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Josef Dvorak

Ausm Paradies geprügelt

Alice Millers Antipädagogik

Alice Miller: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst, 182 Seiten, DM 19,80, öS 150,50.
Am Anfang war Erziehung, 322 Seiten, DM 28, öS 213.
Du sollst nicht merken. Variationen über das Paradies-Thema, 392 Seiten, DM 34, öS 258,50.
Erschienen 1979-1981 im Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main.

Die Welt dreht sich um mich

»Narzißmus« heißt das psychologische Modewort unserer Zeit. Man spricht von ihm als von einem »neuen Sozialisationstypus«, der sich infolge von Erziehungsfehlern in der frühesten Kindheit immer mehr ausbreitet. Diese Fehler, vor allem durch mangelnde Liebeszuwendung der Mutter zum Kind, werden aus den Besonderheiten unserer Zivilisation (besonders der Arbeitswelt) erklärt, die eine echte Liebeszuwendung erschwert. »Narzißmus« ist also Anpassung an eine wenig liebevolle Umwelt und Versuch, das zu kompensieren.

Der Begriff stammt von dem Freud-Schüler Otto Rank, der von »Narzißismus« sprach und Eitelkeit meinte. Von Freud übernommen, bedeutet »Narzißmus« primäre Auto-Erotik und sekundäre Rückwendung der Libido zur eigenen Person. Freud (in »Zur Einführung des Narzißmus«, 1914) verwendete das Bild vom Ich als Protoplasma-Tierchen, das seine libidinösen »Pseudopodien« ausstrecken und auch wieder in sich zurückziehen kann. Die Liebesobjekte des einzelnen (so schon das erste Objekt: die nährende Mutterbrust) sind dann nichts anderes als abgetrennte, »nach außen« verlegte Teile des ursprünglich nur sich selbst liebenden »omnipotenten« Subjekts (das zur Vermeidung von Verwechslungen mit dem Ich als Instanz zwischen Es und Überich heute »Selbst« genannt wird).

Freudschüler Otto Rank: Eitelkeit

Die Abtrennung der Liebesobjekte ist nach dem Freudschen Bild von der Realität gefordert, deren Repräsentant das Ich (im zweiten Sinn) ist. Es besteht somit eine aggressive Spannung zwischen Ich und Selbst, das Ich muß das Selbst gleichsam zur Objektliebe zwingen. Wird die Frustration zu stark, so geraten die libidinösen Objektbesetzungen in Gefahr, die Person bezieht sich in krankhafter Weise immer mehr auf sich selbst.

Das Freudsche Bild ist nie unbestritten gewesen. Alfred Adler hatte schon 1908 neben dem Aggressionstrieb (= Geltungsstreben = Streben nach Vollendung) ein ursprüngliches Zärtlichkeitsbedürfnis (= Gemeinschaftsgefühl) postuliert und klargelegt, daß erst die Frustration des kindlichen Suchens nach zärtlichem Kontakt die Rückwendung zur Eigenliebe bewirkt.

Freudschüler Alfred Adler: Gemeinschaftsgefühl

Auch für den Freud-Schüler Sandor Ferenczi und dessen Schüler Michael Balint ist nicht der Egoismus der Amöbe, sondern »Liebe« primär. Gemeint ist eine Vorform der Objektbeziehung, die Balint als »harmonisch verschränkte Vermischung« von Mutter und Kind beschrieb. Andererseits gibt es doch einen »gesunden Narzißmus«, eine Selbstliebe und Selbstachtung, die man sich selbst und dem andern zubilligen muß. Nur ist dann die Frage, ob hier Freudsche Termini wie »libidinöse Besetzung« noch zutreffend sind.

Sigmund Freud (rechts) mit Hauptmann Sandor Ferenczi (1917)

Eine neue Narzißmus-Theorie schien also notwendig, und die hat der kürzlich verstorbene Psychoanalytiker Heinz Kohut in zwei bei Suhrkamp erschienenen Werken (»Narzißmus«, 1973, und »Heilung des Selbst«, 1979) auszuarbeiten versucht. Kohut wollte dem Narzißmus das Odium des Krankhaften nehmen, indem er dessen »Umformungen« (analog den Freudschen »Sublimierungen« der Libido) positiv hervorhob: Kreativität, Empathie, Humor, Weisheit und »kosmischer Narzißmus«, der schon sehr an das religiöse »kosmische Bewußtsein« erinnert.

