FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 241/242
Susanne Keller • Richard Vahrenkamp

Die Illusionen des Spätkapitalismus

Bildungsboom und Produktion, I. Teil

Seit Elmar Altvaters Seminar über Bildungsökonomie (1970) herrscht auch unter Marxisten das Axiom, daß die Expansion der Schulen und Hochschulen eine Konsequenz der industriellen Konjunktur ist — etwa nach dem Schema: je mehr Fabriken, desto mehr Ingenieure; oder je mehr Arbeiter, desto mehr Ärzte. Die folgende Gemeinschaftsarbeit der Psychologin Susanne Keller und des Mathematikers Richard Vahrenkamp zerstört dieses technokratische Vorurteil. Die beiden Autoren weisen nach, daß der Bildungsboom einer autonomen Gesetzmäßigkeit gehorcht, die sich aus der Selbsterhaltung der bürgerlichen Klassenherrschaft ergibt. Mit einem Wort: die akademische Bildung dient ideologischen, nicht technologischen Zwecken.

1 Der Bodensatz der Bourgeoisie

In der Regel wird die Expansion des Bildungssektors in den kapitalistischen Gesellschaften seit dem Zweiten Weltkrieg scheinbar materialistisch aus den Veränderungen des Produktionsprozesses der Großindustrie erklärt. Man lebe eben im Zeitalter der „wissenschaftlich-technischen Revolution“, in deren Ablauf die Produktion zunehmend einen wissenschaftlichen Charakter erhalte: deswegen ist für die Zwecke der Produktion angeblich mehr wissenschaftlich geschultes Personal erforderlich. Auf die Fragwürdigkeit dieser Argumentation hat jüngst Ursula Schmiederer aufmerksam gemacht. [1] Die wissenschaftlich-technische Innovation ist nämlich immer schon ein Wesensmerkmal des Industriekapitalismus, nicht erst in den vergangenen 30 Jahren.

Man darf keineswegs von der isolierten Beziehung zwischen „Mensch“, „Maschine“ und „physischer Natur“ ausgehen, denn damit ist das Wesentliche der gesellschaftlichen Arbeitsprozesse noch lange nicht berührt. Man muß die Klassenstruktur der kapitalistischen Gesellschaft analysieren, ohne sich von der technologischen Propaganda einschüchtern zu lassen, welche die Bourgeoisie veranstaltet. Nur so werden die Widersprüche in der Reproduktion einer Klassengesellschaft verständlich, die paradoxerweise die Parolen von Freiheit und Gleichheit zu ihren Grundsätzen gemacht hat. Im Bildungsboom explodiert der Widerspruch zwischen Klassenherrschaft und Gleichheitsideologie.

Zu den Reproduktionsbedingungen der bürgerlichen Klassengesellschaft (hier nach dem groben Schema „Bourgeoisie“, „Lohnabhängige“ und „Bauern“ gegliedert) gehört der Anschein, die Verteilung der privilegierten Positionen innerhalb der Gesellschaft resultiere nicht aus der diktatorischen Distribution durch eine Zentralmacht, sondern aus dem gerechten Wechselspiel von freien Individuen. Dieser Ideologie zufolge sind die Benachteiligten für ihre depravierte Situation selbst verantwortlich. In diesem Zusammenhang bedeuten die Parolen von Freiheit und Gleichheit lediglich, daß der Zugang zu den privilegierten Positionen niemandem grundsätzlich verschlossen bleibt. Das Gleichheitsideal rechtfertigt also die reale Ungleichheit! Im Bildungssystem werden den Benachteiligten scheinbare Aufstiegsmöglichkeiten vor Augen geführt.

Wo kann man in der kapitalistischen Gesellschaft aber die privilegierten Positionen finden? Von welchen Reproduktionsbedingungen hängen sie ab? Sicherlich sind alle Plätze innerhalb der Bourgeoisie eindeutig privilegierte Positionen. Die Existenzbedingungen der Lohnabhängigen weisen dagegen gewaltige Unterschiede auf. Erstens ist die hierarchische Einkommensdifferenzierung unter den Lohnabhängigen ein raffinierter Versuch der Bourgeoisie, die proletarische Solidarität zu schwächen. Zweitens gehört zu den Lohnabhängigen auch eine relativ starke Gruppe hochprivilegierter Angestellten und Beamten, die gesellschaftlich die Geschäfte der Bourgeoisie ausführen; diese Gruppe wird von uns generell als „Bodensatz der Bourgeoisie“ bezeichnet.

Zum Bodensatz der Bourgeoisie zählen Manager, Militärs, Juristen und die Intellektuellen überhaupt. Die Bourgeoisie kann man grob in Groß- und in Kleinbourgeoisie unterscheiden. Die Großbourgeoisie ist für unsere Zwecke uninteressant, weil ihre überdimensionale ökonomische Macht ihrer Position eine nur selten angreifbare Stabilität verleiht: ideologisch hat ihre Existenz für die weniger Privilegierten nur eine geringe Bedeutung. Der Aufstieg zur Großbourgeoisie erscheint irreal.

Eine Randgruppe im Spätkapitalismus sind die Bauern. Ihre Betriebe werden zunehmend kapitalistischen Reproduktionsbedingungen unterworfen; die Bauern können keinen eigenständigen Einfluß entwickeln und sind daher ideologisch in der bürgerlichen Gesellschaft nur durch eine lächerliche Folklore vertreten; ihre Lebensweise erscheint keineswegs erstrebenswert. [2] Für eine Analyse der privilegierten Positionen in der kapitalistischen Gesellschaft ist es deshalb möglich, von den Bauern zu abstrahieren. In dem restlichen, reduzierten Klassenschema sind folglich privilegierte Positionen lediglich innerhalb der Kleinbourgeoisie und bei dem Bodensatz der Bourgeoisie festzustellen.

Die bürgerliche Ideologie behauptet, daß in der kapitalistischen Gesellschaft die privilegierten Positionen jedermann offenstehen. Ein kleines Startkapital und Geschäftssinn sind Bedingungen für den Kleinbourgeois. Das erfolgreiche Absolvieren der höheren Schule und Universität (oder einer anderen Weiterbildungsinstitution) ist die Voraussetzung, um in den Bodensatz der Bourgeoisie zu gelangen. Für den Außenseiter ist es zwar schwieriger, als man denkt, diese Positionen zu erreichen denn, einmal besetzt, werden sie innerhalb des Familienverbandes monopolisiert (man kann nur einheiraten). Doch sind die vorgetäuschten Aufstiegsmöglichkeiten ein wichtiges Mittel der bürgerlichen Propaganda, um durch die relativ breite Schicht der Kleinbourgeoisie und der Intellektuellen die Großbourgeoisie vor den Ansprüchen der Massen abzuschirmen.

