FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 186/187
Ernst Bloch

Antwort an Marcuse

Wir alle sind beeindruckt, bewegt und belehrt durch Feuer und Präzision Herbert Marcuses. Er ist wirklich rechtzeitig gekommen. Diese Zeit der Studentenunruhen braucht Formulierungen, an die man sich halten kann, ohne daß dieser Halt ein statischer wäre, einer von denen, die das Establishment uns angeboten hat und hoffentlich nicht mehr zu lange anbieten wird. Mit der Studentenunruhe ist etwas Neues in die Welt eingebrochen, was es wahrscheinlich in dieser Weise noch gar nicht gab, nämlich eine Revolte ohne vordringliche ökonomische Ursachen.

Es gibt zwar nichts, bei dem die Ökonomie nicht ihre Finger mit im Spiel hat. Darum ist der Protest auch gegen die herrschende Ökonomie in jedem Protest impliziert. Aber das Ökonomische ist nicht primär gewesen, mindestens nicht im Bewußtsein der Revoltierenden.

Nichte nur gegen die ökonomische Seite der heutigen gesellschaftlichen Realität lehnen sie sich auf. Es ist eine Revolte von Menschen, die sich nicht mehr gefallen lassen wollten und gefallen lassen werden: Bevormundung, Beaufsichtigung, Schurigelung, Macht in der scheußlichsten Form, angemaßte Autorität.

Es brach also das durch, was man „aufrechten Gang“ nennen kann, ein Anliegen schon des klassischen Naturrechts, das sich, als das Naturrecht im 19. Jahrhundert unterging, neue Formulierungen suchte, dagegen im Marxismus nicht genügend kultiviert und vor allem nicht reflektiert worden ist.

Es gibt Mühselige und Beladene, das sind die Ausgebeuteten. Es gibt aber neben ihnen noch Erniedrigte und Beleidigte. Nicht, daß nicht auch die Ausgebeuteten erniedrigt und beleidigt wären, aber man muß Erniedrigung und Beleidigung als eine eigene Linie unterscheiden, die noch hinzukommt; es ist in dem scheußlichen Gewebe, dem schauderhaften Zwangsgewand der Ausbeutung ein neuer Faden.

Dieses Motiv verdient dringend seinen Namen und seinen Begriff. Nur weil es im Marxismus seit 1917 kaum mehr gehört wurde, konnte sich der Stalinismus in theoretischer wie moralischer Beziehung widerstandslos durchsetzen.

Daher verlangt dieses Motiv seine eigene Theorie, damit es als Element in die Befreiungsgeschichte der Menschheit wieder hineinkommt, zu der es dringendst dazugehört, weil sonst die Knechtschaft nicht ausstirbt und unter immer neuen Namen sich etabliert.

Dies alles ist von Marcuse in lang zurückreichender Tätigkeit erinnert und wachgerufen worden, wenn auch mit anderen Worten und in anderen Zusammenhängen. Und so gebührt ihm unser Dank für das, was durch ihn geschehen ist, was lange noch nicht zu Ende ist und nicht zu Ende kommt, bis es gesiegt hat.

Eine kritische Frage betrifft die Kategorie Humanismus. Die historische Wirksamkeit des Humanismus ist bei Marcuse, wie mir scheint, nicht ganz zu ihrem Recht gekommen. Denn Humanismus gilt in jeder stalinistischen Verapparatlichung als eine Strafsache. Am Schluß der Stalin-Zeit genügte es, das Wort „menschlicher Sozialismus“ auch nur auszusprechen, und schon stand man mit einem Fuß im Zuchthaus.

Kann also eine Kategorie so ganz unwert sein, die von der Unterdrückung, Verschlechterung und Nichterfüllung des Sozialismus als so gefährlich betrachtet wurde?

Fällt sie wirklich nur zusammen mit der leeren Phrase, die Marx mit so großem Recht an Feuerbach kritisierte? Bei Feuerbach werde das Gattungswesen Mensch verabsolutiert, ein schwüler Liebestau ergieße sich mit ewigem „Mensch“ und „Menschsein“ und vermische in falscher Toleranz alle Gegensätze und alle Fremdheit. Dieses Gattungswesen Mensch, meint Marx scharf, soll uns den Buckel herunterrutschen, uns interessiert nur das Versagen gesellschaftlicher Verhältnisse.

Diese Kritik war nötig, mag auch heute noch streckenweise nötig sein. Dennoch bleibt „Mensch“ eine Kategorie mit großer revolutionärer Vergangenheit und mit gebliebener großer Sprengkraft gegen alle Verapparatlichung, mit einer Sprengkraft, die auch in der Kunst sichtbar ist, gegen Selbstentfremdung.

