FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1982 » No. 344-346
Günther Nenning

Wohnung oder Garage

Linguistische Thesen auf einer Veranstaltung der Wiener Festwochen ’82

Ich gehe aus von dem Satz meines reaktionären Lieblingsautors Novalis: „Wenn der vorwärtsgerichtete Blick nach rückwärts führt, kann nur der rückwärts gerichtete Blick nach vorwärts führen“, und bringe daher Beispiele aus der Sprachgeschichte, weil ich gerade an einem Buch darüber schreibe.

I. deutsch „Heim“

Früher hieß Wohnen: zusammen wohnen mit vielen anderen. Deutsch „Heim“ heißt ursprünglich nicht ein Heim, sondern ein ganzes Dorf oder eine ganze Stadt, wie noch ersichtlich aus Ortsnamen wie Rüdesheim, Gandersheim usw. Griechisch „oikos“, das Haus, bezeichnet zugleich auch eine Mehrzahl von Häusern; es ist dasselbe Wort wie lateinisch „vicus“, Stadtviertel; das ist italienisch „vico“, wo man als Liebhaber des lebhaften Südens so gern durchgeht, weil es wimmelt von Leuten, die herumsitzen und/oder ihrer Arbeit, ihrem Handel und Wandel nachgehen, alten Männern, die Karten spielen, Kindern, die herumschreien, Müttern, die auf einem Sessel stricken oder miteinander reden.

Das entspricht nicht den modernen Anforderungen. Wir wollen nicht zurück in die Steinzeit. Ein moderner Großwohnblock hat lange Gänge, wo niemand Karten spielt und niemand strickt. Er ist eher wie ein modernes Spital mit vielen modern eingerichteten Krankenzimmern oder wie ein modernes Gefängnis. Jede Zelle hat einen Farbfernseher, oft sogar mehrere, oft auch eine verspiegelte Hausbar und Badezimmer mit Kacheln aus der Kachelwunderwelt und vielen Flaschen, wo die Schönheit aus der Drogerie kommt. Auch sonst geht es den Häftlingen viel zu gut, wenn auch trotz dem, was man für sie tut, immer wieder einige aus dem 13. Stock springen.

II. griechisch „oikonomia“

Früher hieß Wohnen: hier wird auch produziert, was wir zu unserem Leben brauchen. Griechisch „oikonomia“ heißt nicht Ökonomie, sondern Haushalt. Griechisch „Oikonomos“ heißt nicht der Ökonom, der auf die Universität geht und dann in einem Büro sitzt, sondern der gute Hauswirt, der zusammen mit seiner Familie die autonome Produktion organisiert und durchführt. Das steckt noch in unserem Wort „Ökonomie“ in der fast ausgestorbenen Bedeutung „eigene Landwirtschaft“ und im Titel „Ökonomierat“, den der Bundespräsident verleiht; das ist kein akademischer Experte, sondern ein verdienter Landwirt.

Das entspricht nicht den modernen Anforderungen. Wir wollen nicht zurück in die Steinzeit. Ökonomie spielt sich gefälligst nicht in der Wohnung ab, sondern außerhalb. Wir steigen in der Früh ins Auto, fahren dorthin, wo wir Güter und Dienstleistungen produzieren, fahren mit dem Auto wieder nach Hause, und zwischendurch wohin, wo wir Güter und Dienstleistungen einkaufen, damit wir sie daheim weiterbearbeiten (auspacken, einkühlen, auftauen, kochen, backen) und dann erst tatsächlich konsumieren können. Dadurch werden wir groß und stark, gesund und erfrischt, so daß wir am nächsten Tag in der Früh wieder ins Auto steigen können und dorthin fahren, wo wir ... usw. usf.

Es ist klar, daß das viel logischer, einfacher und vernünftiger ist. Auch wächst dadurch das Wachstum und sichert unsere Arbeitsplätze.