Die Interessenssphären der Kleinbourgeoisie einerseits und des Bodensatzes der Bourgeoisie andrerseits bleiben streng getrennt und werden wechselseitig mit stillschweigender Mißachtung belegt: Die feinsinnig erzogenen Angehörigen des Bodensatzes der Bourgeoisie verachten beinahe mönchshaft das krude Geldverdienen der Kleinbourgeoisie. Diese hebt dagegen ihre Tüchtigkeit in der Geschäftswelt selbstbewußt gegen die weltfremden Phantasien der Intellektuellen und das blutleere, parasitäre Staatsbeamtentum ab. Diese Haltung drückt sich klassisch in der bürgerlichen Verachtung des Lehrers und der Pädagogik aus. [3]

Der Bodensatz der Bourgeoisie fördert die Verachtung des Lehrers durch sein Vorurteil, daß man höhere Bildung nicht mühselig erwerben muß, weil der Begabte sie sowieso schon von vornherein besitze. Die Notwendigkeit der didaktischen Vermittlung von höherer Bildung wird aus ideologischen Gründen unterdrückt; alle Demonstrationen des Wissens, denen noch die Mühe des Erwerbs anhaftet, werden als „schulmeisterhaft“ (!) verachtet. Im Bildungssystem findet dies seinen Niederschlag in der sehr mangelhaften Entwicklung der Lehrmethoden und in der weitgehenden Beschränkung der didaktischen Vermittlung auf die mündliche, vom Dozenten vorgenommene und in der doppelbödigen Hochsprache des Bildungsbürgertums abrollende Vorlesung, der auf magische Weise alle Qualitäten der Vermittlung zugesprochen werden; in der Vorlesung wird kein praktikables Wissen weitergegeben, sondern ein sich gelehrt gebender Dilettantismus bei den Hörern erzeugt. [4]

Damit hat die höhere Bildung alle Ziele der Aufklärung weit hinter sich gelassen und pflegt unter dem Schein des reinen Geistes eine antiintellektuelle Haltung; sie trifft sich darin mit dem kommerziellen Antiintellektualismus der Kleinbourgeoisie. Die Kinder des Kleinbürgertums, für das Geschäftsleben bestimmt, verlassen nach bloß zehn Jahren Schulzeit die Realschule und damit das System der höheren Bildung überhaupt, um in die Lehre zu gehen oder Auslandserfahrungen zu sammeln — eine Vorbereitung für eine selbständige kommerzielle Tätigkeit.

2 Die Transformation des Kleinbürgertums

Diese Idylle galt uneingeschränkt nur für das Wilhelminische Deutschland. Spätestens seit der großen Wirtschaftskrise 1929 stellte die wachsende ökonomische Konzentration die Existenz der Kleinbourgeoisie ernsthaft in Frage und löscht sie seitdem allmählich aus. Der Hitler-Faschismus kann als ein letzter und scheinheiliger Versuch angesehen werden, diese Entwicklung aufzuhalten. Nach dem Kriegsende erzeugten Schwarzmarkt-Gründergeschäfte ein erneutes Aufleben der Kleinbourgeoisie, doch wurde deren Renaissance mit Beginn der sechziger Jahre abrupt gestoppt. Seit dem „Ende der Nachkriegszeit“ (Ludwig Erhard) rollt in Industrie und Handel der BRD eine Konzentrationswelle ohne Beispiel ab.

Die Literatur über diesen Konzentrationsprozeß ist zwar relativ umfangreich, aber bedauerlicherweise vom Standpunkt der Monopole aus verfaßt; man erfährt wenig darüber, welches Schicksal die untergegangene Kleinbourgeoisie erlitten hat. [5] Folgendes läßt sich wenigstens empirisch feststellen: Bereits im Jahre 1961 erzielten über 50% der Einzelhandelsgeschäfte ein geringeres Einkommen als Industriearbeiter. [6] „Im Handwerk sank von 1949 bis 1968 die Zahl der selbständigen Betriebe um 280.000, das heißt um 31%; im Einzelhandel schlossen von 1962 bis 1966 165.000 ihre Geschäfte.‘‘ [7] In seinem jüngsten Tätigkeitsbericht stellte das Bundeskartellamt fest, „daß Unternehmen mit Umsätzen bis zu einer Million DM Umsatzeinbußen hinzunehmen hätten, während sich in allen darüberliegenden Größenklassen von Stufe zu Stufe steigende Zuwachsraten eingestellt hätten.“ [8]

Gesamtgesellschaftlich bedeutet die Vernichtung der Kleinbourgeoisie durch das große Kapital, daß die bürgerliche Gesellschaft ihren Mitgliedern weniger privilegierte Existenzmöglichkeiten bieten kann; und das Problem der Verteilung dieser immer weniger werdenden Plätze auf die Gesamtbevölkerung gewinnt eine neue, sich verschärfende Qualität. War bisher das gesellschaftlich dominante Aufstiegsideal der Kleinbourgeois, so folgt aus der Deklassierung dieser Schicht ein Wechsel des Aufstiegsideals in Richtung zum Bodensatz der Bourgeoisie.

Folglich setzt mit der Auslöschung der Kleinbourgeoisie ein Ansturm auf die Bildungseinrichtungen (speziell auf die Universitäten) ein, und zwar nicht nur durch die Kinder der depossedierten Kleinbourgeoisie, sondern auch durch die aufstiegsorientierten Arbeiter, Beamten und vor allem Angestellten; für diese Schichten war ja ehedem die Kleinbourgeoisie das Aufstiegsideal. [9] Der Bildungsboom ist damit geboren und mit ihm die Bildungsökonomie, welche rechtzeitig den suggestiven Begriff des Human Capital erfindet, um der Kleinbourgeoisie zu beweisen, daß Bildung Geld ist!