In Verteidigung des Kindes

Alice Miller geht in ihren drei ebenfalls bei Suhrkamp erschienenen Büchern über derartige Revisionsversuche noch weit hinaus, woraus sich eine gewisse Zurückhaltung psychoanalytischer Kreise ihren Theorien gegenüber erklärt.

Im »Drama des begabten Kindes« (gemeint ist das sensible Kind) verteidigt sie den »gesunden Narzißmus«, den sie als »freien Zugang zur eigenen, in der Kindheit wurzelnden Gefühlswelt« bezeichnet. Dieser Zugang ist bei vielen Menschen gestört, weil sie sich schon in frühen Kindertagen den Wünschen ihrer EItern anpassen, die vitale Gefühlsäußerungen nicht mögen. Dadurch geht die »Welt der Gefühle« oft sehr weitreichend verloren, der Mensch wird zwar brav und an die Gesellschaft angepaßt, deren Agenten die bereits angepaßten Eltern sind, aber er schlittert in die bekannten narzißtischen Störungen hinein: Depressionen und Größenwahn. Außerdem überträgt der durch seine Eltern emotional verunsicherte und verarmte Mensch seine Anpassung auf seine Kinder usf.

Alice Miller verwendet zur Erklärung dieser Vorgänge den Begriff des »Selbst« unter ausdrücklicher Bezugnahme auf den Psychoanalytiker Winnicott. Eigentlich (ich benütze hier Herbert Steins Zusammenstellungen zur Selbstpsychologie) stammt der Terminus ja aus der indischen Philosophie. Hier meint »Atman« zunächst den im Individuum als Atem und Leib vorhandenen Teil des gewaltigen Feuerstroms (»Brahman«), der das ganze Weltall durchdringt und beherrscht. Stein assoziiert dazu das spirituelle Feuer, den Feuerstrom der Kundalini-Schlange, die sich von den Genitalien das Rückenmark entlang bis ins Gehirn »aufrollt« und dort den Blitz der Erleuchtung erzeugt, und den »Wärmestrom« Ernst Blochs, das revolutionäre »Befeuern« durch utopische Ideale.

Mir fällt dazu noch die alte Religion der Gnosis ein, deren Anliegen es war, das akosmische »unvergleichliche Selbst«, den Lichtfunken, Samen, den Wesenskern des Menschen aus den Seele und Körper beherrschenden kosmischen (heute würde man sagen: gesellschaftlichen) Zwängen zu befreien. Auch Winnicott unterscheidet — wie die gnostischen Dualisten — ein »wahres Selbst« (true self, real self, central self) von einem »falschen« (false self), und Alice Miller folgt ihm darin.

Sie schreibt, das wahre Selbst befinde sich im falschen »in Isolierhaft«. Das falsche Selbst ist sozusagen der nach außen gewendete Teil, die angepaßte Schale des Selbst, unter der der Kern verkümmern und absterben kann — was sich sehr konkret äußert: in einem Gefühl innerer Leere, also in einem leidvollen Fehlen von Gefühlen.

Weiße und schwarze Pädagogik

»Am Anfang war Erziehung«, schwarze Pädagogik und Pädagogie, behauptet Alice Miller. Dressur, Demütigungen, Mißhandlungen, sexuelle Verführung, ja schon der »verachtende Blick«, mit dem Säuglinge bedacht werden, unterdrücken »das Lebendige« (ein von Nietzsche her bekannter Begriff), spalten ungewünschte Teile des Selbst ab, projizieren sie nach außen, wo sie dann mit jener Grausamkeit bekämpft werden, mit der man die mißliebigen Gefühlsimpulse des Kindes niedergeknüppelt hatte. Unter diesem Aspekt erscheint die oben skizzierte Amöben-Theorie Sigmund Freuds geradezu pervers.

Rangordnung und Macht, das Diktat des Stärkeren — das sind, sagt Alice Miller, »die heiligen Werte der Erziehung«. Und die »weiße« unterscheidet sich von der »schwarzen Pädagogik« nur dadurch, daß sie »sanfte Gewalt« bevorzugt. »Die Erzieher, nicht die Kinder, brauchen Pädagogik.« Jede Erziehung, auch die »antiautoritäre«, ist manipulatorisch, und stellt einen Selbstbefreiungsversuch der Erwachsenen dar — auf Kosten der Kinder.

