FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1975 » No. 262
Andreas Buro • Günter Dill

Warum Thieu stürzte

Hintergründe des Sieges der vietnamesischen Revolution (I. Teil)

Asien kommt wieder in Bewegung. Seit der „friedlichen“ Ausschaltung der Rechten in Laos Ende August ist die indochinesische Revolution vollendet und die nächste Runde für Thailand, Burma, Malaysia, Südkorea eröffnet — wie ungern man das auch in Washington, Moskau und Peking hören mag. Selbst die Großstaaten Indien und Indonesien kommen, bedingt durch die wirtschaftliche Zuspitzung, in Fahrt. Unter diesen Umständen ist es mehr als nur historische Erinnerung, wenn man die Gründe für das Scheitern des Thieu-Regimes im nachhinein untersucht, wie es Buro/Dill hier für die Phase nach dem Pariser Abkommen unternehmen. In ihrer Darstellung erscheint Thieus Sturz eher als ein ökonomisches denn als ein militärisches Ereignis — und eben darin wird man eine Parallele zur gegenwärtigen Lage der anderen Kompradoren-Staaten Südostasiens finden.

1 Thieus Verrat am Pariser Abkommen

Als im Jänner 1973 die Unterschriften unter das Pariser Abkommen gesetzt wurden, war der Sieg des vietnamesischen Volks noch keineswegs eindeutig erkennbar. Washington hatte kurz vorher noch eine Unmenge Waffen geliefert, so daß Saigon (zumindest was seine Rüstung anlangt) zu einer der größten Militärmächte der Welt geworden war. Präsident Nixon erklärte damals: „Der Abzug der USA aus Vietnam bedeutet in keiner Weise eine Änderung der Interessen der Vereinigten Staaten, sondern nur einen Wechsel in der Methode, mit der diese Interessen verwirklicht werden.“ [1]

Dazu kam, daß Kissingers Koexistenzpolitik nun auch mehr und mehr die Volksrepublik China mit einbezog. War nicht unter diesen Vorzeichen ein verringertes Engagement der beiden sozialistischen Großmächte zu befürchten? Die Reden und Schriften aus Nordvietnam orientierten sich ganz am Wiederaufbau — die Befreiung des Südens schien an den Rand gedrängt zu sein. Man hätte ja eine neuerliche Bombardierung durch die USA riskiert.

Das Pariser Abkommen vom 27. Jänner 1973 beinhaltete drei wichtige Bestimmungen in bezug auf Südvietnam: Den Abzug der amerikanischen Truppen, die Herstellung eines Waffenstillstandes und die Schaffung von Voraussetzungen und Organen einer nationalen Versöhnung. Die Herauslösung der amerikanischen Truppen konnte, dank des Eigeninteresses der USA, relativ zügig durchgesetzt werden, doch die Rückkehr von „zivilen“ Militärspezialisten der USA stellte bereits eine erste Verletzung des Abkommens dar. [2]

Der Waffenstillstand wurde allerdings nie verwirklicht. Am 28. Jänner 1973 unmittelbar nach der Unterzeichnung der Pariser Verträge — erklärte Präsident Thieu hierzu: „Waffenstillstand bedeutet nicht Beendigung des Krieges, Waffenstillstand heißt nicht echter Friede ... Wenn die Kommunisten das Pariser Abkommen verletzen, müssen wir es zehnmal tun.“ [3]

Von da an versuchte Saigon, die in den Verträgen nicht festgelegten Waffenstillstandslinien durch militärische Aktionen zu seinen Gunsten zu verändern. Dabei verfolgte es offensichtlich das Ziel, alle wichtigen, durch befreite Gebiete blockierte Verbindungswege aufzubrechen, im Bereich der Provisorischen Revolutionsregierung (PRR) Städte oder Stützpunkte zu gewinnen und durch ständige militärische Intervention den Aufbau im Gebiet der PRR zu stören, sei es auch durch Napalmbomben zur Zerstörung der Reisernte. [4] Militäraktionen in Divisionsstärke waren dabei nicht selten. Saigon hatte in erheblichem Maße Ersatzlieferungen für „ausgefallenes Gerät“ und darüber hinaus, unter Verletzung des Artikels 7 des Pariser Abkommens, militärische Hilfe erhalten. [5]

