FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1991 » No. 456
Karl Pfeifer

Der Präsident und die Juden

Auch Franjo Tudjman ist ein zeitgemäßer Mann

Die österreichischen Massenmedien schildern den innerjugoslawischen Konflikt eindimensional als eine Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse. Auf der einen Seite die bösen Panzerkommunisten und die Tschetniks, auf der anderen die guten römisch-katholischen Demokraten, „die Kroaten“, die nur Opfer des großserbischen Imperialismus sind.

Der BBC-Korrespodent Mischa Glenny stellte in Kroatien die Frage: „Meine Herren, Sie sprechen von den Konflikten des Kommunismus und der Demokratie. Haben Sie je von einem Fall gehört, wo Massen aus der Demokratie in den Kommunismus geflüchtet sind?“

Wie demokratisch ist Kroatien, wenn über 100.000 Serben von dort (zum Teil schon vor den Kämpfen) flüchten mußten?

Dieser Konflikt ist ohne Kenntnis der Geschichte nicht zu verstehen. Doch gerade unsere Medien sind krampfhaft bemüht, diesen geschichtlichen Hintergrund überhaupt nicht, oder nur bruchstückweise und verfälscht zu schildern. Im österreichischen Fernsehen kann man gelegentlich kroatische Gardisten sehen, deren Brust der Buchstabe »U« schmückt. Was das bedeutet, wird in den seltensten Fällen erklärt. Der Buchstabe »U« steht für »Ustascha«, die 1941 bis 1945 eine Massenschlächterei (an Serben, Juden, Zigeunern) sondergleichen in Kroatien durchführte. Im heutigen Kroatien gibt es eine Partei und eine bewaffnete Garde, die Kroatische Befreiungsgemeinschaft (HOS) — eine Soldateska, die sich zu den Traditionen der Ustaschabewegung bekennt, die von der Regierung Tudjman verbal verurteilt — mit dem Argument, daß ein offenes Bekenntnis zur Ustascha im Ausland dem Image Kroatiens schaden könnte —, jedoch in der Praxis geduldet wird. Die »Süddeutsche Zeitung« berichtet in einem ausführlichen Artikel über „Die Erben der Ustascha“ (28.10.1991): Ein HOS-Anführer erläutert seine Sicht der blutigen Vergangenheit, „daß der kroatische Staat damals kein Nazistaat und Ante Pavelic der legitimierte Führer des kroatischen Volkes und kein Faschist gewesen sei“.

Freilich ist dieser Konflikt auch nicht, wie von extremistischer serbischen Seite gesehen, ein Konflikt zwischen serbischem Humanismus und kroatischer Ustaschabewegung. Doch Kroatien ist auch nicht die Demokratie, als welche sie von unseren Medien geschildert wird, denn eine funktionierende Opposition oder eine freie Presse gibt es nicht.

In Österreich spricht man viel über die Minderheitenrechte der Albaner im Kosowo, doch wie hat Kroatien die serbische Minderheit behandelt, als man in der Verfassung festschrieb, daß Kroatien das Land der kroatischen Nation ist, und nicht etwa der Bewohner Kroatiens. Die neue serbische Verfassung hingegen bestimmt, daß Serbien den in Serbien lebenden Staatsbürgern gehört.

Warum also die großen Sympathien für das Tudjman-Regime? Ist Dr. Tudjman weniger nationalistisch als Milosevic? Wird die antisemitische Publizistik des ehemaligen kommunistischen Generals Dr. Tudjman von den österreichischen und deutschen Massenmedien absichtlich verschwiegen?

Unsere Massenmedien machen sich über die serbische Propaganda lustig, die hinter den fast alltäglichen prokroatischen Erklärungen des österreichischen Außenministers, eine deutsch-österreichische Verschwörung sieht.

