da der typische Intellektuelle — zumeist den „liberals“, den Progressisten, verbunden und nur sehr selten konservativ eingestellt — für die praktische Staatspolitik Verachtung empfand und eher dem Utopismus huldigte als dem heute so sehr in Mode gekommenen politisch-strategischen Sandkastenspiel mit Machtverhältnissen in der Gesellschaft und in der Welt. Die seitdem von den amerikanischen politischen Wissenschaften eingeschlagene pragmatische Richtung, die politische und soziale Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft, die grundsätzliche Offenheit der amerikanischen Intelligenz gegenüber patriotischen Empfindungen und nationalen Existenzfragen haben aber eine Wandlung bewirkt, die in Europa — was die „Linksintellektuellen“ betrifft — noch aussteht.

Diese Wandlung wird augenscheinlich, wenn wir an jene amerikanischen Intellektuellen denken, die heute dort drüben an den Hebeln der Macht sitzen, aber aus den Kreisen der deutschsprachigen europäischen Emigration hervorgegangen sind. Unter ihnen finden sich Namen von Gewicht und Einfluß: Nitze, Kissinger, Schlesinger, Sallinger — um nur einige zu nennen. In der Regel waren ihre Eltern europäische Akademiker oder Intellektuelle, die zur Macht im Staat und in der Welt ein Verhältnis hatten, das sich in innerer Ablehnung, ja Auflehnung, in utopischem Idealismus und in moralistischem Pazifismus erschöpfte. Die Erfahrung mit dem Hitler-Regime dürfte hier die ersten Ansätze zu einer Revision geliefert haben. Den Rest besorgte die soziale und staatsbürgerliche Gesundheit des von Revolutionskeimen freien amerikanischen Milieus sowie die späte Erkenntnis von der brutal machtpolitischen und keineswegs geistigen oder sozialen Herausforderung durch den Kommunismus im Dienste der sowjetischen Weltmacht. Die Söhne dieser Leute sind heute wissenschaftlich geformte Manager, Planer und Lenker der Macht im Staat und in der Weltpolitik. Sie schütteln den Kopf — mit ein wenig Verwunderung und ein wenig ratloser Nachsicht — über die europäischen „Linksintellektuellen“, welche sie aus sentimentalen Gründen für sympathisch, aber als politische Partner für unbrauchbar und gefährlich befinden.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1961
, Seite 127
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Alfons Dalma:

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