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Karl Pfeifer • Georg Scheuer

Unwissenheit oder Etikettenschwindel? / Grenzstreit

Unwissenheit oder Etikettenschwindel?

Karl Pfeifers Ausführungen im Dezember-Heft über den weltbekannten Linksdissidenten und Buchautor Dr. Ante Ciliga werden in Paris und Rom mit Kopfschütteln quittiert und erfordern einige Klarstellungen. Ciliga, geboren 1896 in Istrien, war seit 1919 Kommunist, 1926-30 als Vertreter der illegalen KP Jugoslawiens in Moskau, 1939-35 als „Trotzkist“ verhaftet in Stalins Kerkern und sibirischen Verbannungslagern. Es gelang ihm, nach Hungerstreiks, Selbstmordversuchen und einer internationalen Solidaritätskampagne, unmittelbar vor den Moskauer Schauprozessen, aus der Sowjetunion „ausgewiesen“ zu werden. Er begab sich nach Prag und Paris, veröffentlichte aufsehenerregende Artikel in linken Bulletins und Zeitungen und stand in regem Briefwechsel mit dem in Norwegen und dann in Mexiko lebenden Leo Trotzki. Vor allem veröffentlichte er als erster namhafter, dem Gulag-Inferno entronnener Linksdissident eine Reihe von Büchern. [1]

Ciligas anschauliche Schilderungen über seine doppelte Erfahrung, zuerst im Kommunistischen Apparat der russischen Nomenklatura und dann in den damals noch von heißen politischen Debatten durchpulsten Polit-Isolatoren, erregten in Westeuropa größtes Aufsehen.

Ich selbst kenne Ante Ciliga seit 1938 als prominenten Linksoppositionellen und international anerkannten Historiker. Ich präsentierte ihn 1957 in meinem in Wien erschienenen Buch über die Russische Revolution und Gegenrevolution. [2] Auch in meinen kürzlich erschienenen Erinnerungen [3] nenne ich ihn als bahnbrechende linksgerichtete Persönlichkeit mit Victor Serge, Pierre Monatte und Boris Souvarine. Ich sah Ciliga zuletzt noch 1981 in Paris auf dem Internationalen Historiker-Symposion über die Anfänge der Russischen Revolution und den Kronstädter Matrosenaufstand.

Ohne Erwähnung dieser sich auf rund sechzig Jahre erstreckenden Fakten wird nun Ante Ciliga als Kollaborateur der Ustascha und Antisemit diffamiert. Auf den übrigen Inhalt der mehrseitigen Abhandlung Karl Pfeifers gehe ich in diesem Leserbrief nicht ein. Nur soviel: Die Zurückweisung antisemitischer Frechheiten und revanchistischer Bestrebungen aus dem rechtslastigen Dunstkreis hat selbstverständlich meine volle Zustimmung. Der guten Sache wird jedoch mit Verleumdungen ein schlechter Dienst erwiesen. Ich beschränke mich heute auf die über den Linksdissidenten Ante Ciliga aufgestellten Behauptungen, die in peinlicher Weise an Diffamierungs- und Amalgammethoden einer düsteren stalinistischen Vergangenheit erinnern. Ciligas Gulag-Enthüllungen noch zu Stalins Lebzeiten waren den Stalinisten natürlich ein Dorn im Auge und sie schreckten vor keiner Infamie zurück, um den Abtrünnigen zu verleumden und mit bekannten Methoden in die Nähe kroatischer Faschisten zu bringen.

Die jetzt ohne präzise Quellenangaben hingestreuten Insinuationen sind zwielichtig. Da gibt es einen ganzen Abschnitt über Ante Ciliga mit mysteriösen Äußerungen, zum Teil ohne Anführungszeichen, ohne Quellenangabe, so daß im Dunkel bleibt, ob es sich um die Wiedergabe von „Zitaten“ aus einem Buch des Herrn Tudjman handelt oder um einen unbekannten Originaltext Ciligas oder um pure Erfindungen.