Doch Freunde der Kroaten und rechtslastige Kroaten glauben auch an eine Weltverschwörung, die sich gegen Kroatien richten soll. Otto Habsburg erklärte (laut »Süddeutsche Zeitung« 1991/10/19, S. 3) die vorsichtige Haltung des niederländischen Außenministers van den Broek bezüglich der Anerkennung Kroatiens, „weil er ein fanatischer Deutschenhasser sei [...] und überdies sei bei ihm ein tiefer religiöser Affekt im Spiel: als Calviner [sic!] hasse er alle Katholiken, und die Kroaten seien nun einmal Katholiken“.

Der kroatische Präsident Dr. Franjo Tudjman sagte im Gespräch mit Otto Habsburg: Milosevic führe nur das Programm durch, „das von der Serbischen Akademie der Wissenschaften, von der serbischen Kirche, vom Serbentum ganz allgemein verfertigt sei. Ihr Plan ist es, den Dritten Weltkrieg zu eröffnen“.

Kroatiens Außenminister Zvonimir Separovic hielt am 1. Oktober einen Vortrag in der Wiener Gesellschaft für Außenpolitik. In seinem Vortrag versuchte er, die kroatische Position zu erklären. Was er dabei ausließ, war die Zeit von 1941 bis 1945, die er nur kurz kommentierte: „20 Jahre Ausbeutung der Kroaten führten zur Verbitterung. Sogar zu dem Wunsch nach Vergeltung“. Kurze Zeit davor gab Separovic der kroatischen Wochenzeitung »Nedjelna dalmacija« ein Interview und sagte: „Die serbische Lobby ist gefährlich, da sie mit jüdischen Organisationen zusammenarbeitet“. Dazu stellte Separovic in Wien fest, „die Gefährlichkeit dieser Zusammenarbeit liege darin, daß versucht würde, die Kroaten als Volk darzustellen, dem der Völkermord im Blute liege“.

Der kroatische Außenminister benützt eine beliebte Taktik autoritärer Richtungen: man rechtfertigt sich gegen nie erhobene Vorwürfe. Kein seriöser Publizist, keine jüdische Organisation macht dem kroatischen Volk pauschal Vorwürfe. Doch in Kroatien arbeitet man schon an einer Dolchstoßlegende und scheut auch nicht davor zurück, die Legende einer jüdisch-freimaurerischen Verschwörung aufzuwärmen und „die Serben“ miteinzubeziehen. Das aber war eine der Grundlagen der Ustaschaideologie.

In den mittel- und mittelosteuropäischen Ländern ging man in den letzten Jahren daran, die Vergangenheit umzuschreiben, insbesondere was den Holocaust betrifft. Das wird auch in der Geschichtsschreibung deutlich. Themen wie Passivität der Bevölkerung, Kollaboration mit den Nazis und das Berauben der jüdischen Bürger durch ihre christlichen Nachbarn werden einfach ignoriert und die prodeutsche Haltung der Staatsführer wird häufig als im besten Interesse ihrer Völker beschrieben.

Die bösartigste und intellektuell unehrlichste Richtung ist die der Neonazi, die versuchen, die Nazis (und ihre Satelliten) von jeder Schuld weißzuwaschen. Sie betreiben eine obszöne Kampagne der Schuldleugnung. Unter anderem behaupten die Neonazi, die jüdischen Verluste wären ein Mythos, die meisten Juden hätten den Krieg überlebt und in den Ländern der Alliierten Zuflucht gefunden. Ihre Verluste wären nicht höher als 200.000, sie litten weniger als andere europäische Völker, und diese jüdischen Verluste wären ausnahmslos Folge von Krankheiten und anderen natürlichen Ursachen gewesen.

Geschichtsklitterung

Eine besonders gehässige Geschichtsklitterung im neonazistischen Stil verübte Dr. Franjo Tudjman mit seinem 1989 erschienem Buch Bespuca („Unwegsame Gefilde der historischen Realität“, Untertitel: „Abhandlung über die Geschichte und Philosophie des Bösen“), das im Verlag Matice Hrvatske in Zagreb erschien.