Im einzelnen bedeutet die Deklassierung der Kleinbourgeoisie aber nicht, daß nun der deklassierte Kleinbürger selbst das Abitur erwirbt. Vielmehr tun das seine Nachkommen. Die ökonomische Entwicklung hat das Kapital der Kleinbourgeoisie außer Funktion gesetzt und es dadurch in ein unproduktives Vermögen verwandelt, das vom Familienverband aufgezehrt wird. Es soll den Kindern die Finanzierung eines langen Studienaufenthaltes im Bildungssystem garantieren. Jetzt ist offenkundig geworden, daß die Kinder der Kleinbourgeoisie nicht mehr auf eine angemessene Erbschaft hoffen können. Statt der Erbschaft erhalten sie eine „gute Ausbildung“. Diese soll, wie früher das Vermögen, dem „Gebildeten“ das Kommando über fremde Arbeit sichern und damit eine privilegierte Existenz gewähren. „Der akademische Titel ist somit eine moderne Form des ‚Rechts zu regieren‘ geworden“. [10] Der konservative Soziologe Schelsky konstatiert, daß man „das immer allgemeiner werdende Streben nach besserer Berufsausbildung geradezu als das verwandelte Besitzstreben der bürgerlichen Welt ansehen muß.“ [11]

3 Die Widersprüche des Bildungsbooms

Die Deklassierung der Kleinbourgeoisie erzwingt also eine Entschärfung der Selektionsschranken, die den Zugang zu den Gymnasien und Hochschulen regulieren. Für die politische Durchsetzung dieser Öffnung lieferten Bildungsexperten in den sechziger Jahren die notwendigen Schlagworte wie „Bildungsnotstand“ und „Human Capital“. Gerade das „Human Capital“, von den Bildungsexperten meist recht verschwommen mehr auf den nationalökonomischen Gewinn als auf einen individuellen Profit bezogen, wird von der Kleinbourgeoisie ganz realistisch als ein Mittel für die Verbesserung der individuellen Konkurrenzfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt verstanden. Für den Kleinbürger hat Ausbildung eben eine ganz andere Funktion als für den traditionellen Bildungsbürger.

Bildung ist für die Kleinbourgeoisie nicht mehr in erster Linie das Mittel und Ziel differenzierter, feinsinniger und intellektueller Persönlichkeitsentfaltung, die sich kaum an praktischer Anwendung zu orientieren braucht. Diese „klassische“ Bildung ist für eine Kleinbourgeoisie unnütz, die sich an der Eroberung neuer gesellschaftlicher Positionen orientiert. „Human Capital“ soll ja möglichst expansiv eingesetzt werden. Das entspricht den kommerziellen Traditionen der Kleinbourgeoisie, aber auch ihrer realistischen Einschätzung des Arbeitsmarktes, da durch die Öffnung der Selektionsschranken ein Überangebot an Akademikern droht. Es ist also das Ziel der Kleinbourgeoisie, sich einerseits möglichst konkurrenzfähig zu qualifizieren, und andrerseits den Arbeitsmarkt für die Akademiker zu erweitern.

Deshalb werden die Studienbedingungen so verändert, daß man mehr solche Kenntnisse erwerben kann, die sich auf möglichst viele Situationen des gesellschaftlichen Lebens beziehen, die also praktisch relevant und technisch (besser: technokratisch) nützlich sind. Zumindest müssen die erworbenen Fähigkeiten den Schein einer solchen Praxisnähe vortäuschen.

Mit dem ihr eigenen Selbstbewußtsein verwandelt die Kleinbourgeoisie das Bildungssystem und paßt es ihren eigenen Bedürfnissen an. Die Ausbildungsgänge werden von den Ritualen des Bildungsbürgertums, das vormals die Positionen im Bodensatz der Bourgeoisie okkupiert hatte, endgültig befreit. Statt Griechisch wird Französisch gelernt, anstelle des restaurativen Schwelgens in einem künstlichen Klassizismus stehen Mathematik und die Ingenieurswissenschaften auf dem Programm. Professoren können es sich immer weniger leisten, Anfängervorlesungen durch eine absichtlich unverständliche Darbietung in Stunden der Demütigung ihrer Hörer umzufunktionieren. [12] Die Bourgeoisie öffnet das Bildungssystem ihrem praktischen Verstand. „Bildung ist Bürgerrecht“ — so heißt jetzt die Kampfparole.

Die Statistiken über die soziale Herkunft der Studenten in Deutschland zeigen an, daß seit der Jahrhundertwende ein sehr hoher Prozentsatz der Studenten (zwischen 70 und 80%) aus nichtakademischen Elternhäusern stammt. [13] Diese Studenten haben sich allerdings dem traditionellen Ausbildungsschema weitgehend angepaßt, da sie aus den Schichten der Beamten und der Angestellten stammen, welche keine eigenständige Ideologie entwickeln können. Erst die ins Ausbildungssystem drängende Kleinbourgeoisie verfügt dafür über genügend Selbstbewußtsein und Zynismus gegenüber den Werten des Bildungsbürgertums; vor allem aber hat sie Ausbildungsinteressen, die auf ein finanziell verwertbares und souverän manipulierbares Wissen gerichtet sind; deshalb kann sie das traditionelle Bildungssystem umstürzen und die Einführung einer rationalen Didaktik auf Hochschulboden vorbereiten. Auch die Studenten, die aus anderen sozialen Schichten stammen, können sich diesen Tendenzen keineswegs entziehen.

Eine wesentliche Gruppe wird durch den Bildungsboom niemals erreicht: die Arbeiter. Ihre Kinder sind von vornherein viel zu schwer benachteiligt, um in den Genuß der akademischen Diplome zu kommen. [14] Das ist ein Hinweis darauf, wie weit bürgerliche und proletarische „Praxis“ auseinanderklaffen.

