FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1993 » No. 473-477
Emil Vlajki

Dialektik der Gewalt

Der Autor dieser Studie über die „ethnischen“ Gruppen und Konflikte in Bosnien-Herzegowina war Professor für Politikwissenschaften und Sozialpathologie an der Universität Sarajewo, als es diese noch gab.

Seit einem Jahr wird in Bosnien-Herzegowina ein Krieg geführt, der einer der grausamsten in der Geschichte der Menschheit ist. 150.000 Todesopfer und Verwundete, 1.500.000 Flüchtlinge, überall Zerstörung — und dies bei einer Bevölkerung von 4.500.000 Menschen. Es wurde viel geredet, voller Emotionen und schmerzlichem Humanismus. Diese Studie versucht dadurch objektiv zu sein, daß hier unterschiedliche Arten von Tatsachen aufgezeigt werden, die aus den verschiedensten Quellen stammen.

In Bosnien-Herzegowina leben vor allen drei Hauptvölker, die man zugleich als drei Hauptminderheiten betrachten kann: die Moslems, die Serben und die Kroaten, die zusammen 90% der Bevölkerung in diesem Staat ausmachen. Sie sind Völker, wenn man sie außerhalb des historischen und ortsbezogenen Kontextes betrachtet. Sie selbst betrachten sich als Minderheiten, da Bosnien-Herzegowina von einem serbischen und einem kroatischen Staat umgeben ist, in denen die jeweilige Volksgruppe die Mehrheit bildet. Was die Moslems betrifft, so wird von den anderen Volksgruppen immer wieder ihre religiöse und kulturelle Zugehörigkeit zur islamischen Welt geleugnet. Jahrhunderte hindurch lebten diese drei ethnischen Gruppen nebeneinander, doch allzu oft fühlten sie sich Völkern zugehörig, die außerhalb Bosnien-Herzegowinas leben. Dies ist auch der Grund, warum im Laufe der Geschichte diese Gruppen einander oft mißtrauten und Koalitionen aus zwei Völkern gegen das dritte gebildet wurden. Hinzu kommt, daß unter dem Druck der Nachbarstaaten oder auch der Großmächte, die in dieser Region Fuß fassen wollten, die drei Völker einander manchmal so haßten, daß sie gegenseitig Völkermord übten. Aus diesen Gründen konnte man häufig nicht mit Sicherheit sagen, ob es sich im Fall von Bosnien-Herzegowina um drei Völker, um drei Minderheiten oder gar ein Volk mit religiösen Charakteristiken und kulturellen Unterschieden handelt.

A. Besondere Aspekte des Konflikts

1. Geschichtlicher Hintergrund

Die Historiker stimmen darin überein, daß die Bevölkerung der heutigen Bosnien-Herzegowina eigentlich aus slawischen Stämmen hervorging, die sich im 7. Jahrhundert nach Christi endgültig am Balkan niederließen. Es ist möglich, daß die gebirgige Landschaft (vor allem Bosniens), den Einwohnern eine Geschichte abseits der Geschichte ermöglichte. Diese Region wurde von zwei Seiten beeinflußt: das gespaltene römische Reich wurde auf der westlichen Seite katholisch und auf der östlichen Seite orthodox. Beide Seiten wollten sich jene Region aneignen, die heute als Bosnien-Herzegowina bekannt ist. Dennoch konnte keine Seite das Schicksal der Region ganz für sich bestimmen. Genauer: diese Region nahm eine von den anderen abweichende Religion an, deren Gläubige unter dem Namen Bogumilen (patareni, babuni) bekannt sind. Erst ab dem 14. Jahrhundert wurde der Einfluß der katholischen und der orthodoxen Kirche spürbar.

Auf säkularer Ebene war diese als Bosnien (Bosna) bekannte Region Jahrhunderte hinduch mehr oder minder unabhängig. Unter den Herrschern fanden sich drei der stärksten Könige, die riesige Flächen eroberten (ban Kulin, ban Stjepan II., kralj Tvrtko).