Tudjman wurde 1922 geboren, er schloß sich 1941 den jugoslawischen Partisanen an. Am Kriegsende war er Major und ließ sich 1960 im Rang eines Generalmajors pensionieren. 1963 wurde Tudjman, Absolvent einer Militärakademie, Professor an der Zagreber Hochschule für politische Wissenschaften. Seinen Doktortitel erwarb er mit dem Thema: „Gründe der Krise im monarchistischen Jugoslawien“. Von 1961 bis 1967 war er Direktor des „Instituts der Arbeiterbewegung Kroatiens“. 1967 wurde er aus der KP wegen seiner Aktivitäten in der »Kroatischen Heimatorganisation«, einem Kulturverband, ausgeschlossen, im September 1972 als Führer der nationalistischen Massenbewegung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren, 1981 zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt, wobei er die Bürgerrechte für fünf Jahre und den Offiziersrang verlor. Beide Strafen hat er vollständig verbüßt.

Tudjman wurde Vorsitzender der Kroatischen Demokratischen Union (HDZ), einer rechtsnationalistischen Oppositionspartei, die im Frühjahr 1990 gegründet wurde, als in Kroatien das Mehrparteiensystem eingeführt wurde. Am 30. Mai 1990 wurde er nach überzeugendem Wahlsieg der HDZ zum Präsidenten der Republik Kroatien gewählt.

In seinem Buch Bespuca widmet Dr. Tudjman einen besonderen Platz den Juden. Nachdem er den Begriff »Holocaust« erläutert, kommt er zur folgenden Erklärung der nazistischen Judenverfolgung: „Das Errichten von Hitlers neuer europäischer Ordnung konnte gerechtfertigt werden durch das Bedürfnis beider, die Juden zu entfernen (mehr oder weniger unerwünscht in allen europäischen Ländern) und die französisch-britische Sünde der Versailler Ordnung zu korrigieren“ (S. 149). Korrekt bemerkt er, daß erst nach dem Angriff auf die UdSSR die industrielle Vernichtung der Juden begonnen wurde.

Doch auf S. 156 schreibt er: „Die Schätzung der Verluste auf bis zu sechs Millionen Tote beruht auf emotional-voreingenommenen Zeugnissen wie auch auf einseitigen und übertriebenen Zahlen, die aus der Nachkriegsabrechnung mit den unterlegenen Kriegsverbechern stammen“. Tudjman meint, es könne keine 20.000 in Jasenovac getötete Juden gegeben haben, denn Juden aus Kroatien „wurden auf deutschen Befehl“ in den Osten deportiert und zum Teil fanden sie ihre Rettung in der italienischen Zone. „Und wenn man die mythische Jasenovac-Zahl als realistisch erscheinen läßt, dann ist es kein Zufall, daß sogar Malapartes erfundener Korb voll Augen für eine größere Autentizität solcher Daten und Zeugenschaften verdoppelt wird“. [1]

Über die Zahl der ermordeten Juden wird seit dem Ende des NS-Staates diskutiert, und die Dimension des Problems wird unter apologetischer Tendenz interessierter Kreise bekanntlich in Frage gestellt. Einer mathematisch-exakten Beweisführung, die in der Feststellung genauer Zahlenangaben münden würde, stehen erhebliche quellenmäßige und methodische Schwierigkeiten entgegen, die gewöhnlich unterschätzt, aber als Beweis für vermutete politische Absichten oder die Unfähigkeit der Historiker gerne benutzt werden. [2]

