FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1972 » No. 219
Friedrich Geyrhofer

Der Herr Karl (Schranz)

Als ein Skifahrer von den olympischen Konkurrenzen ausgeschaltet wurde, präsentierte die österreichische Gesellschaft ihren zerrütteten Gemütszustand. 9 Tage lang, vom 31. Jänner bis zum 8 Februar, inszenierten die Politk- und Meinungsmacher im „Schranzenland“ (Kronenzeitung) die letzten Dinge der Menschheit: sie spielten Pogrom, Kriegsanfang, Heldenehrung, den totalen Zusammenbruch. Die Sportjournalisten wurden Kriegsberichterstatter, die Kollegen in den anderen Redaktionen eiferten ihnen nach, und der Unterrichtsminister übte sich in der Strategie des 19. Jahrhunderts. Es schien, als ob Österreich zur Erhaltung seines seelischen und sozialen Gleichgewichts von Zeit zu Zeit unbedingt einen Krieg — und zwar einen von vornherein aussichtslosen Krieg — brauche. Das moderne Österreich ergreift begierig die Gelegenheit, seine erfolglose militaristische Vergangenheit auszuagieren.

Boten in der 1. Republik die Klassenkämpfe zwischen Heimwehr und Schutzbund diese Gelegenheit, so in der 2. Republik die Disqualifikationen des Karl Schranz: 1968 führte die österreichische Presse einen Phantasiekrieg gegen Frankreich, 1972 gegen die USA. „Das ist die erste vage Form des Antiamerikanismus bei uns seit dem Krieg“, soll ein Beamter des Bundeskanzleramtes einem französischen Journalisten gesagt haben. „Was weder Vietnam noch die Rassenkonflikte provozierten, das hat die Haltung des Herrn Brundage gegenüber Schranz bewirkt.“ (Le Monde vom 10. Februar) Sogar ein Hugo Portisch, sonst auch in schweren Zeiten ein allzeit getreuer Propagandist der US-Politik, konnte es sich nicht verkneifen, bei dem Chef des IOC eine angeblich typisch amerikanische „puritanische Heuchelei“ zu konstatieren. (Kurier vom 5. Februar)

Mit der Niederlage in Sapporo war nicht nur das Prestige des österreichischen Sports, es war die Sicherheit des ganzen Staates gefährdet. „Leider dürfte die Fehlentscheidung heimischer Sportfunktionäre einige weitreichende und für unser Land durchaus schädliche Auswirkungen haben“, bemerkt „Sport und Toto“ noch am 15. Februar. „In etlichen ausländischen Generalstäben wird man die oft proklamierte eherne Verteidigungsbereitschaft unseres Landes noch niedriger als bisher bewerten. Die Möglichkeit, daß sich unsere mehr als hundert Generale im Falle eines Überfalls durch den hochherzigen Appell eines Oberleutnants zur kampflosen Kapitulation überreden lassen, könnte dem Feldherrn eines potentiellen Gegners als durchaus gegeben erscheinen!“

Die Lage war ernst. Am 9. Februar trat in Wiener Neustadt der erweiterte Landesverteidigungsrat zusammen. „Der Kanzler schaute ernst und nachdenklich“ (Kurier vom 10. Februar). Kein Wunder. Er hatte am Vortag dem größten Tiroler aller Zeiten einen cäsarischen Empfang bereitet. Aus Olympia die Lehre ziehend, beschlossen Kreisky und seine Berater: „Auf alle Fälle verteidigen!“ (Kurier). Mit seinen Emser Depeschen à la Bismarck hatte der schneidige Fred Sinowatz das Beispiel gegeben — dem Löwen von Eisenstadt folgten die Löwen von Wiener Neustadt. Wenn sich bloß alle Feinde so leicht auf dem Papier besiegen ließen, wie der Avery Brundage von den Maulhelden der österreichischen Zeitungen.

Es war nur ein Manöver, doch die Beteiligten reagierten exakt wie im Ernstfall. Das dumme Volk allerdings, das den Schein nicht vom Sein unterscheiden kann, nahm das Schauspiel für bare Münze und fügte seine eigene Variante hinzu: die plebejische Revolte. Das ging zu weit! — Auf einmal lag den Epigonen des großdeutschen Reichspropagandaministeriums das Wort „Faschismus“ auf der Zunge. Das Erfreulichste an der ganzen Affäre war die schlecht verhohlene Panik, die sich der „Macher“ bemächtigte, als sie die Früchte ihres Tuns zu kosten bekamen.

