FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 191/I
Günther Nenning

Bewußtseinsrevolution

„Rede in/über Spanien“ — Fortsetzung aus dem Aug./Sept.-Heft

1. Politische Revolution

Die Unehrlichen tun so, als hätten sie alles Verständnis für das „Anliegen“ der Jugend. Aber das ist, richtig ausgesprochen, ein Anlügen der Jugend. Diese politisierende Jugend will ein ganz anderes, neues, besseres politisches System, und welcher Politiker wünscht den Untergang des Systems, in dem und durch das er lebt?

Natürlich steckt in diesem Urteil über die Politiker der „Demokratie westlichen Stils“ ein großes Stück Ungerechtigkeit, wie in allen Pauschalurteilen. Ich kenne eine ganze Anzahl solcher Politiker, die in dieser Hinsicht rühmenswerte Ausnahmen sind. Insgesamt ist dieses Urteil richtig.

Nur so erklärt sich die Angst der etablierten „demokratischen“ Politik vor der Jugendrevolte, eine hysterische Angst, die verräterischerweise um nichts geringer wird, wenn man sich unermüdlich vorsagt, daß es sich doch nur um eine winzige Minderheit von Jugend handelt.

Das heißt: die Jugendrevolte hat mit ihrer radikalen Kritik den Nerv des Systems getroffen. Wir „Erwachsenen“ haben seit Jahrzehnten ganze Bibliotheken mit Büchern gefüllt, des Inhalts, daß Demokratie nicht Demokratie im wörtlichen Sinn sei, sein könne, sein dürfe, nämlich nicht Volksherrschaft, nicht Herrschaft aller. Jeder ansonst unbedarfte Politologe kann uns hierfür die Beweise vorbeten — was auf Grund der gegenwärtigen, undemokratischen Wirklichkeit nicht schwerfällt.

Mit jugendlichem Leichtsinn nimmt die kommende Generation nichts dergleichen zur Kenntnis. Sie sagt: Demokratie ist die Mitwirkung aller Bürger an allen gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen — oder es handelt sich um Scheindemokratie.

Für diese Jugend ist Demokratie, die ausschließlich oder überwiegend darin besteht, daß man alle paar Jahre zu einer Wahl geht, bei der man keine Wahl hat, außer zwischen Parteien, die sich unterscheiden wie Omo und Persil, alle haben die gleiche biologische Waschkraft, oder zwischen Abgeordneten, die nicht von unten delegierte Volksvertreter sind, sondern von oben vorgeschobene Parteivertreter — nichts als Augenauswischerei, ein plumper Trick, mit dem die Herrschaft der Oberen, Wenigen scheinlegitimiert wird durch die Unteren, Vielen, welche zu diesem Zweck in millionenschweren Wahlkämpfen systematisch verblödet werden.

Die neue Linke kritisiert also am gegenwärtigen System der Demokratie das Fehlen von Basisdemokratie: es gibt keine funktionierenden Institutionen, in denen der Bürger selbst, ohne Zwischenschaltung berufsmäßiger Stellvertreter, direkt, aktiv und permanent gesellschaftliche Entscheidungsprozese vollzieht; dieser basale Prozeß politischer Willensbildung ist prinzipiell verschieden vom Abwurf eines Stimmzettels nach Konditionierung durch Wahlkampfpropaganda.

Dementsprechend fordert die revolutionäre Jugend ein Maximum oder doch Optimum an direkter Demokratie: möglichst viele Entscheidungen nicht durch Stimmzettel und Stellvertretung, sondern in Gremien, an denen alle Beteiligten in corpore teilnehmen oder teilnehmen können, in denen die Entscheidungen fallen, nicht nach verblödendem Wahlkampf, sondern nach Information und Diskussion im Plenum.

Da mittels direkter Basisdemokratie nicht alle gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse vollzogen werden können, bedarf es, auch nach neulinker Theorie, der Delegierung von Vertretern, und zwar in mehreren Stufen bis in die obersten Entscheidungsgremien (Rätedemokratie).