In einem besonderen Absatz wird ein kurz gefaßter „Lebenslauf“ Ciligas geboten, ohne Erwähnung seines jahrzehntelangen Wirkens als linksunabhängiger Historiker und Buchautor. In einer zusätzlichen Fußnote präsentiert Karl Pfeifer überdies einen „Volljuden“ (von K. P. unter Anführungszeichen) und „Gestapo-Spitzel“ namens Kurt Koppel alias Konrad Klaser, den „Ciliga aus der Lenin-Schule in Moskau kannte“. Demnach wäre — laut Pfeifer — dieser „Kronzeuge“ Kurt Koppel alias Konrad Klaser (geboren 1915) also vor 1930 als Minderjähriger von 11-15 Jahren Schüler der Moskauer „Lenin-Schule“ gewesen, als Ciliga 1930 bereits tausende Kilometer von Moskau entfernt, von den Schergen Stalins für fünf Jahre nach Sibirien deportiert war. Die weiteren daran anschließenden Ungereimtheiten sind von gleichem Kaliber. So „zitiert“ K. P. antisemitische Satz-Bruchstücke und schiebt sie ohne Quellenangabe Ciliga zu: „Ciliga erklärt das, wie gehabt, aus der Bibel.“ Wann und wo? Schließlich: „Nach dem Krieg lebte er [Ciliga] in Paris und Rom, schrieb für rechts orientierte Blätter und gab die Pro-Ustascha-Zeitung ‚An der Schwelle der Gegenwart‘ heraus.“ Nun war ich gerade nach dem Krieg mit Ante Ciliga in Paris und Rom in Kontakt und weiß, daß er selbstverständlich nicht für „rechtsorientierte“, sondern im Gegenteil in linksunabhängigen Zeitungen und Zeitschriften schrieb. — Es stellen sich nun eine Reihe von Fragen, die nicht unbeantwortet bleiben sollten:

  1. Wie heißt das Buch oder die Publikation (Titel, Datum), in welchen Ante Ciliga die ominösen Sätze veröffentlicht haben soll? Warum werden nur Satztorsos „zitiert“, z.T. ohne Anführungszeichen?
  2. Kennt Karl Pfeifer die Ante Ciliga zugeschobenen „Zitate“ im Original? Auf kroatisch oder in Übersetzungen in welche Sprachen?
  3. In welcher Stadt und wie lang soll Ciliga angeblich eine „Pro-Ustascha-Zeitung“ herausgegeben haben, wie lautet der Originaltitel dieser Zeitung? Wodurch soll ihre „pro-Ustascha“-Haltung erwiesen sein?
  4. Wie heißen die angeblich „rechts“ orientierten Blätter, für die Ciliga in Paris und Rom geschrieben haben soll?
  5. Woher stammen die kuriosen Behauptungen über die „Bekanntschaft“ zwischen Ciliga und dem „Volljuden“ und „Gestapospitzel“ Koppel-Klaser auf der Leninschule in Moskau?
  6. Nimmt Karl Pfeifer die Aussagen Tudjmans in punkto Ciliga für bare Münze? Werden ungeprüft, hauptsächlich oder ausschließlich Behauptungen Tudjmans übernommen, den man doch andererseits heftig attackiert? Oder schöpft man aus anderen, bis jetzt ungenannten Quellen?
Februar 1992 — Georg Scheuer, Paris

An der Grenze

Georg Scheuer wirft mir „Unwissenheit oder Etikettenschwindel vor, ein Vorwurf, den ich wortwörtlich einem kroatischen Assistenten an der Wiener Uni gemacht habe. (»Standard« 22./23.2.1992)

Laut meiner Information hat Dr. Ante Ciliga 1943 eine Serie von fünf Artikeln in der Zeitschrift »Spremnost« (Nr. 51, 52, 53, 56 und 57) in Zagreb veröffentlicht. Der Zeitungskopf beinhaltete den Spruch: „Misak i volja ustaske Hrvatske“, das heißt: „Gedanke und Wille des Ustascha-Kroatiens“. Im Impressum stand „Izdaje Ustaski nakladni zavod d. d. Glavni urednik T. Mortigjija, Jelacicev Trg 11, Zagreb“.