Am 1. Februar rief „Jeannée“ in der Kronenzeitung — freilich nur im Konjunktiv — zum Bürgerkrieg auf. „Läge Österreich im ‚unzivilisierten‘ Südamerika, gäbe es auf Karls Ausschluß von den Olympischen Winterspielen nur eine Antwort: Mobilmachung, Revolution, Krieg, Mord und Totschlag. Österreich liegt aber (Gott sei Dank?) nicht in Südamerika.“ Er bedauerte: „Österreich ist ein zivilisiertes Land.“

Das war voreilig. Eine Woche später bereut „Jeannée“ seinen Irrtum. Er blickt auf die Menge am Ballhausplatz, die nach ihrem Schranz ruft, und denkt an den 13. März 1938: „Mir kam’s gestern, das Gruseln ... Die Massen, die den Ring säumten und vor dem Bundeskanzleramt wogten, hatten etwas Freundliches — gewiß. ... Trotzdem erschien mir das Ganze unheimlich ... wie ein riesiger Heuriger.“ Kreisky, dem „Jeannée“ seine Ängste mitteilt, scheint sein Ehrengast auch nicht recht geheuer zu sein. Lakonisch, aber weise bemerkt er: „Seien wir froh darüber, daß hier — auf diese Art — ein Sportler gefeiert wird und — kein Politiker“ (Kronenzeitung vom 9. Februar).

Dieselbe Sinneswandlung wie der Kolumnist „Jeannée“ hat die ganze Wiener Presse durchgemacht. Ihr ging es zu spät auf, daß dem verlorenen Krieg die Revolution auf dem Fuße folgt. Übrigens gehört ja der Bürgerkrieg, wie er sich in den ersten Tagen des Februar abzuzeichnen begann, zum klassischen Repertoire der österreichischen Geschichte. Nun griff sogar ein Topjournalist vom exklusiven Rang des Hugo Portisch zur Feder. Er schrieb von der „Heimat“, die wieder einmal der „Front“ den Dolchstoß erteilte. „Auch die Heimat gab sich den Emotionen hin. Auch hier standen Rache- und Haßgefühle im Vordergrund. Auch hier wurde an längst überwunden gedachte Urinstinkte appelliert, darunter auch an Fremdenhaß, Klassenhaß und Bruderhaß.“ (Kurier vom 5. Februar)

Bruderhaß ist bloß ein stilistischer Schnörksel; Fremdenhaß existiert nicht mehr, seitdem die Kolaric-Plakate an den Mauern kleben; übrig bleibt allein der Klassenhaß, der sicherlich ein besonders bösartiger „Urinstinkt“ ist. Man könnte ihn allerdings — zusammen mit den Klassen — leicht abschaffen. Hugo Portisch fürchtet natürlich nichts mehr, als daß den Österreichern so etwas einfallen könnte. Er fordert: „Mehr Toleranz!“

Wem soll diese Toleranz zugute kommen? Hans Dibold sagt es in der Kronenzeitung: den Millionären. Er gibt zu: „Diesem Mann, Karl Schranz, geschieht durch den starrsinnigen senilen Millionär bitteres Unrecht.“ Das könnte man ertragen. Jedoch: „Der greisenhafte Plutokrat“ (Brundage) „schadet aber nicht nur Schranz, dem Skisport und Österreich — er trägt im gleichen Ausmaß dazu bei, Emotionen gegen Millionäre an sich zu wecken.“ Ein Verräter seiner Klasse also. Welches Schicksal verdient demnach Avery Brundage? „Er erinnert an jene Kapitalisten, von denen Lenin sagte, sie würden auch noch den Strick liefern, an dem sie aufgehängt werden.“