Eines ist merkwürdig: Die Kleinbourgeoisie konnte sich bei der Okkupation akademischer Positionen durchsetzen, ohne sich dabei jedoch mit dem „Bodensatz der Bourgeoisie“ in die Haare zu geraten. Da sind ernsthafte politische Konflikte ausgeblieben. Wie war das möglich? Der Grund dafür liegt in der Eigendynamik des Bildungsbooms, die er besonders in seiner Anfangsphase besitzt. Denn jede Expansion des Bildungssystems schafft neue Möglichkeiten der Expansion: vor allem durch den erhöhten Lehrerbedarf. [15] Die finanziellen Kosten dieses gigantischen Transformationsprozesses, in dem die Kleinbourgeoisie ihre Kinder zu Akademikern macht, werden von der ganzen Gesellschaft und insbesondere von der Arbeiterschaft getragen! [16]

Aus all dem geht hervor, daß die Nutznießer des Bildungsbooms ein spezifisches Interesse repräsentieren, das von den Interessen der übrigen Gesellschaft, speziell von dem des Proletariats, verschieden ist. Der Bildungsboom schafft privilegierte Arbeitsplätze und verlängert damit seine Bewegung. Doch die Ausbildungsinteressen der Arbeiter werden vom Bildungsboom nicht durchgesetzt. Lehrlinge, also in der Ausbildung befindliche zukünftige Industriefacharbeiter, bleiben vom Bildungsboom ausgeschlossen, wie eine Analyse des Berufsbildungsgesetzes der BRD vom 1. September 1969 zeigt. [17]

Der Bildungsboom hat bezeichnenderweise die wirklichen Fehlbestände an spezialisierten Arbeitskräften auf dem Arbeitsmarkt außerhalb des Bildungssystems nicht beseitigt. Und auch dort, wo tatsächlich ein Mangel an akademisch ausgebildeten Arbeitskräften bestand, wurde er nicht liquidiert: bei den Ärzten und den Ingenieuren. In der Zeit von 1960 bis 1969 ist die Zahl der Ingenieurstudenten in der BRD von 11.000 auf 8000 gesunken. Als Folge davon klagt die Industrie über einen „akuten Mangel“ an Diplomingenieuren. [18] Diese Entwicklung macht deutlich, wie wenig man den Bildungsboom aus der sogenannten wissenschaftlich-technischen Revolution erklären darf.

4 Bildung und Monopol

Der Bildungsboom hätte schwerlich eine solche Stoßkraft erworben, entspräche er nicht auch der Notwendigkeit, die in den monopolkapitalistischen Großorganisationen arbeitenden Menschen bürokratisch zu verwalten. Die Konzernhierarchie läßt sich nämlich durch nichts besser absichern als durch den Hinweis auf die Diplome der Vorgesetzten. „Die Organisatoren des Managements heutiger Prägung dürsten geradezu nach wissenschaftlichem Beweismaterial bei der Personalauswahl.“ [19] Die Hierarchie — vor allem die hierarchische Aufstufung der Gehälter — läßt sich ja schwerlich mit der besseren Ökonomie der Arbeit oder mit dem höheren Beitrag zum Ganzen (den natürlich nur die Vorgesetzten leisten) plausibel machen. Die Positionen im Konzern werden daher nach einem wissenschaftlich legitimierten Qualifikationsbeitrag verteilt, das als ein Ausdruck des Leistungsprinzips gilt. Denn eine „absolut gerechte“ Leistungsbemessung ist nur möglich bei Arbeiten in der unmittelbaren materiellen Produktion, hier besonders bei der Akkordarbeit. Sie versagt aber bei den Schreibtischtätigkeiten in den höheren Rängen des Konzerns: dort ist sie rein fiktiv. [20]

Das Fehlen objektiver Leistungskriterien macht den Kampf um bessere Plätze im Konzern zu einem gefährlichen und schwer kontrollierbaren Manöver. Das heiße Eisen des permanenten Konflikts um „Lohn und Leistung“ schiebt der Konzern deshalb nur allzu bereitwillig aus seinen Mauern ins Bildungssystem ab und verteilt sodann gelassen seine Arbeitsplätze nach den dort erworbenen Diplomen. Das weitere Schicksal der Lohnabhängigen im Konzern regelt eine wissenschaftlich fundierte Personalführung, welche die Arbeit in einzelne Tätigkeitsmerkmale auflöst und mit einem Punktesystem bewertet. Auf diese Weise schafft der Aufbau einer komplizierten Konzernhierarchie Arbeitsplätze für Hochschulabsolventen, insbesondere für Sozialwissenschaftler zum Zwecke der wissenschaftlichen Personalführung.

Welcher gesellschaftliche Sinn steckt denn überhaupt im Aufbau einer Konzernhierarchie? Die Hierarchie garantiert, daß mit absoluter Sicherheit die Produkte der Arbeit aus den Händen der Arbeiter in das Eigentum des Kapitals übergehen. Dafür hat die Konzernhierarchie folgende Funktionen: Sie isoliert die Arbeiter voneinander, entmachtet sie und spielt sie gegeneinander aus. Dies geschieht durch eine extreme Parzellierung der Arbeitsfunktionen, enge Begrenzung der Kompetenzen und durch Bestrafung jedes Versuchs, den eigenen Zuständigkeitsbereich zu erweitern; ferner durch hierarchische Abstufung der Arbeitsplätze und ihrer Bezahlung, durch eine individuelle und unübersichtliche Gehaltseinstufung und durch das Wecken von Aufstiegshoffnungen.

Diese Entmachtung der Arbeitenden ist juristisch — das heißt: mit den gesamten Machtmitteln des Staates — durch das Betriebsverfassungsgesetz abgesichert, das den Arbeitern auferlegt, fast bedingungslos den Anordnungen des Kapitalisten und seiner Stellvertreter zu gehorchen. Nur außerhalb des Betriebes können die Arbeiter eine Gegenmacht in den Gewerkschaften aufbauen und damit sehr begrenzt auf das Geschehen im Betrieb Einfluß nehmen.

Schon die Technologie in der Fabrikhalle ist darauf angelegt, den Arbeitern jede Kontrolle über den Produktionsprozeß zu rauben: Der Ablauf des Arbeitsprozesses wird zu einem Rätsel gemacht. Der Arbeiter wird von der Bourgeoisie als Quelle reiner Kraftentäußerung ohne Gefühle und ohne Denkvermögen eingeschätzt. Ein französisches Wörterbuch aus dem frühen 19. Jahrhundert gibt in diesem Sinne folgende Definition des Arbeiters: „Arbeiter ist, wer eine mechanische Tätigkeit ausübt, zu der keinerlei Intelligenz erforderlich ist.“ [21] Die Reduzierung der Arbeit auf reine Kraftentäußerung ist das Mittel der Bourgeoisie zur Unterwerfung der Arbeiter unter das kapitalistische Kommando. Auch historisch nahm diese Entwicklung mit einer auf Produktion von dequalifizierten, geistleeren Arbeitsplätzen abzielenden Technologie ihren Ausgangspunkt. [22]

Ein weiteres Mittel, um die Arbeiter zu unterwerfen, ist der Aufbau einer Betriebshierarchie durch das Ausspielen der Arbeiter unter- und gegeneinander. Hierzu zählt vor allem die bessere Bezahlung derjenigen Arbeiter, welche an kostspieligen Maschinen arbeiten. Man gibt ihnen die Verantwortung für die Maschine und trennt sie auf diese Weise von den Hilfarbeitern ab, die sie außerdem kommandieren dürfen. Diese Privilegierung des besser bezahlten Maschinenarbeiters rechtfertigt der Kapitalist mit der Formel, diese Arbeit sei eben höher qualifiziert.