Der katholische Pater Nguyen Ngoc Lan schrieb zusammenfassend in der katholischen Saigoner Zeitung Doi Dien Nr. 60: „Sei der militärische Einsatz der PRR groß oder klein, möge er auch die Form einer Offensive annehmen, so handelt es sich im Grunde genommen immer um eine unvermeidliche Antwort in extremis. Unvermeidlich deswegen, weil die PRR die ununterbrochenen Provokationen „in geeigneter Art und Weise bestrafen“, die von der Saigoner Regierung illegal besetzten Gebiete zurückgewinnen und die gegen sie gerichteten Stützpunkte vernichten muß: da alle Verhandlungen mit der Saigoner Regierung scheitern, muß mit militärischen Mitteln der Zustand vom 28. Jänner 1973 um 8.00 Uhr wiederhergestellt werden.“ [6] Diese Einschätzung wurde durch den demokratischen US-Abgeordneten John Flynt bestätigt, der zur Begründung des Antrages auf Kürzung der Militärhilfe für Saigon sagte, Präsident Thieu müsse begreifen, daß er mit den Nordvietnamesen eine politische Lösung für Südvietnam aushandeln müsse. Der Antrag auf Kürzung wurde angenommen. [7]

Das Pariser Abkommen sah ferner vor, daß die bürgerlichen Freiheiten wiederhergestellt werden sollten. Um politische Gefangene nicht entlassen zu müssen, stufte Thieu sie einfach als Kriminelle ein. Etwa 200.000 wurden in den 550 Gefängnissen, Konzentrations- und Umerziehungslagern festgehalten. [8] Folterungen waren an der Tagesordnung. Thieu selbst hatte sofort den Startschuß zum systematischen Terror gegeben: „Bis eine politische Lösung ausgehandelt worden ist, wird jedem Kommunisten auf der Stelle der Kopf zerschossen! Wir müssen brutaler sein als Gewaltverbrecher. Die Internationale Kontrollkommission ist lächerlich, unfähig und überflüssig.“

Thieus Ziel war die Unterbindung der bürgerlichen Freiheiten, nicht zuletzt zwecks Unterdrückung der „Dritten Kraft“. Thieu sagte das sehr offen: „Keinen Frieden, keine demokratischen Freiheiten, keine nationale Versöhnung und Eintracht.“ Auch in bezug auf die Dritte Kraft war Thieu konsequent. Am 12. Oktober 1972 drohte er: „Jeder, der für eine Koalitionsregierung aus drei politischen Kräften eintritt, wird vermerkt. Die Bevölkerung und die Armee werden ihn nicht länger als fünf Minuten leben lassen!“ Am 20. Dezember 1973 ergänzte er: „Die dritte politische Kraft existiert nicht. Diejenigen, die sich zu ihr bekennen, sind in Wahrheit Kommunisten und versuchen, die nationale Einheit zu spalten.“ [9] Saigon verbot die meisten Parteien, schränkte die Pressefreiheit radikal ein und gab einen Erlaß heraus, der die „Sicherheitskomitees“ der Provinzen ermächtigte, politische Gegner ohne Gerichtsurteil einzusperren oder zu verbannen. [10]

2 Das Auslandskapital hatte Südvietnam schon abgeschrieben

Das schwerste Handikap für das Thieu-Regime war, daß es nicht gelang, einen wirtschaftlichen Aufschwung einzuleiten und die ökonomischen Schwierigkeiten, die aus dem Abzug der US Truppen folgten, zu überwinden.

Ansätze für ein Entwicklungskonzept läßt der unter der Hypothese einer Befriedung Vietnams konzipierte Vierjahresplan von 1972 erkennen. Man strebte ein jährliches Wirtschaftswachstum von 6,3 Prozent bei einer Zunahme des Privatkonsums von nur einem Prozent an. Für die Investitionen hatte die industrielle Verarbeitung der landwirtschaftlichen Produkte Vorrang (Zuckerraffinerien, Fischverarbeitung, Holz, Papier, Kautschuk). Weitere Schwerpunkte: Produktionen für die Landwirtschaft (Dünger, Maschinen), Elektroenergie sowie devisensparende Produktionen (Zement, Ölraffinierung). [11]

Unbestreitbar die Handschrift westlicher „Entwicklungsexperten“ der Asiatischen Entwicklungsbank, der Weltbank, des Weltwährungsfonds usf. trug der nach dem Pariser Abkommen konzipierte Achtjahresplan (1973-1980) mit den hochgesteckten Zielen einer „Effektivierung“ der Wirtschaft, einer „Hebung“ des Lebensstandards usw. Unter der Prämisse, daß ausländische Kapitalhilfe noch lange benötigt würde und Konsumverzicht unabdingbar sei, um Investitionsmittel zu beschaffen, erschien auch hier die gezielte Förderung der Exportwirtschaft um jeden Preis als conditio sine qua non, wobei der Akzent stärker auf den traditionellen kolonialen Exportprodukten Reis, Holz, Fisch und Kautschuk lag. Das Planziel bis 1980 waren Exporte für 600 Millionen Dollar, also das 25fache des Werts von 1972 (1971: 12 Millionen Dollar; 1972: 23 Millionen Dollar; 1973: 60 Millionen Dollar). [12]