Die fünf Artikel Ciligas handelten von der Sowjetunion und hatten einen durchgehenden Untertitel „Die Eindrücke eines kroatischen Intellektuellen im bolschewistischen Rußland“. In Nr. 51, mit dem ersten Ciliga-Artikel, kann man auf Seite 7 ein Photo mit folgendem Bildtext sehen: „Kroatische und deutsche Befreiungstruppen beim Eindringen in die Stadt Jajce, um den durch die großserbischen rebellischen Partisanen-Banden bedrohten Frieden und die Ordnung wiederherzustellen“. In der Nummer 52 findet man einen antisemitischen Artikel über den jüdischen Einfluß auf die amerikanische Presse. Die Nummer 55 enthält auf der ersten Seite einen Artikel mit dem Titel „Der Mittlere Osten und die Juden. Die Basen, auf denen die Jewish Agency ein jüdisches Imperium mit Hilfe der USA aufbaut“.

Milomir Maric schildert in seinem Buch „Deca komunizma“ (Die Kinder des Kommunismus), wie Ciliga die Ustaschaoffiziere in Jasenovac überzeugte, daß er kein Kommunist sei: „Ich hörte auf, ein Kommunist zu sein, lange vor Ihrer Geburt. Ich habe die KP dort verlassen, wo das sehr gefährlich war — in Stalins Rußland“. Ciliga wurde Zeuge von unglaublichen Grausamkeiten und Massakern in Jasenovac, doch diese ließen ihn kalt. Er verglich Stalins Lager in Sibirien mit den kroatischen Lagern und fand, daß das mildere Klima in Kroatien eine aktivere Betätigung bei der Ausrottung der Lagerinsassen erfordere. Er nannte das „Die Revolte Kroatiens gegen dn Balkan“. Ciliga publizierte nach dem Krieg die erwähnte pro-Ustascha-Zeitschrift »Na pragu sutrasnjice«.

Fakt ist, daß Scheuer nicht die Frage stellt, wieso ein Kommunist, oder Trotzkist oder ein demokratischer Linker, Ende 1942 aus einem Ustascha-KZ bzw. Vernichtungslager entlassen wurde. Scheuer bestreitet auch nicht, daß Ciliga während des Zweiten Weltkrieges nach Wien kommen konnte, um sich hier ärztlich behandeln zu lassen, und dann 1944 „zu einer Studienreise“ und „zum Besuch der kroatischen Gesandtschaft“ nach Berlin fuhr. Auch das beanstandet Scheuer nicht.

Im Dezember 1967 gab es ein »Bilten Hrvatske Demokratske I Socialne Akcije« mit dem Motto „Glave dajemo, Hrvatsku Drzavu ne dajemo!“ („Wir geben Köpfe, aber wir geben nicht den kroatischen Staat!“); Herausgeber: »Evropska Sredisnejica H.D.S.A.«, Verantwortlicher Redakteur: Dr. Ante Ciliga, Adresse: Via Ceresio, 85 Roma, Italia (Tel. 86-89-70). Auf Seite 83 vertritt Ciliga eine rassistische Ideologie, er zitiert ausführlich aus »Ustaski Godisnjak za 1942« (Ustascha-Almanach für 1942), der in Zagreb 1941 herausgegeben wurde. Er plädiert dafür, daß die Kroaten eine Mischung von Iranern und Slawen sind, und distanziert sich von allen anderen slawischen Völkern.

Freilich ist es Scheuers gutes Recht, für seine und Ciligas Veröffentlichungen auch in einem langen Leserbrief Reklame zu machen, doch mein Thema war nicht der ehemalige Kommunist Dr. Ante Ciliga, sondern der ehemalige Kommunist Dr. Franjo Tudjman — trotzdem habe ich korrekterweise auf die kommunistische Vergangenheit Ciligas hingewiesen.