Hierbei muß es sich um echte Delegation von unten nach oben handeln; Voraussetzung sind funktionierende basisdemokratische Institutionen (zum Beispiel Gemeindeversammlungen, Betriebsversammlungen und dergleichen), wo den Wählern der zu Wählende wirklich bekannt ist, wo sich ein permanenter und transparenter Prozeß der Information, Diskussion, Meinungsbildung vollzieht, Manipulation durch Wahlpropaganda daher entbehrlich ist.

Bei den Wahlen gemäß derzeitiger Demokratie werden hingegen Kandidaten nicht von unten nach oben gewählt; sondern von oben seitwärts aus der Kulisse undurchschaubarer Machtapparate dem Wähler vor die Nase geschoben und in einer Art Schönheitskonkurrenz schmackhaft gemacht. Ein solcher Kandidat fühlt sich realistischerweise nicht nach unten, seinen Wählern verantwortlich, sondern dem halben Dutzend parteipolitischer Mitbrüder, die ihn oben ausgewählt und auf einen Wahlzettel geschrieben haben.

Demgegenüber sollen, gemäß neulinker Theorie, die Vertreter in Gremien der direkten Demokratie gewählt, mit Aufträgen versehen, zur Rechenschaft verpflichtet und gegebenenfalls jederzeit abwählbar sein. „Klubzwang“ soll es nicht zwischen Abgeordneten und Parteizentrale geben, sondern zwischen dem Abgeordneten und seinen Wählern.

Dieses System der Rätedemokratie soll komplettiert werden durch Rotation: kein Delegierter darf mehr als eine bestimmte Zahl von Jahren in seinem Amt bleiben; Kumulierungsverbot: ein Mann, ein Amt; rigorose Einkommenskontrolle des Gewählten durch seine Wähler.

Statt der von ihr denunzierten politischen Scheindemokratie will die aufrührerische Jugend die totale Beseitigung des Oben und Unten in der Gesellschaft: die rätedemokratisch strukturierte Mitwirkung aller an der Herrschaft (Panarchie) ist die Freiheit von Herrschaft (Anarchie).

Der vielberufene Anarchismus der revoltierenden Jugend ist eine logische Folgerung aus ihrer radikalen Kritik an der westlichen Scheindemokratie wie auch der Scheindemokratie in den sogenannten „sozialistischen Staaten“. Erst später entdeckte die neue Linke die Klassiker des Anarchismus, insbesondere Bakunin; dessen Kritik am Marxismus, soweit dieser auf zentralistische, bürokratische, autoritäre Strukturen hinausläuft, liest sich heute als unheimliche Voraussicht des Stalinismus.

Die neue Linke akzeptiert in diesem Punkt die anarchistische Marxismuskritik. Zu den drei „M“, womit, vereinfachend, die ideologischen Ahnherren der Jugendrevolte gekennzeichnet werden: Marx, Mao, Marcuse, gehört als vierter Bakunin.

2. Ökonomische Revolution

Was die politische Scheindemokratie, sprich: Herrschaft der wenigen über die vielen, aufrechterhält, ist nach Meinung der aufrührerischen Jugend die ökonomische Herrschaft der wenigen über die vielen. Ohne Wirtschaftsdemokratie, sprich: gleiche Verfügungsgewalt aller Bürger über alle ökonomischen Produktionsmittel, kann es keine Demokratie geben.

Die wirtschaftlich Mächtigen bilden eine APO, die viel bedeutungsvoller ist als die so viel beredete, vorläufig in der politischen Realität meist ohnmächtige APO der revoltierenden Jugend: die Kapitalisten bilden eine außerparlamentarische Opposition, welche die Demokratie zur Farce macht.

Grundlage der scheinhaften politischen Demokratie ist die Manipulation der Wähler, Grundlage der Wählermanipulation private oder staatliche Wirtschaft, die hierfür die großen Mittel bereitstellt. Grundlage der Demokratisierung der Politik muß daher die Demokratisierung der Wirtschaft sein: die Umwandlung privater und staatlicher Wirtschaftsmacht in genossenschaftliche Produktion, bei der die Wirtschaftsbürger demokratisch, das heißt gleichberechtigt über den Einsatz der Mittel entscheiden und alle Entscheidungsprozesse in voller Transparenz, das heißt begleitet von parallelen Informationsprozessen vor sich gehen.