Um die militärische Infrastruktur zu nutzen, war der Aufbau von Exportindustriezonen in den ehemaligen US-Militärbasen geplant. Auf der Importseite war die drastische Drosselung der Konsumgüterimporte vorgesehen. Um beides zu beschleunigen, waren weitere Abwertungen des vietnamesischen Piasters anvisiert, auch um ausländische Investitionen mit preiswerten Immobilien und noch niedrigeren Löhnen anzulocken (das Lohnniveau war ohnehin um die Hälfte niedriger als in Singapur und Hongkong, bei ungelernten Arbeitern gar um drei Viertel). Eine jährliche wirtschaftliche Wachstumsrate von neun Prozent wurde für erreichbar erklärt.

Im Hinblick auf die langfristig abnehmenden Dollarzuflüsse aus Hilfsprogrammen wurde: auch eine Sanierung des Budgets angestrebt, vor allem eine Erschließung neuer Einnahmequellen zur Überwindung der 90prozentigen Abhängigkeit von US-Zuwendungen [13] (siehe Tabelle 1). Gelang 1972 eine Steigerung des Steueraufkommens von 40 Prozent, so erwartete man für 1973 um 100 Prozent mehr Steuern, für 1980 gar eine Deckung der Einnahmen fast ganz aus eigenen Mitteln und ein ausgeglichenes Budget. Die Steuererhöhungen setzten aber voraus, daß neben den Importsteuern auch die Besteuerungsfähigkeit anderer Bereiche in dem beabsichtigten Umfang hätten zunehmen müssen. Im dominierenden Bereich der Landwirtschaft hätte das bedeutet: massiver Einsatz von Maschinen zwecks Produktivitätssteigerung; im Hinblick auf die unentwickelte Ausrüstungsgüterindustrie Vietnams hätte dies gewaltige Importsteigerungen notwendig gemacht, wodurch das Handelsbilanzdefizit verewigt worden wäre. Ein solches Programm zur „Belebung“ der Wirtschaft kam der Quadratur des Zirkels gleich, obendrein unter der optimistischen Annahme, daß die US-Administration ihr „commitment“ erfüllen und die zwischenzeitlich noch bestehenden Defizite ausgleichen würde. In der für den US-Senat 1973 angefertigten Moose-Lowenstein-Enquete war bereits darauf hingewiesen worden, daß Saigon eine Wirtschaftshilfe von mindestens 800 Millionen Dollar jährlich benötige, ohne daß damit allerdings ein wirklicher Wiederaufbau eingeleitet werden könnte. [14] Die Wirtschaftshilfe der USA betrug aber 1974/75 nur noch 400 Millionen Dollar [15] (wodurch nur etwa die Hälfte des laufenden vietnamesischen Handelsbilanzdefizits abgedeckt war). [16]

Auch die Hoffnung, durch ausländische Direktinvestitionen einen Aufschwung einzuleiten, erfüllte sich nicht. Die Attraktivität Saigons für Auslandsinvestitionen war ohnehin nicht groß, denn Rohstoffe mit Ausnahme von Kautschuk und Öl sind im Saigoner Bereich kaum vorhanden. [17] Billiglohnproduktion ist im ganzen asiatischen Bereich leicht zu organisieren: deswegen brauchte niemand in den unsicheren Bereich Saigons zu gehen. [18] Denkbar waren auch noch umweltschädliche Produktionen, wie sie etwa die japanischen Inseln jetzt zunehmend in ihrer Bewohnbarkeit beeinträchtigen. Solche Anlagen sind jedoch meist hochtechnisiert und benötigen nicht viele Arbeitskräfte. Man hoffte in Saigon auf ausländische Investitionen bei Düngemittel- oder Zementfabrikation. Das war jedoch nur ein schmaler Sektor. Auch die Touristik (daran waren zunächst die Japaner interessiert) gewann keine Bedeutung. [19]

Die Entwicklung einer nationalen Produktion — etwa im Konsumsektor, im Leichtmaschinenbau oder im Bauwesen — hätte vorausgesetzt, daß die Importe beschränkt werden, um der einheimischen Produktion keine Konkurrenz zu machen. Hier lag jedoch ein grundsätzliches Problem: diejenigen Schichten, auf die die USA bei einem solchen Versuch der wirtschaftlichen Reorganisation des Saigoner Bereiches zurückgreifen konnten, gehörten gerade vorwiegend der Kompradorenbourgeoisie an, die auf den Handel und besonders den Import von ausländischen Waren eingestellt und deshalb an einer liberalen Importpolitik außerordentlich interessiert waren. [20] Konnten sie bereit sein, auf ihre Pfründe zu verzichten? Die Tatsache, daß nur acht Prozent des Bruttosozialproduktes aus dem industriellen Sektor (einschließlich der Energieerzeugung) kam, 50 Prozent jedoch aus dem Dienstleistungssektor, zu dem auch der Handel zu rechnen ist, ließ keine Reformpolitik zu.

