FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1985 » No. 371/373
Robert Glattau

Der alltägliche Männlichkeitswahn

Vom kleinen Pascha zum Polit-Chauvi

Feminismus ist mehr als frustrierte Schwanz-ab Ideologie.

Und Männerbewegung ist mehr als versteckt-schwules Softietum.

Rumms.

Welche Linie läßt sich von den blau gekleideten (männlichen) Babies über den Durchschnittsmann bis zu den gelegentlich blaublütigen Polit- und Wirtschaftsmagnaten verfolgen? Das Gesellschaftssystem ist für alle gleich, also sind auch Erziehung, Werte und Moralvorstellungen für (fast) alle gleichartig. So alternativ können die Kreise, in denen man/frau sich bewegt, gar nicht sein, daß sich nicht überall zumindest die Reste des etwa 40.000 Jahre alten Patriarchats finden lassen.

Ist das zu abgehoben? Verstehe ich nur selbst, was ich meine?

Dicke Mauern

Vor einigen Wochen besuchte ich eine alte Freundin in ihrer Wohnung. Claudia — sie heißt zwar nicht wirklich so, aber der Name ist auch schön — Claudia also stammt aus einer ziemlich konservativen südsteiermärkischen Familie und ist dabei, mit feministischem Elan ihr Soziologiestudium durchzuziehen. An diesem Abend wartete sie auf Georg, der, wie zu erwarten, auch anders heißt. Er ist die große Liebe von Claudia, bloß: Die Liebe läßt deutlich nach. Sie und er sind sehr darauf bedacht, möglichst alles auszusprechen, ihre Gefühle mitzuteilen und nicht durch kleinliches Hick-Hack Mißstimmung zu erzeugen. Außerdem sind beide sehr häufig in ziemlich depressiver Stimmung, sehr sensibel und leicht zu erschüttern. Ein gewissermaßen ideales Paar also.

Nun saßen sie sich gegenüber und versuchten, ihre Zweifel an ihrer Beziehung, die allgemeine und spezielle Endzeitstimmung vor einander zu verbergen, sie wollten niemand verletzen, sich nicht gegenseitig wehtun, schon gar nicht mittels Aggressionen.

Darum auch die dicken Masken und Mauern, die sie umgaben.

Aber der Schutzmechanismus der gezwungen freundlichen Stimmung hatte noch einen Grund: Kaum jemand aus unserem Freundeskreis — das trifft auf mich ebenso zu — gibt gerne zu, die eigenen Ideale verraten oder verfehlt zu haben. Und eines unserer Ideale lautet: Möglichst selbstbestimmt, offen und ehrlich zu sein.

So weit, so gut.

Nur ist das ein Anspruch, den kaum jemand ganz erfüllen kann, zu sehr sind unsere Gefühle von traditionellen Normen geprägt. Die Beurteilung durch andere, die Eifersucht, das Besitzdenken und schließlich die simpelsten Mann-Frau-Klischees brechen immer wieder durch. Dieses Klischee begründet sich auf der Annahme der grundsätzlichen Überlegenheit der Männer in fast allen Lebensbereichen. Und dort, wo Männer deutlich unterlegen sind, macht sich schnell der Frauenhaß im weitesten Sinn breit. Zum Thema Feinfühligkeit hat das eine Autorin schon im Jahre 1897 erkannt. [1] Sie schrieb im Kapitel „Die Männer-Bewegung“ über den Beginn der neuzeitlichen Frauenbewegung: „... aber sie (die Frauen) werden begreifen, warum der Mann immer über ihre törichte Romantik und ihren hochfliegenden Idealismus gespottet hat: Ihm freilich wird all dergleichen durch die Berührung mit dem Leben recht gründlich schon in den ersten Semestern ausgetrieben.“

„Ein Indianer ...“

So schön langsam schaffe ich es, zum Beginn der eingangs angekündigten Ableitung zu kommen. Dieses „... schon in den ersten Semestern ausgetrieben“ ist der Ansatzpunkt. Was nach herkömmlicher Meinung das hübsche Aussehen bei Frauen, ist der Erfolg, die (sichtbare) Leistung und die Macht bei Männern. Aber — wie es Nietzsche ausdrückte, „Es zahlt sich teuer, zur Macht zu kommen, die Macht verdummt“.