Bereits zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts heißt es: „Beschäftigungen, welche von der Dampfmaschine unterstützt werden, erfordern meistens eine höhere, oder zumindestens regelmäßigere Art der Arbeit als eine solche Tätigkeit, die nicht von der Dampfmaschine unterstützt wird. Die Tätigkeit der Muskeln wird teilweise durch die des Geistes ersetzt. Dies konstituiert die qualifizierte Arbeit, welche stets besser bezahlt wird als die unqualifizierte.“ [23]

Diese Ansicht ist heute noch die Grundlage der Bildungsökonomie, welche mit dem Bildungsboom entsteht und die Doktrin entwickelt, höhere Bildung sei eine Qualifikation auch für höhere Entlohnung, da der besser gebildete Arbeiter eine größere Produktivität besitze (bargain-theory); eine „linke“ Variante desselben Arguments ist die marxistische Werttheorie, die sich auf die höheren Reproduktionskosten beruft. [24] Beide Argumente der Bildungsökonomie wurden durch die Entwicklung des Kapitalismus in Frage gestellt. Höhere Bildung hat nämlich die Produktivität der Industriearbeiter sinken lassen, wie in den USA festgestellt worden ist; [25] wenn der Staat die Ausbildungskosten übernimmt, kann auch die Reproduktionskostentheorie der marxistischen Wertlehre die bessere Bezahlung nicht mehr erklären.

5 Wissen als Ideologie

Tatsächlich aber besteht die gesellschaftliche Funktion der besseren Bezahlung höherer Bildung nur in der Hierarchisierung der Arbeitswelt! Die Rechtfertigung der besseren Bezahlung für alle Arbeitsformen, die eine geistige Tätigkeit verlangen, hängt mit der bürgerlichen Anschauung zusammen, daß der Arbeiter nichts ist als eine Quelle reiner Kraftentäußerung: ein Stück Natur außerhalb der Gesellschaft. Der Intellekt bleibt eine wesentliche Qualität des Bourgeois; der geistige Arbeiter wird besser bezahlt als die körperlich Arbeitenden, weil er gewissermaßen zu den Bürgern gehört.

Mit der monopolistischen Machtentfaltung des Kapitals entsteht die Organisationswissenschaft, also die Betriebswirtschaftslehre; sie soll die große Organisation funktionsfähig erhalten. Denn die großen, hierarchisierten Organisationen arbeiten sehr schwerfällig und mit vielen Reibungsverlusten. Das Kapital gerät in seiner Entwicklungsform des großen Konzerns in Widerspruch mit seinem eigenen Begriff der Profitrationalität, der ideologisch in der Betriebswirtschaftslehre seinen Ausdruck erhält.

Die vorgeblich nach wissenschaftlichen Grundsätzen geschaffene Konzernhierarchie ist alles andere als ein Resultat ökonomischer Rationalität. Vielmehr ist der Appell an die „wissenschaftliche Betriebsführung“ ein ideologisches Mittel, um die Herrschaftsverhältnisse innerhalb des Konzerns zu verschleiern; darin liegt auch die Ursache für den permanenten Streit zwischen den Experten der Betriebswissenschaft und den Praktikern der Betriebsrealität. Der Wissenschaftler verfällt naiv der illusionären Rationalität des Konzerns, und danach konstruiert er seine Modelle rationaler Abläufe und Handlungsschemata. Der Praktiker dagegen weiß, daß es auf etwas ganz anderes als auf eine derartige szientifische Rationalität ankommt — er braucht Durchserzungsvermögen und Sitzfleisch in der Hierarchie. [26]

Den Wissenschaftlern ist dieser Widerspruch zur irrationalen Praxis zwar bewußt, doch helfen sie sich über ihre Frustrationen mit dem Trick hinweg, daß ihre Modelle eben bloße Abstraktionen von der Realität wären, bei denen „störende Momente“ ausgeschaltet werden. Oder sie konzedieren einen nichtrationalen, nämlich bloß ‚‚intuitiven“ Bezug zur Realität auch ohne Wissenschaft. [27] Der kapitalistische Praktiker hingegen verwendet die Rationalität der Betriebswirtschaftslehre (die doch auf die Optimierung des Gesamtbetriebes gerichtet ist) instrumental für seine eigene Karriere; die Gloriole des „Wissenschaftlers“ kann da nie schaden. Es sei denn, die wissenschaftliche Rationalität würde mit seinen eigenen Interessen kollidieren — dann wird eben ein bißchen intrigiert!

In den großen Konzernen spitzt sich immer mehr der Widerspruch zwischen der kapitalistischen Rationalität, die an Optimierung interessiert ist, und einer Hierarchie zu, die nur der nackten Herrschaft dient. Dieser Widerspruch hat die Revolte der sogenannten Technischen Intelligenz gegen die Irrationalitäten in der Hierarchie und ihrer Logik der Herrschaft hervorgerufen. Die Technische Intelligenz nimmt das Kapital beim Wort, wenn sie auf die Durchsetzung der technologischen Rationalität pocht, wie sie in den Ingenieurs- und Betriebswirtschaftswissenschaften verstanden wird. „Im Bewußtsein, die unentbehrliche Klasse der modernen Industriegesellschaft zu sein, fühlen sich Ingenieure, Physiker und Chemiker unterbezahlt und unterbewertet.“ [28]

Im Französischen Mai 1968 hat sich gezeigt, daß die Technische Intelligenz das Kapital von seiner Herrschaft über den Konzern verdrängen will, indem sie die kapitalistische Rationalität als ihre Kampfideologie einsetzt. [29] Eine ähnliche Einschätzung der Situation vertritt Manuel Bridier, wenn er die Technische Intelligenz als die „neue Bourgeoisie“ bezeichnet. [30]