Alice Miller führt zum Beweis für ihre Thesen das Schicksal des Kindermörders Jürgen Bartsch an, die Kinder vom Berliner Bahnhof Zoo, eine ganze Reihe literatischer Texte (Peter Handke, Paul Klee, Brigitte Schwaiger, Karin Struck), sowie Reden und Wirken von Nazi-Bonzen (Rudolf Heß, Heinrich Himmler, Adolf Hitler).

So hatte der »Berufserzieher Himmler« sein Leben lang gegen seine eigene (angebliche) »Schwächlichkeit« zu kämpfen, gegen die er jene »pflichtbewußte«s Härte mobilisierte, mit der die »Endlösung« durchgeführt wurde.

Hitler als Opfer

Adolf Hitler ist als Kleinkind das Opfer seines »Herrn Vaters« gewesen, der dem Söhnchen gutes Benehmen »wie einem Hund« eingeprügelt hat. Adolfs Mutter Klara bangte um das Leben des Kleinen, war jedoch von der Übermacht des »Onkel Alois« (wie sie ihren späteren Mann immer noch nannte) masochistisch fasziniert. Daneben gab es im Haushalt noch eine Tante, die sich dieser grausamen Umwelt durch Flucht in die Schizophrenie entzogen hatte, auf diese Weise überleben konnte, aber das Kind ängstigte.

Hitlers Holocaust wird von Alice Miller als Rachefeldzug gegen Vater Alois interpretiert (von dem der »Führer« nicht ganz sicher war, ob er nicht ein Halbjude gewesen ist), ebenso die merkwürdige Zerstörung der Gräber von Hitlers Vorfahren im Waldviertler Döllersheim: Eine der ersten Amtshandlungen Adolf Hitlers nach dem »Anschluß« Österreichs 1938 bestand ja darin, hier einen Truppenübungsplatz anzulegen, der noch heute verwendet wird. Auch das Geisteskranken-Euthanasie-Programm der Nazis soll mit Adolfs Tante zusammenhängen ...

Alice Miller führt Helmn Stierlins Theorien (Helm Stierlin, Adolf Hitler. Familienperspektiven, Suhrkamp-Taschenbuch 236) weiter: Hitlers »Herr Vater« verfolgte den »Führer« als Gespenst bis in die Träume hinein. Der Kampf dagegen (i.e. gegen die »Juden«) tobte jedoch auf der Symbolebene, d.h. im Wahnsystem, konnte nie zur Erkenntnis des wirklichen realen Gegners in der Kindheit vorstoßen — Adolf blieb immer an das eingebleute autoritäre Wertsystem fixiert. In der Realität führte dieser symbolische Kampf zu einer Eskalation des Verbrechens, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen, und die erst zu Ende war nachdem sich Adolf Hitler selbst umgebracht hatte, wobei er in seinem Testament die Weiterführung der Judenausrottung befahl.

Schon Helm Stierlin hat festgestellt, daß Adolf Hitler wie ein »Delegierter« der Mutter gegen den Vater agierte (ein Mechanismus, der sich heute bei den Neonazis wiederholt). Alice Miller ergänzt diese Sicht: Er spielte auch sein Leben lang die Rolle seines Vaters, dessen Verhalten und Gestik er unbewußt karikierte und parodierte (siehe Chaplins Film »Der Diktator«), und befriedigte sich sichtlich daran, daß sich die »dumme Masse« vor allem der deutschen Frauen, so wie einst Mutter Klara, solchen Lächerlichkeiten ekstatisch unterwarf.

Die Begeisterung der Massen hatte eben darin ihren Grund, daß einer so auftrat wie der tobende und Unsinn brüllende eigene Vater, eine unvernünftige repressive Moral verkündete, aber für die Wutreaktion ein Ventil und dem bedrohten Selbstwertgefühl einen Ausweg bot: die Vernichtung »andersrassiger«, fremder »Untermenschen«.

Daß sich auch Intellektuelle wie Martin Heidegger dem Sog dieses Zaubers nicht entziehen konnten, zeigt, so Alice Miller, daß Vernunft allein nichts gegen unsere Konditionierung durch Erziehung ausrichten kann. Auch »die Hoffnung, daß es auf die Dauer gelingen sollte, den nuklearen Untergang der Menschheit mit Hilfe von vernünftigen Abkommen abzuwenden, entspricht im Grunde einem irrationalen Wunschdenken und widerspricht jeglicher Erfahrung«.