Bewußt erworbene oder eingesetzte Macht ist gleichbedeutend mit stärker sein, die Oberhand haben. Ich meine, daß eine derartige Vorrangstellung nur durch intellektuelle Leistung erreicht werden kann, dann umso erfolgreicher, wenn auf die zwischenmenschlichen Gefühle kein oder kaum Wert gelegt wird.

Die Folge ist eine seelische Verkarstung der Männer, eine Negierung dessen, wie es so schön modern heißt, was einem der Bauch sagt. Dazu kommt noch, daß diese Verkarstung nach patriarchalischer Norm sehr stark gefördert wird und somit jeden Mann auf seinem Weg von sich weg noch bestärkt. Der ständige Gefühlskonflikt wird unterdrückt und beiseite geschoben, ist doch Gefühl an sich schon zweitrangig und das Überwinden allfälliger Skrupel schon in die Moral eingebaut. Erzählt etwa ein Angestellter, wie er einen Kunden übers Ohr gehauen hat, so wird er wohl nicht allzu selten Anerkennung für seine Geschäftstüchtigkeit finden. Das bestätigt ihn natürlich und ergibt somit einen recht brauchbaren Verdoppelungseffekt, der das schlechte Gewissen zu beruhigen hilft.

„... kennt keinen Schmerz“

Da diese soziologischen und gruppendynamischen Prozesse nur in unserem Kulturkreis derart massiv auftreten, in vielen anderen aber anders oder gar nicht zu finden sind, kann dabei wohl kaum von einer allgemeinen, biologischen Veranlagung gesprochen werden. Vielmehr scheint es sich hier um ein Produkt jahrtausendelanger Gesellschaftspolitik zu handeln. Diese Politik, die schon längst eine (un)ansehnliche Eigendynamik entwickelt hat, wiederholt sich in der persönlichen Geschichte jedes einzelnen Menschen immer wieder. Ich habe weder die Kenntnis, noch den Platz, hier alle Stationen wiederzugeben, aber einige markante Punkte kann ich schon herausheben: Zu den ersten Indoktrinationen zählt sicherlich die Aufforderung an kleine Buben, sich doch durchzusetzen oder zurückzuschlagen, wenn es sich um Konflikte mit Gleichaltrigen handelt. Statt den Versuch zu machen, hinter die Fassade zuschauen, wird die Ausübung von Macht verlangt. Die Angst, jemand zu verletzten oder gar, selbst geschlagen zu werden, muß übertaucht werden. Das Beispiel vom Indianer, der keinen Schmerz kennt und daher nie weint, ist zwar schon ein alter Hut, hat aber leider noch immer nicht viel an Gültigkeit eingebüßt. Dann kommt noch dazu, daß der kleine Mann in der Regel etwa ab dem siebten bis neunten Lebensjahr so gut wie keinen zärtlichen Körperkontakt erfährt. Ist er aber um die fünfzehn, sechzehn, wenn das Interesse für das andere Geschlecht erwacht, [2] soll der große Mann plötzlich fähig sein, alles das zu können, was er nie richtig gelernt hat, nämlich sanft sein, lieben können und lieben lassen, die Freundin nicht als Mutterersatz zu mißbrauchen und sowohl gefühlsmäßig als auch körperlich sensibel sein. Bloß das Machtausüben und den eigenen Kopf durchsetzen, das braucht er nicht erst lernen. Diese Lektion wurde schon hinreichend durchgenommen.

In ähnlichem Zusammenhang dazu ist in dem immerhin 87 Jahre alten Buch, ebenfalls in dem Kapitel über die Männerbewegung zu lesen: „Er muß schon sehr geschädigt sein, daß er diesen Verlust nicht einmal mehr bemerkt.“

Die Begründung dafür liegt in der Moral des Patriarchats, siehe oben.

Irgendwo zwischen interessant und traurig ist nun die Tatsache, daß auch Frauen nicht umhin können, von diesem System infiltriert zu werden, ja es sogar ganz wesentlich mitunterstützen. Das passende Stichwort dazu: Das Thatcher-Syndrom. Wenn sich Frauen dem Männerrecht derart anpassen, daß sie ein Teil davon werden, leisten sie auch genügend Beiträge zum Selbsterhalt des Geschlechterkampfes. Allerdings nicht unbedingt aus freiem Willen, sondern als Notlösung, um aus dem Ghetto der Unterdrückten wenigstens etwas herauszukommen.