Der „Unabhängige Staat Kroatien“ (USK) und der Judenmord

Am willigsten fügte sich wohl der seit April 1941 existierende Satellitenstaat Kroatien in die Vernichtungsstrategie des NS-Staates. Die Juden wurden, wie überall im deutschen Machtgebiet, unter antisemitische Gesetze — die in Kroatien schärfer als im Dritten Reich waren — gestellt, im Laufe des Jahren 1941 in Lagern konzentriert und zu Zwangsarbeiten herangezogen. An der Jahreswende 1941/42 erlaubte die kroatische Regierung die Deportation der im Deutschen Reich lebenden Juden kroatischer Nationalität, und zwischen Herbst 1942 und April 1944 wurde „die Judenfrage in Kroatien“ durch Deportation erledigt. „Die Durchführung als solche war zufriedenstellend“, berichtete der Polizeiattaché Helm in Zagreb am 18. April 1944 nach Berlin, „so daß bis auf einige besetzt Gebiete Kroatien als jenes Land angesehen werden konnte, in welchem die Judenfrage im großen und ganzen als gelöst anzusehen war“. Helm schrieb diese Erfolgsmeldung aufgrund einer Aufforderung des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) vom April 1944, „die Judenfrage“ in Kroatien „schnellstens“ zu bereinigen. Freilich bedauerte er auch, daß sich noch Juden in wichtigen Stellungen befänden und vom Regime als unentbehrlich deklariert seien.

Obwohl sich der USK durch den Abschluß von Verträgen mit den Achsenmächten und deren Verbündeten den Anschein eines Völkerrechtsubjekts gab, blieb er rechtlich und faktisch ein von deutschen und italienischen Truppen besetztes Gebiet. Die Demarkationslinie zwischen beiden Okkupationszonen verlief mitten durch den neuen Staat und war am 24. April 1941 von Hitler einseitig festgelegt (und später nur noch geringfügig verändert) worden. Sie begann in der Nähe von Samobor und verlief südlich von Prijedor, Jajce, Travnik und Sarajevo zum Sandschak Novi Pazar. Alle genannten Orte lagen in der deutschen Besatzungszone, wo auch die überwiegende Mehrheit der bosnischen und kroatischen Juden beheimatet war. Die Angaben über die Gesamtzahl der im USK ansässigen Juden schwanken zwischen 30.000 und 39.000. Die erstgenannte Zahl ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu niedrig: Nach den Ergebnissen der Volkszählung von 1931 lebten auf dem Territorium des späteren USK bereits mehr als 31.000 Konfessionsjuden. Hinzu kamen gemäß dem am 30. April 1941 erlassenen Rassegesetz eine unbekannte Zahl von Abstammungsjuden sowie über 3000 jüdische Flüchtlinge aus dem Ausland. Das Lager Jasenovac III, die Ziegelei, war in vier Abteilungen untergliedert, von denen Abteilung III B für Juden vorgesehen war. Erschießen, Aushungern und Zu-Tode-Prügeln waren die üblichen Vernichtungsmethoden. Die katastrophalen hygienischen Zustände im Lager und die dadurch hervorgerufenen Krankheiten (Typhus, Dysenterie u.a.) forderten ihrerseits einen hohen Tribut. Darüberhinaus besaß die Lagerverwaltung zeitweilig ein Krematorium, in dem sie eine nicht mehr feststellbare Zahl von Menschen beseitigen ließ. Da keine vollständigen und zuverlässigen Unterlagen über die Vorgänge in Jasenovac erhalten blieben und niemand die Opfer zählte, kann das Ausmaß der Vernichtung nur geschätzt werden. Die jugoslawische Kommission zur Feststellung der Kriegsverbrechen ging von insgesamt einer halben Million bis zu 600.000 Toten aus, darunter 20.000 Juden aus Kroatien und Bosnien. Insgesamt seien in den Lagern des USK zwischen 25.000 und 26.000 Juden ums Leben gekommen. Diese Angaben sind nicht mehr nachzuprüfen (möglicherweise sind sie etwas überhöht). Erstellt man eine Abschlußbilanz der von der Kommission für ganz Jugoslawien errechneten Kriegsopfer (1,7 Millionen) und vergleicht sie mit den demographischen Wahrscheinlichkeitsrechnungen, so sind an der Höhe der zitierten Gesamtzahl für Jasenovac erhebliche Zweifel möglich. Dies bedeutet jedoch nicht (oder zumindest nicht zwangsläufig), daß auch die Schätzung der jüdischen Opfer zu hoch sein muß. Fest steht jedenfalls, daß der Großteil der kroatischen und bosnischen Juden im Lande selbst „zu Tode geschunden“ wurde und daß dabei dem Konzentrationslager Jasenovac eine zentrale Bedeutung zukam. [3]