III. deutsch „Wonne“

Früher hieß Wohnen soviel wie Leben, inklusive Lebensfreude. Altmodischerweise heißt im Englischen „wohnen“ immer noch einfach „to live“, „leben“. Und unser deutsches „wohnen“ ist von derselben Wurzel wie „Wonne“, also Freude, ja Genuß. Die Wohnung gehörte zu unserem sinnlichen Apparat. Deutsch „Haus“ ist gleicher Wurzel wie „Haut“; das Haus war Bestandteil unsres lebendigen Körpers.

Das entspricht nicht den modernen Anforderungen, wir wollen nicht zurück in die Steinzeit. Es geht nicht um irgendwelche Romantik, sondern realistisch gesehen müssen wir, wenn wir nicht gerade arbeiten oder auf Urlaub sind, doch irgendwo aufbewahrt werden. Wirtschaftlich gesehen geht es um einen Menschensilo, um ein Lager für Arbeitskräfte bzw. Konsumenten. Der moderne Großwohnblock ist eine Hochgarage, wo wir eingeparkt werden können, in Sicherheit und mit allen modernen Bequemlichkeiten. Das entspricht dann auch der Menschlichkeit.

IV. lateinisch „domus“

Früher hieß Wohnen: ein Haus, das wir uns selber bauen. Lateinisch „domus“, das „Haus“, gehört zur indogermanischen Wurzel „dem“, „Baum“; dazu gehört auch englisch „timber“, Bauholz und deutsch „Zimmer“, ursprünglich der aus Holz selbstgebaute Wohnraum.

Das entspricht nicht den modernen Anforderungen. Wir wollen nicht zurück in die Holzzeit. Wohnungen baut man heute aus Beton und Korruption. Wenn wir heute eine Wohnung wollen, treten wir der Partei bei. Wir füllen ein Formular aus beim Wohnungsamt. Wenn wir keine Wohnung kriegen, treten wir aus der Partei aus.

V. germanisch „gard“

Früher hieß Wohnen leben mitten in der Natur. Gemeingermanisch „gard“ hieß nicht nur Garten, Hausgarten, sondern überhaupt Haus und Hof, Familie, Sippe; „Midgard“ heißt Welt schlechthin, die wunderbare Wohnwelt.

Das entspricht nicht den modernen Anforderungen. Wir wollen nicht zurück in die Steinzeit. Die Natur ist voller Käfer, Spinnen, Regenwürmer und Blumen. Wir haben eine abwaschbare Tapete, wo ein Wald darauf abfotografiert ist. Wir haben auch ein großes picture window, wo wir hinaussehen können auf unsre Nachbarn. Unsre Nachbarn haben ein großes picture window, wo sie hineinsehen können bei uns. Wir haben auch Blumen, aber nicht mit Erde, sondern mit Steinen; diese Hydrokultur. Das ist sauber und macht wenig Arbeit.

Höchstens kann sich der bessergestellte Rentner in seinem Miniatur-Obstgarten austoben. „Bonsai“ (jap. „Zwergbäume“), Pflanzenquälerei, entspricht den modernen Anforderungen.

VI. lateinisch „familia“

Früher hieß Wohnen: die ganze Familie lebt zusammen. „familia“ heißt im lateinischen nicht Familie, sondern der gesamte Haushalt, die Großfamilie, ob verwandt oder nicht. Der Bauer mit der Sennerin, die Bäuerin mit dem Jungknecht, der Meister mit der Magd, die Meisterin mit dem Gesellen, der Ahndl mit der Kuhdirn, und Kind und Kegel, d.h. eheliche und uneheliche Kinder.

Das entspricht nicht den modernen Anforderungen. Wir wollen nicht zurück in die Steinzeit. Wir wohnen allein mit unserem Kanarivogel. Wir hatten sogar einen Hund, aber der ist überfahren worden. Dafür können wir uns mehr leisten.

Wenn ich meine Wohnungstür hinter mir zumache und zweimal zusperre, bin ich ein freier Mensch. Ich brauche keine Nachbarn, das gibt nur Streit. Wenn ich einmal sterbe, wird man es merken, wenn ich durch die Türe stinke.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1982
, Seite 45
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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