Je oberschichtiger desto einschichtiger

Aber zurück zu den Männern.

Die wachsen also unter — sagen wir — ungünstigen Bedingungen auf und kommen, irgendwie verständlicherweise, nicht auf die Idee, daß etwas nicht stimmt. Dazu tragen auch die Medien, die Wirtschaft und die Politik ihr Schärflein bei. Das ist wiederum überhaupt nicht verwunderlich, leben sie doch recht gut davon. Unter der illusorischen Annahme, daß über Nacht alle Männer und Frauen den Rollen-, Erfolgs- und seelischen Verkarstungsballast abwürfen, wäre unsere Gesellschaftsordnung mit einem Schlag nicht mehr existent. Aber auch kleine Veränderungen lösen bei konservativ verhafteten und von Unterdrückung profitierenden Menschen Schrecken aus, entzieht doch jedes emanzipatorische Gedankengut eben jenen die Lebensgrundlage und die Rechtfertigung für ihr Leiden.

Aus eigener Erfahrung (ich habe eine ziemlich konservative Vergangenheit — 5 Jahre JES [3]) traue ich mich sagen, daß die Fähigkeit, menschenfreundlich, warmherzig und ehrlich zu sein, und zwar nicht nur der einem am nahestendsten Gruppe gegenüber, umso mehr abnimmt, je höher die gesellschaftliche Klasse ist. Ich bin mir bewußt, daß das eine grobe Verallgemeinerung ist, aber dennoch, die Vielfalt der Etikette-Regeln und Umgangsformen dürfte mir recht geben: Je oberschichtiger — desto einschichtiger. Vor Jahren provozierten meine Kollegen und Kolleginnen von der JES am 1. Mai am Rathausplatz „die Linken“, ich führte heftige, aber freundschaftliche Diskussionen mit den Leuten von VSStÖ und Basisgruppe. Das war wohl ein Schlüsselerlebnis.

Genug der für mich zwar richtigen, insgesamt aber zu oberflächlichen Verallgmeinerungen. Ich meine, daß der Konnex zwischen persönlicher Erziehung im Rahmen unserer seelisch verstümmelnden Gesellschaftsmaximen, den an allen Ecken und Enden krachenden Beziehungen einerseits und der konventionellen Politik andererseits zu erkennen sein müßte.

Ellbogentechnik, Hirnlastigkeit, Konkurrenz und Machtwünsche, fast ausschließlich zum eigenen Vorteil, diese und noch viel mehr bescheren uns Umweltverschmutzung, Krieg, Mord und weiß Gott was noch alles. Von den auslösenden Ereignissen der persönlichen Unzulänglichkeiten gar nicht zu reden. Tabus, Ängste und Unvermögen sich zu öffnen, Unausgesprochenes und Gelogenes, alles hat einen Ursprung. Und diesen Ursprung zu ergründen und zu beseitigen, das ist das Mehr, das Männer-, Frauen-, Umwelt-, Menschenrechts-, Friedens- und alle anderen fortschrittlichen Bewegungen zu bieten haben. Das Persönliche und das Politische, darum geht es. Solange dieser Zusammenhang nicht erkannt und verwirklicht ist, gibt es noch viel zu tun. Claudia und Georg sind vielleicht nicht das beste Beispiel, das ich hätte finden können, aber die beiden kämpfen um einander und um sich selbst. Da kann ich mir noch einiges abschauen.

[1Stöcker, „Die Liebe und die Frauen“, Verlag unbekannt, etwa 1905 erschienen.

[2An dem Erwachen des Interesses ist sicher auch irgendetwas faul, aber ich weiß noch nicht genau, was.

[3Die JES (Junge Europäische Studenteninitiative) ist eine christliche, sehr konservative Studentenfraktion. Ich brauche viel Mut, hier öffentlich meine Vorgeschichte zu erwähnen — die Angst, auf Mißtrauen zu stoßen, ist recht groß.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1985
, Seite 37
Autor/inn/en:

Robert Glattau:

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen

Themen dieses Beitrags

Begriffsinventar