Aber diese technische Rationalität (in Wahrheit die Unterwerfung der Arbeit unter die kapitalistische Maschinerie mit Hilfe der Ingenieurswissenschaften) wird selbst in Frage gestellt. An der scheinbar „neutralen“ technischen Front wird der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital wieder virulent. Der kapitalistische Begriff von Rationalität, den die Ingenieurswissenschaften hegen und pflegen, tritt in offenen Widerspruch mit der lebendigen Arbeit, die Effizienz der maschinellen Produktion schwebt in Gefahr! [31]

6 Die Grenzen der Arbeitsteilung

Das System der taylorisierten Arbeit, das die Arbeiter seit Generationen stillschweigend haben über sich ergehen lassen, scheint sich in eine Quelle der härtesten Konflikte zwischen Arbeit und Kapital zu verwandeln — damit wird die wichtigste Quelle des kapitalistischen Profits zum Anlaß des Klassenkampfes. „Was gewinnt denn noch der Kapitalist mit seinem ‚perfekt effizienten‘ Fließband, wenn die Arbeiter aus der Erfahrung von Unterdrückung und Erniedrigung in der Arbeit an den ‚perfekten‘ Bändern streiken?“, das ist die rhetorische Frage in einer Studie der US-Regierung über „Work in America“, die selbst ein Resultat der proletarischen Revolte ist. [32]

In dieser Studie werden die Ursachen des Widerstandes der Arbeiter gegen die taylorisierte und durch die Ingenieurswissenschaften zerhackte Arbeitsform untersucht. Der Taylorismus hat längst von der Fließbandarbeit auf die gesellschaftliche Produktion insgesamt übergegriffen. [33] „Die Arbeiterschaft heute hat im Durchschnitt eine höhere Ausbildung als den Abschluß der high-school; sie hat sich an den materiellen Wohlstand gewöhnt. Traditionelle Werte, die sich allein auf autoritäre Durchsetzung gründen, werden angezweifelt. Simplifizierte Aufgaben für solche Arbeiter, die keinen primitiven Geist haben, strenge Überwachung durch solche Vorgesetzte, deren Legitimation lediglich aus der hierarchischen Struktur abgeleitet wird, und Jobs, die nichts als Geld in einem Zeitalter des Wohlstands anbieten, werden einfach zurückgewiesen. Für viele unter den neuen Arbeitern sind Monotonie der Arbeit, Größe der Organisation und ihre Ohnmacht, Geschwindigkeit und Stil der Arbeit zu kontrollieren, die Motive für eine Empörung, die sie im Gegensatz zu den älteren Arbeitern nicht unterdrücken. [34]

Arbeitsteilung und hierarchische Kontrolle der Arbeit sind zwei verschiedene Dinge. Die Hierarchisierung der Arbeit dient der kapitalistischen Herrschaft über die lebendige Arbeit. Für die Teilung der Arbeit ist jedoch die geplante und planvolle Massenproduktion der wahre Zweck. In ihrer Abstraktion haben Hierarchisierung und Teilung der Arbeit nur eines gemeinsam: die menschliche Arbeit im allgemeinen. Hierarchische Kontrolle und Arbeitsteilung werden aber in der kapitalistischen Produktionsweise gewissermaßen gegeneinander ausgespielt und miteinander vermischt: ein Moment unterstützt und verschärft das andere.

Kann ein Arbeiter, nachdem er 10 Stunden täglich von der Maschinerie geschunden wurde, noch Kraft und Muße haben, die Produktionsmittel zu erforschen und neue Produktionsverfahren zu erfinden? Wohl kaum! An seiner Stelle wird ein Ingenieur eingestellt, der schon während seiner Ausbildungszeit mit den jüngsten technischen Entwicklungen vertraut gemacht wurde, und dessen Aufgabe jetzt darin besteht, sich auf Fachmessen und in Zeitschriften neue Anregungen für Erfindungen zu verschaffen. Hierdurch besitzt er einen Vorsprung an technologischem Wissen, den die Arbeiter natürlich nie einholen können. So teilt der Kapitalist die Arbeit, über die er herrscht. Diese Arbeitsteilung ist eine Teilung der Arbeit unter der Bedingung ihrer Hierarchisierung. Die Arbeit wird lediglich in der Weise geteilt, daß die Arbeitsteilung die Hierarchie unter keinen Umständen in Frage stellt, sondern sie vielmehr begünstigt, unterstützt und verstärkt. Arbeitsteilung könnte ja auch bedeuten, daß Ingenieur und Arbeiter ihre Arbeit untereinander teilen — daß der Ingenieur den Arbeitsplatz des Arbeiters einnimmt und der Arbeiter an der Stelle des Ingenieurs Fachmessen besucht und Zeitschriften liest. Ein solcher Rollentausch ist aber im kapitalistischen Betrieb strikt verboten, würde er doch die Unterordnung des Arbeiters unter den Ingenieur und damit die ganze aufgeblähte Hierarchie beseitigen.

Es ist eine Voraussetzung und eine Konsequenz der Hierarchisierung der Arbeit, daß eine gesonderte Kaste von Ingenieuren das exklusive Recht besitzt, die Produktionsmittel getrennt von den Arbeitern zu erforschen. Die Existenz dieser Kaste — der „Technischen Intelligenz“ — hat nichts mit der industriellen Arbeitsteilung und alles mit den Herrschaftsinteressen des Kapitalismus zu tun. Oder sind die Arbeiter zu dumm für eine Technologie, die sie tagtäglich handhaben müssen? Auf dieses Argument muß man wohl nicht näher eingehen. Die Arbeiter haben einen viel direkteren Kontakt mit der Maschinerie als die Ingenieure. Diese hängen sogar in all den Fragen von den Informationen der Arbeiter ab, wo es um die nicht formalisierbaren und nicht quantifizierbaren Aspekte geht, die für die mathematische Ingenieurswissenschaft unzugänglich bleiben. [35] Die zahlreichen Erfindungen durch Autodidakten in der Geschichte der Technologie beweisen, über welche intellektuelle Potenzen auch nicht spezialisierte Gehirne verfügen könnten, würde ihnen Zeit zur Entfaltung gegeben. [36]