Die neue Linke hält die Beseitigung des Privat- und Staatskapitalismus für den Schlüssel zur Herstellung der politischen Demokratie und beides, Demokratisierung der Wirtschaft wie Demokratisierung der Politik, für eine primär humanistische Forderung: Beseitigung der Fremdbestimmung über den Menschen zugunsten der Selbstbestimmung.

In diesem Punkte ist die Jugendrevolte klassisch marxistisch im Sinne des jungen Marx und seiner Forderung nach Aufhebung menschlicher Selbstentfremdung durch gesellschaftliche, insbesondere auch ökonomische Revolution.

Neue Linke contra Materialismus

Im Zeichen des Kampfes gegen die Selbstentfremdung des Menschen macht die rebellierende Jugend Front gegen die Wohlstands-, Konsum-, und Leistungsgesellschaft.

Sie hält die reichliche Versorgung mit Konsumgütern für eine notwendige, aber primitive Sache, verglichen mit dem humanistischen Ideal der vollen Entfaltung des Menschen — wozu eine Fülle anderer, kultureller und geistiger Güter gehört, die in der Wohlstandsgesellschaft zu kurz kommen.

Sie hält eine Ordnung für barbarisch, in der ein Mensch ununterbrochen arbeiten muß, um solche Güter anzuschaffen, immer neue, immer unnützere.

Sie hält eine Wirtschaft für betrügerisch, die solche Güter so herstellt, daß sie möglichst rasch wieder kaputt sind.

Sie hält jene Werbemilliarden für verschleudertes Geld, mit denen dem Menschen immer wieder eingeredet wird, daß er braucht, was er nicht braucht.

Sie hält eine Ordnung für kriminell, die bescheidenen privaten Wohlstand erzeugt um den Preis öffentlicher Armut an Straßen, Verkehrsmitteln, Kindergärten, Schulen, Spitälern, Kultureinrichtungen jeder Art.

Diese aufrührerische Jugend ist radikal antimaterialistisch. Gegner des Sozialismus, die diesen ständig unter Anklage stellen, weil er angeblich materialistisch sei — und das heißt für sie meist: auf schnöde materielle Ziele gerichtet, statt auf hehre Ideale —, solche Gegner sollten zur Kenntnis nehmen, daß es zumindest bei dieser Form des Sozialismus, wie sie sich in der Jugendrevolte darbietet, genau umgekehrt ist: der Idealismus ist bei der aufrührerischen Jugend, der Materialismus bei der kapitalistischen Konsum-, Wohlstands-, Überflußgesellschaft.

Natürlich lassen sich geübte Sozialismusgegner dadurch nicht aus dem Konzept bringen insoweit der Sozialismus materielle Güter für Menschen will, die keine solchen Güter haben, ist er eben materialistisch, insoweit er gegen die materialistische Überflußgesellschaft ist, ist er eben utopisch.

3. Kulturrevolution

Um zum Sozialismus als herrschaftsfreier Gesellschaft zu gelangen, will die neue Linke die Kulturrevolution: Beseitigung der Widerspiegelung des Oben und Unten draußen in der Gesellschaft drinnen in den Köpfen. Wer vom Kindergarten bis zur Hochschule und in jeder sonstigen gesellschaftlichen Struktur, insbesondere auch am Arbeitsplatz, stets ein Oben und Unten vorgesetzt bekommt, kann kein Demokrat, das heißt selbsttätiger, selbstverantwortlicher Bürger sein.

Die schönsten rätedemokratischen Institutionen, die schönste genossenschaftlich organisierte Wirtschaft nutzen nichts, wenn die in ihnen involvierten Menschen ohne kritisches Bewußtsein tätig sind. Jegliche Institution für Abstimmung kann zur Ausmerzung der progressiven, zur Schilderhebung der reaktionären Kandidaten führen. Jegliche Institution der Selbstverwaltung kann das Gegenteil von Demokratie produzieren, wenn die Köpfe manipuliert sind; Erziehung ist daher die neulinke Schlüssefrage der politischen wie wirtschaftlichen Demokratie.

