FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1982 » No. 337/338
Gerhard Wannenmacher

AKW-Bomben

Amory B. Lovins/L. Hunter Lovins: Atomenergie und Kriegsgefahr, Rowohlt Verlag, Reinbek 1981, 272 Seiten, DM 24, öS 182,40

Es gibt heimische Beobachter der politischen Szene, die angesichts einer vermeintlichen Ablösung der Anti-AKW-Stimmung durch die Friedensbewegung frohlocken (Motto: Eine Mode jagt die andere). Nichts käme der angeschlagenen Atom-Industrie gelegener als die Richtigkeit dieser Prognose.

Es gibt aber Zusammenhänge zwischen Atomenergie und Kriegsgefahr, die einen genau gegenteiligen Effekt haben müßten, nämlich die gegenseitige Verstärkung von Friedens- und Anti-AKW-Bewegung. Eine wichtige Rolle dabei kann das zweite auf Deutsch erschienene Buch von den Lovins spielen: »Atomenergie und Kriegsgefahr«.

Amory Lovins war Mitte der 70er Jahre einer derjenigen energiepolitischen Insider, die mithalfen, die Diskussion um die sogenannte friedliche Nutzung der Kernspaltung über das Problem der Gefährdung hinaus auf das Gebiet der Energiepolitik auszuweiten. Sein Konzept einer »Sanften Energie« (so auch der Titel seines ersten deutsch erschienenen Buches) wurde Inbegriff der verschiedenen Strömungen für eine alternative Energiepolitik, die jetzt eben nicht mehr bei AKWs halt macht, sondern sich so ziemlich um jedes Großkraftwerk kümmert.

Immer weniger Menschen lassen sich von der Notwendigkeit exponentiell steigender Primärenergieerzeugung überzeugen. Arbeit und Lebensstandard sind selbst bei sinkendem Primärenergieaufwand gewährleistet; es gibt keinen Energienotstand, sondern höchstens einen Notstand der Energieverwertung.

Lovins nimmt sich diesmal einen weiteren Aspekt der Atomenergie vor, die Fiktion der »friedlichen Nutzung«. Das ist notwendig, war doch speziell in Österreich die Debatte bisher auf den Punkt reduziert, daß man mit Atommüll eh keine Bomben bauen könne. Lovins zeigt, welch gefährlichen Beitrag zur Weiterverbreitung von Kernwaffen diese »friedliche Nutzung« leistet.

Zum einen läßt sich aus Kernbrennstoff natürlich doch — direkt oder indirekt — via Wiederaufbereitung Bombenmaterial gewinnen (worauf auch Engelbert Broda im FORVM vom September/Oktober 1981 hingewiesen hat).

Zum zweiten schafft die Atomenergie die wissenschaftlichen, organisatorischen und technischen Voraussetzungen für eine Atomwaffenproduktion und gibt für all das einen idealen Deckmantel ab. Beispiele aus Indien, Pakistan und südamerikanischen Staaten lassen den Schluß zu, daß sich diese Länder hauptsächlich für die Atomenergie interessieren, um so an kerntechnisches Know-how zu kommen. Dazu werden Kernphysiker in die USA und Europa zur Ausbildung geschickt und Forschungsreaktoren errichtet.

Einige Länder der 3. Welt behaupten heute einen Bedarf an Brutreaktoren (einer in den USA, der SU und Westeuropa höchst umstrittenen Technologie), um den Bau von Wiederaufbereitungsanlagen zu legitimieren, die aus abgebrannten Brennstäben das militärisch benötigte Plutonium gebrauchsfertig extrahieren.

Durch Energiegewinnung mittels Kernspaltung wächst auch die zirkulierende Plutoniummenge und damit das atomare Vernichtungspotential auf der Erde gigantisch und unkontrollierbar an. Kernspaltungstechnologie ist »a-tomisch« (unteilbar): wer auf Atomstrom setzt, nimmt die Konsequenzen im militärischen Bereich in Kauf.

Nach Lovins gilt sogar der Umkehrschluß: ohne Atomenergie ist der Weiterverbreitung von Atomwaffen ein entscheidender Riegel vorgeschoben. Alle existierenden Kontrollen haben sich als völlig unzureichend erwiesen. Daß die vom wirtschaftlichen Standpunkt eigentlich schon lange überfällig ist, belegt Lovins im zweiten Teil des Buches.

Ein bißl illusionär scheint es mir allerdings doch, wirtschaftliche Argumente gegen militärische ins Treffen zu führen. Wenn man schon einmal der militärischen Bedeutung der harten Energiepolitik nachgegangen ist, darf man sich nicht im nächsten Atemzug wundern, daß dabei wirtschaftliche Kriterien zu kurz kommen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1982
, Seite 61
Autor/inn/en:

Gerhard Wannenmacher:

Studierte Geschichte und Soziologie an den Universitäten Wien und Hamburg und schloss das Soziologiestudium 1977 als Magister ab. Beruflich absolvierte er im Bereich der Informatik Stationen im Sozialministerium und zuletzt in der Stadt Wien, wo er von 1985 bis zu seiner Pensionierung 2015 beschäftigt war. Seit 1990 ist er nahezu ununterbrochen Mitglied im Gemeinderat er Stadt Mödling. Von 2010 bis 2020 befanden sich die Grünen in einer Koalition mit der ÖVP und Gerhard Wannenmacher war Vizebürgermeister. 2020 wurde die Koalition mit der ÖVP nicht fortgesetzt. Im August 2020 legte Wannenmacher sein Mandat im Gemeinderat zurück und zog sich aus der Politik zurück.

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