Es besteht weiterhin große Wahrscheinlichkeit, daß die vielen einzelnen Kindheitsdramen auf weltpolitischer Ebene wiederholt und ausagiert werden. Auf dieser sadomasochistischen Suche nach dem auch in der Kindheit nicht erlebten Paradies erbaut sich die Menschheit eine Hölle. Das ist Alice Millers Revision des Freudschen Todestriebs.

Freuds Kapitulation

Welche Heilmittel hat Alice Miller nach diesen betrüblichen Ausblicken anzubieten? Kann, wenn schon Erziehung nichts nützt, sondern nur schadet, etwa die Psychoanalyse zur Rettung der Menschheit aufgeboten werden?

Das scheint zweifelhaft. Denn nach Alice Miller (in »Du sollst nicht merken«) ist auch die Psychoanalyse Sigmund Freuds voll in das Werk der Erzieher eingespannt, im Kind »so früh wie möglich das Gefühl der eigenen Schuld und Schlechtigkeit zu wecken und damit seinen Blick und den Sinn für das, was man ihm angetan hat, zu trüben. So kann die in unserer Gesellschaft voll legalisierte Opferung des Kindes verschleiert werden« (aus dem Klappentext des Buches).

Alice Miller führt dies auf Freuds eigene Kapitulation vor der Welt der Erwachsenen zurück, auf den 1897 erfolgten Widerruf von Freud-Breuers ursprünglicher Trauma-Theorie, d.h. der Behauptung, daß der Hysterie eine sexuelle Verführung des Kindes durch sehr nahe Verwandte, vor allem den Vater zugrunde liege. Freud entdeckte, daß sich in der Analyse Erinnerungen nicht von Phantasien unterscheiden lassen ...

Alice Miller will nun wieder zu der alten Theorie des sexuellen Mißbrauchs zurückkehren, und wendet sich entschieden gegen Freuds Postulierung einer polymorph-perversen »infantilen Sexualität« (aus der kindliche Inzestphantasien abgeleitet werden) und eines »Ödipus-Komplexes«. (Daß der meist nur einem tieferen gegenläufigen, den sogenannten Laios-Komplex verdeckt — nicht der Sohn ist schuldig, sondern Vater Laios trachtet seinem Sohn Ödipus nach dem Leben — ist bekannt.)

Diese Revision Freuds wirkt etwas abenteuerlich, besonders wenn man bei Miller liest, daß etwa Wilhelm Reichs sexualrevolutionäre Lehre für den heutigen Babystrich verantwortlich ist, eine Erscheinung, die Reich nicht gebilligt hätte.

Der Widerruf der Trauma-Theorie (1897) fiel in die Zeit zwischen 1894 und 1902, in der Sigmund Freud eine »schöpferische Krankheit« durchlebte (der Ausdruck stammt von dem Historiker des Unbewußten Henry F. Ellenberger), eine schwere Sinnkrise, in der er grundlegende Werke schrieb, seine Träume deutete, sich selbst analysierte und sich im Interesse seiner Familie sozial neu anpaßte. Es entstand dabei die geniale Kompromißbildung »Psychoanalyse«, eine neue Welt, die dem Geltungsbedürfnis des sonst vielleicht nicht allzu chancenreichen jüdisch-liberalen Intellektuellen Freud inmitten einer antisemitischen Umwelt gerecht werden konnte.

Revolution — ein falscher Traum?

Freud hat seiner Traumdeutung ein Motto aus Vergil vorangestellt: »Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo« (»Wenn ich die Mächtigen nicht beugen kann, will ich die Unterwelt bewegen«). Der Vers hat soziale und politische Implikationen: er kommt auch in einem Pamphlet von Ferdinand Lassalle aus dem Jahr 1859 vor (Freud hat Lassalles Text wahrscheinlich gekannt — siehe: Carl E. Schorske, Fin-de-Siècle Vienna — Politics and Culture). Bei Lassalle geht es dabei um die deutsche Einheit, und die Drohung mit dem Volk, falls diese von den Herrschenden nicht hergestellt wird. Bei Vergil sind die »Unterirdischen« eine Schar zorniger Frauen, angeführt von einer Furie, einer »Hysterica«.

Zu Freuds Anpassungsleistung scheint es nun zu gehören, die in seinen Träumen auftauchenden Wünsche konsequent in die ungefährlichere Richtung umzudeuten. So werden politische Anspielungen revolutionärer Art als Ausdruck infantiler ödipaler Regungen interpretiert.