Die neue Linke will daher den radikalen Umbau des Bildungswesens im weitesten Sinn dieses Wortes: von der Familie aufwärts über Kindergarten, Pflichtschule, höhere Schulen, Hochschulen bis zur großen Schule der Erwachsenen: Zeitungen, Illustrierte, Rundfunk, Fernsehen, aber auch „wirkliche“ Kultur, Kunst jeglicher Art; aber auch Moral jeglicher Art. Überall dort werden — progressive Ausnahmen ausgenommen — die autoritäiren Oben-Unten-Strukturen, die draußen in der Gesellschaft herrschen, in den Köpfen reproduziert, so daß sie draußen sozusagen von selber halten, im Normalfall ohne viel Nachhilfe durch äußerlich sichtbare Polizeigewalt.

Herrschaft mittels Sexualmoral

Wer solche „Kulturrevolution“ will, rollt die Grundfrage auf: Wozu soll Kultur, soll Bildung gut sein — zur Erhaltung, Festigung, Verewigung bestehender Strukturen, oder zur permanenten Analyse, Kritik, Wandlung dieser Strukturen?

Die demokratische Antwort ist die zweite. Demokratie heißt permanente Wandlung, permanente Revolution.

Demokratie kann draußen in der Gesellschaft nicht vorhanden sein, wenn im Bildungswesen, zum Beispiel in den Schulen, autoritäre Strukturen unbefragt weitergepflanzt werden. Die Folge ist, draußen in der Gesellschaft, eine demokratisch verlarvte autoritäre Oligarchie, deren Bürger so folgsam sind, wie sie’s in der Schule gelernt haben.

Demgegenüber hält die neue Linke die radikale Infragestellung für einen Wert an sich: Nichts darf sich dem Tribunal kritischer Vernunft entziehen, das ist eine humanistische Konsequenz, eine Konsequenz menschlicher Würde.

Wenn das autoritäre Oben-Unten in den Köpfen zum Einsturz gebracht wird, ist es auch draußen in der Realität eigentlich schon dahin; selbst wenn es noch da ist, ist es bloßer, lächerlich gewordener Popanz.

Bewußtseinsrevolution ist daher die eigentliche neulinke Revolutionsform.

Die Gegner der neuen Linken — dieselben, die fragen: „Was wollen die eigentlich? Wir verstehen’s nicht“ — verstehen das in der Regel gut, nämlich instinktiv. Sie wehren sich dementsprechend gegen die Realisierung kritischen Bewußtseins, auch schon gegen die Forderung nach solchem Bewußtsein, als „Autoritätsverlust, Zersetzung aller Werte, alles niederreißen“.

Womit sie von ihrem Standpunkt aus völlig recht haben.

4. Sexuelle Revolution

Für die aufrührerische Jugend ist insbesondere die sexuelle Revolution ein Mittel zum Zerbrechen von Herrschaft.

Die geltende Sexualmoral erzeugt, da sie dauernd verletzt wird, dauernd schlechtes Gewissen und ungeheuerliche Heuchelei; wer dauernd schlechtes Gewissen hat, Heuchelei hinnimmt, selber heuchelt — der läßt sich leichter beherrschen, als wer frei und ehrlich sein kann.

Diese Jugend hat es satt, sich von Moralpredigern gängeln zu lassen, die mit Sicherheit vor der Predigt unmoralisch waren, nach der Predigt unmoralisch sein werden, ja während der Predigt unmoralisch sind, da sie oft nichts weiter fordern als Wahrung des Scheins, geziemende Heimlichkeit bei Verletzung dieses Scheins.

In der Psychoanalyse hat die „Jugendrevolte“ eine Waffe gefunden, mit der sich auf die Unterdrückung der Sexualität schießen läßt, aus dem Kriegsgrund, daß die sexuelle Unterdrückung ein direktes Mittel zur gesellschaftlichen Herrschaft sei.