Heute versuchen Serben und Kroaten zu zeigen, daß Bosnien-Herzegowina im Mittelalter ihnen gehörte. Die Fakten sind aber folgende: Der König der Kroaten Tomislav (910-930) beherrschte einen kleinen Teil von Bosnien. König Kresimir II. (949-969) versuchte Bosnien zu erobern, doch bleibt unklar, wie viel Erfolg er dabei hatte. Von 1299 bis 1322 herrschte der Feudalherr Šubić über einen Teil von Bosnien. Schließlich gliederte der unter der Schirmherrschaft Hitlers und Mussolinis gegründete kroatische Staat (Nezavisna Država Hrvatska) Bosnien-Herzegowina in sein Territorium ein. Teil eines serbischen Landes war Bosnien nur einmal — während der Herrschaft von Časlav (931-960) — für kurze Zeit.

Natürlich wurden von allen Seiten während einiger Jahrhunderte Territorialkämpfe geführt. Ebenso waren die Könige Bosniens bisweilen formell mächtigeren Königen jenseits seiner Grenzen untergeordnet. Doch all dies hinderte Bosnien nicht daran, bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts ein grundsätzlich unabhängiger Staat zu sein.

Von 1463 (dem Sturz Jajces) bis 1878 (dem Berliner Abkommen) stand Bosnien-Herzegowina unter türkischer Herrschaft. Danach kam die Herrschaft der österreichisch-ungarischen Monarchie (bis 1918). Im Rahmen des ersten, in mehrere Provinzen geteilten Jugoslawien (1918-1941) existierten Bosnien und Herzegowina vor 1929 nicht unter diesem Namen. Diese Länder tauchten im zweiten Jugoslawien (1945-1992) mit ihren derzeitigen Grenzen wieder auf. Im Zuge der Auflösung Jugoslawiens wurden sie ein unabhängiger Staat, der am 6. April von den Vereinten Nationen anerkannt wurde.

2. Ethnische Gruppen

Es wurde bereits gesagt, daß mehr als 90% der Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas aus drei Nationalitäten bestehen: Moslems, Serben und Kroaten. Aus der letzten Völkerzählung (1991) geht hervor, daß es 43,7% Moslems, 31,3% Serben und 17,3% Kroaten gab, zusammen genau 92,3%. 5,5% der Menschen erklärten sich als Jugoslawen, doch die Mehrheit unter ihnen gehört diesen drei ethnischen Gruppen an. Nur 2% sind Angehörige anderer Gruppen (Zigeuner, Albaner, Juden ...). Etwa 20% Bosnien-Herzegowiner leben in Mischehen, deren Kinder man kaum auf eine Nationalität festlegen kann.

Hinsichtlich der zahlenmäßigen Entwicklung jeder dieser ethnischen Gruppen kann man über ein Vierteljahrhundert (1945-1970) hinweg nicht sagen, wie es sich damit bei der moslemischen Bevölkerung verhielt, da man sich nicht als Moslem geben konnte. Dennoch hat es den Anschein, als wäre im zweiten Jugoslawien die Zahl der Kroaten und Serben zurückgegangen, während die Zahl der Moslems gestiegen ist. 1945 bildeten die Serben die Mehrheit der Bevölkerung und es gab 4% mehr Kroaten als 1991. Man hat festgestellt, daß die Abwanderung dieser zwei Völker nach Serbien und Kroatien in anderen Jahrzehnten beträchtlich gewesen ist. Den höheren Schätzungen für die Zeit vor 1945 kann man nicht trauen, dennoch scheinen die Moslems während der türkischen Herrschaft die Mehrheit in Bosnien-Herzegowina gebildet zu haben. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts stellte man eine serbische Mehrheit fest.

Eine Frage stellt sich aber: Wer sind die Moslems? Historiker behaupten, daß sie zum Großteil bekehrte Slaven sind, daß es sich vor allem um Bogumilen handle. Diese vom Christentum abgespaltene Sekte wurde von den Katholiken und Orthodoxen verfolgt, und zwar vor allem im 15. Jahrhundert während des Einfalls der Türken. Die Bogumilen hatten keine andere Wahl, als die Türken zu Verbündeten zu machen. Natürlich traten viele Menschen während der türkischen Herrschaft in Bosnien-Herzegowina zum Islam über, um zu überleben. Doch im großen und ganzen wurden sie nicht gezwungen, dies zu tun. Diejenigen, die sich nicht bekehren ließen, behielten ihren katholischen oder orthodoxen Glauben bei. Sie wurden von den Türken „raja“ genannt. Das Leben der rajas war viel schwieriger als das der Moslems. Selbstverständlich war ein Teil der Bevölkerung Bosniens-Herzegowinas türkisch, doch war dieser Bevölkerungsanteil gering. Ende des 19. Jahrhunderts gab es nur einige Tausende.