Die »psychische Realität«, schreibt Freud in der Traumdeutung, darf mit der »materiellen« nicht verwechselt werden: »Jedenfalls hatte der römische Kaiser unrecht, welcher einen Untertanen hinrichten ließ, weil dieser geträumt hatte, daß er den Imperator ermordet. Er hätte sich zuerst darum bekümmern sollen, was dieser Traum bedeutete; sehr wahrscheinlich war es nicht dasselbe, was er zur Schau trug.«

Nun erst gelingt es Freud, die Stadt Rom (für ihn ein Autoritätssymbol) zu betreten (vorher hatte er unüberwindliche Hemmungen), und am 11. März 1902 ergeht an Freund Fließ in Berlin der bekannte hypomane Brief über die Ernennung zum Professor: »Die Teilnahme der Bevölkerung ist sehr groß. Es regnet auch jetzt schon Glückwünsche und Blumenspenden, als sei die Rolle der Sexualität plötzlich von Sr. Majestät amtlich anerkannt, die Bedeutung des Traumes vom Ministerrat bestätigt, und die Notwendigkeit einer psychoanalytischen Therapie der Hysterie mit ⅔-Majorität im Parlament durchgedrungen.« Sigmund Freud gehört von nun an zu den Vätern ...

Sigmund Freud (links) und Wilhelm Fließ (um 1890): Rebell wird Vater

Das sinnliche Kind

So scheint Alice Millers Vorwurf gegen Freud, historisch gesehen, etwas für sich zu haben. Sigmund Freud hat seine Behauptungen über die infantile Sexualität bekanntlich nicht aus dem Ärmel gezogen. Sie stammen von dem ungarischen Pädiater Lindner, der 1879 im »Jahrbuch für Kinderheilkunde und physische Erziehung« eine Studie veröffentlicht hatte: »Das Saugen an den Fingern, Lippen etc. bei den Kindern (Ludeln).«

In der Studie ist eine Zeichnung abgebildet. Sie zeigt ein kleines Mädchen, das sein Kleidchen vorne hochgehoben hat. Der Zeigefinger der linken Hand steckt in den unbehaarten Geschlechtsteilen, wähtend das Kind zugleich am Daumen der rechten Hand lutscht. Eine instruktive Darstellung einer Verbindung von Oralität mit Sexualität!

Freuds Quelle für Kindersex:
Abbildung aus dem Aufsatz des ungarischen Kinderarztes S. Lindner (1879)

Alice Miller möchte »infantile Sexualität« vor allem als »Interesse am eigenen Körper und am eigenen Selbst« (was sie »Autoerotik« nennt) akzeptieren, als »gesunde Neugier« (auch was die »Urszene« betrifft), Freude an der »Manipulierbarkeit« des Genitals und »Heftigkeit der sinnlichen Erlebnisse (auch oraler und analer) im Kindesalter«. Daneben führt sie negative Phänomene wie Eifersucht, Neid und Angst an, und betont, daß die Verknüpfung des oralen und analen Bereiches »mit sexuellen Sensationen an das Kind von außen herangetragen wird«.

Dieses von »außen« Herantragen ist es, was Alice Miller den antiautoritären Erziehern (in den Kommunen) und neulinken Psychotherapeuten in der Nachfolge Wilhelm Reichs vorwirft.

Sie kritisiert aber auch die (wohl eher in der »normalen« Erziehung anzutreffende) Reinlichkeitsdressur, »die zu sog. analen Fixierungen« führt, und »mehr von der Entmachtung des Kindes als von triebhaft-sinnlichen Wünschen« erzählt, sowie »die ständige Ausrichtung auf die Wünsche der Erwachsenen, die in ihrer negativen Form auch im Trotz zu finden ist, und die volle Bereitschaft, sie zu beantworten«.

Otto Groß als Vorläufer

Es würde Alice Miller vielleicht erstaunen, daß ein Großteil ihrer Ansichten beinahe wortwörtlich mit den Theorien des ersten Exponenten einer sexualrevolutionären Psychoanalyse übereinstimmt, nämlich mit denen von Otto Groß (den sie nie zitiert, also vermutlich nicht kennt).

Was Alice Miller »wahres und falsches Selbst« nennt, heißt bei Groß »das Eigene und das Fremde«. Auch Otto Groß hat Freuds Postulat einer polymorph-perversen Sexualität des Kindes verworfen, und behauptet, die sogenannte »infantile Sexualität« bestehe in Wahrheit in einem seelisch-körperlichen Kontaktbedürfnis, einem Zärtlichkeitsbedürfnis, das wohl zu unterscheiden sei von der Sexualität Erwachsener, die überdies noch »sekundär« in einem sadomasochistisch verformten, gewalttätigen Sinn ist, als Ergebnis der Erziehung.