Unterdrückte Sexualität erzeugt Angst; wer Angst hat, läßt sich leichter regieren. Unterdrückte Sexualität erzeugt Aggression; Aggressivität braucht man in der Leistungsgesellschaft, wo jeder möglichst viel arbeiten und seine Mitmenschen möglichst niederkonkurrenzieren soll; Aggressivität braucht man in der Wohlstandsgesellschaft, wo einer den anderen durch möglichst viele, möglichst neue, möglichst teure Konsumgüter übertrumpfen soll; Aggressivität braucht man, um die eigene Gesellschaftsordnung abzusichern durch Haß und Abneigung gegen andere Gesellschaftsordnungen, zum Beispiel sozialistische oder kommunistische.

Die aufrührerische Jugend läßt sich nicht abspeisen durch den ihr dargebotenen Happen der offenkundigen Enttabuierung der Sexualität in Literatur, Kunst, Film, Illustrierten, vor allem aber in der kommerziellen Werbung. Sie denunziert diese Enttabuierung als scheinhafte Freiheit mit hintergründigem Zweck; sexuelle Reize werden statt in sexuelle Praxis, welche vielmehr nach wie vor verpönt bleibt, umgesetzt in Kaufreize, Befriedigung durch Konsumgüter. Sexualität wird hier enttabuiert in jener Form, die in der kapitalistischen Gesellschaft die allein zulässige ist, nämlich als Ware, nicht aber als menschliche Beziehung, als Liebe.

Ideologischer Ahnherr der sexuellen Revolution der Jugend ist nicht Sigmund Freud in direkter Linie, sondern einer seiner Schüler, ein bis vor kurzem, außer für Kenner, längst verschollener Mann, der Wiener Psychoanalytiker Willi Reich. Er ging in den zwanziger Jahren zunächst von dem durchaus gemäßigten sozialdemokratischen Postulat aus, daß die teure psychoanalytische Behandlung auch für Minderbemittelte zugänglich sein müsse, und gründete mit Unterstützung des roten Wiens die Psychoanalytische Poliklinik. Er bekam dort ein ganz anderes Patientenmaterial als Freud, der es fast ausschließlich mit gehobenem Bürgertum zu tun hatte. Durch seine Patienten, „einfache“ Arbeiter und Angestellte, gelangte Reich zu seiner Theorie über die gesellschaftlichen Ursachen der Neurosen: eine Gesellschaftsordnung, die auf Unterdrückung beruhe, könne nicht auskommen ohne Unterdrückung auch der Sexualität; mehr noch: diese Unterdrückung sei, wegen der dadurch erzeugten Angst und Aggression, ein wesentliches Mittel der Herrschaft.

Therapie sei nicht eigentlich die individuelle wie bei Freud, der aus der Existenz der gesellschaftlichen Sexualtabus keine revolutionären, praktischen Konsequenzen zog, sondern es gehe um eine gesellschaftliche Therapie, um revolutionäre Beseitigung der Sexualtabus im Gleichschritt mit der sonstigen gesellschaftlichen Revolution.

In der Sowjetunion der zwanziger Jahre glaubte Reich eine Bestätigung seiner Theorie und Therapie zu finden. Er ging zum Kommunismus über und verließ diesen wieder, als die bald einsetzende extrem kleinbürgerlich spießerische stalinistische Reaktion ihm eine gewaltige Enttäuschung bereitete.

Die sexuelle Revolution der heutigen Jugend befindet sich hingegen noch in ihrer optimistischen Phase. Sie hat von den Theorien und Therapievorschlägen Reichs so viel in die Praxis jugendlichen Zusammenlebens umgesetzt, daß es vermutlich in diesem Punkt kein Zurück zum Gestern mehr gibt. Die Kluft zwischen den „Erwachsenen“ und der jungen Generation ist heute in vieler Hinsicht sehr groß; in Hinsicht der „Sexualmoral“ ist sie möglicherweise am größten.

Das wird Konsequenzen haben, die sich noch nicht absehen, aber schon ahnen lassen.

IV. Neue Linke als Bündnispartner der Dritten Welt kontra Imperialismus

Für diese revoltierende Jugend enthüllt sich die ganze Kriminalität der heimischen Wohlstandsgesellschaft erst im Blick über diese Gesellschaft hinaus. Diese Gesellschaft, die schon in sich eine grotesk verkehrte materialistische Wertskala hat, präsentiert sich nach außen als eine noch viel verkehrtere Welt. Sie stopft die Bäuche ihrer Bürger bis zur Herzverfettung und beläßt die übrigen zwei Drittel der Menschheit im Elend.