3 McNamara stürzt Thieu

Ähnliches gilt für die von den Amerikanern durch zwei Jahrzehnte vergeblich geforderte, erhoffte und eingeleitete Landreform. Auf den ersten Blick schien die von Thieu im Gesetz Nr. 003/70 von 26. März 1970 verkündete Landreform unter Slogans wie „Revolution auf dem Lande“, „Land den Bauern“, „Soziale und ökonomische Gerechtigkeit für alle“ einen wirklichen Fortschritt zu beinhalten, verglichen mit dem, was unter Bao Dai (1953) und Diem (1955/56) als „Reform“ in Kraft gesetzt worden war. [21] Nach dem Prinzip: „Land dem, der es bebaut!“ seien diejenigen Ländereien zu enteignen (vorwiegend Reisanbauflächen), die von den Besitzern nicht angebaut wurden. Quantitativ erfolgte eine Begrenzung des Besitzrechts auf maximal 15 ha. Die Entschädigung — das Zweieinhalbfache des durchschnittlichen Ertrags der enteigneten Reisfelder während der letzten fünf Jahre — sollte so geregelt sein, daß ein Fünftel nach der Enteignung in bar bezahlt werden sollte, die restlichen 80 Prozent in acht Jahren in Form von zehnprozentigen Schatzanweisungen, die veräußerlich waren, bzw. konvertierbar in Unternehmensbeteiligungen. Den neuen Besitzern — landlose Bauern erhielten nach einem bestimmten Schlüssel zwischen einem und drei ha Land kostenfrei zugewiesen — sollten vielfältige Vergünstigungen zuteil werden (z.B. keine Steuern und Abgaben im ersten Jahr).

Die Wirklichkeit offenbarte freilich die ganze Zwiespältigkeit dieser „Reform“. Was wie ein schwerer Schlag gegen die Großgrundbesitzer aussah — nur mehr 15 ha gegenüber einem Maximum von 100 ha unter Diem — entpuppte sich für die meisten als keineswegs unüberwindbare Schranke: durch „Vererbung“ innerhalb der Familie konnte auch diese Regelung in hohem Maße unterlaufen werden. Andererseits ist aber auch das Bemühen nicht zu übersehen, einen Agrarkapitalismus zu fördern, die konservativen, rückständigen, von der Pacht lebenden Landlords durch Hilfen aus der US- und Staatskasse zu Engagements in Handels- und Industriebereichen zu ermuntern (z.B. in Branchen wie: Traktoren/Landmaschinen/Bewässerungsanlagen/Düngemittel etc.), ganz im Sinne der auch von US-Entwicklungspolitikern empfohlenen Beseitigung des Pachtsystems als Hindernis für die Entwicklung eines auch für ausländische Investoren attraktiven ländlichen Marktes. Dabei war die südvietnamesische Regierung selbst aus Haushaltsgründen an einer möglichst raschen Ertragssteigerung der Landwirtschaft interessiert. [22] Nur: das Ziel, aus den Großgrundbesitzern Kapitalisten im industriellen Bereich zu machen und die soziale Lage auf dem Lande durch eine Versorgung der Bauern mit eigenem Lande zu stabilisieren, erforderte erhebliche Mittel, die nur aus einem umfangreichen „Marshallplan“ kommen hätten können, und eine wirkliche Umstellung der Großgrundbesitzer, die ihre Pfründe zugunsten einer ungewissen industriellen Zukunft hätten aufgeben müssen. Waren schon die Durchsetzungschancen der „Kompradorenregierung“ zweifelhaft, so warf die Einführung der kapitalistischen Produktionsweise auf dem Lande noch zusätzliche gravierende Strukturprobleme auf. Südvietnam hat keine Schwerindustrie, um die zur Einführung moderner Techniken erforderlichen Ausrüstungsgüter, Düngemittel, Insektizide etc. herzustellen. Eine zunehmende Abhängigkeit der Bauern von der im Import tätigen Kompradorenbourgeoisie war absehbar. Hinzu kommen die Rückwirkungen aus der weltweiten Inflation, der Erdöl- und damit auch der Düngemittelverteuerung auf dem Weltmarkt sowie die Devisenschwäche Südvietnams.