Otto Groß (1877—1920),
ein Vorläufer von Alice Millers radikaler Psychoanalyse

Otto Groß sprach von »Übertragung sexueller Triebenergie auf etwas seinem Wesen nach nicht Sexuelles«, und nahm an, »daß jede wirkliche Perversion« (also auch die infantile sogenannte polymorphe) »wie im letzten Grunde jede seelische Störung« die Folge »der auf jedes Kind und jeden Menschen überhaupt einwirkenden, im großen und ganzen gleichgerichteten Schädlichkeiten, der universell umgebenden, naturwidrigen Familien- und Milieusuggestion« ist (Otto Groß, Über Konflikt und Beziehung).

In seiner Studie über »Einsamkeit« hob Otto Groß hervor: »Das absolute kindliche Kontaktbedürfnis wird von der Umgebung als Zwangsmittel der Erziehung verwendet und die Erlösung von der Einsamkeit wird an die Bedingung des Gehorsams, der Anpassung, des Verzichts auf eigenen Willen und eigene Art gebunden. Das ist der konsequente und schreckliche Hertschaftsantritt der Autorität über das einzelne Leben.«

Und Otto Groß fährt fort: »Die Absolutheit des Kontaktbedürfnisses im Kinde macht die Erfüllung jeder für die Gewährung von Kontakt gestellten Bedingung unvermeidlich; sie ist identisch mit der Unfähigkeit des Kindesalters zum Widerstand gegen Suggestionen, ... und wirkt als Prädisposition zum pathogenen inneren Konflikt, der aus der Unvereinbarkeit des Wesensfremden mit dem Eigenen hervorwächst. An seinem Anfang steht die Unwiderstehlichkeit des äußeren Zwanges durch die vollkommene Unmöglichkeit des Verzichtens auf Liebe. So wird im Kinde das Bewußtsein der völligen Ohmacht geschaffen und eine nicht mehr schwindende Erinnerung daran, daß diese Ohnmacht von der Beziehung abhängig war ...«

Groß spricht in diesem Zusammenhang sogar von einem »psychischen Trauma, entstanden durch den Geist der bestehenden Ordnung«.

Otto Groß war ebenso wie Alice Miller Antipädagoge. So forderte er: »Dem Kind muß Liebe bedingungslos gegeben werden, befreit von jeden auch nur scheinbaren Forderungen welcher Art immer, als reines Bejahen der Individualität um ihres Eigenwertes willen und jeder keimenden Eigenart.«

Ganz wild aufwachsen?

Der Freud-Schüler Sandor Ferenczi, der selbst stets die Wichtigkeit von zärtlicher Liebe betont hat, wandte in einer Rezension des posthumen Werkes von Otto Groß dagegen ein: »Dieser idealen Forderung wird wohl nie entsprochen werden können; unseres Erachtens sollte man sich mit dem — immerhin möglicheren — Anspruch an die Kindererziehung begnügen, daß man hier das Minimum an Forderungen mit dem Maximum an individueller Freiheit zu verknüpfen trachte. Doch gilt auch dies nur für die allerersten Kinderjahre; in den späteren muß der Erzieher sich damit begnügen, Mittel und Wege zu suchen, seine Forderungen durchzusetzen, ohne dem Kinde unheilbare seelische Wunden zu schlagen.«

Auch Alice Miller will nicht, daß »das Kind ganz wild aufwachsen« soll (in: Am Anfang war Erziehung). Aber ihre Formulierung gefällt mir besser als die Sandor Ferenczis. Sie schreibt nämlich: Was das Kind »für seine Entfaltung braucht, ist der Respekt seiner Bezugspersonen, die Toleranz für seine Gefühle, die Sensibilität für seine Bedürfnisse und Kränkungen, die Echtheit seiner Eltern, deren eigene Freiheit — und nicht erzieherische Überlegungen — dem Kind natürliche Grenzen setzt.«

Ich erinnere mich dabei an jenen schönen Bericht der amerikanischen Schriftstellerin Jean Liedloff, die im Dschungel Venezuelas zweieinhalb Jahre bei den Yequana-Indianern gelebt hat, um die Ursachen für das glückliche und harmonische Zusammenleben dieses Stammes zu ergründen (Jean Liedloff, Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit, München 1980). Liedloff berichtet von einem empathischen »Kontinuum«, in dem die Kinder von den Erwachsenen, beginnend mit der Mutter, gehalten werden (das Kontinuum entspricht Balints »primärer Liebe« in einem sozialen Kontext).