2/3 hungern, 1/3 ist christlich

Der Blick auf die dritte Welt steht genetisch am Anfang der neuen Linken: die früheste Studentenbewegung, die um 1964 einsetzende Bewegung an den amerikanischen Hochschulen, entzündete sich teils an den antiamerikanischen Massendemonstrationen der radikalen Studenten in Japan (von wo auch mancherlei Formen übernommen werden: zum Beispiel der Schlangentanz als spezieller „Marschtritt“ bei Demonstrationen); teils und noch viel mehr an der Bewegung gegen den Krieg in Vietnam, die sich im studentischen Milieu radikalisierte vom schlichten liberalpazifistischen Protest gegen den Krieg zur revolutionärmilitanten Sympathie für den Freiheitskampf in Vietnam. Daher der Leitmotivruf „Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh!“; der Name des Führers jenes Staates, gegen den der eigene Staat im faktischen Krieg steht, wurde zum Schibboleth der militanten Opposition gegen den eigenen Staat.

Eine dritte Wurzel der amerikanischen Studentenbewegung ist eine einheimische, die aber charakteristischerweise gleichfalls auf die dritte Welt bezogen ist: die Bewegung zur Befreiung der amerikanischen Neger; sie begann als von Weißen initiierte liberale Bürgerrechtsbewegung (von daher entliehen sind studentische Demonstrationsformen wie Sit-in, Go-in) und landete bei radikalen schwarzen Selbsthilfeorganisationen wie den „Black Panthers“, welche die Geschichte des amerikanischen Negers ideologisch-absichtsvoll nach Afrika zurückverfolgen und die Gesamtheit der Neger als unterdrückte Kolonie im kolonialistischen Mutterland USA betrachten, deren Befreiung folglich Teil der revolutionären Bewegung in der dritten Welt ist.

Die studentische Bewegung in den USA geriet auf ihre radikale Kritik am einheimischen kapitalistisch-demokratischen System durch eben jenen Blick auf die Schandtaten dieses Systems gegenüber der dritten Welt, einschließlich der dritten Welt daheim: Vietnamkrieg und Negerprobleme.

Dem amerikanischen Muster sind die späteren studentischen Bewegungen in Europa im wesentlichen gefolgt. Auch für sie erhält der im eigenen Land anscheinend zahm und zivilisiert gewordene Kapitalismus sein fortdauernd fratzenhaftes Gesicht im Blick auf die dritte Welt, die er mit Krieg überzieht, politisch und ökonomisch in Abhängigkeit hält oder halten will (Neokolonialismus).

„Entwicklungshilfe“ gilt der neuen Linken als ein Mittel zu solcher Abhängigkeit, ein gigantischer Schwindel, weil die Kapitalisten aus den „Entwicklungsländern“ viel mehr herausholen, als sie hineinstecken. Sie „helfen“ durch Kredite, deren Folge ein mörderischer Zinsendienst und folglich die totale Schuldknechtschaft ist; sie investieren in Industrien, aber führen ihre hohe Kapitalrendite (niedere Löhne, billige Rohstoffe, wenig Steuern) aus den „Entwicklungsländern“ wieder aus; sie zahlen immer niedrigere Rohstoffpreise; sie zwingen den „Entwicklungsländern“ für diese ungünstige, für sie selbst aber gewinnbringende ökonomische Strukturen auf; sie erklären, daß die Investition von Privatkapital Ruhe und Ordnung voraussetzt, unterstützen daher einheimische Diktaturen, unterdrücken einheimische Revolutionen. Mit dem Gesamterfolg, daß, um es mit den klassischen Worten des Papstes zu sagen, die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer werden. Zwei Drittel der Welt hungern, ein Drittel der Welt ist christlich.

Die revoltierende Jugend hält für wirkliche Entwicklungshilfe nur: Sturz der dem Kapitalismus dienstbaren Regimes in der dritten Welt, im wesentlichen aus eigener Kraft der Völker dieser Welt; Beispiele: China, Kuba, Vietnam; und Sturz des Kapitalismus in den Industrieländern selbst, so daß diese, an Stelle von Ausbeutung unter dem Tarnnamen „Entwicklungshilfe“, echte Hilfe leisten können.

