FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 241/242
Heidi Pataki
Michael Scharang:

Charly Traktor

Roman, Hermann Luchterhand Verlag, Darmstadt und Neuwied 1973, 140 Seiten, DM 16,80, öS 134,40

In den Diskussionen über Arbeiterliteratur besteht immer wieder der Konflikt zwischen den Gegnern und den Anhängern der Privatsphäre und ihrer literarischen Schilderung. Während die einen verlangen, daß die privaten Zustände, die intimen Reflexionen des Individuums soweit wie möglich unterdrückt werden sollen, um der Darstellung des Politischen Raum zu geben, fordern die anderen, daß gerade auch am Arbeiter seine Innerlichkeit, sein Gefühlsleben sichtbar gemacht werde.

Es gehört zu den Vorzügen von Scharangs Roman, daß er dieser merkwürdigen Alternative überlegen ist: er verflicht die private und die politische Existenz seines Helden zu einer oft widersprüchlichen und trotzdem überzeugenden Einheit.

Scharang vermeidet die ausgetretenen Pfade des (auto)biographischen Romans, die sattsam bekannten Klischees der proletarischen Leidensgeschichte. Sein Held, eben der Charly Traktor, wird durch einen Zufall aus ärmlichsten ländlichen Verhältnissen nach Wien verschlagen, wo er als Hilfsarbeiter sein Dasein fristet und einen bescheidenen gesellschaftlichen Aufstieg erreicht. Das ist eine Dutzendgeschichte. Doch was die Geschichte des Charly Traktor von anderen, den vielen analogen Lebensläufen unterscheidet, ist die Tatsache, daß er sich auf dem harten Pflaster der Großstadt nicht nur sein tägliches Brot, sondern auch sein Bewußtsein und Selbstbewußtsein über seine gesellschaftliche Position erkämpft. Aus dem stumpfen Hilfsarbeiter vom Lande wird ein Facharbeiter, mit dem seine Chefs zu rechnen haben werden.

Scharang zerstört den Mythos des proletarischen Kollektivs, das dem befangenen Blick des bürgerlichen Intellektuellen nur gar zu leicht unter der Gestalt „der Massen“ erscheint. Charly Traktor hat wenig Kontakt mit seinen Arbeitskollegen, seine Gespräche mit ihnen erschöpfen sich in den stereotypen Anspielungen auf den Geschlechtsverkehr. Die Gemeinsamkeit ihrer Lage, die Identität ihrer Interessen und die dadurch nötige Solidarität werden den Arbeitern erst sehr spät, zu spät, bewußt — sie beginnen sich erst dann untereinander auszusprechen, als die Vorbereitungen zum Streik schon im vollen Gange sind und sie sich als Opfer von Gewerkschaft wie Unternehmer erkennen müssen.

Das wirklich Originelle an Scharangs Phänomenologie des proletarischen Bewußtseins besteht darin, daß er seinen Helden gerade durch den Umgang mit seiner Lebensgefährtin Elfi zum politischen Menschen werden läßt. Diese Elfi, Verkäuferin in einer Parfümerie und folglich um eine soziale Stufe höher als Charly Traktor, ist alles andere als eine klassenbewußte Arbeiterfrau. Sie ist depressiv bis zur Hysterie, egozentrisch und für den Mann eher eine Belastung als eine Stütze.

Und dennoch ist es gerade die recht lockere und labile Beziehung Charly Traktors zu seiner Elfi, die ihn aus dem alltäglichen Trott des Arbeitstieres aufstört. Scharang analysiert sehr gut die gegenseitigen Mißverständnisse und frustrierten Erwartungen, auf denen diese Liebe aufgebaut ist. Er zeigt aber auch, und das ist wohl das wichtigste, wie der Trotz der Frau den Mann aus seiner stumpfen Gleichgültigkeit und Trägheit reißt. Das Aufbegehren Charly Traktors gegen den Unternehmer, das anfangs noch reichlich infantile Züge hat, wird erst durch die Intervention seiner Lebensgefährtin zu einem wohlbedachten, kalkulierten und unwiderruflichen politischen Akt.

Scharangs Roman ist, wie alle Romane der europäischen Avantgarde, subjektivistisch konstruiert: das heißt, der Bewußtseinsstrom des Helden und seine Außenwelt gehen unmerklich ineinander über. Es gibt keinen klaren Unterschied zwischen dem Denken des Helden und den Kommentaren des Autors: beides steht in derselben einsilbigen dritten Person. Das ist eine ganz andere Technik als jene, wie sie beispielsweise Franz Jung im besten deutschen Arbeiterroman, in der „Eroberung der Maschinen“ aus dem Jahre 1921, angewendet hat: Jung läßt das Kollektivbewußtsein der Arbeiterschaft selbst sprechen, und dadurch gewinnt sein futuristischer Roman die Züge eines antiken Epos. Epische Züge hat freilich auch der Roman Scharangs, vor allem durch seine Verknüpfung der Handlung mit einer sparsam charakterisierten, doch sozial genau umrissenen landschaftlichen Topographie. Das Überschwemmungsgebiet am linken Donauufer, eine der wichtigsten Lokalitäten des proletarischen Wien, nimmt als Schauplatz eine zentrale Stelle in Scharangs Roman ein.

Der realistische Stil dieses Romans ist mehr als eine literarische Fiktion. Viele bezeichnende Details aus dem Arbeiterleben stammen aus den Tonbandprotokollen, die Michael Scharang mit jungen Arbeitern aufgenommen hat. Während in den meisten Dokumenten der wiederentdeckten Arbeiterliteratur noch ein altertümliches, aus den zwanziger Jahren stammendes Bild des Proletariers gezeichnet wird, kommt im Roman „Charly Traktor“ dieses mythische Wesen, der moderne Arbeiter, selbst zu Wort!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1974
, Seite 51
Autor/inn/en:

Heidi Pataki:

Studierte Zeitungswissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Wien; Gedichtband „schlagzeilen“, Suhrkamp 1968; Literaturkritik Hessischer Rundfunk u.a. ORF Studio Steiermark (Essays über jugoslawische Literatur „Über die Grenzen“); Übersetzungen aus dem Serbokroatischen, Englischen. Von 1970 bis 1980 Redaktionsmitglied des FORVM. Sie gehörte 1973 zu den Gründungsinitator/inn/en der Grazer Autorinnen/Autorenversammlung, ab 1991 war sie deren Präsidentin.

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