Lenin ist leider schon lange tot. Wer traut sich heutzutage schon, einen Millionär aufzuhängen? Mit der Todesstrafe für Brundage wollte Hans Dibold aber nur von einem anderen, einem österreichischen „Plutokraten“ ablenken. In der totalen Volksgemeinschaft — dem Nahziel der österreichischen Massenmedien — kann auch ein Großindustrieller nicht aus der Reihe tanzen, ohne daß seine Enkelkinder geprügelt und seine Produkte boykottiert werden. Begütigend wies die Kronenzeitung auf die Großzügigkeit des Sportmäzens Mautner-Markhof hin. Nachdem die Wiener Journalisten erst ausgiebige Demagogie mit den Millionen des Avery Brundage getrieben haben, wundern sie sich, daß plötzlich die Leute den Millionären schlechthin an den Kragen wollen. Sie erschrecken über die Verwundbarkeit des „Systems“, dessen unermüdliche Prediger sie sind: ein bißchen Boykott, und schon wanken die Stützen der Gesellschaft. Den Meinungsagenten kommt es eben nie in den Sinn, daß sie selbst die Ursache der von ihnen beklagten Wirkungen sind.

Am 30. Jänner, am Vortag der schicksalschwangeren Entscheidung des IOC, hatte die Kronenzeitung gehofft: „Vielleicht kommt für den Eisenbahnersohn Schranz, der nie reich war, Hilfe durch einen Prinzen und einen Lord ...“ Am 1. Februar sorgte sich „Staberl“, wie Karl Schranz, „den Zins, die Milchfrau oder den Gemüsehändler zahlen soll.“ Er verlangte: „Das möge Herr Brundage erst einmal logisch und allgemein befriedigend erklären!“ Diese Erklärung liefert wenige Tage später Hans Dibold: „Karl Schranz ist vermutlich selbst kein armer Mann; er ist zu Recht Vorbild in einer Gesellschaft, in der Leistung auch finanziell honoriert wird.“

In der Leistungsgesellschaft sind die Arbeitsunfähigen — vor allem die Alten — bloß lästig. Das patriarchalische Alter des Avery Brundage macht ihn den Wiener Zeitungen suspekt. „Brundage haßt Karl Schranz offenbar“, vermutet Martin Maier, „es war eine Männerfeindschaft auf Distanz. ... Brundage, dessen Lebensbogen sich tief neigt, vergönnt Schranz nicht, wie unvergleichlich er seine Jahre meistert“ (Kurier vom 1. Februar). Nicht alle Alten sind so neidisch. Die Presse berichtet am 1. Februar: „Im Altersheim Lainz will man sogar mit einer Protestresolution an den Unterrichtsminister herantreten.“ Die Lainzer Resolution scheint auf Fred Sinowatz elektrisierend gewirkt zu haben. Nichtsdestotrotz sagt auch Kreisky: „Was ich von Brundage halte? Hat man denn bei einem 85jährigen Mann noch nie etwas von Altersstarrsinn gehört?“ (Kronenzeitung vom 1. Februar).

Herr Bundeskanzler! Es gibt auch belehrbare Greise. Zum Beispiel Jaques Hannak in der Arbeiterzeitung, „wie Herr Brundage auch kein Jüngling mit lockigem Haar ..., sondern nur um ganz wenige Jahre jünger als er“. Hannak beginnt mit einem Geständnis: „Als ich noch ein ganz junger Mensch war, ... dachte ich ungefähr so wie heute noch der 84jährige Brundage denkt.“ Hannak hat umgelernt. „Da die Skifabrikanten die großen Nutznießer des heute populärsten Sports der Weit sind, wird ein Großkapitalist wie Herr Brundage ... der Erkenntnis nicht entgehen, daß er mit dieser neuen Kapitalsmacht nicht fertig zu werden vermögen wird.“

Das ist ja sehr interessant. Also mußte der „Skimärtyrer“ (Kurier) deshalb auf jeden Fall starten, weil ein österreichischer Fabrikant dem IOC beweisen wollte, wer der Herr im Haus ist. Die Zukunft des Kapitalismus stand auf dem Spiel. Brundage könnte „eine Riesenindustrie, wie es die Skiproduktion ist, in eine Krise hineinziehen, die, ohne daß man da sehr übertreibt, eine Weltwirtschaftskrise großen Maßstabes in der durch Währungskomplikationen ohnedies schon unruhig gewordenen westlichen Hemisphäre entfesselt. ... In diesem Zusammenhang versteht man auch, daß die kommunistische Hemisphäre den Millionär Brundage ganz offensichtlich unterstützt.“ Wallstreet hat sich mit dem Krem! verbündet, um die Firma Kneissl zu ruinieren. Die Affäre Schranz ist in Wirklichkeit „eine kommuno-kapitalistische Verschwörung gegen die Olympiade, die nur zu einem verderblichen Ende führen kann.“ (Arbeiterzeitung vom 4. Februar)