Die Presse berichtete denn auch über die erzwungene Brachlegung von vielen mit neugezüchteten, aber stark auf Kunstdünger angewiesenen Reissorten bebauten Feldern wegen Düngermangels. Der Import von Traktoren belastete nicht nur die Devisenvorräte, sondern auch die Viehhaltung in Südvietnam: der Rinderbestand ging zurück, wodurch auch die Fleischproduktion geschädigt wurde. Über die Anfänge einer Bodenumverteilung ist die Thieusche Agrarreform nicht hinausgekommen. [23]

Insgesamt wirkte — sowohl durch die Politik der militärischen Konfrontation wie auch durch das System der Korruption — die wirtschaftliche Situation so hoffnungslos, daß es selbst die von den kapitalistischen Industriestaaten kontrollierte Weltbank ablehnte, Kredite an Saigon zu geben, solange nicht sichergestellt sei, daß diese für den Wiederaufbau unter friedlichen Bedingungen, wie im Pariser Abkommen vorgesehen, tatsächlich verwendet werden würden. [24] Weltbankchef McNamara kannte dieses Faß ohne Boden noch aus seiner Pentagon-Zeit ...

Anmerkung zum Auslandskapital: Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich spielte bis zuletzt eine beherrschende Rolle in den meisten Branchen. So bestritten vier französische Unternehmen 90 Prozent der Kautschukproduktion und -verarbeitung (Gummireifen etc.) und 95 Prozent der Exporte. In den Bereichen Glas, Getränke, Tabak, Zündhölzer, Schuhe, Asbestzement, Schiffbau, Automontage hatten französische Firmen eine Monopolstellung, bei Radiogeräten und im Baubereich hatten sie einen „substantiellen“ Anteil, bei Pharmazeutika 30 Prozent der Inlandsproduktion. Dasselbe gilt für den Dienstleistungssektor: Banken (drei Firmen kontrollierten 19 Prozent der Einlagen), Versicherungen und Transportwesen (die französischen Luftfahrt- und Schiffahrtsgesellschaften hatten das Monopol für den Verkehr zwischen Europa und Vietnam) (Le Monde, 16. Mai 1975).

Die wirtschaftliche Lage Saigons nahm unter diesen Vorzeichen immer katastrophalere Züge an. In vielen Städten stieg die Arbeitslosigkeit auf 40 bis 50 Prozent. [25] Das Pro-Kopf-Einkommen lag im unteren Bereich der Einkommen der Entwicklungsländer [26] Das gesetzlich festgelegte Lohnminimum betrug 1974 auf dem Papier 190 Piaster. Ein Kilo Reis kostete im März 1974 gerade ebensoviel und war damit drei bis viermal so teuer wie 1973. Polizisten, Soldaten und kleine Angestellte verdienten weniger als 15.000 Piaster im Monat, ein Lehrer nur 8.000 bis 16.000. Das Lebensminimum für eine vierköpfige Familie wurde mit 15.000 Piaster angegeben. [27] Der Einzelhandelsindex für Lebensmittel stieg von 1.045 im Jänner 1973 auf 1.319 Punkte im Juni 1973 (Bezug 1960=100). [28]

Die Erzeugung von Flüchtlingen war die letzte strategische Idee Thieus

Die Tageszeitung Chin Luan berichtete am 3. April 1974 über die Eindrücke von Abgeordneten, die eine Rundreise durch das Gebiet der Saigoner Administration gemacht haben: danach war Unterernährung die schwerste Bedrohung für die Bevölkerung. [29] Die Inflation betrug für 1973 und 1974 jeweils etwa 65 Prozent, im Jänner/Februar 1974 allein 16 Prozent. [30] Während 1972 ein US-Dollar noch für 188 Piaster zu haben war, mußten im August 1974 bereits 620 Piaster bezahlt werden. Am 21. Januar 1975 wurde der Kurs auf 1:700 festgesetzt. Die Bevölkerung wuchs mit 3,1 Prozent sehr schnell. 60 Prozent der Südvietnamesen leben auf dem Lande, 40 Prozent in den Städten. [31] Davon sind 48 Prozent unter 15 Jahre alt [32] und fallen für die Produktion aus. Signifikant für die Struktur der Wirtschaft [33] vor dem Zusammenbruch ist die Tatsache, daß nur zehn Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung im Industriesektor arbeiteten, während 60 Prozent im Dienstleistungssektor beschäftigt waren. 30 Prozent arbeiteten in der Landwirtschaft. [34] So trug der industrielle Sektor nur etwa acht Prozent zum Bruttosozialprodukt bei, während die Dienstleistungen etwa 50 Prozent ausmachten. [35] Die industrielle Produktion hat sich von 1969 bis 1972 nur um 14 Punkte von 214 auf 228 erhöht, die Landwirtschaft steigerte ihre Produktion von 1970 bis 1972 nur von 103 auf 111 Punkte. [36]