Die Bezeichnung Muselman/Mohammedaner/Moslem für Menschen mit islamischem Glauben, die auf Serbokroaten angewendet wird, die in Bosnien-Herzegowina leben, wurde 1900 (von O. N. Hadžić) vorgeschlagen und hat seither allgemeine Verbreitung gefunden. So besteht weiter die Verbindung mit der islamischen Welt. Unter den Moslems gibt es immer noch die Tendenz, daß sich Menschen, die in Bosnien-Herzegowina leben, Bosniacs nennen. Doch wurde dies nie von der Mehrheit der Serben und der Kroaten angenommen.

3. Religion, Kultur, Sprache

Man geht davon aus, daß in Bosnien-Herzegowina vier Religionen nebeneinander bestehen: Katholizismus, orthodoxer Glaube, Islam und Judentum. Wissenschaftlich gesprochen ist dies aber keineswegs richtig (da ja z.B. die ersten beiden Glaubensrichtungen Teile des Christentums sind), doch in der Praxis ist die Situation eben so. Lange Zeit hindurch herrschte eine relativ große religiöse Toleranz. So findet man überall katholische und orthodoxe Kirchen, Synagogen und Moscheen, eine neben der anderen.

Doch zu bestimmten Momenten in der Geschichte wurden die religiösen Auseinandersetzungen so gewalttätig, daß sie zum Völkermord führten. Die Kultur, die mit den Religionen zusammenhängt, war eine andere. Jede der ethnischen Gruppen hatte ihre Sitten und Moral. Jahrhunderte hindurch (unter der türkischen Besetzung) war die moslemische Kultur bevorzugt. Das aber hinderte die anderen Völker nicht daran, sich stets durch religiöse Institutionen zu artikulieren. In jener Zeit gab es auch mehrere Druckereien, (vornehmlich islamische) Schulen und verschiedene vereinzelte kulturelle Initiativen. Doch im allgemeinen war die Kultur sehr schwach ausgebildet. Nicht mehr als 3% der Bevölkerung konnten lesen und schreiben. Unter der österreichisch-ungarischen Monarchie entfalteten sich kulturelle Aktivitäten vor allem auf nationaler Ebene. Jedes Volk gründete seine Bibliotheken, seine Zeitschriften, seine kulturellen Gesellschaften (Gajret von den Moslems, Prosveta von den Serben, Napredak von den Kroaten). Natürlich war die Rolle dieser Institutionen vor allem politisch, da sie vor allem dazu dienten, den Prozeß der nationalen Vereinheitlichung zu beschleunigen, den das erste Jugoslawien besonders forçierte. Im zweiten Jugoslawien, wo man derartige Aktivitäten nicht mehr duldete, war die Arbeit von Gajret, Prosveta und Napedak verboten.

In Bosnien und Herzegowina wird vor allem serbokroatisch gesprochen, das ist eine Sprache mit mehreren Varianten. Die Sprache, die vor allem seit 1945 offiziell gesprochen wird, ist eine IECAVIQUE Variante der ECAVIQUE. Anstelle von langatmigen Erläuterungen im folgenden als Beispiel der Satz „Information ist die Voraussetzung jeder Mitteilung“:

  • Informisanje je uvet razumevanja, ECAVIQUE, serbisch.
  • Informiranje je uvjet razumijevanja, IECAVIQUE, kroatisch.

Durch die Vermischung der beiden Varianten derselben Sprache wollte man die Einheit der Völker Bosnien-Herzegowinas erhalten. Vergebens. Die Nationalismen, die sich seit einigen Jahren vom ehemaligen Jugoslawien öffentlich losgelöst haben, haben sich immer auf die Nationalsprache als eines der mächtigsten Instrumente in ihrem Kampf gestützt. Heute, wo Bosnien-Herzegowina in drei ethnische Gruppen geteilt ist, ist klar, daß Serben und Kroaten ihre Sprachen in ihren Gebieten eingeführt haben, ohne noch genau zu wissen, wie die Moslems darauf reagieren werden.

