FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1967 » No. 157
György Sebestyén

Zwischen zwei Ewigkeiten

Auf das Brett, auf den Deckel des Sarges, in dem dein Körper liegt, habe ich Erde gestreut, Erde aus einer runden Blechschüssel. (Gerade war die zweite Schüssel leer geworden, nachdem Erzsi vor mir ein paar eisige kleine Klumpen mit der Kinderschaufel hinausgekratzt hatte, mit einer Kinderbewegung, und dann hatte der junge Mann mit der Mütze, der Leichenbestatter, nach einer neuen Schüssel voll Erde gegriffen; und das Brett über deinem Körper war halb mit Erde verschüttet, dein Sarg sah aus, wie ein sinkendes Schiff — alles muß sehr wahrhaftig sein, ganz genau, Apotheose der Einzelheiten, du hast es immer gesagt.) Später stieg ich ins Auto, saß irgendwann am selben Tisch im Wirtshaus zur Traube, an dem wir gesessen sind, vor einer Minute, vor fünf Jahrhunderten, trank Wein, dachte: Heimito, dieses eine Glas trinken wir noch, auf deine Gesundheit, in alle Ewigkeit Amen, und dann unterhalten wir uns noch ein wenig über die Syntax und über das Handwerk, von dem wir ja wissen — durch dich, der du ja gewesen bist ein Prophet des Reduzierens auf das Wesentliche, ein Vertreter aristokratischer Schüchternheit angesichts der schamlosen Seelenschaumschlägerei der Dilettanten —, daß es nur Kampf ist um die Form, denn Form ist Inhalt, dieses zweite Glas trinken wir noch, reden noch ein wenig über das Pralle in der Literatur, über das von Blut Durchpulsierte, über das wahrhaftig Wahre, dieses dritte Glas noch, Heimito, so dachte ich, aber in dieser Sekunde wurdest du uns plötzlich untreu (über deinen leeren Platz hinweg sah man, am anderen Tisch, eine vogelgesichtige Alte, die an fetten Brotrinden saugte), untreu unseren durstigen Sinnen, die das Spiel deiner Mienen schauen wollten, hören deine Stimme, sehen deine Hand, die wie im Krampf Emporgestoßene, beim Erzählen, und wieder klatschte das Geräusch des Flaschenkorkens an die Ohren, doch klatschte es anders, da du es nicht hören konntest. „Großer Sohn Österreichs“ hat man gesagt über deinem Sarg, „die Heimat trauert“ sagte man und die mit heimtückischer Buntheit gemalten Engel der Karmeliterkirche schienen im Spiel des Sonnenlichtes die Flügel zu bewegen, und hilflos lag dein Körper da, zunichte gemacht wurde der Eifer des Formulierens, zunichte gemacht durch verständnislose Phrasen, zerstört wurde das Formideal, zum leeren Schlagwort verzaubert wurde das dir — und durch dich auch uns — so wichtige Konkrete, dieser Nährboden der Visionen; eigentümliche Abstraktionen schwebten über deinem Sarg, wie Papierrollen aus den Mündern der Heiligen schweben in alten Kapellen, und tröstlich ist nur, daß deine Seele irgendwo lachte, mit einem unhörbaren Gelächter, lachte, wie du gelacht hast, damals an unserem Tisch, im Wirtshaus zur Traube, denn das Lachen — heiser und immer auch angreifend — war die treibende Kraft vieler Gestaltungen, die du nur formuliert hast, um sie anzusehen, untersuchen und auslachen zu können. Deine Strenge richtete sich gegen die Strengen, und dein Schwärmen für die Form als gestaltetes Etwas schloß mit konsequenter Grausamkeit alles Unformulierte und Formlose aus. Durch Komposition wurdest du Herr über das Chaos. Und nun sitzen wir hier. Lache, Heimito, trinke mit uns, komm zurück nach diesem kleinen Sprung in die Ewigkeit, sag irgendetwas, denn in unserer vorübergehenden Körperlichkeit können wir dich nur als lebendige Gestalt sehen, wie sie in unserer Erinnerung lebt, aber wie lange erinnern wir uns richtig, wie lange erinnern wir uns überhaupt: Sulzige Massen in Knochenschalen der Schädel, gelbliche Tropfen der Gehirnsubstanz sind die letzten Behälter deiner Lebendigkeit, sie dorren aus, werden zu Staub, können deine Einmaligkeit nicht länger hüten; Anekdoten werden dann noch erzählt, Photographien beschaut, Schallplatten abgehört; Papierbogen, bedeckt mit deinen feinen Buchstaben, die aussehen wie Adern im Auge, Szenen aus der bereits altertümlich wirkenden Wochenschau werden betrachtet, und natürlich, die Bücher werden gelesen, in denen dein kaum hörbares heiseres Lachen raunt. Diese Bücher bleiben dann noch eine Weile lebendig, hundert Jahre, länger noch, bis ins dritte Jahrtausend nach Christi Geburt, doch irgendeinmal werden sie irgendwelchen Menschen, wenn es dann noch Menschen gibt, fremd sein, wie uns das Gilgamesch-Epos oder der Roman de la Rose oder die wie Bernstein glänzende Prosa des Petronius, und immer noch wimmeln neue Generationen aus neuen Schößen hervor, müssen erst ihren forschenden Intellekt einschalten, um die Größe deiner Kompositionen zu messen; deine Bücher verwandeln sich eines Tages in ehrwürdige Kolosse, in Monolithen der Epik, in ihrer dunklen Tiefe die zarten Kristallstrukturen der Sätze den Fehldeutungen ausgeliefert, wie im Labyrinth die Jungfrau dem Minotaurus, und es kommt kein Theseus, und es gibt keine Ariadne, nur mehr das Halbwissen liegt über bedrucktem Papier. Deshalb also hast du alles geopfert, deshalb dein unwiederbringliches Leben aufgelöst in grandiosen Geschichten? Noch dieses letzte Glas, Heimito, auf diese kleinere Hälfte der Ewigkeit, in der du im endgültig Formulierten redest und lachst, und dann auf jene größere, die wir gerade im endgültig Formulierten, im zur Materie gewordenen Geist, in den zarten Kristallformationen deiner Syntax ahnungsvoll fühlen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1967
, Seite 72
Autor/inn/en:

György Sebestyén:

Der in Ungarn geborene österreichische Schriftsteller, Jahrgang 1930, Autor der Romane „Die Türen schließen sich“, „Der Mann im Sattel“, „Die Schule der Verführung“ sowie eines Reisebuches „Flötenspieler und Phantome“ (alle Kurt Desch Verlag, München),.

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