Das Weltjudentum, der Holocaust und Dr. Waldheim

Weiter Tudjman: „Mitte der achtziger Jahre hatte das Weltjudentum es nötig, an seinen ‚Holocaust‘ [Tudjman setzt das Wort zwischen Anführungszeichen! — K.P] zu erinnern, indem es sogar versuchte, die Wahl des ehemaligen Generalsekretärs der UNO Kurt Waldheim zum Präsidenten Österreichs zu verhindern [...] und das, als man zur gleichen Zeit taub und blind ist zu allem, was vor dem Gesicht der Welt auf Befehl der israelischen Generäle und Regierung geschieht, das demonstriert die unverbrüchliche Dominierung der historischen Unvernunft und Engheit, für welche die Juden sicher keine Ausnahme bilden“.

Hier haben wir die klassische Unterstellung, die schon 1986 in der österreichischen Politik erfolgreich benützt wurde. Das „Weltjudentum“ greift einen völlig unschuldigen Menschen an, der damals in Jugoslawien nur seine Pflicht getan hatte. Das Motiv ist der Holocaust, den Tudjman unter Anführungszeichen setzt und aufrechnet. Auch das haben wir hier nach 1986 erfahren, als bis dahin begeisterte Philosemiten feststellten, daß die Israelis eigentlich Juden sind. Tudjman setzt fort: „Nach allem, was sie in der Geschichte erlitten, insbesondere die Härten im Zweiten Weltkrieg, wurde kurz danach das jüdische Volk so brutal und führte eine Genozid-Politik gegenüber den Palästinensern, so daß sie rechtmäßig Judeo-Nazis genannt werden können“ (S. 160-161) Tudjman zitiert zustimmend den fast 90jährigen israelischen Professor Leibowitz als Zeugen, der in der Hitze einer Diskussion seine politischen Gegner als „Judeo-Nazi“ abqualifizierte. Auch den jüdischen Kronzeugen, der die antisemitische Haltung legitimiert und rechtfertigt, kennen wir aus Österreich.

Tudjman versteigt sich sogar zur Behauptung: „Araber dürfen an israelischen Universitäten weder Aeronautik und Elektroingenieur noch Geographie und Archäologie studieren, weil diese Wissenschaften mit den Grenzen und der Geschichte verbunden sind. Und das ist natürlich nicht die einzige Form des geistigen Genozids neben dem, was schon getan wurde durch Massenvertreibungen und brutalen Vergeltungsmaßnahmen während der Kriegszeit“. Nun ist die Behauptung von den israelischen Universitäten, die angeblich für gewisse Fächer keine Araber aufnehmen, unwahr. Doch Tudjman, der den „geistigen Genozid“ an israelischen Universitäten anprangert, sandte heuer im Sommer seinen jüdischen Angestellten, den stellvertretenden Außenminister Mischa Montillio, nach Israel mit dem Auftrag, ihm (Tudjman) eine Einladung nach Israel, insbesondere an eine israelische Universität zu beschaffen. Freilich wurde Tudjman nicht nach Israel eingeladen.