Ein Wort über das Bildungswesen: Im zweiten Jugoslawien wurde es planmäßig ausgebaut. Volksschulbildung ist heute Pflicht. Bosnien-Herzegowina verfügt(e) über fünf Hochschulen: Sarajevo, Mostar, Banja, Luka, Tuzla, Doboj), wo jährlich um die 30.000 Studenten neu immatrikulier(t)en.

4. Wirtschaft

Wirtschaftlich gesprochen war Bosnien-Herzegowina stets rückständig. Die Transportmittel waren bestenfalls mittelmäßig. Im zweiten Jugoslawien diente Bosnien-Herzegowina als Hauptrohstofflieferant für den Rest des Landes. Es gab aber einen Sektor, der gut ausgebildet war, und zwar die Militärindustrie, deren Weltexporte mehr als 25% der Einnahmen in der Außenhandelsbilanz Jugoslawiens ausmachten. Doch dies war nicht genug, um die Menschen zu beschäftigen. Im Jahre 1991 gab es bei einer Bevölkerung von etwa 4,5 Millionen 10% Arbeitslosigkeit. Die Gehälter waren sehr niedrig und viele Menschen verließen das Land. Das Auswanderungsniveau war das höchste in ganz Jugoslawien. In den letzten Jahren stieg die Inflation von 2.000% auf 20.000% an. Die Menschen, die abwanderten, waren vor allem Serben und Kroaten. Von 1945 bis 1981 haben 22% der einen oder anderen Volksgruppe Bosnien-Herzegowina verlassen. Dies erklärt, warum die von Serben und Kroaten besiedelten Regionen vom wirtschaftlichen Rückgang betroffen waren, vor allem die der Kroaten. Die Moslems waren in den Dörfern diejenigen, die über den größten Wohlstand verfügten. Von den 32 Gemeinden, in denen Moslems 1988 die Mehrheit bildeten, stammten 25% der Einnahmen Bosnien-Herzegowinas. Was die Kroaten betrifft, fallen auf die 13 Gemeinden, wo sie die Mehrheit bildeten, 4,6% der Einnahmen Bosnien-Herzegowinas. Das Einkommen war dort am höchsten, wo die ethnische Mischung am stärksten war.

B. Der gegenwärtige Stand des Konflikts

1. Politik

Es wurde bereits gesagt, daß das Territorıum Bosnien-Herzegowinas stets von den Serben und den Kroaten, die diese Region umgrenzten, beansprucht wurde. Doch im Lauf der gesamten Geschichte war dies nur während dreier sehr kurzer Perioden Realität. Dies wird weder von den Serben noch von den Kroaten geleugnet. Das Erscheinen der Moslems machte die Lage viel komplizierter. Nach 1878, als die Türken von den Österreichern abgelöst wurden, richtete sich die nationale Politik der Serben und der Kroaten viel mehr auf das Innere des eigenen Landes. Es war das Zeitalter des nationalen Traums in ganz Europa. Doch was hat dies mit den Moslems, die weit mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung Bosnien-Herzegowinas ausmachen, zu tun? In diesem Zusammenhang wurden verschiedene Taktiken angewandt. Theoretisch versucht man zu zeigen, daß die Moslems bekehrte Serben oder Kroaten sind. Die Kroaten haben sogar die Moslems zur „Blume der kroatischen Nation“ erklärt. Doch diesen Anstrengungen zum Trotz sind die Moslems Moslems geblieben. Sowohl die Serben als auch die Kroaten haben versucht, sie auf ihre Seite zu ziehen. Dabei hatten die Kroaten aus mehreren Gründen besseren Erfolg.

