FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1989 » No. 430/431
Michael Schiestl-Nikelsky

Die austro-katholische Identität

Einblicke in diese gewährt, wieder einmal, unser Spezialist für Brandstiftungen, Norbert Leser, der noch nie so nah bei Robert Prantner war.

Einen bemerkenswerten Beitrag zur Identitätsfindung und -sicherung im Gedenkjahr 1988 leistete sich der berühmte katholische Spezialist Norbert Leser, Professor für Sozialphilosophie an der Universität Wien, zuletzt mit einem Artikel für die Zeitschrift „Wochenpresse“, der in gedrängter Form zusammenfaßt, was der Autor bereits in vorhergehenden Beiträgen für Sammelwerke veröffentlicht hatte. Er bemüht sich in diesen Beiträgen, die den zeitgeschichtlichen Hintergrund des Wien im Fin de siècle und den Beitrag jüdischer Persönlichkeiten in der österreichischen Politik erörtern, wiederholt um den Nachweis, daß Hitlers krude sozialdarwinistische Geschichtsschau im „traditionellen Antisemitismus“ Luegerscher Prägung zwar „Anknüpfungspunkte“ fand, dieser aber „keineswegs ... der bestimmende Faktor und Motor der nationalsozialistischen Demagogie war.“

Um Norbert Lesers Argumentation besser verstehen zu können, ist ein Blick auf die bereits 1907 — also noch zu Lebzeiten Luegers — mit der umfassenden Biographie von Franz Stauracz einsetzende Lueger-Hagiographie und deren Wirkungsgeschichte hilfreich.

Bietet das biographische Erbauungs- und Verehrungsschrifttum (Rudolf Kuppe, 1933; Heinrich Schnee, 1936) vor 1945 noch eine ebenso reichhaltig-bizarre wie offenherzige antisemitische Material- und Dokumentensammlung, so berührt der überwiegende Teil der Lueger-Biographen nach 1945 dessen Antisemitismus entweder überhaupt nicht, oder er wird, eingebettet in eine diffus-allgemeine antisemitische Epochentendenz, so weit relativiert, daß er zuletzt bloß als eine Art gemütliche, „traditionelle“, eben harmlose, weil den gefährlichen rassischen Antisemitismus kanalisierende, Variante erscheint. Luegers Diktum: „Wer a Jud is, bestimm i!“ ist demnach eine nicht weiter ernstzunehmende Seite seiner anbiedernd-katilinarischen Beredsamkeit. Folgerichtig deutet der Lueger-Biograph Kurt Skalnik (1954) diesen oft zitierten und gerne als Entlastungsmaterial verwendeten Ausdruck als Beweis für die „liebenswürdige Oberflächlichkeit der Zeit“, in der er geprägt wurde; als Ausdruck einer Gesinnung, die man zu Luegers Zeit durchaus noch haben konnte,

ohne sogleich den Boden der menschlichen Gesittung zu durchbrechen und in einen dämonischen Untergrund abzugleiten.

Ein geradezu liebenswürdig oberflächliches Großpanorama der Lueger-Zeit entwirft Leopold Gratz in den 1985 erschienenen „Österreichischen Porträts“:

Die antisemitische „Grundstimmung in der Bevölkerung erkannte Lueger und nützte sie für seine politischen Zwecke aus. Er hatte den größten Beifall, wenn er die Juden, die die kleinen Gewerbetreibenden ihrer Existenz beraubten, die ihnen die Kredite sperrten, vom Rednerpult aus symbolisch schlachtete und zerfetzte. Da gibt es nichts zu beschönigen.

Sein beschönigendes Resümee:

Am wenigsten fest saßen seine antisemitischen Gesinnungen in ihm. Mit dem politischen Verstand, mit dem Vorsatz ist Lueger Antisemit gewesen, aber er hat die Juden zu lieb gehabt!

Und überhaupt wäre er zurückgeschreckt

vor dem, was später die Nazis aus dem Antisemitismus gemacht haben.

Es ist also erstens alles gar nicht so schlimm und zweitens — dem Bedürfnis österreichischer Wesensart zufolge, ihre „liebenswürdige Oberflächlichkeit“ und Gemütlichkeit im Diminutiv auszudrücken — höchstens ein schrulliges Antisemitismerl gewesen, das nur durch das Wissen um den historischen Ausgang in eine zwar unangenehme, aber doch nicht allzu deutliche Nähe zur nationalsozialistischen Judenpolitik rückt.

