FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1964 » No. 131
Ernst Kux

Chruschtschew verläßt den Zirkus

Der große Schausteller hat den Zirkus verlassen. Sein Abgang glich dem in einem modernen Antidrama: er fand unter Schweigen und Verschweigen statt. Es ist nicht einmal bekannt, ob der letzte Akt wirklich aufgeführt wurde. Über Regisseure, Kulissenschieber und Souffleure werden noch lange Zeit Mutmaßungen angestellt werden. Am Text wird noch irgendwo in Moskau geschrieben.

„Mr. K“, der jahrelang die Schlagzeilen der Weltpresse füllte; dessen Warzen Fernsehern und Illustriertenlesern ebenso bekannt wurden wie die Beine der Marlene; der als Wanderprediger, Maisapostel und Schuhklopfer von Land zu Land zog, ist zur Unperson geworden.

Niemand trauert ihm nach, vielleicht mit Ausnahme einiger Satellitengrößen, die ihr Schicksal an den Wagen Chruschtschews gebunden haben und sich nun ängstigen. Es flossen keine Tränen wie an der Leiche Stalins, es erhob sich kein weltweiter Sturm der Entrüstung wie nach der perfiden Beseitigung Imre Nagys, es gab keine Demonstrationen in Moskau wie für Pasternak, und nicht einmal jene Spur mitleidiger Neugierde zeigte sich, die Molotows Rückreise nach Moskau begleitete.

Nur eine Frage blieb übrig, ob es Chruschtschew überhaupt so gab, wie er sich der Welt und die Welt sich ihn vorstellte. Mit seinem Abgang ist die Seifenblase des Wunschdenkens geplatzt, daß sich unter seiner „aufgeklärten“ Herrschaft das Sowjetsystem fundamental geändert habe, daß von Chruschtschew als Exponent der „neuen Klasse“ eine nicht mehr reversible „Demokratisierung“ und „Liberalisierung“ des Sowjettotalitarismus eingeleitet wurde und der Kreml unter ihm seine Geheimnisse verlor.

Alte Invektiven

Niemand ahnte den Sturz Chruschtschews voraus, nicht einmal er selbst. Niemand außer den wenigen Eingeweihten kennt die näheren Umstände seiner Absetzung, die sich unter der gleichen Geheimhaltung vollzog wie der Machtübergang nach Lenins Tod oder nach dem nie ganz geklärten Tod Stalins. Selbst die Genossen in Warschau, Budapest oder Rom wurden im Dunkeln gelassen und konnten nur ein Geschrei nach Aufklärung erheben. Klar war von Anfang nur, daß die erste offizielle Erklärung, Chruschtschew habe aus Alters- und Gesundheitsgründen seinen Rücktritt erbeten, die Tatsache verhüllte, daß er am 14. Oktober sang- und klanglos gestürzt worden war. Ohne ein Dankeswort wurde er von den Schalthebeln der Macht im Parteipräsidium, Sekretariat und Ministerrat entfernt; sein Küchenkabinett samt Adschubej verschwand mit ihm in der Versenkung. Warum und wie dies geschah, wer tatsächlich an diesem Partei- und Staatsstreich beteiligt war, blieb vorerst Geheimnis und wird es wohl noch lange bleiben. Nur die längst als überholt geltende Mechanik des totalitären Regimes trat unverändert in Erscheinung und vernichtete mit dem Mann auch sein Werk, das Potemkin’sche Dorf eines Reformkommunismus.

Chruschtschews Name ist bereits aus den sowjetischen Annalen getilgt worden. Seine Bilder wurden wie überholte Plakate abgerissen. Wo man sich noch vor kurzem mit Ehrfurcht auf „Nikita Sergejewitsch persönlich“ berief, steht jetzt das anonyme Gebilde einer „kollektiven Führung“. Am 17. Oktober, in einem ersten Schritt zur „Entchruschtschewisierung“, warf die „Prawda“ dem Gestürzten bereits vor, ohne allerdings seinen Namen zu nennen: „Praktiken des Personenkults“, „Verletzung der Prinzipien der kollektiven Führung“, „mangelndes politisches Fingerspitzengefühl“ sowie „Subjektivismus und Leerlauf beim kommunistischen Aufbau, verfrühte Schlußfolgerungen und übereilte, von der Realität losgelöste Entscheidungen und Handlungen, leeres Gerede und bürokratische Methoden“. Sie bezeichnete ihn als „Prahlhans“, „Phantasten“ und „Ignoranten“. Es entbehrt dabei nicht der Ironie, daß diese Vorwürfe sich mit der Anklage decken, die Chruschtschew auf dem XX. Parteitag gegen Stalin erhob.