Die Serben, die oft gegen die Türken gekämpft hatten, betrachteten alle die Moslems als Türken. Die Haßbezeichnung für die Moslems war: „poturice“ (die zu Türken wurden, die sich auf die Seite der Feinde schlugen). Es stimmt, daß man viele türkische Soldaten unter den Moslems ausgehoben hat. Wie dem auch sei, die Moslems und die Serben verhielten sich beide ziemlich feindlich gegeneinander. Hinzu kommt, daß beide mehr oder weniger denselben Boden als ihr Territorium beanspruchen, während die Kroaten sich weniger mit den Serben und Moslems vermischten. Davon abgesehen, hatten die Kroaten überaus guten Grund, es nicht zuzulassen, daß die Serben einen Teil von Bosnien-Herzegowina an sich rissen. Sie hatten Angst, daß die Serben sich mit denen verbünden würden, die in beträchtlicher Zahl in den verschiedenen Territorialgebieten Kroatiens lebten (des alten Staates, den man zu erneuern hoffte). Man sieht, daß dasselbe Motiv, ein Jahrhundert später wieder aufgetaucht, einen Grund für den blutigen Kampf, der derzeit in Bosnien-Herzegowina geführt wird, bildet. Noch ein Umstand, war für die Kroaten von Vorteil:

Die offizielle Macht in Bosnien-Herzegowina, die österreichisch-ungarische Monarchie, bevorzugte die Kroaten, weil sie katholisch waren. Und die jeweiligen Machthaber schätzten sie immer. Natürlich wußten die Moslems dies, auch gab es viel weniger Kroaten in Bosnien-Herzegowına, sodaß sie als weniger gefährlich erschienen. Aus all diesen Gründen zogen die Moslems die Kroaten den Serben vor. Es gab zwar auch einige politische Gruppen, die sich mit den Serben verbünden wollten, aber ohne großen Erfolg.

Hundert Jahre später (1991) wollte die politische Partei der bosnischen Moslems (MBO) ein „historisches Abkommen“ mit den Serben schließen, um den Konflikt zu vermeiden, der sehr blutig zu werden drohte, doch die Mehrheit der Moslems weigerte sich, der MBO zu folgen. Die Führer der MBO wurden als Verräter betrachtet und wurden sogar mit dem Tode bedroht.

Die taktische Haltung der Moslems war dennoch das Arrangement mit den Kroaten. Im ersten Jugoslawien haben die Moslems, die zwischen den Serben und den Kroaten standen, einen dritten Weg gewählt. Sie vereinten sich zur Organisation moslemischer Jugoslawen (MO), wobei die Mehrheit der Stimmberechtigten aus dieser ethnischen Gruppe stammte. Während des zweiten Weltkrieges waren sie Teil der Divisionen des „Unabhängigen Kroatischen Staates“ (NDH). Einige ihrer militärischen Einheiten haben mit der Ustascha einen wahren Völkermord gegen des serbische Volk getrieben. Auf der anderen Seit haben Tschetniks das Gleiche vor allem mit den Moslems gemacht.

Die kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ) konnte auf einer (damals) rechtlichen Grundlage über den herrschenden Haß zwischen den Nationalitäten hinweggehen, die Völker vereinigen und den Befreiungskampf siegreich vollenden. Das zweite Jugoslawien hat Bosnien und Herzegowina als eine der sechs Republiken wiederaufgebaut. Alle Menschen, die dort lebten, waren gleich. Die Gleichheit wurde in der Praxis gesichert, indem die Vertreter der drei Hauptvölker die Führungspositionen zu gleichen Teilen einnahmen und regelmäßig untereinander austauschten. Dies funktionierte 45 Jahre lang ohne Probleme. Wenn ein Ungleichgewicht zugunsten eines der drei Hauptvölker auftauchte, reagierte das System schnell und hörte, zum Beispiel 1972, auf die unumstrittene Autorität Titos.

