Streifzüge » Print-Ausgaben » Jahrgänge 2011 - 2020 » Jahrgang 2018 » Heft 72
Peter Oberdammer

Willkommen im arbeitsreligiösen Gulag!

Ein Wiener Arbeitsloser wird mit einer „vorsorglichen“ (heißt vor Abhaltung eines ordentlichen Ermittlungsverfahrens verhängten) Bezugseinstellung belegt, weil er eine – wie sich später auch bestätigen sollte – unzumutbare Stelle in einem nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbaren Tiroler Berggasthof abgelehnt hatte, und wird vom AMS zur ärztlichen Untersuchung in eine „befreundete“ Einrichtung geschickt. Dort lässt er sich widerstandslos weiter zum Psychiater schicken, obwohl das AMS laut Gerichtsurteil eine solche Zuweisung neuerlich begründen und ein ordnungsgemäßes Verwaltungsverfahren abzuführen hätte. Im abschließenden Gutachten heißt es: „Der hierorts begutachtende Psychiater hat eine akute Belastungsreaktion diagnostiziert und Hinweise für das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung festgestellt und vermutet einen Zusammenhang mit Schwierigkeiten im beruflichen Werdegang.“ Marienthal lässt grüßen, wenn die Erfolglosigkeit bei der Arbeitskraftverwertung, nicht der Non-Stop-Psychoterror des AMS-Regimes „psychisch belastet“.

Psychopathologisierung

Sucht man in dem Gutachten nach den angeblichen „Hinweisen“, wird man nur an einer Stelle fündig: „wirkt massiv psychisch belastet, weint kurz, berichtet von drohender Obdachlosigkeit, die Miete im Februar könne [er] gerade noch bezahlen“. Soweit nicht unverständlich, aber wo ist hier bitte eine Störung? Ist das nicht eine ziemlich nachvollziehbare Reaktion? Wäre ein entspannter, gelöster und fröhlicher Mensch in einer solchen Situation nicht eher irritierend? Motto: Kein Problem Herr Doktor, ich habe mir schon eine Parkbank zum Schlafen für die Nacht ausgesucht. Medizyner dieser Sorte sehen es offensichtlich als individuelles Defizit der Persönlichkeit an, wenn die Delinquenten die Existenzvernichtungen durch das AMS nicht locker wegstecken. Kann man Schreibtischtätern, die solchen inhumanen Zynismus von sich geben, nicht ein obligates Praktikum, „Mein Winter auf der Parkbank. Ein diagnostischer Selbstversuch“ vorschreiben?

Einer flog ins Kuckucksnest

Jedenfalls ist die Stigmatisierung einer Person, die wegen eines Rückenleidens bestimmte berufliche Tätigkeiten nicht mehr ausführen kann, zu einem psychopathologischen Fall erfolgreich geglückt, wenn im Gutachten „eine Diagnostik der Persönlichkeitsstruktur“ und – dieser vorgreifend – „regelmäßig psychotherapeutische Behandlung“ empfohlen wird. Das AMS wird sich die Chance nicht entgehen lassen, den Betroffenen unter Androhung der Existenzvernichtung dazu anzuhalten, seine Psyche derart behandeln zu lassen, dass er wegen ein bisschen Existenzvernichtung nicht gleich heult. Und wer nicht versteht, dass die strafenden Schläge des AMS nur seinem Seelenheil dienen, der muss doch verrückt sein – und braucht mehr Hiebe, oder?

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2018
, Seite 7
Autor/inn/en:

Peter Oberdammer: Geboren 1961 in Wels/OÖ im Boom der fordistischen Konsumidiotisierung, ist immer noch distanzierter Betrachter ihrer Spektakel in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verfallsprozessen. Die Auseinandersetzung mit der Welt – ge- bzw. verformt durch ein gemächliches Geschichte- und Geographiestudium an der Uni Wien – verwertete sich in sozialwissenschaftlicher Forschung zu ethnischen Minderheiten, Nationalismus und Rassismus und deren polit-ökonomischen Verortung, und mehr vermittelnden Tätigkeiten zur Migrationspolitik und in der Erwachsenenbildung.

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