FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 307/308
Silvia Wallner

Aus der Bienenwabe

Ich war eine von den ersten Mietern. Als ich in den Trabrenngründen einzog, war der Block, wo ich meine Wohnung habe, schon fertig. Es fehlten noch die Querblocks. Zwei Jahre lang lebten wir, grob gesagt, auf einer Baustelle. Es gab keinen richtigen Bewegungsraum für die Kinder, die verbotenen Baustellen waren ihnen lieber. Das habe ich in Kauf genommen. Inzwischen sind diese anfänglichen Schwierigkeiten verschwunden.

Viele meiner Bekannten waren der Meinung: „Dir geht’s gut, du hast eine Wohnung geschenkt bekommen.“ Ich möchte einmal klar sagen: Gemeindewohnungen sind kein Geschenk. Es ist nur eine andere Finanzierungsart einer Wohnung. Wie bei den Eigentumswohnungen bezahlen auch wir einen Baukostenanteil, allerdings weniger. Dafür haben wir einen höheren Mietzins, während die Eigentumswohnungen nach einiger Zeit ins Eigentum des Mieters übergehen und dann nur noch die Betriebskosten zu bezahlen sind. Also kurz gesagt, die Gemeindewohnungsmieter zahlen die Kosten zurück, die sie verursacht haben.

Der Mietzins beträgt jetzt ungefähr 2.400 Schilling. Wer ein niedriges Einkommen hat, bezieht Mietzinsbeihilfe. Zur Deckung des Baukostenanteils hat man einen günstigen Kredit bekommen, der gestundet wurde, solange man eine Mietzinsbeihilfe bezog. Dieses System hat sich nun geändert, man muß den Kredit zurückzahlen, bekommt aber eine höhere Mietzinsbehilfe.

Die Einkaufsmöglichkeiten waren am Anfang nicht optimal. Die Kinder hatten keinen ordentlichen Turnsaal, sie mußten zwei Jahre darauf warten. Heute haben wir ein Einkaufszentrum, einen Supermarkt und eine Rundturnhalle.

Anfangs brachte man die Kinder noch leicht in einem Hort oder Kindergarten unter: Diese Tagesheimstätten waren von Anfang an da. Leider hat sich die Situation verschlechtert. Da in dem Bau die Erwachsenen fast alle gleich alt sind, gibt es sehr viele Kleinkinder. Sie können nun nicht mehr alle in Tagesheime.

Die Familien sind aber nicht so gut gestellt, daß sie mit nur einem Monatslohn oder Gehalt auskommen. Die Schule hat dieses Platzproblem mit einigen Mobilklassenzimmern zu lösen versucht.

Was mir hier am meisten abgeht, sind Kommunikationszentren. Will man einmal raus aus dem Alltag, muß man in die Stadt fahren. Ein Kinobesuch oder ein Theaterbesuch ist nicht möglich, weil man die Kinder frühestens um 19 Uhr niederlegen kann, erst um 19.30 Uhr aus dem Haus kommt, eine Stunde später in der Stadt ist, wo die Vorstellungen schon längst begonnen haben.

Auf der anderen Seite ist es schön, „außerhalb“ der Stadt zu wohnen. Die Luft ist besser, es gibt keine Lärmprobleme. Für mich bleibt der tägliche Streß bei der Donau stehen. Viele vertragen aber diese Ruhe nicht. Dem könnte man mit Kommunikationsräumen abhelfen. Ich meine damit weder Kirchen noch Parteilokale. Ich meine damit Räume, wo jeder hingehen kann. Wo soll einer hingehen, der weder an Gott noch an die Partei glaubt? Diese Probleme hat man in der Stadt nicht. Da hat jeder sein Stammbeisel, seine Gesprächsrunde. Initiativen entstehen, die Alltagssorgen werden für ein paar Stunden vergessen.

Ein Beispiel: Die wenigen Spielplätze, wo noch Gras wächst, werden demnächst zubetoniert, einer der Spielplätze wurde wegen Lärmbelästigung umgestaltet. Ich glaube nicht, daß dies woanders so einfach hingenommen worden wäre. Hier hat man wenig Kontakt und Kommunikation. Jeder ärgert sich alleine oder zu zweit oder zu dritt, aber eine Aktion kommt nicht zustande.

Firmen haben sich in der Nähe der Trabrenngründe niedergelassen, Arbeitsplätze wurden angeboten. Ich habe freilich das Gefühl, daß Löhne und Gehälter bei uns niedriger sind. Es ist die Frage, ob der kürzere Weg die niedrigere Bezahlung wieder gutmacht. Auch glaube ich, daß das Gefühl der totalen Isolierung entsteht. Wenn man hier arbeitet und wohnt, sieht man nichts anderes mehr als Wohnung und Arbeitsplatz. Dazwischen gibt’s nichts, auch keine Maroni, kein Eis, keinen Tratsch in der Straßenbahn. Man kann zwischen Beruf und privat nicht mehr abschalten.

Der Bau ist fertig, er wurde uns zur Verfügung gestellt. Es liegt auch an den Bewohnern, was sie daraus machen.

Es wäre schön, würde man zu den Wohnungen auch Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung stellen. Es wäre wunderbar, würde sich jemand endlich den Kopf darüber zerbrechen, ob die Austobplätze für die Kinder in Ordnung und gesund sind (Beton, alles ist eingezäunt!). Und ob es für Kinder gut ist, bis in den 12. Stock — sollten sie ein Bedürfnis haben — zu Fuß im isolierten Stiegenhaus zu gehen (Alleinfahren mit dem Aufzug ist für Kinder verboten).

Sicherlich empfindet jeder die Wohnsituation hier in den Trabrenngründen anders. Ich glaube, daß überall Mängel sein können, nur muß auch die Bereitschaft zur Beseitigung dasein. Aber auch die Bereitschaft der Bewohner, die Mängel an der richtigen Stelle zu kritisieren.

Sicher wird es einmal soweit sein, daß ich in meiner Wohnung im 10. Stock am Balkon sitze, vor mir den Sonnenuntergang beim Wienerwald habe und diejenigen bedaure, die nicht hier wohnen können.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1979
, Seite 55
Autor/inn/en:

Silvia Wallner: Silvia Wallner, zwei Kinder, alleinstehend, ist Mieterin in den Trabrenngründen.

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen

Themen dieses Beitrags

Begriffsinventar

Geographie