Neue Perspektiven

Ein bisher unveröffentlichtes Dokument über die „Geheimreden“ Suslows und Poljanskis vor dem Plenum des Zentralkomitees am 14. Oktober soll in 29 Punkten Anklage erheben gegen Chruschtschews Außenpolitik von Suez bis Kuba, seine Beziehungen zu Tito, Nasser, Sukarno und Nehru, seine Reisepläne nach Bonn, gegen seine Innenpolitik von der Neulanderschließung bis zum Planungswirrwarr, gegen sein Schuheklopfen in den Vereinten Nationen und seine Ausbrüche über die „Eselschwanzmalerei“ und — nicht zuletzt — gegen seine Behandlung des Streits mit Peking.

Derartige Vorwürfe, die das ganze Spektrum seiner Politik erfassen, sind natürlich von der historischen Wahrheit ebenso weit entfernt wie Chruschtschews Anklagen gegen Stalin, und sie dienen wie diese eigentlich nur der Entschuldigung seiner Nachfolger, die ja bisher diese Politik laut gerühmt und sich mit ihr identifiziert haben.

Die Begründung dieser „Entchruschtschewisierung“ wird aber noch schwerer fallen als die der „Entstalinisierung“. Konnten sich Stalins Leutnants, darunter Chruschtschew, Mikojan, Suslow, Kossygin und Breschnjew, noch auf Terror und Lebensgefahr berufen, um ihre Mitwirkung oder Duldung der aufgedeckten Untaten zu entschuldigen, so fällt dieser Vorwand für die „liberalere“ Ära Chruschtschews weg. Die Frage bleibt, wie eine Führung beschaffen ist, die derartige Fehlleistungen zuläßt, wie sie Chruschtschew jetzt angekreidet werden. Oder ist, wie die bohrende Frage des toten Togliatti und des inhaftierten Djilas lautet, etwas an dem politischen System selbst falsch, das in rascher Folge zweimal den „Personenkult“ zugelassen hat?

Damit aber führt der Weg unausweichlich von der „Entstalinisierung“ über die „Entchruschtschewisierung“ zur „Entkommunisierung“.

Es war sicher kein Zufall, daß wenige Stunden auf den Sturz Chruschtschews der Donner der ersten chinesischen Atomexplosion in Sinkiang folgte; das Kausalverhältnis dürfte enger sein, als nach außen sichtbar wurde. Chruschtschew hatte im Streit mit Peking sein persönliches Prestige aufs Spiel gesetzt und dabei verloren. Seit dem XXI. Parteitag (1961) war er vergeblich darum bemüht, die Chinesen im Weltkommunismus zu isolieren und zum Nachgeben zu zwingen. Als er nach fehlgeschlagenen Anläufen am 30. Juli 1964 zur Vorbereitung der Exkommunizierung der Chinesen 26 Parteien auf den 15. Dezember nach Moskau einberief, reagierten selbst seine getreuesten Anhänger, als ob sie in ein disreputierliches Haus geladen worden wären. Heute bereuen sie dies vielleicht schon.

Sowenig wie den Aufstieg Pekings zum Epizentrum der internationalen kommunistischen Bewegung verhinderte Chruschtschew die Entwicklung der chinesischen Atommacht durch Kündigung des Geheimvertrags für „neue Technik“ 1957, den Rückzug sowjetischer Techniker 1960 oder den Moskauer Testbannvertrag 1963.

Daß ihm gegenüber Peking der Erfolg versagt blieb, gefährdete nicht nur die führende Stellung Moskaus im Weltkommunismus, sondern auch die Sicherheit Rußlands im Fernen Osten. Mit der Explosion der chinesischen Bombe war Rußland erstmals seit 1905 wieder in jene Zweifrontenstellung geraten, die Stalin durch den Freundschaftspakt mit Japan 1941 und durch die Allianz mit Mao Tse-tung 1950 verhindern konnte.

Fiasko mit China

Chruschtschew wurde für seine zweideutige Politik gegenüber Peking mit gleicher Münze bezahlt. Für die chinesische Unterstützung in den Machtkämpfen nach Stalins Tod hatte er die von diesem vorausschauend errichteten Kontrollen über Port Arthur, die Mandschurei und Sinkiang preisgegeben. Im Januar 1957 holte er Tschu En-lai nach Warschau und Budapest, um die sowjetische Kontrolle über Osteuropa mit chinesischer Hilfe zu konsolidieren. Anderseits hatte er schon früh begonnen, Kasachstan als Glaçis gegenüber dem strategisch wichtigen Sinkiang auszubauen; bei der dort forçierten Neulanderschließung erlitt er jedoch ein Fiasko ums andere. 1959 versuchte er Mao mit Hilfe des Marschalls Peng Te-huai zu stürzen, und schließlich brach er 1960 die wirtschaftlichen Beziehungen zu China ab. Je deutlicher aber seine Ohnmacht gegenüber Peking zutage trat, desto kräftiger suchte er sie durch immer neue Aktionen zu kaschieren; vielleicht sollte sein Sturz ihn daran hindern, mit China ein ähnliches Abenteuer zu versuchen, wie es in Kuba so schlecht ausgegangen war. Die Chinesen können es als einen einzigartigen Erfolg buchen, daß Chruschtschew das erste Opfer ihrer Bombe wurde. Sie warten bereits auf den Bußgang seiner Nachfolger nach Peking.