Mit Blick auf Georg Schönerers Rassismus weist Norbert Leser dem Antisemitismus Luegers sogar eine gewisse Entlastungsfunktion zu, da dieser es eben verstanden hätte,

dem Antisemitismus durch verbale Konzessionen und Abreaktionen ein Ventil

zu schaffen, ihn zu bändigen und in eine „traditionelle, utilitaristische Form“ zu verwandeln. Die von „jüngeren Historikern“ vertretene „Kontinuitätshypothese“, die Lesers Leseart zufolge

den religiös-sozialen und den rassistischen Antisemitismus in einen Topf

wirft, die „Grenzen zwischen beiden Formen des Antisemitismus“ verwischt und damit

das Gebot der Differenzierung und des Auseinanderhaltens der Phänomene, das zum methodischen Rüstzeug des Historikers gehört

vernachlässigt, entkräftet er mit einem arithmetischen Beispiel: Wenn nämlich Hitlers Rassismus

nur die äußerste Konsequenz des traditionellen Antisemitismus war, dann fällt ein Teil des Vorwurfs für die Verbrechen des Nationalsozialismus auf die Vorläufertraditionen zurück und ist vom Schuldkonto der Nazis abzuziehen.

Mit anderen Worten: Je schuldiger Lueger, desto unschuldiger Hitler und die Nazis und umgekehrt.

Kein Wort dieses aufgeklärten Intellektuellen, der mit dem Begriff „traditioneller Antisemitismus“ hantiert, als ob es sich um eine zwar nicht entschuldbare, aber im ganzen doch harmlos biedere Soft-Version handelte, darüber, daß gerade dieser in den Tiefenschichten der Menschen eingewurzelte katholische „traditionelle Antisemitismus“ Voraussetzung für das Gelingen des ideologisch-manichäischen Konditionierungsprozesses durch die Nazis war.

Anstatt dort nachzuschlagen, wo Lueger selbst das Wort ergreift, d.h. einigermaßen authentisch greifbar wäre („Deutsches Volksblatt“, „Reichspost“, Reichs- und Gemeinderatsprotokolle), läßt Norbert Leser einige „Entlastungszeugen“ zu Wort kommen, die Luegers Antisemitismus

in einem ... milderen Lichte erscheinen lassen, als es im Urteil der später geborenen Kritiker der Fall ist.

So Stefan Zweig, der Karl Lueger — „mit seinem weichen, blonden Vollbart“, seiner „imposanten Erscheinung“; der „geistige Kultur über alles stellte“ und „populär sprechen“ konnte — „eine gewisse Noblesse“ attestiert und damit eigentlich nur die Binsenweisheit illustriert, daß Antisemitismus als selbstverständlicher Teil unserer humansten Tradition in friedlicher Koexistenz mit der „ehrlichsten“ Menschlichkeit bestehen kann. Wenn Norbert Leser mit Stefan Zweig meint, daß die Juden nach Luegers Wahl zum Bürgermeister, vor dessen Triumph sie „gezittert hatten“, „ebenso gleichberechtigt und angesehen“ weitererlebten, so mag das für den Kulturbürger Zweig und seinesgleichen, die im „Paradies des gebildeten Genusses“ (Hannah Arendt) lebten, gelten. Nicht aber für jene Pariawelt — und in dieser lebte die überwiegende Mehrzahl der Wiener Juden —, die Joseph Roth und Bruno Frei beschrieben und für die Nachwelt aufgehoben haben.

Die selbstgefällte Fiktion einer Symbiose, die Rede von den jüdischen Kulturleistungen und die aus sicherer historischer Distanz beinahe exotisch wirkende Leistungsschau jüdischer Kulturbeflissenheit werden so verständlich als Akt einer nationalen Identitätssicherung, die den diesfalls im „goldenen Ghetto“ domestizierten, dekorativ in die kulturhistorische Fassade eingepaßten, solcherart erträglichen und einträglichen „jüdischen Mitbürger“ für die Kontinuierung einer besonderen kulturellen Tradition benötigt.