Zunächst ist der Säugling in ständigem Kontakt mit dem Körper seiner Pflegeperson. Wenn es älter wird, läuft, rennt, spielt das Kind, und »niemand schränkt seine enorme Aktivität ein«. Es wird ja von selbst müde, und kehrt dann zur Mutter, oder wenn es noch älter ist, ins Bett zurück. Das Yequana-Baby schläft mit den Eltern im selben Bett, es ist auch beim Geschlechtsverkehr der Eltern anwesend, die das Kind jedoch dabei nicht erschrecken.

Weise Indianer

Die Mutter erzieht nicht eigentlich, sondern steht »zur Verfügung«. Die Wünsche des Babys erfüllt die Mutter »vollständig und bereitwillig, aber sie fügt nichts hinzu«. »Der Beifall seines Vaters macht sich bemerkbar, wann immer« das Kind »es verdient; die Liebe seiner Mutter ist bedingungslos«.

Im Laufe der Zeit wächst das Kind von selbst immer mehr in das Gemeinschaftsleben des Stammes hinein, der ihm selbstverständlich Liebe und Geborgenheit gibt, wenn es dessen bedürftig ist. Aber es gibt kein Fordern, kein sich Aufdrängen.

Gibt es für uns Wege, wieder zu dieser instinktiv richtigen Liebe und Solidarität zu gelangen? Jean Liedloff macht Vorschläge zur Kinderaufzucht und zur Psychotherapie (Encounter-Techniken), die heute in Schwangerengruppen, Elterngruppen und Wohngemeinschaften zum Teil bereits befolgt werden (die amerikanische Ausgabe von Liedloffs Buch erschien schon 1977).

Otto Groß, der nicht nur Antipädagoge, sondern auch Antipsychiater war, hatte zwar die psychoanalytische Assoziationsmethode angewandt, um die Traumata (er nannte sie »konstellierte Komplexe«) einzukreisen, aber er war ein Gegner der »Übertragung« und versuchte, so bald wie möglich die Übertragungsneurose durch das Anknüpfen einer realen Beziehung (mit Sexualkontakt) zu beenden. Auch setzte er psychische Schocks wie Rauschgift- und Sexualorgien ein (letztere zwar »eher mental«, wie mir Harald Szeemann schrieb), die heute mit Recht als unseriös gelten.

Alice Miller beharrt auf der Assoziationstechnik, betont den Wert der Übertragungssituation und der Abstinenzregel. Das analytische Setting ermögliche »die Inszenierung des Kindheitsdramas in der Übertragung und das Einsetzen eines Reifungsprozesses, der in der Neurose blockiert war«, schreibt sie in »Du sollst nicht merken«.

Auf seiten des Kindes

Im Rahmen der Behandlung ist der Analytiker eine »begleitende Person, ein Anwalt«, der dem Klienten »den Durchbruch zur eigenen Realität und zur Trauer ermöglicht« und sich in der Auseinandersetzung mit den in der Kindheit wichtig gewesenen Personen »stellvertretend gebrauchen und verwenden« läßt. So kann z.B. der Analytiker zunächst in die Position des Kindes versetzt werden, das vom Klienten so bedroht wird, »wie man es mit ihm als Kind gemacht hat, ohne daß er dies erinnern kann«.

Alice Miller distanziert sich »von der unbewußten Identifizierung mit dem Erzieher« und geht »eine bewußte Identifizierung mit dem stummen Kind im Patienten ein«. Es sollen die frühkindlichen Traumata artikulierbar werden, und zu diesem Zweck muß dem Patienten geholfen werden »seine verlorene Fähigkeit zu fühlen wiederzugewinnen, denn nur auf dem Wege der Gefühle kann er seine Wahrheit finden«. Gefühle aus verschiedenen Stadien der Kindheit tauchen auf: Angst vor Objektverlust, vor Ablehnung und Isolierung, Gefühle der Ohnmacht, der Wut und des Ausgeliefertseins an das geliebte Objekt, die »vom Schmerz des Nichtbegreifenkönnens« begleitet sind.