2. Die Auflösung Jugoslawiens und die Frage von Bosnien-Herzegowina

Titos Tod (1980) bedeutete die unumgängliche Auflösung Jugoslawiens aus den folgenden Gründen:

  1. Tito verfügte über alles und jedermann. Alle Werte, alle Institutionen und deren Arbeit wurden von ihm bestimmt. Ohne seine charismatische Persönlichkeit konnte nichts funktionieren, da es keine andere landesweite Autorität gab, die ihn hätte ersetzen können.
  2. Die letzte jugoslawische Verfassung (1974) bedeutete ein konföderatives System. Auf allen Ebenen und für alles war der Konsens notwendig, ja Pflicht. Nichts funktionierte mehr, da nicht nur acht Bundeseinheiten (6 Republiken und die 2 autonomen Regionen Kosovo und Vojvodina) gegen alles ein Veto einlegen konnten, sondern auch die kleinste Gemeinde und die kleinste Partei eines Unternehmens. Zu Lebzeiten Titos arrangierten sich die Dinge auf die eine oder andere Weise — nach seinem Tod war die Anarchie vollkommen.
  3. Das Bundessystem, das auf institutioneller und wirtschaftlicher Ebene existierte, galt auch für den politischen Bereich. Der kommunistische Bund war in acht Parteien geteilt (eine für jede Bundeseinheit), die in der Praxis über unabhängige Territorien herrschten. Um ihre Macht zu sichern, waren sie zu allem bereit. Am einfachsten war es, den Massen zu diesem Zweck Nationalismus und Klerikalismus zu predigen. Das haben sie denn auch getan und so ist auf einmal in ihrer politischen Propaganda Jugoslawien als „das Gefängnis der Nationen“ erschienen, aus dem man so schnell wie möglich ausbrechen mußte, indem man unabhängige Staaten bildete.

Vor diesem Hintergrund entwickelten sich die Dinge folgendermaßen

Serbien war über seine verfassungsmäßige Stellung unglücklich, da es in drei unabhängige Stücke geteilt war. Durch einen inneren Staatsstreich schuf es eine Einheit, in der die Autonomie der Vojvodina und des Kosovo keine große Bedeutung mehr hatte. Daher fühlten sich Slowenien und Kroatien vor allem aus wirtschaftlichen Gründen bedroht. Sie hatten ein Monopol am jugoslawischen Markt und gegen ein vereinigtes Serbien konnten sie es nicht mehr aufrechthalten. Deshalb hatten sie auch kein Interesse mehr, in Jugoslawien zu bleiben. Die Drohung eines „Großserbien“ (ob echt oder nicht) weckte aufs neue ihre eigenen latenten Nationalgefühle, die bei den ersten freien und demokratischen Wahlen siegten. In der Folge siegte der Nationalismus auch in den anderen Republiken.

Die Auflösung der ehemalige Sowjetunion beschleunigte die Auflösung Jugoslawiens. Da dieser Prozeß nicht zu vermeiden war, ergriff die westliche Welt die Gelegenheit, das Abkommen von Jalta (1945) endlich zu verwirklichen. In Jalta hatte man nach dem Krieg mit den Russen die Teilung Jugoslawiens diskutiert. Der Drina-Fluß sollte die Einflußzonen teilen. Es gibt gute Chancen, daß das heutige Rußland dieses Abkommen respektieren wird, jedenfalls kann man es aufgrund seiner jetzigen Politik glauben. Man weiß, wie die Dinge sich weiter entwickelt haben. Die jugoslawischen Republiken erklärten ihre Unabhängigkeit, die in fast unmittelbarer Folge von der internationalen Staatengemeinschaft anerkannt wurde.

Doch zwei Fragen bleiben offen, die uns unmittelbar zum Kriegsproblem führen:

Die serbische Frage

Das Volk der Serben lebt überall. In Serbien selbst bildet es nur 63% der Bevölkerung. In Bosnien und Herzogowina sind es 1,5 Millionen Serben und in Kroatien an die 800.000. In Jugoslawien lebten die Serben in einem einzigen Staat. Mit der Auflösung dieses Staates wurde das serbische Volk auf mehrere Staaten verteilt. So geriet es in die Rolle der Verlierer. Das wollte es natürlich nicht und daraus entstand die Doktrin: „Alle Serben in einem Staat“. In der Armee Rest-Jugoslawiens (JNA) verfügten sie über die Mehrheit der Divisionen und Soldaten. Vor dem Hintergrund der Auflösung Jugoslawiens beschlossen sie nun, sich all dieser Territorien zu versichern, in denen sie lebten. Mit dieser Idee und dem Versuch ihrer praktischen Umsetzung eines Großserbien begann der Krieg in Kroatien und in Bosnien-Herzogowina.

