FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 305/306
Eberhard Haidegger

Die Burenwurst im Wandel der Zeiten

Streifzug durch Wien

Wir spazierten durch die Straßen von Wien, dieser zum Spazierengehen ganz ausgezeichnet geeigneten Stadt, und sahen viel nach oben. Auf die abwechslungsreichen Stockwerke der vor langer Zeit erbauten Häuser. Wir begegneten Frauen, Gasthäusern, Würstelbuden, Cafés und Konditoreien. Es dämmerte. Ganz finster wird es in Wien ja nie.

Als Mona Lisa Hunger bekam, zählte ich ihr verschiedene Möglichkeiten auf: chinesische, polnische, ungarische, türkische oder einheimische Restaurants. Doch sie schlug all diese Vorschläge ab. An einer Wursthütte — wie sie sich ausdrückte — wollte sie ihren Hunger stillen. Auf die Ellbogen gestützt, in der linken Hand das Brot, in der rechten die Wurst und in der Mitte vor sich den Senf, wollte sie an einem Würstelstand lehnen und essen.

Beim nächstbesten Würstelstand ließen wir uns je ein Stück Burenwurst abschneiden. Interessiert betrachtet Lisa nach jedem Bissen das Innere der Wurst. Sie wollte Näheres darüber wissen.

Also, begann ich, in freier Wildbahn gibt es leider keine Burenwürste mehr. Außer im Lainzer Tiergarten und in den Karpaten, wo sie aber nicht gejagt werden dürfen. Doch um die Versorgung der Wiener zu sichern, entstand die städtische Burenwurstzucht in St. Marx. Und nur sehr alte Wiener merken einen Unterschied. Sie schwärmen von den Burenwürsten, die früher in den Donauauen und im Wienerwald gejagt wurden. Wenn die richtigen beisammensitzen, erzählen sie Jagderlebnisse. Sie erzählen sie schon zum hundertsten Mal: weil es schon so lange her ist, als sie bewaffnet von zu Hause fortgingen, ganz früh, den eigens zur Burenwurstzucht abgerichteten Rassehund an der Leine.

Sie denken oft daran, wie schön es war, wenn sie mit einer frisch erlegten Burenwurst heimkamen. Die Frauen hatten schon den Tisch gedeckt, der Senf lag am Rande des Tellers, ein Krug Bier oder ein Viertel Wein stand daneben, den Durst des Jägers zu löschen. Freilich, nicht immer ging es so friedlich zu. Mancher Jäger mußte sein Leben lassen. Denn leider wurde die Gefährlichkeit einer verwundeten Burenwurst oft unterschätzt. Da nützte es auch nichts, wenn sich der verfolgte Jäger auf einen Baum retten wollte in seiner Verzweiflung — die Burenwurst kletterte ihm nach. Davonlaufen war ebenfalls nur mit einer geringen Chance verbunden, mit dem Leben davonzukommen. Ruhe und ein guter Schuß waren die einzigen Gegenmittel. Eine kapitale Burenwurst wurde spielend auch mit mehreren Jägern fertig.

Andererseits, von so einer kapitalen Burenwurst konnte eine mittlere Wiener Familie den Winter über schön leben.

Den Burenwürsten ist nicht weniges zu verdanken. Der Abzug der Türken zum Beispiel. Graf Starhemberg führte zum Dank dafür eine Schonzeit für die Burenwürste ein. Und auch die Anziehungskraft für Minnesänger ist durch die Burenwürste leicht erklärbar. Ebenso der große Zuzug von Menschen aus den Ländern der Donaumonarchie, was aber, besonders durch die Hungersnot nach dem Ersten Weltkrieg, schließlich die Ausrottung der Burenwürste einleitete.

Wie gesagt, heute merkt den Unterschied fast niemand, Fremde schon gar nicht. Darum wächst die kulturelle Ausstrahlung Wiens und bildet schon jetzt für viele Ausländer eine große Liebe zu Wien heraus, der sich auch Politiker nur ungern entziehen.

So mancher, der nach dem Besuch eines Kinos, Theaters oder der Staatsoper in eine Burenwurst gebissen hat, kommt nicht mehr von ihr los. Es sei denn, er nähme einen Zahnstocher zu Hilfe.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1979
Autor/inn/en:

Eberhard Haidegger:

Geboren 1940, aufgewachsen in Deutenham, OÖ (Bezirk Vöcklabruck), Volkschule Desselbrunn abgeschlossen, Glaserlehre Attnang-Puchheim und Vöcklabruck, Berufschule Linz — nach Gesellenprüfung 1/2 Jahr in Großglaserei in Linz, seit Juni 1958 Eisenbahner in Salzburg (Verschieber, Stellwerksmeister und Fahrdienstleiter in Salzburg und verschiedenen Bahnhöfen der Direktion Linz), seit 1993 in Pension, lebt in Salzburg.

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