Breschnjew und Kossygin beteuern zwar, daß sie unbeirrt den Kurs des XX., XXI. und XXII. Parteitags fortsetzen werden, doch unterliegen diese Beschlüsse aus den Jahren 1956, 1959 und 1961 einer sehr dehnbaren Auslegung. Welches Regime hätte nicht Stein und Bein auf seine Vorgänger geschworen, solange es unsicher auf den Beinen stand!

Der Sturz Chruschtschews traf nicht nur seine Person und seine Methoden, sondern auch seine Politik. Denn was sonst hätte die neuen Männer im Kreml davon abgehalten, unter Vorspiegelung einer „legitimen“ Machtübernahme Chruschtschew mit zusätzlichen Orden und einem Ehrenposten in Pension zu schicken. Damit wäre aber auch der Kurs Chruschtschews respektabel geblieben, der jetzt mit der „Entchruschtschewisierung“ denunziert werden soll — schon weil er nicht mehr den Realitäten entspricht, die sich mit der chinesischen Atombombe so drastisch verändert haben.

Wer ist der Nächste?

Mit dem Ausscheiden Chruschtschews bleiben auch alle seine Unternehmungen in der Luft hängen, von der Einberufung des kommunistischen Konzils zur Verketzerung der Chinesen bis zum geplanten Besuch in Bonn, vom Moskauer Testabkommen mit Kennedy bis zur Waffenhilfe an Indien. Die eiligen Erklärungen von Breschnjew und Kossygin, daß sich nichts ändern würde und die angekündigten Konzessionen an die eigene Bevölkerung zeigen bloß, wie schwach sich das neue Regierungsteam wirklich fühlt.

Chruschtschew wurde nach allen vorliegenden Anzeichen von einer heterogenen Koalition gestürzt, die sich offenbar in seiner Verurteilung einig war, aber kaum über die weitere Politik. Nur so lassen sich die Widersprüche erklären, die in den ersten Reaktionen Moskaus nach dem Sturz Chruschtschews zu finden sind: Fortsetzung des sowjetisch-amerikanischen Bilateralismus und zugleich Entspannungsgesten gegenüber Peking; Angebote wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit dem Westen und gleichzeitig Verstärkung des „Kampfes gegen Imperialismus und Neokolonialismus“; Anerkennung der Selbständigkeit der kommunistischen Länder und Forderung nach größerer Einheit; Förderung des Wohlstandes der Sowjetmenschen und größere Anstrengungen zur Stärkung der Rüstung sowie Schwerindustrie. Doch wenn schon der vitale und wendige Chruschtschew diese Probleme nicht meistern konnte, wie sollen seine schwächeren Nachfolger ihrer Herr werden? Alle Zeichen sprechen dafür, daß die kollektive Oligarchie von heute, in der die wirkliche Machtverteilung noch immer geheim oder noch gar nicht entschieden ist, wie schon früher wieder auseinanderbrechen und nach einer Zeit der wirren Machtkämpfe einem neuen Alleinherrscher Platz machen wird.

Der Sturz Chruschtschews hat die Probleme des Sowjetsystems nicht beseitigt. Es ist fraglicher denn je, ob sie auch von anderen Männern und mit anderen Methoden überhaupt noch bewältigt werden können. Die von Chruschtschew so turbulent begonnenen Reformen sind längst steckengeblieben, wie die Alexanders II. vor hundert Jahren, und es sieht so aus, als ob eine neue Zeit Pobedonoszews anbrechen würde. Was von Chruschtschew bleibt, mag nicht mehr als die Marx’sche Frage nach den „Umständen und Verhältnissen“ sein, „welche einer mittelmäßigen und grotesken Personage das Spiel der Heldenrolle ermöglichten“.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1964
, Seite 527
Autor/inn/en:

Ernst Kux:

Ernst Kux zählt seit Jahren zum Mitarbeiterstab der „Neuen Zürcher Zeitung“ und ist mit zahlreichen Arbeiten über die innen- und außenpolitischen Probleme der Ostblockstaaten hervorgetreten.

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