Die traditionellen Exportzweige wurden auch nach dem Pariser Abkommen kriegsbedingt erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Die Kautschukproduktion, deren Plantagen vor allem in Kampfzonen lagen, verminderte sich. [37] War Vietnam noch zumindest bis 1960 Reis-Exporteur, so mußte es ab 1964 Reis importieren, 1972 sogar im Wert von 400 Millionen Dollar = 700.000 Zentner. [38] Die Krabbenfischerei, 1973 noch mit mehr als 20 Prozent (Wert 12,5 Millionen Dollar) an den gesamten Exporteinnahmen beteiligt, hatte einen großen Produktionsrückgang durch die Erdölverteuerung zu verzeichnen, da die Fischer nicht mehr den Dieseltreibstoff bezahlen konnten. [39] Das Verhältnis der Importe zu den Exporten war außerordentlich ungünstig, wie die Tabelle 4 zeigt. Die Kürzung der US-Hilfe [40] und das Ausbleiben der Devisen aus der Präsenz der US-Truppen (jährlich auf 350 bis 400 Millionen Dollar geschätzt [41] hatten zur Folge, daß die Devisenbestände rapide zusammenschmolzen (1972: 200 Millionen Dollar, 1973: höchstens 100 Millionen Dollar, [42] was wiederum bewirkte, daß einem Lande, dessen Rohstoffversorgung zu 80 Prozent, bei Konsumgütern gar zu 90 Prozent aus Einfuhren gedeckt wurde, [43] der Zeitpunkt, wo bestimmte Industriezweige ihre Produktion aus Rohstoffmangel einstellen hätten müssen, bereits sichtbar war. [44] Drastische Steueranhebungen für mehr als 200 importierte Produkte (22. November 1973) oder gar ein Importverbot von 98 Konsumgütern (Kosmetika, Klima- und TV-Geräte, Zucker, Alkoholika) in einem von frommem Wunschdenken erfüllten Austerity-Programm der Thieu-Regierung [45] für das Fiskaljahr 1974/75 konnten nicht darüber hinwegtäuschen, daß eine substantielle Verringerung des Importvolumens höchst zweifelhaft war (einmal wegen benötigter Kapitalgüter, zum anderen auch wegen der Ölpreise: immerhin 12 Prozent der Warenimporte für 1974 in Höhe von 700 bis 800 Millionen Dollar entfielen allein auf Erdöl. [46]

Die Wirtschaft war nicht steuerbar, solange Korruption als Bestandteil zum gesellschaftlichen System gehörte. Ähnliches gilt für ausländische Investitionen. Sie waren erst zu erwarten, wenn soziale Stabilisierung erreicht wurde, soziale Stabilisierung erforderte aber gerade Ankurbelung der Wirtschaft, zu der es unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen nicht kommen konnte. Die ökonomische Misere fand ihren Ausdruck in sozialen Unruhen, in Streiks, die blutig (mit Hilfe des korrupten Präsidenten der Konföderation der staatlichen Gewerkschaften, Tran Quoc Buu!) niedergeschlagen wurden. [47] Die sozialen Unruhen wiederum verstärkten den Terror der Saigoner Administration, da sie durch Zuweisung aus dem stagnierenden Nationalprodukt nicht befriedigt werden konnten.

Die Hoffnung Washingtons, aus dem Saigoner Gebiet ein wirtschaftlich attraktives Gebiet à la Singapur zu machen (wenn man schon den Dschungel nicht erobern konnte), hatte sich in keiner Weise erfüllt. Im Gegenteil: Inflation und Massenelend, Arbeitslosigkeit und Korruption hatten ein nie gekanntes Maß erreicht. Soziale und politische Stabilisierung waren weder wirtschaftlich noch mittels Terror durchsetzbar. [48]

Demonstration in Saigon, Juni 1975:
Die Losungen betonen die nationale Unabhängigkeit