In Theorie und Praxis des Kapitalismus ist dieser wesentliche Unterschied zwischen der Hierarchisierung der Arbeit und der Arbeitsteilung immer wieder verwischt worden. Auch die Sowjetunion, die erste bewußt antikapitalistische Industriegesellschaft, hat geradezu enthusiastisch die westliche Technologie und mit ihr die Unterwerfung des Arbeiters unter die Maschine übernommen. Erst in der Chinesischen Kulturrevolution 1966 wurde in einer für okzidentale Vorstellungen unfaßbaren Energie das kapitalistische Spezialistentum attackiert. Dem folgten in Frankreich und Italien die Angriffe auf die Arbeitsbedingungen innerhalb der Fabriken. [37] Schließlich sieht im Jahre 1973 die oben erwähnte Studie der US-Regierung über „Work in America“ in der Abschaffung der Konzernhierarchie und der Einführung einer Arbeiterselbstverwaltung nach dem Muster des Rätesystems die einzige Möglichkeit, den wachsenden Widerstand des amerikanischen Proletariats zu brechen. Natürlich ist dieser Vorschlag im Rahmen der amerikanischen Gesellschaft die reinste Utopie, steht er doch in klarem Widerspruch zum kapitalistischen Prinzip der Aneignung der Arbeitsprodukte durch den Kapitalherrn.

(Wird fortgesetzt)

[1„links“, Offenbach, 9/73.

[2In Deutschland versuchte der Nationalsozialismus in großem Umfang der Bauernideologie zum Aufschwung zu verhelfen. In den USA ist sie stärker vertreten wegen der bis in dieses Jahrhundert reichenden Siedlerbewegung.

[3Dargestellt in Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“. Weitere Hinweise aus der Literatur sind in dem Band „Schulstunde“, Frankfurt 1971, gesammelt.

[4Bourdieu/Passeron, Die Illusion der Chancengleichheit, Stuttgart 1971, S. 92-129. Es handelt sich bei diesem Buch um eine soziologische Analyse des traditionellen Bildungssystems in Frankreich, die dadurch hervorsticht, daß sie nicht von vornherein einem ökonomistischen Ansatz verfällt, sondern ideologische Momente zum Mittelpunkt ihrer Untersuchungen macht.

[5Herangezogen wurde: Stanzik, Die Verkündung der Sozialen Marktwirtschaft, in: Politik ohne Vernunft, herausg. von Nedelmann/Schäfer, Rowohlt Verlag 1965. Stanzik, Der ökonomische Konzentrationsprozeß, in: Nedelmann/Schäfer (Hrsg.), Der CDU-Staat, München 1967. Huffschmid, Die Politik des Kapitals, Frankfurt 1969. Mandel, Die deutsche Wirtschaftskrise, Frankfurt 1969. Mandel, Marxistische Wirtschaftstheorie, Frankfurt 1968. Kolko, Besitz und Macht, Frankfurt 1967. Baran/Sweezy, Monopolkapital, Frankfurt 1967. Jaeggi, Macht und Herrschaft in der BRD, Frankfurt 1969.

[6Imperialismus heute, Berlin 19685 (1. Auflage 1965), S. 707.

[7Kühnl/Rilling/Sager, Die NPD, Frankfurt 1969, S. 350.

[8Frankfurter Allgemeine vom 15.9.73.

[9Empirisch läßt sich eine enge Beziehung zwischen Monopolisierungsgrad der Ökonomie und Expansion des Bildungssystems konstatieren. In einer Studie zum Internationalen Erziehungsjahr 1970, erarbeitet von der UNESCO, vermerkt Huberman, England habe in dem Zeitraum 1945-1970 die Zahl von 23 neuen Universitäten geschaffen. Ähnlich sei es in den USA. Unterstellt man diesen beiden Ländern einen hohen Monopolisierungsgrad, was sicherlich zulässig ist, so kontrastiert die Zahl der Universitätsneugründungen in Ländern mit niedrigem Monopolisierungsgrad sehr deutlich: In dem Zeitraum 1945-1965 beträgt diese Zahl lediglich acht als Gesamtzahl der Neugründungen in den Ländern Frankreich, Italien, Österreich und BRD. (Michael Huberman: Reflections on the Democratization of secondary and higher Education, Times Educational Supplement vom 21.8.70., p. 10. Vgl. den nachfolgenden Artikel in diesem Heft. Diese Studie war eigentlich als Beitrag der UNESCO zum Internationalen Erziehungsjahr 1970 gedacht. Sie wurde jedoch wegen ihres aufklärerischen Inhalts offiziell zurückgezogen.) Zu Beginn der sechziger Jahre befindet sich die BRD allerdings schon auf der Schwelle zur starken Monopolisierung.

[10Samuel Bowles, Widersprüche im amerikanischen Hochschulsystem, in: A. Gorz (Hrsg.), Fabrik und Schule, Merve Verlag, Berlin 1972, S. 85.

[11Schelsky, Die skeptische Generation, Düsseldorf 1957, S. 227.

[12Bourdieu-Passeron, a.a.O.

[13Schelsky, a.a.O., S. 409.

[14„Als Ergebnis einer detaillierten 10jährigen Studie der sozialen und ökonomischen Hintergründe der Sekundarerziehung in ihren Mitgliedsländern hat die OECD festgestellt, daß trotz der starken Zunahme an Schülern der Anteil der Unterklassenkinder praktisch konstant blieb. Tatsächlich kann diese Zunahme oft, wie in den Niederlanden, die Tatsache reflektieren, daß es insbesondere die Mittelklasse ist, welche ihren Anteil schneller ausdehnt als sowohl Ober- und Unterklasse“, Huberman, a.a.O. Diese Bemerkung stützt unsere These, daß die Kleinbourgeoisie in der Auslösung des Bildungsbooms ein besonderes Gewicht hat, wenngleich auch Hubermans Mittelklassenbegriff nicht mit dem unserigen der Kleinbourgeoisie identisch ist.

[15Bowles, a.a.O., S. 106.

[16Huberman führt aus, daß in den kapitalistischen Gesellschaften „die niedrigen Einkommensgruppen einen überproportionalen Anteil der Kosten der höheren Bildung tragen, während die mittleren und höheren Einkommensgruppen einen überproportionalen Anteil der Vergünstigungen der höheren Bildung in Anspruch nehmen“, a.a.O.

[17Franziska Sandow, Lehrlingsausbildung in der westdeutschen Großindustrie, DWI-Berichte 7/70, S. 6.