Dr. Tudjman philosophiert über das „Auserwählte Volk“ und den biblischen Genozid

Nun beginnt Tudjman über die Geschichte zu philosophieren (S. 172-173) und gelangt zum „Auserwählten Volk“ und seinen „biblischen Gott Jehovah — für den Genozid ein natürliches Phänomen“ sei. Es folgen lange Zitate aus der Bibel, dabei könnte man fast den Eindruck gewinnen, der gelernte Historiker Tudjman hätte von österreichischen Neonazi abgeschrieben. Die in Österreich erscheinende Neonazizeitschrift »Sieg« veröffentlichte (Nr. 3/4, 1984) das Elaborat „Das wahre Evangelium“ von Michael Krämer, der eine Opfer-Täter-Umkehr so vollzieht:

Seit vierzig Jahren wirft man uns Deutschen die ‚Vernichtung‘ des jüdischen Volkes und unzählige andere Kriegsverbrechen vor. Jetzt ist es endlich an der Zeit, den Spieß umzudrehen und für die Ausrottung der nordischen Stämme Vorderasiens durch das ‚Auserwählte Volk‘ Wiedergutmachung zu kassieren. Der Beweis für diesen zionistischen Holocaust steht nicht in irgendwelchen gefälschten ‚Dokumenten‘, sondern in der Heiligen Schrift der Christen. Nicht ein Land und ein Volk fielen der Mord- und Raubgier der ‚Auserwählten‘ und ihres (unseres?) Gottes Jahwe zum Opfer, sondern viele Länder und Völker.

Tudjman setzt ganz wie das österreichische Neonazi-Blatt mit ähnlichen Zitaten aus der Bibel fort.

Tudjman und Jasenovac

Tudjman leugnet, daß Jasenovac ein Vernichtungslager war und schätzt, daß in diesem Lager 30.000-40.000 Menschen getötet wurden. Diese Diskussion um die Zahlen ist natürlich absurd, doch er behauptet auch, die Jasenovac-Insassen hätten sich selbst verwaltet. „In diesem Zusammenhang bin ich schon vor langer Zeit zur Konsequenz gelangt, daß einige Individuen spezielle, versteckte Gründe hatten, um die Ustascha-Verbrechen zu übertreiben“. Und er findet auch einen Kronzeugen: „Vojislav Prnjatovic, ein Insasse aus Sarajewo, der am 11. März 1942, nachdem er von Jasenovac entlassen wurde, dem Flüchtlingskommissariat bei der Regierung Nedic einen Bericht mit einem redlich wahren Bild über Jasenovac gab“. Die „Regierung Nedic“ kollaborierte mit den Nazis, und Prnjatovic schildert das Lager als ein wahres Sanatorium: „Die Insassen, die frei waren, konnten nicht nur sich unbehelligt im Lager und in der Stadt Jasenovac bewegen, sie konnten sich auch ohne Wache auf offizielle Reisen begeben und in ganz Kroatien Waren kaufen“. Laut Tudjmans Kronzeugen wurden alle Posten im Lager von Juden bekleidet und nur 3 der 25 Barackenleiter waren Serben. Prnjatovic sagte „Im Lager gab es 5-8mal mehr Juden als Serben“. Weil sie früher ankamen, „waren sie in der Hiearchie der Insassen erfolgreich und besetzten die besseren Positionen“, und „sie [die Juden] intrigierten fortgesetzt gegen die Serben“. Weil „die Ustaschi den Juden mehr vertrauten“, litten die Serben „zusätzlich zu ihren Leiden von den Ustaschi auch von den Juden“ und „Ein Jude bleibt ein Jude auch im Lager Jasenovac. Im Lager behielten sie ihre Fehler, die jetzt mehr sichtbar wurden. Egoismus, Verschlagenheit, Unzuverläßigkeit, Geiz, Hinterlist und Geheimnistuerei sind ihre Merkmale“.

Tudjman kommentiert: „Die Urteile Prnjatovic’ sind übertrieben und wir können sagen, sogar antisemitisch. Aber ähnliche Erklärungen wurden von anderen Zeugen gegeben. Einige der jüdischen Lagerfunktionäre waren bewaffnet und nahmen sogar teil an den Tötungen. Überdies hielten sie in ihrer Hand eine große Zahl von ‚Selektions-jobs‘, d.h. die Selektierung der Insassen für die Liquidation und zum Teil auch für ihre Hinrichtung“.