4 Die Katholiken — letzte Reserve des Pentagon

Die wichtigsten Oppositionsgruppen, die in den letzten beiden Jahren das Thieu-Regime abzulösen versuchten, waren die Buddhisten und die Katholiken. Die Buddhisten knüpften an die Tradition von 1963 und ihren Kampf gegen den damaligen (katholischen) Diktator Diem an. Sie forderten die Verwirklichung des Pariser Abkommens mit dem Ziel „der nationalen Eintracht und Versöhnung“. Ihr Einfluß reichte viel stärker in die unteren sozialen Schichten als der der katholischen „Volksbewegung gegen die Korruption, für die Rettung der Nation und die Verwirklichung des Friedens“ (AKK), die am 18. August 1974 gegründet wurde. [49] Obwohl sie in der westlichen Berichterstattung meist als Teil der „Dritten Kraft“ dargestellt wurde, handelte es sich um entschieden antikommunistische Kräfte. Der Führer der AKK, Pater Tran Huu Thanh, ließ daran keinen Zweifel aufkommen: „Wer die Abkommen von Paris im Glauben geschlossen hat, daß es in Südvietnam drei politische Kräfte geben könne, ist ein Illusionist. Es sind zur zwei; wir Katholiken wollen nicht Bestandteil einer nicht-existenten dritten Kraft sein, wir wollen die erste Kraft sein, die antikommunistische.“ [50] Der Pater war fünf Jahre Lehrer in einer militärischen Kaderschule gewesen, die dem Kampf gegen kommunistische Ideologie gewidmet war.

Die Forderungen der Katholiken bezogen sich deshalb auch nicht unmittelbar auf die Einhaltung des Pariser Abkommens, sondern auf die Beseitigung der Korruption im Lande. Ehe man mit den Kommunisten rede, müsse man das eigene Haus in Ordnung bringen. Anscheinend bestand vor dem sozialen und militärischen Zusammenbruch in Südvietnam zwischen der AKK und Washington Konsens darüber, daß die Pariser Abkommen nicht so weit angewandt werden durften, daß die PRR Einfluß auf den Saigoner Bereich erhalten konnte, und daß erst die Beseitigung zumindest der schlimmsten Auswüchse der Korruption die Voraussetzung schaffen würde, um einen wirtschaftlichen Aufschwung einzuleiten.

Die katholische Antikorruptionskampagne gewann in den letzten Monaten vor Saigons Fall besondere Bedeutung, da sie allem Anschein nach für Washington die mögliche Alternative zum Thieu-Regime darstellte, besonders wenn es ihr gelungen wäre, eine breite soziale Basis zu gewinnen. Dazu schreiben Noam Chomsky und Edward Herman: „In einer Zeit abnehmender ‚corruption dividend‘ ist ein Mr. Saubermann, ein ehrenwerter Quisling erforderlich, nicht um das südvietnamesische Haus wirklich in Ordnung zu bringen — das wäre unvereinbar mit den primären Zielen der USA —, sondern eher um ein aufpoliertes Image zu liefern, um den Dollarzufluß zu erhöhen und damit die Basis für weitere Steigerung zu legen, wenn die Fäulnis weiter um sich greift.“ [51]

Die Aktivitäten der katholischen Gruppe erfolgten offensichtlich in enger Abstimmung mit dem Vatikan. Am 17. August 1974 fand ein Zusammentreffen zwischen Kardinal Angelo Rossi — Vertreter des Papstes und zuständig für die Verbreitung des Evangeliums — mit 400 Geistlichen Südvietnams statt, bei dem Pater Thanh Lang vor der AKK eine Erklärung über Aufgaben und Glauben der Christen Südvietnams vortrug. Die zweite These in der Erklärung lautete: „Der katholische Klerus soll sich von der Regierung trennen und von ihr Abstand nehmen.“ [52] In den folgenden Monaten ergingen nicht nur kritische Ermahnungen des Papstes an die Adresse von Saigon, auch Henry Kissinger besuchte den Vatikan, woraus Beobachter eine Konvergenz der amerikanischen Vietnampolitik mit der des Papstes erschlossen. [53]

Warum die AKK-Alternative nicht statt Thieu eingesetzt wurde, kann wahrscheinlich erst gesagt werden, wenn die Akten des State Departments zugänglich sind. Zunächst waren sich die amerikanischen Stellen keineswegs voll der Gefährdung der Saigoner Herrschaft bewußt. Schließlich lag Saigon fast immer im Angriff und war militärisch gut gerüstet. Der soziale Erosionsprozeß wurde von den US-Imperialisten übersehen. Zweitens war durch die Watergate-Affäre und Nixons Ablösung die Administration stark nach innen orientiert und kaum handlungsfähig. Die Ablösung Thieus hätte einer starken US-Administration mit Rückendeckung im Kongreß bedurft. Im Kongreß aber hatten die innenpolitischen Rivalitäten über die äußeren die Oberhand gewonnen, und die Industrie war an Investitionen in Vietnam nicht mehr interessiert.