Umgekehrt erwartet sich die neue Linke für diesen Sturz des einheimischen Kapitalismus die Hilfe der Völker der dritten Welt: die Allianz mit deren Revolution soll der minoritären und auch sonst real ohnmächtigen „Jugendrevolte“ die fehlende Massenbasis bringen.

Prinzipiell scheint die Allianz mit dem heimischen Proletariat der Industrieländer naheliegender als mit dem „äußeren Proletariat“ der dritten Welt. Aber das heimische Proletariat ist keines mehr oder wünscht keines mehr zu sein: erfolgreich manipuliert vom Spätkapitalismus, fühlt es sich nicht mehr als Proletariat.

Das „äußere Proletariat“ lebt unter den klassischen Marxschen Bedingungen: zum Druck des Elends tritt immer mehr die Verstärkung durch das Bewußtsein dieses Drucks. Nichts dergleichen daheim. Die Revolution wurde, meint die neue Linke, vom heimischen Proletariat um ein Linsengericht verkauft an den Kapitalismus und seinen Juniorpartner, die Sozialdemokratie.

Von daher: minoritäre Ohnmacht daheim, Zorn und Scham über die gänzlich unrevolutionäre Haltung der heimischen Arbeiterklasse, erklärt sich der schwärmerische Blick der revoltierenden Jugend auf die dritte Welt. Dort sind die revolutionären Massen, die erfolgreichen Revolutionen, die großen Revolutionäre, dort daher die großen Vorbilder: Mao, Castro, Che, Ho. Die revoltierende Jugend Europas und Amerikas fühlt sich in gewissem Sinn als Avantgarde der künftigen globalen Revolution, die in der Dritten Welt ausgebrütet wird. Zum erstenmal in der Geschichte des sogenannten „Abendlandes“ liegen die geistigen und gesellschaftlichen Bewegungszentren außerhalb.

Was macht Mao überm Bett?

Wenn die Gegner des Sozialismus, einschließlich blaßrosa gewordener Sozialdemokraten, von diesem weltgeschichtlichen Prozeß, der sich da abzeichnet, nichts weiter mitkriegen, als daß ihre eigenen Kinder rätselhafterweise „Ho-Ho-Tschi-Minh“ schreien und über ihrem Bettchen Mao hängen haben, so beweist dies die Begriffsstutzigkeit und Phantasielosigkeit, welche seit je das Kennzeichen zum Untergang bestimmter Systeme war.

V. Schlußbemerkung

Nach all dem jahrelangen Gezeter, daß die Jugend keinen Idealismus habe, hat man nun eine Jugend, die für hohe Ideale leidenschaftlich kämpft: eine neue und menschlichere Gesellschaft will, über die Grenzen hinausblickt auf die ganze Welt, bereit ist für ihre Ideale allerhand auf sich zu nehmen: zum Beispiel Relegierung von den Hochschulen, Brutalisierung durch die Polizei. Und nun erfüllt gerade diese idealistische Jugend die erwachsene Generation mit Angst und Schrecken. Diese Jugend ist dementsprechend Verleumdung ausgesetzt, die ihresgleichen sucht. Und ihresgleichen findet man erst im Blick auf den Faschismus: hieß es damals „Die Juden sind an allem schuld“, so heute „Die Studenten sind an allem schuld“.

Was die „Erwachsenen“ an dieser Jugend insbesondere ängstigt und schreckt, ist das Bekenntnis zu einem Ideal, das in der Zukunft liegt, das heißt zur Utopie — nicht zu einer romantischen, romanhaften, illusionären Utopie, sondern zu einer realen: die gegenwärtige Ordnung der Gesellschaft kann beseitigt werden, eine zukünftige bessere Ordnung ist möglich — die wissenschaftlichen, technischen, ökonomischen Voraussetzungen dafür sind heute schon vorhanden.

Erstmals in der Geschichte der Menschheit könnte eine Utopie, in menschenmöglicher Annäherung, Wirklichkeit werden.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1969
, Seite 609
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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