Die Moslem-Frage

Die Moslems hatten ein anderes Problem. Alle Völker Jugoslawiens hatten ihr „Heimatland“, nur sie nicht. Die meisten Moslems lebten in Bosnien-Herzogowina fast auf das ganze Land verteilt und lebten vor allem unter den Serben. Doch die Serben und die Kroaten wollten Bosnien-Herzogowina unter sich aufteilen. So blieben den Moslems nur zwei Lösungen: Sie konnten innerhalb eines „Kleinjugoslawien“ bleiben, nachdem Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit erklärt hatten. Dies wäre die beste Lösung ohne Krieg gewesen, wofür sich auch die meisten Serben und Moslems ausgesprochen hätten. Die vier Republiken hätten eine verfassungsmäßige Gestalt annehmen können, ohne sich gegenseitig zu unterdrücken. Die Führung der Moslems hat diese Lösung abgelehnt. Sie bildeten mit 44% die Mehrheit in Bosnien-Herzogowina. Der ultranationalistische Flügel, der die Macht innerhalb ihrer Partei (SDA) innehatte und bei den Wahlen im Jahre 1990 die Mehrheit der Stimmen erhalten hatte, dachte sich folgendes: Bosnien-Herzogowina wird dank der Vereinigung der Kroaten und der Moslems (17% und 44% = 61%) seine Unabhängigkeit erklären und in der Folge von den Vereinten Nationen anerkannt werden. In einigen Jahren, wenn die Mehrheit der Bevölkerung moslemisch sein würde (und der Trend in der Bevölkerungsstruktur deutete in diese Richtung), wäre Bosnien-Herzogowina für alle die richtige Heimat. Am Anfang sah es so aus, als würde sich alles so entwickeln. Bei der Volksabstimmung in März 1992 stimmten 62% der Bevölkerung für die Unabhängigkeit und im April wurde die Republik Bosnien-Herzogowina von den Vereinten Nationen anerkannt. Zu diesem Zeitpunkt begann aber der Krieg. Die anscheinend ganz logische Rechnung ging also nicht auf. Die Serben haben sofort die künftige islamische Ausrichtung des neuen Staates verhindert, indem sie in den Gebieten, in denen sie lebten, die serbische Republik Bosnien-Herzogowina ausriefen.

Sie begannen sofort alles zu erobern, was sie für ihren Besitz hielten. Auch die Kroaten dachten daran, den Teil Bosnien-Herzogowinas für sich zu beanspruchen, in dem Kroaten lebten. Doch ihre Art, dies zu tun, war um vieles subtiler. Sie erklärten sich zu Freunden der Moslems und halfen ihnen, gegen den gemeinsamen Feind zu kämpfen: die Serben. Als sie die Gebiete einnahmen, die (ihrer Meinung nach) ihnen gehörten, hörte sich die Freundschaft auf. Gegenwärtig sehen sich die Moslems von zwei Feinden angegriffen und es besteht kein Zweifel, daß sie in diesem Konflikt die größten Verlierer sind.

Die internationale Gemeinschaft, in der die Großmächte bestimmend sind, interessiert sich weder für die Serben noch für die Moslems in Bosnien-Herzogowina. Es geht vor allem darum, zu verhindern, daß die bosnischen Serben sich mit dem dritten Jugoslawien (Serbien und Montenegro) vereinigen. Der von der internationalen Gemeinschaft vorgelegte Plan verfolgt dieses Ziel. Zugleich läßt sie aber zu, daß die Kroaten möglichst viele Gebiete einnehmen. Es hat den Anschein, als würde der Katholizismus eine vorrangige Rolle spielen. Wenn die Serben Bosnien-Herzogowinas diesen Plan nicht annehmen, so wird eine militärische Intervention erfolgen oder weiterhin ausbleiben. Auf jeden Fall werden die Moslems, die als militärische Kraft gegen die Serben eingesetzt/verheizt werden, zu einer unbedeutenden Minderheit herabgesetzt. Ihr Traum war eine tödliche Utopie ohne reale Chance.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1993
, Seite 24
Autor/inn/en:

Emil Vlajki:

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