[18Peter Hort, Ingenieure werden rar, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.5.1973.

[19Vance Packard, Die Pyramidenkletterer, Knaur Taschenbuch 1966, S. 15.

[20Georg Simpfendörfer, Leistung und Bezahlung, IBM-Nachrichten 18 (1968).

[21Ch. Laveraux, Dictionnaire synonymique de la langue française, Paris 1826, zitiert nach N. Bisseret, Der Begriff der Fähigkeit und die Klassengesellschaft, Der Mensch und seine Welt, 3 (1971), S. 539 (Chaucer Publ. Co. Ltd. London).

[22„Stets wenn ein Prozeß eine besondere Geschicklichkeit und Stetigkeit der Hand erfordert, ist er sobald als möglich dem schlauen Arbeiter zu entziehen, welcher zu vielen Unregelmäßigkeiten geneigt ist, und ist der Verantwortung eines besonderen Mechanismus’ zu übertragen, welcher so weit sich selbst kontrolliert, daß ein Kind ihn überwachen kann.“ Andrew Ure, The Philosophy of Manufactures, London 1835, S. 20.

[23Ure, a.a.O., S. 311.

[24Der Marxsche Wertbegriff findet darin seine Schranken, daß er den Wert als gesellschaftliche Hieroglyphe mit einer weiteren gesellschaftlichen Hieroglyphe, der abstrakten Zeit, zu erklären versucht. Eine Kritik des abstrakten Zeitbegriffs eröffnet Windred, History of Mathematical Time, Isis 19 (1933), bzw. die Hegelsche Naturphilosophie. War die abstrakte Zeit noch bei Newton eine Fiktion der Mathematiker, so wurde sie mit der reine Kraftentäußerung darstellenden Arbeitszeit im Industriekapitalismus eine wuchtige gesellschaftliche Realität.

[25Work in America, Report of a Special Task Force to the Secretary of Health, Education and Welfare, MIT-Press 1973, S. 135.

[26Über den frisch in den Betrieb eintretenden Ingenieur berichtet ein erfahrener Kollege: Es „versuchen sich untergeordnete Apparatschiks gleich rudelweise im Abkochen des Neuen, der mit besserer (akademischer? brrrrh!) Vorbildung meist nur unerwünschte Konkurrenz darstellt und bei guten Leistungen natürlich von vornherein Anwärter auf einen der umkämpften Posten wird“. Dipl.-Ing. W. Rudolph, Engpaß Konstruktion — na und?, in: VDI-Informationen, abgedruckt in: Materialien zum Berufsbild des Ingenieurs 2/70, herausgegeben von der Evangelischen Studentengemeinde der BRD, Stuttgart, S. 11.

Weitere Hinweise zum Widerspruch zwischen Betriebshierarchie und kapitalistischer Rationalität bei Konrad Arndt: Was gegen ein Studium des Maschinenbaus spricht, Leserbrief in der FAZ vom 26.5.73 in Erwiderung zu Hort a.a.O.; James R. Bright: Evaluating Signals of Technological Change, Harvard Business Review Jan. 1970, S. 63; Berthold, Die Grundlagenforschung in industriellen Großunternehmen der BRD, Berlin 1969, S. 100, 114; Neal/Radnor: The relations between formal procedure for pursuing OR/MS activities and OR/MS group sucess, Operations Research 21 (1973); Radnor/Neal: The progress of Management Science activities in large US industrial Corporations, Operations Research 21 (1973); Piore: The impact of the Labor Market upon design selection and of productive techniques within the manufacturing plant, Quarterly Journal of Economics, 82 (1968), S. 607.

[27Ewald Burger schreibt in der Einleitung seines Buches „Einführung in die Theorie der Spiele“, Berlin 1959: Es ist „leider unerläßlich, daß den strengen mathematischen Definitionen gewisse unscharfe intuitive Überlegungen vorausgehen, die den Zusammenhang der mathematischen Definitionen mit der Realität herzustellen haben. In diesem Buch wird versucht, diese intuitiven Überlegungen auf das unerläßliche Mindestmaß zu reduzieren. Der Verfasser gesteht nämlich freimütig, daß ihm bei diesen intuitiven Diskussionen niemals ganz geheuer ist und daß er sich hierfür auch nicht als kompetent betrachtet, so daß die Diskussion so rasch wie möglich auf das mathematische Gleis geschoben wird“ (S. 5).

[28Capital, 8/70; hier werden auch noch einige „Irrationalitäten“ dargeboten, wie etwa, daß Physiker Lötarbeiten ausführen. Weiteres Material über die Irrationalitäten der Betriebshierarchie findet sich bei Neef/Morsch, Veränderungen im Arbeitsprozeß, ihre Auswirkungen auf das Bewußtsein von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren ..., im Sammelband „Technologie und Kapital“, Frankfurt 1973, S. 137 ff.

[29Hellmuth Lange, Gewerkschaftliche Aktion und politisches Bewußtsein der wissenschaftlichen Technischen Intelligenz in Frankreich, in: „Technologie und Kapital“, a.a.O.

[30Manuel Bridier, „Neue Arbeiterklasse“ oder „Neue Bourgeoisie“?, in: „Technologie und Kapital“, a.a.O.

[31General Motors hatte in Lordstown, Ohio, die „neueste und ‚effektivste‘ Autofabrik in Amerika“ errichtet. Jedoch „kamen Anfang des Jahres 1972 die Arbeiter zu einem Streik gegen die Bandgeschwindigkeit und gegen die roboterhaften Aufgaben, die sie tun sollten, zusammen“. Aus: Work in America, a.a.O., S. 19.

[32A.a.O., S. 19.

[33A.a.O., S. 19.

[34A.a.O., S. 18.

[35Michael Piore, The Impact of the Labor Market upon the Design and Selection of Productive Techniques within the Manufacturing Plant, Quarterly Journal of Economics 82 (1968), S. 619.

[36Über den Beitrag von „Autodidakten“ zur technischen Entwicklung gibt es wenig Systematisches in der Literatur. Rudolph etwa, a.a.O., bemerkt, daß die begabten Konstrukteure meistens „Autodidakten“ seien. Weitere Hinweise bei Jewkes/Sawers/Stillermann, The Sources of Invention, London 1969.

[37Siehe Gorz, a.a.O.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1974
, Seite 38
Autor/inn/en:

Richard Vahrenkamp:

Susanne Keller:

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