Was ist denn das Selbst, von dem man sich entfremdet? Es ist der unbekannte Mensch, der Homo ignotus in uns, der noch nicht die Flügel geregt hat, der von Spartacus an gegen jede Unterdrückung aufsteht, nicht nur gegen die ökonomische, und sich zum aufrechten Gang, zur sozialen Orthopädie endlich erheben muß. Dieses Versprechen ist noch nicht abgegolten.

Das Genus Mensch verliert seine fatale Abstraktheit, wenn man sich klar macht, daß seine einzig gültige konkrete Erscheinung die Individualität ist. Alle Springquellen des gesellschaftlichen Reichtums sollen fließen (Marx), damit das Individuum befreit wird.

Nicht der allgemeine, aber der ideelle Mensch ist es, der eine demokratische Kategorie darstellt, eine untergegangene oder nicht entwickelte, und der immer wieder an die Türen pocht und eintreten will.

Es gibt hier aber auch noch einen anderen Menschen. Es gibt das Geheimnis, das in dem Wort „Menschensohn“ einmal bedeutet war, gegenüber dem Sohn vom großen Herrn, dem Gottessohn. Es gibt hier Potentialitäten, Horizonte, unentdecktes Land. Was wir auf der Erde noch nicht gefunden haben, ist in unseren Begriffen vorgeformt. Sie sind Forschungsreisen in eine Gegend, die noch dunkel ist, ein unentdecktes Afrika.

So viel steckt in den Worten „homo“ und „Humanismus“, daß die Karikaturen und die Trivialitäten, zu denen sie geworden sind, nicht über das Schicksal dieses Wortes als eines unabgegoltenen Losungswortes entscheiden.

„Menschlicher Sozialismus“ allein sagte so viel, daß alle Zuchthäuser und Katorgas des stalinistischen Rußlands damit erledigt waren. Und die Katorga und die Katorga-Direktoren haben es gespürt und den Begriff verfolgt.

Marcuse erwähnt die Kategorie Möglichkeit. Das ist das Unentdeckte, das ich meine. Nicht nur unsere äußere Wirklichkeit, auch unsere inwendige, menschliche, gesellschaftliche Wirklichkeit als Vorhandenheit ist von einem viel größeren Meer von objektiv realer Möglichkeit umgeben. Realismus ist, daß wir das objektiv real Mögliche tun, das gut Keimende durch uns mobilisieren und die außerordentlich zahlreichen schlechten, niederträchtigen Möglichkeiten zum Abgrund verriegeln. Das ist sozialistische Politik, die ins Neue hineinführt.

Das Neue ist uns aufgetragen als ein Mögliches und damit partiell Bedingtes. Es ist nicht voll bedingt, sonst wäre es wirklich, ja sogar notwendig. Möglich ist das nur partiell Bedingte, dem, damit es verwirklicht wird, noch ein Bedingungsfaktor fehlt, und das ist der subjektive Faktor der Tat, des Übergangs von der Theorie zur Praxis.

Alle diese marxistischen Kategorien haben als Hintergrund die lange noch nicht genügend erforschte Kategorie der objektiv realen Möglichkeit, damit aber im letzten den Menschen selbst.

Moskau hat kapituliert

Was alles einmal dem Dieu caché, dem Deus absconditus hypostasiert gegeben wurde, das steckt im Menschen drin. Der Homo absconditus, das ist das unentdeckte Land, in das wir fahren. Und das Mittel dazu ist sozialistische Gesellschaft.

Ein anderes, was ebenfalls auf allen Märkten und Gassen ausgeschrien werden müßte, betrifft die verkehrte Konkurrenz zwischen den zwei Systemen, dem Kapitalismus und Sozialismus. Was ist das für ein stinkender Widerspruch, im Osten einerseits vom verfaulenden Kapitalismus zu reden und andererseits zu bauen mit dem Ziel, den Westen, also den Kapitalismus, einzuholen, ja sogar zu überholen — also noch eine potenzierte Fäulnis herzustellen?

Das führt zur Kapitulation vor der Produktions-, Denk- und Austauschweise des Kapitalismus, so daß der Sozialismus bloß eine kleine neue Erfindung war, um die Segnungen des Kapitalismus in sozialistischer Weise ebenfalls herbeizuführen, und sonst gar nichts anderes.