Vor dem Hintergrund dieser konzertierten historischen „Strukturanpassung“ an die Erfordernisse eines urbanen nationalen Erscheinungsbildes durchzieht selbst das Ghetto, das osteuropäische Shtetl, das Judenviertel der Bettler, Hausierer, Trödler, Posamentierer usw. als irgendwann irgendwie schicksalhaft „versunkene Welt“ wehmütig die idyllische Wunderwelt österreichischer Vergangenheit. Die regressive Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ schafft sich ihre verklärte Gegenwelt: ästhetisiert als „Traum und Wirklichkeit“, angeregt und angereichert durch den literarischen, psychobiographischen Fundus jener „Welt von Gestern“, des „goldenen Zeitalters der Sicherheit“ (Stefan Zweig), dessen „vergoldete Gitterstäbe“ den Menschen „jeden Blick und jede Einsicht, die ihrem Erleben und Genießen hätte störend werden können“ (Hannah Arendt) verwehrten.

Die Fragwürdigkeit seines personalisierenden Verfahrens und der Repräsentanz der als Fürsprecher Luegers vorgestellten Person hindert Norbert Leser nicht, einen weiteren „Entlastungszeugen“ anzuführen: Josef Redlich, Finanzminister im letzten Kabinett Lammasch und im Kabinett Buresch, ein von Judenhaß und „Anbiederung an die Christlichsozialen triefender getaufter Jude“ (Alois Gaisbauer), dessen Invektiven gegen die Wiener Juden, im speziellen gegen zugewanderte Ostjuden — Redlich entstammt selbst einer mährischen Familie — für Leser Beispiel eines „innerjüdischen Antisemitismus“ sind und ihn zur Frage anregen:

Wenn eine Persönlichkeit wie Redlich ... nicht imstande (war,) Regungen des Unbehagens gegenüber einer als fremd empfundenen Gruppe zu unterdrücken, kann man es dann den weniger gebildeten und mondialen Wienern verargen, wenn sie ähnliche Gefühle gegenüber einer in vielen Berufen überrepräsentierten Gruppe, die ihnen auch sozial Konkurrenz machte, entwickelten?

Die „Regungen des Unbehagens“ und die „ähnlichen Gefühle“ des antisemitischen Mobs — so ist sie eben, die Gefühlswelt der Wiener: dunkel und tief; und sie gleitet geradezu ins unergründliche Euphemistische, wenn sie von einem Professor der Sozialphilosophie ausgelotet wird. Dieses Rechtfertigungs- und Entlastungsspiel erinnert an den Begriff des „jüdischen Selbsthasses“, der den Jahrhundertwende-Experten wie eine Pawlowsche Reaktion immer dann über die Lippen kommt, wenn sie die Namen Karl Kraus oder Otto Weininger hören und der vornehmlich die Frage insinuiert: Wenn die Juden sich selbst und untereinander nicht leiden können, kann man es dann den Antisemiten verargen usw. usf.

Was Norbert Leser noch anstandshalber mit einem Fragezeichen garniert, weiß Ilse Leitenberger, stellvertretende Chefredakteurin der „Presse“, als unverrückbare Tatsache hinzustellen. In einem Interview für das in Rotterdam erscheinende „NRC Handelsblad“ meinte sie:

Es war unmöglich für einen nicht-jüdischen Arzt, eine Stelle zu bekommen. In der Zeitungswelt dasselbe. Antisemitismus war also höchst berechtigt, nein, höchst berechtigt ist der falsche Ausdruck, ich meine verständlich, in Wien.

Zuletzt führt Norbert Leser als entlastendes Moment noch den jüdischen Freund an, den Antisemiten gerade neuerdings immer dann zu haben pflegen, wenn sie auf frischer Tat ertappt worden sind. Im Falle Luegers nun ist das der frühe Weggefährte und Kommunalpolitiker Ignaz Mandl, „mit dem er“, so Lueger bereits 1889, „schon früher traurige Erfahrungen gemacht“ habe; und jetzt sei er

zur Überzeugung gekommen, daß dieser Mann das Volk verraten will: Jud bleibt eben Jud.

Für Norbert Leser ändert das aber nichts an der Wertschätzung Luegers „für den Freund und Kampfgefährten“, hielt doch Lueger an dessen Grab — de mortius nil nisi bene — „einen bewegten Nachruf“. Das Faktum, daß Lueger auch am Grabe Raimund Grübls, seines liberalen Vorgängers im Bürgermeisteramt, einen versöhnlichen Nekrolog hielt, harrt noch der einfühlsamen Interpretation durch Historiker und Sozialphilosophen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1989
, Seite 6
Autor/inn/en:

Michael Schiestl-Nikelsky:

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