Schon am 1. Februar hatte sich „Staberl“ gefragt: „Wer sind die Komplizen des Millionärs Brundage?“ Die Antwort war: „Die Helfershelfer sind pikanterweise die Delegierten der kommunistischen Staaten.“ Zwar stellte sich nachträglich heraus, daß die osteuropäischen Delegierten im IOC für Schranz votiert hatten. Aber die Kommunisten als Sündenböcke waren doch gar zu praktisch. So berichtete der Kurier am 13. Februar: „Osten will Brundage halten“, und fügte schlau hinzu: „USA brüskierten IOC-Chef.“ Die antiamerikanische Stimmung sollte in eine antikommunistische umgebogen werden. Der Krieg gegen die USA war zu weit gediehen. Beschwichtigend schrieb die Arbeiterzeitung am 8. Februar: „Für Karl Schranz gab es noch nie soviel Sympathie in Amerika wie seit der Affäre Brundage. Unser Herz schlägt für Österreich, sagen nicht nur Dutzende Reporter in Sapporo, sondern meint auch das gesamte amerikanische Volk.“ Am 9. Februar meldet der Kurierredakteur Josef Huber ein wichtiges Indiz: „Brundage persönlich ehrt die Staatsamateure“, nämlich die sowjetischen Sieger im Paarlaufen.

Nicht jeder durfte Sündenbock werden. Sepp Bradl beispielsweise hatte seine Skispringer auch nach der Disqualifikation von Schranz trotz des offiziellen Boykotts trainieren lassen. Der Kurier am 2. Februar: „Ist Bradl wegen dieser Haltung zu verurteilen?“ Wie kann man da noch fragen! Ein beispielloser Akt des Treubruchs! Der Kurier sieht das anders. Bradl habe lediglich „den Boykott boykottiert“; er habe die „laue Haltung der Führungsspitze erahnt“. Bradl, obwohl alles andere als ein Erfolgstrainer, ist eben ein Liebling der Wiener Sportpresse. Seine Kinder wurden daher nicht geschlagen, seine Wohnungstür nicht angezündet, seine Frau nicht in anonymen Telephonanrufen bedroht. Es steht im Ermessen des Journalisten, auf wen er die Meute losläßt und auf wen nicht.

Und wieso der ganze Zirkus? Man liest in der Presse vom 1. Februar: „Bisher hielt sich hierzulande das Interesse an den Spielen von Sapporo in gemäßigtem Rahmen. ... Der beste Gradmesser dafür sind die Wiener Polizeidienststellen, bei denen bisher kein einziges Ansuchen um eine Sperrstundenverlängerung bis 6 Uhr früh oder eine Vorverlegung der Öffnungszeit von Kaffehäusern und Gaststätten mit Fernsehgeräten eingelangt ist. ... Auch der Absatz an Farbfernsehgeräten ist weit unter den Erwartungen geblieben, erfährt man vom Greminalvorsteher des Elektrohandels, Kommerzialrat Zandner.“

Dem Elektrohandel konnte geholfen werden — und nicht allein ihm. „Allgemein erwartet man aber nach dem Anheizen der Stimmung durch den Ausschluß von Karl Schranz ein größeres Interesse.“ Das Fernsehen und die Boulevardzeitungen hatten viel Geld in die Berichterstattung aus Sapporo investiert. So schufen sie jenes „größere Interesse“, das dem Publikum fehlte.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1972
, Seite 30
Autor/inn/en:

Friedrich Geyrhofer:

Geboren am 03.09.1943 in Wien, gestorben am 16.07.2014 ebenda, studierte Jus an der Wiener Universität, war Schriftsteller und Publizist sowie ständiger Mitarbeiter des FORVM.

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