Wenn das das Ziel ist: Das hätte Kerensky auch erreichen können, da hätte man 1917 gar nicht anzufangen brauchen. Man brauchte keinen Lenin, keine Oktoberrevolution, brauchte keinen Marx.

Man steht gebannt vor dem glänzenden Phänomen des Kapitalismus und sucht mit unzureichenden Mitteln dasselbe zu erreichen, mit Mitteln, die von Marx nicht dazu gebaut waren und die dazu nicht geeignet sind.

Auch so wird der Sozialismus verfehlt. Das ist ihm nicht an der Wiege gesungen worden, mit dem Kapitalismus zu konkurrieren. Seine Ziele sind andere.

Dies mit Eindringlichkeit betont zu haben, ist ebenfalls ein bedeutendes Verdienst Marcuses.

Der Sozialismus muß endlich für sich stehen, nicht im Sektierertum, sondern mit dem Stolz, dem Bewußtsein und der Verpflichtung, etwas zu schaffen, was mit der bisherigen Welt nichts gemein hat und was sie nur in den besten und edelsten Träumen antizipierte.

Diese aus dem Zustand des Wischiwaschis, des bloß Spintisierenden herauszuführen, sie zu verbindlicher Allianz zu bringen mit der objektiv realen Möglichkeit, mit der Tendenz und Latenz des Gesellschaftsprozesses, ja des Weltprozesses, das ist die Aufgabe, zu der der Sozialismus angetreten ist — ohne Schielen auf veraltete Welt, veralteten Wohlstand, Entmenschlichung durch die Konsumindustrie, im Blick auf das eine, das uns wirklich not tut.

Was uns not tut, das steckt implizite im Pathos des Individuumbegriffes, es steckt mehr als implizite, an die Oberfläche getreten, in dem negativen Klang von „Selbstentfremdung“, in der Aufforderung, die von diesem Wort ausgeht. Was ist denn, um wieder vom Humanismus zu reden, das Selbst? Ein Wesen, das noch nicht geboren ist und gehindert wird, in Erscheinung zu treten, gehemmt und geschurigelt wird, das unbekannt individuell Menschliche in uns, das endlich Platz greift, wenn seine Stunde gekommen ist.

Wir wissen genau, was es nicht ist; wenn wir das analysieren, genügt es schon zur Hälfte, um konkret zu ahnen, in der Weise, wie ein Erfinder, ein Staatsgründer und ein Forscher etwas ahnt, was getan werden könnte und müßte, damit die Zeit der Entfremdung, der Entsagung, der Deteriorierung der Mittel wie der Ziele überwunden wird.

Wir wollen also auf dem schwierigen Weg, auf dem wir uns befinden, das gesuchte Land wenigstens in Umrissen ahnen. Wir wollen mit dem Sextanten arbeiten können, damit wir den richtigen Kurs einschlagen und nicht durch falsche Erfüllungen betrogen werden.

Was in den alten Utopien, in den schönsten und reichsten Träumen der Menschheit schon gemeint war, das kann dazu dienen, uns aus enttäuschter Hoffnung (was wäre Hoffnung, die nicht enttäuscht werden könnte?) wieder aufzurichten und lernend aus der Enttäuschung uns zu berichtigen.

Die Hoffnung berichtigen, aus der Enttäuschung sogar wider die Hoffnung hoffen zu können, das ist unser Amt, das in die Hände der intelligenten Jugend gegeben worden ist.

Gefreut hat mich auch, daß das Mißverständnis, in das Marcuse eine Zeitlang geraten war: als ob er eine sektiererische Trennung zwischen Intelligenz und Proletariat annähme, sich nun behoben hat und durch Berichtigung ins Lot gekommen ist. Intelligenzbewegung ohne Masse bleibt Sektierertum.

Die Ziele der beiden sind doch die gleichen, können dem unwissenden Auge als die gleichen entschleiert werden. Also müssen sie nicht nur um der größeren Macht willen zusammengehen und um mit mehr Wahrscheinlichkeit den Sieg zu erreichen, sondern aus selbstverständlicher Kameradschaftlichkeit und Solidarität.

Die freischwebende Intelligenz, wie sie bei Karl Mannheim heißt, ist weder frei noch schwebt sie. Sie muß sich niederlassen und in brüderliche Allianz treten mit all denen überall um sie her, mit denen sie gemeinsame Not leidet und mit denen sie den gleichen Drang fühle nach dem Omega, zu dem hin es geht, nach dem unentdeckten Land der Möglichkeit und dem Ziel gemeinsamer Freiheit.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1969
, Seite 435
Autor/inn/en:

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