Hat Tudjman Ciligas Aussagen gefälscht? Das scheint nicht glaubhaft, denn Tudjman zitiert aus Ciligas Buch, das in kroatischer Sprache 1978 erschienen ist, und er mußte gewärtigen, daß einer von Ciligas Lesern oder Freunden wohl den Schwindel entdeckt.

Dr. Ante Ciliga hat offensichtlich für seine Entlassung (Ende 1942) aus dem KZ Jasenovac eine Gegenleistung erbracht. Tatsache ist, daß gewisse Kommunisten (Stalinisten und Trotzkisten) und Linke mit den Nazi und/oder der Ustascha kollaboriert und gelegentlich auch antisemitisches Gedankengut verbreitet haben. Dafür eine dunkle stalinistische (in diesem Fall titoistische) Verschwörung verantwortlich zu machen, grenzt an Paranoia.

PS: Der ehemalige Kommunist und Gestapo-Spitzel Kurt Koppel alias Hans Klaser, der in einem Nachkriegsakt der österreichischen Polizei, der im DÖW aufliegt, als „Volljude“ bezeichnet wird, hat während des Zweiten Weltkrieges in Zagreb, aber nicht nur dort, für die Gestapo gearbeitet. Wenn das dort angegebene Geburtsdatum stimmt, dann hat Koppel Cilliga nicht in Moskau, sondern anderswo kennengelernt.

März 1992 — Karl Pfeifer, hier

[1Au Pays du Grand Mensonge (Im Land der großen Lüge) ’38, die Nazibehörden ließen 1940 das Buch sofort einstampfen; The Russian Enigma, 40; Lenine et la Révolution, Cahiers Spartacus 1/48; Au Pays du Mensonge Déconcertant, 50; Sibérie, Terre de l’Exil et de l’Industrialisation, 50; La Yougoslavie sous la menace intérieure et extérieure, 51; Dix Ans au pays du Mensonge Deconcertant, 77.

[2Von Lenin bis ...? Die Geschichte einer Konterrevolution, Wien 1957

[3Nur Narren fürchten nichts. Szenen aus dem 30jährigen Krieg, Wien 1991

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1992
, Seite 4
Autor/inn/en:

Karl Pfeifer:

Karl Pfeifer, Jahrgang 1928. Im Alter von 10 Jahren Flucht mit seinen Eltern nach Ungarn. Mit 14 gelingt ihm die Auswanderung nach Palästina, wo er nach einer Ausbildung im Kibbuz im israelischen Unabhängigkeitskrieg kämpft. 1951 kehrt er nach Europa zurück, arbeitet seit 1979 als Journalist in Wien, schreibt u. a. für die Wiener Illustrierte Neue Welt und die Berliner Wochenblätter Jüdische Allgemeine und Jungle World.

Georg Scheuer:

Foto: Von Karl Fischer - Eigener Scan, CC BY-SA 3.0 at, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=76348746
Geboren 1915 in Wien. Mitglied des Kommunistischen Jugendverbands, 1935 Mitbegründer der Revolutionären Kommunisten (RKÖ), 1936 Festnahme, am 13. August 1937 im so genannten Wiener Trotzkistenprozess zunächst zu eineinhalb Haft verurteilt, der Oberste Gerichtshof erhöhte die Strafe auf fünf Jahre, Freilassung nach Generalamnestie für politische Gefangene im Februar 1938. Nach dem „Anschluss“ 1938 über die ČSR Exil in Frankreich, bei Kriegsausbruch 1939 Internierung, 1940 nach Montauban im unbesetzten Frankreich, illegale Arbeit bis 1944. Nach Kriegsende als Journalist in Frankreich lebend. 1991 Veröffentlichung seiner Erinnerungen „Nur Narren fürchten nichts. Szenen aus dem dreißigjährigen Krieg 1915-1945“. Verstorben 1996 in Wien.

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