Der Kronzeuge Ante Ciliga

Tudjman fand noch einen Kronzeugen: den ehemaligen Kommunisten Ante Ciliga, der vom 14. Dezember 1941 bis zum 31. Dezember 1942 Jasenovac-Insasse war und laut Tudjman „war (Ciliga) von seinem Standpunkt besonders befaßt mit dem Problem des jüdischen Benehmens im Lager [...], deren hauptsächliche ‚Originalität‘ besonders in der führenden Position und Rolle der Juden war. Auch er behauptet, ‚Im Lager Jasenovac lag die Führung in den Händen der Juden ...‘“.

Tudjmans Kronzeuge Ciliga wurde 1898 in Istrien geboren, als Student beteiligte er sich 1920 an einem antiitalienischen Bauernaufstand, der niedergeschlagen wurde. Ciliga ging nach Zagreb, wo er Kommunist und Sekretär der KPJ für Kroatien wurde. 1926 bis 1930 unterrichtete er an der Moskauer „Universität der Völker“ wo er des Trotzkismus beschuldigt, verhaftet und nach Sibirien deportiert wurde. 1935 konnte Ciliga mit einem italienischen Reisepaß aus der UdSSR ausreisen. Als er 1937 illegal nach Jugoslawien einreisen wollte, wurde er verhaftet und nach zwei Monaten Untersuchungshaft ausgewiesen. Nach der deutschen Besatzung Frankreichs kehrte Dr. Ante Ciliga aus Paris nach Zagreb zurück, wo er nach Errichtung des kroatischen Ustaschastaates verhaftet und in das Konzentrationslager Jasenovac eingeliefert wurde. In Jasenovac konnte Ciliga die Ustascha überzeugen, daß er kein Kominternagent sei, er wurde milder behandelt und erhielt sogar Schreiberlaubnis. Der Gestapo-Spitzel Konrad Klaser, [4] ein ehemaliger österreichischer Kommunist, den Ciliga aus der Lenin-Schule in Moskau kannte, ermöglichte Ciliga eine ärztliche Behandlung in Wien, von wo er 1944 zu „einer Studienreise“ und „zum Besuch der kroatischen Gesandtschaft“ (an der damals Stipe Tomicic alias Alfons Dalma als Presseattaché fungierte) nach Berlin fuhr. Im Sonderzug der kroatischen Gesandtschaft flüchtete Ciliga 1945 nach Bayern und dann in die Schweiz. Nach dem Krieg lebte er in Paris und Rom, schrieb für rechts orientierte Blätter und gab die Pro-Ustascha-Zeitung »An der Schwelle der Gegenwart« heraus.

Laut Tudjmans illustrem Zeugen waren mit wenigen Ausnahmen alle Funktionäre des Konzentrationslagers Juden, denn, so Ciliga: „in ihren Ursprüngen war die Pavelic-Partei philosemitisch“, und weil die Juden „in Kroatien der am wenigsten wichtige oder gefährliche Feind war“. Denn „Der Feind Nummer eins waren die Serben und Nummer zwei waren die Kommunisten“. „Das ist auch die Konsequenz, zu der die Deutschen selbst kamen, als man die jüdische Frage nach deutschen Richtlinien nur in Serbien löste und nicht in der UKS, weil sie dort den Schutz der katholischen Kirche und der Regierung genossen.“

Mit geschichtlicher Wahrheit hat das natürlich nichts zu tun. Der Zagreber Erzbischof und der vatikanische Vertreter intervenierten zwar mit Erfolg für die in Mischehen lebenden jüdischen Partner, doch die meisten katholisch getauften Juden konnten sie nicht retten. Die kroatische Regierung übertraf die Deutschen bei der Rassengesetzgebung, trotzdem arbeiteten einige wenige unentbehrliche Juden als „Ehrenarier“ für diese Regierung.