Auf das Erlebnis dieses Schmerzes kommt es an, denn in ihm erfährt sich zum erstenmal »das wahre Selbst im Zustand der Nichtkommunikation«. Das wahre Selbst »kann nicht kommunizieren, weil es in einem unbewußten, und daher unentwickelten Zustand geblieben ist, in einem inneren Gefängnis«. Erst nach dem Durchbruch der Gefühle, des Schmerzes (nach einer Phase depressiver Verstimmung) wächst im Zuge der »Trauerarbeit« die Fähigkeit, mit unerwünschten Gefühlen besser umgehen zu können und sie nicht abwehren zu müssen.

»Die Befreiung von der Depression führt nicht zu einer dauernden Fröhlichkeit oder zum Mangel an Leiden, sondern zur Lebendigkeit, d.h. zur Freiheit, spontan auftretende Gefühle leben zu können. Es gehört zur Vielfalt des Lebendigen, daß diese Gefühle nicht immer heiter, ‚schön‘ und ‚gut‘ sein können, sondern die ganze Skala des Menschlichen offenbaren« (so Alice Miller, Das Drama des begabten Kindes).

Erst wenn diese Befreiung aus diesem Gefängnis gelungen ist, fängt das »wahre Selbst« an, »sich zu artikulieren, zu wachsen und seine Kreativität zu entwickeln. Und wo früher nur die gefürchtete Leere oder die gefürchteten grandiosen Phantasien zu finden waren, tut sich ein unerwarteter Reichtum an Lebendigem auf«.

Kosmos? Chaos? Paradies?

Wenn man den indischen Begriff des Selbst und den »Wärmestrom« Ernst Blochs dazu assoziiert, könnte man sagen: Das lebendige Feuer, das (z.B. auch im Denken der Stoa!) die Substanz des Kosmos ausmacht, und von dem wir Menschen Funken sind, beginnt, seine wärmende Kraft zu entfalten.

Aber Alice Miller dämpft allzu großen Enthusiasmus: »Es ist nicht eine Heimkehr« (des Selbst), »denn das Heim hat es nie gegeben. Es ist eine Heimfindung.« Und: »Das Paradies der präambivalenten Harmonie, auf das so viele Patienten hoffen« (ich ergänze: auch Otto Groß hat dies getan), »läßt sich nie erreichen.« Es handelt sich vielmehr um die »Rückkehr zur eigenen Gefühlswelt — ohne Paradies, aber mit der Fähigkeit, zu trauern«.

Wenn der Analysand diese stabile Fähigkeit zu trauern erworben hat, »und sich auch Gefühlen aus der Kindheit aussetzen kann, ohne dabei ständig auf den Analytiker angewiesen zu sein«, beginnt die Phase der Trennung vom Analytiker ... So schön sich dies alles auch liest — ist es denkbar, daß psychoanalytische Behandlung, die ja nur einzelnen aus der großen Masse zugänglich ist, das »Leiden der Menschheit an sich selbst«, von dem Otto Groß gesprochen hat, wird beseitigen können? Das ist wohl eine der großen Illusionen, die seit dem Expressionismus, von dem Alice Miller soviel hält, gepflegt werden.

Aber wie steht es mit der »Prophylaxe«? Mit dem Heraufkommen eines freieren, spontaneren, gefühlsintensiveren, liebevolleren »neuen Menschen«? Die Revolten der Jugend, der Intellektuellen, die heutigen grünen und Friedensbewegungen haben eigentlich alle dieses paradiesische Ziel.

»Doch die Befreiung von jahrhundertealten Zwängen kann sich wohl kaum in einer Generation vollziehen«, schreibt Alice Miller in ihrem Buch »Am Anfang war Erziehung«. Keine allzu große Hoffnung also für eine Welt, die vor dem Abgrund der Selbstvernichtung steht!

Die Bilder in diesem Artikel stammen aus dem Buch Sigmund Freud. Sein Leben in Bildern und Texten, herausgegeben von Ernst Freud, Lucie Freud und Ilse Grubrich-Simitis, mit einer biographischen Skizze von K. R. Eissler, gestaltet von Willy Fleckhaus, 352 Seiten, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1976, DM 120, öS 910.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1981
, Seite 48
Autor/inn/en:

Josef Dvorak:

Jahrgang 1934, gelernter Theologe und Tiefenpsychologe. Langjähriger Gerichtsreporter und außenpolitischer Redakteur bei Tageszeitungen, von 1973 bis 1995 Mitglied der Redaktion des FORVM. Er ist heute freier Forscher und Publizist und beschäftigt sich vor allem mit der Geschichte der Psychoanalyse, des Okkultismus und ideologischer Minderheiten.

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