Und nun kommt Tudjman zum Höhepunkt und zitiert Ciliga, der das jüdische Benehmen erklärt. Die Juden, „die eifersüchtig das Monopol der Leitung im Lager bewahrten und die Initiative an sich rissen, indem sie nicht nur individuelle, sondern Massenabschlachtungen der Nicht-Juden, der Kommunisten, der Partisanen und der Serben provozierten“. Ciliga erklärt das, wie gehabt, aus der Bibel. An allem sind Moses, der Monotheismus und das Prinzip des „Auserwählten Volkes“ schuld.

Dr. Tudjman: „Juden rufen Neid und Haß hervor, sind eigentlich ‚das unglücklichste Volk auf Erden‘, sind stets das Opfer sowohl ‚ihrer eigenen als auch fremder Ansprüche‘. Wer versucht, darauf aufmerksam zu machen, daß sie selbst die Quelle ihrer jüdischen Tragödie sind, reiht sich auch, ohne zu wollen, in das Lager des Antisemitismus ein und ruft den Haß des Judentums hervor.“

Auch am Antisemitismus, und sei es der mörderische der Ustascha, sind die Juden schuld.

[1„Als Curzio Malaparte den Poglavnik interviewte, bemerkte er einen Weidenkorb auf dem Schreibtisch. Der Korb wurde geöffnet und eine Menge Meeresgetier oder dergleichen kam zum Vorschein. ‚Austern von Dalmatien?‘ fragte ich. Ante Pavelic hob den Deckel und zeigte mir das Zeug, das aussah wie eine Masse klebriger, gallertartiger Austern. Mit einem müden, freundlichen Lächeln sagte er: ‚Ein Geschenk meiner treuen Ustaschen. Vierzig Pfund menschlicher Augen!‘ Selbst wenn Malaparte makaber übertrieben hätte, charakterisierte dies doch trefflich Natur und Schreckensstaat des Mannes, den Pius XI. noch auf dem Totenbett gesegnet hat“ (Karlheinz Deschner: Die Politik der Päpste im 20. Jahrhundert, Rowohlt 1991, S. 224)

[2Dimension des Völkermords, Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, Hrs. von Wolfgang Benz, Oldenbourg Verlag, 1991, zeigt neben der Darlegung der gesicherten Erkenntnisse die Probleme, die der Bestimmung einer absoluten Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus entgegenstehen.

[3ibid., Kapitel Jugoslawien, Dr. Holm Sundhaussen, Professor für Südosteuropäische Geschichte am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, S. 321-326

[4Deckname eines gewissen Kurt Koppel, geboren am 18. April 1915 im ungarischen Orosháza. K. war Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes und Spanienkämpfer. 1938 kehrte er vermutlich mit Hilfe der Gestapo nach Österreich zurück, als deren Spitzel er in Österreich, Jugoslawien, Ungarn und der Tschechoslowakei arbeitete. Obwohl „Volljude“, war er Mitarbeiter der deutschen Zeitung »Neue Ordnung« in Zagreb, wo er bis zur Niederlage der Nazi Auto und Villa besaß und zwei Bücher (Mörder am Frieden und Spione, Bomben und Verschwörer) von ihm erschienen. Zahlreiche Artikel schrieb er pseudonym für das »Neue Wiener Tagblatt«.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1991
, Seite 11
Autor/inn/en:

Karl Pfeifer:

Karl Pfeifer, Jahrgang 1928. Im Alter von 10 Jahren Flucht mit seinen Eltern nach Ungarn. Mit 14 gelingt ihm die Auswanderung nach Palästina, wo er nach einer Ausbildung im Kibbuz im israelischen Unabhängigkeitskrieg kämpft. 1951 kehrt er nach Europa zurück, arbeitet seit 1979 als Journalist in Wien, schreibt u. a. für die Wiener Illustrierte Neue Welt und die Berliner Wochenblätter Jüdische Allgemeine und Jungle World.

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