(II. Teil im nächsten Heft)

[1Fernsehrede Nixons vom 25. Jänner 1974, zit. nach „Komitee zur Wahrung der Rechte der Vietnamesen in der BRD/Information“, p. 6. — Die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27. April 1974 konnte vermelden: „Thieus Konzeption findet militärisch seine Abstützung in der amerikanischen Bereitschaft, die militärische Macht Südvietnams zu stärken. Südvietnam unterhält dreizehn vorzüglich ausgerüstete Divisionen. Vierzig Rangerbataillone sind die strategische Reserve. 480 Jagdbomber und mehr als elfhundert Flugzeuge und Helikopter decken die Erdtruppe ab. Sechzig Prozent der Gelder für die Unterhaltung der Streitkräfte kommen unmittelbar aus Amerika.“

[2Die FNL beschuldigte die USA, seit dem offiziellen Abzug der US-Truppen erneut 20.000 Mann eingeschleust zu haben (Frankfurter Rundschau, 1. November 1973)

[3Zitat nach „Komitee zur Wahrung der Rechte der Vietnamesen in der BRD/Information“, p. 6

[4Il Manifesto, 9. Jänner 1975

[5Schon 1973 war für die Jahre 1974, 1975 und 1976 die Lieferung modernsten Kriegsgeräts (Flugzeuge, Raketen neuesten Typs) vorgesehen. Vgl. Le Monde vom 30. Jänner 1974

[6Zitat nach „Komitee zur Wahrung ...“, p. 36

[7Frankfurter Rundschau, 8. August 1974

[8„Komitee zur Wahrung ...“, p. 64

[9Alle Zitate in „Komitee zur Wahrung ...“, p. 25

[10Nach einer Feststellung des Abgeordneten Nguyen Phuc Lien Bao am 26. Juli 1974; zit. nach „Komitee zur Wahrung ...“, p. 22

[11Le Monde, 1. Februar 1974

[12Stuttgarter Zeitung vom 3. Juli 1973 und The Thieu Regime put to the Test, 1973-1975, Hanoi 1975, p. 25

[13Angabe bei G. Kolko, Watergate et le drame vietnamien, in: Le Monde diplomatique, September 1974. — Über die amerikanische Hilfe für Vietnam sind verständlicherweise Zahlenangaben nur mit größtem Mißtrauen zu begegnen. Nach Schätzung des demokratischen Abgeordneten Les Aspin (Wisconsin) auf der Basis von Pentagonziffern betrug die amerikanische Hilfe für Vietnam (militärisch und zivil) seit Jänner 1973 bis Ende 1974 rund 3,7 Milliarden Dollar; für ganz Indochina 8,2 Milliarden Dollar (International Herald Tribune vom 10. Jänner 1975). Aufschlüsseln läßt sich diese Globalzahl annähernd anhand der Haushaltsansätze für die Steuerjahre 1973/74 und 1974/75.

Militärhilfe: 1973/74 1,126 Milliarden Dollar (Quelle: South Vietnam in Struggle No. 267 vom 23. September 1974)

1974/75 700 Millionen Dollar, nachdem der Kongreß im August 1974 den ursprünglichen Ansatz der Nixon-Administration von 1,4 Milliarden Dollar um 50 Prozent beschnitten hatte. (Quelle: International Herald Tribune vom 10. Jänner 1975)

[14Le Monde, 14. Juni 1973

[15International Herald Tribune, 10. Jänner 1975

[16Wie 15

[17Und das trotz eines großzügigen Investitionsgesetzes von 1971/72, das u.a. vorsah: 5jährige Befreiung von Gewinn- und vielen anderen Steuern, zollfreier Ausrüstungsimport, Beschäftigung ausländischer Fachkräfte, Gewinntransferierbarkeit bis zu 100 Prozent. Darüber hinaus waren Exportprämien vorgesehen: 50 Piaster je Dollar Ausfuhrwert, zuzüglich ein Jahr lang 25 Piaster je Dollar Warenwert für erstmals aus Vietnam ausgeführte Erzeugnisse. (Nachrichten für Außenhandel, 21. März 1973)

[18Allerdings wird man dabei in Rechnung stellen müssen, daß die „Overseas Private Investment Corporation“ (OPIC), eine vom US-Kongreß initiierte Institution zur Garantieübernahme für private Auslandsinvestitionen, nach den Verstaatlichungen von US-Besitz in Chile vorläufig keine Garantien für Investitionen in Vietnam übernehmen durfte (für den Zeitraum 1973 belegt in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. Oktober 1973)

[19Im ganzen Jahr 1973 brachten 79.000 Touristen Südvietnam Deviseneinnahmen in Höhe von 9 Millionen Dollar, wobei zu berücksichtigen ist, daß auch Geschäftsleute und Journalisten mitgezählt sind, die auf Touristenvisum einreisten. (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Mai 1974)

[20Importhandel und Staat waren beide gleichermaßen an der Aufrechterhaltung bestehender Regelungen interessiert, zumal wenn man bedenkt, daß die Lieferungen aus den US-Hilfsprogrammen eine verstärkende Wirkung ausübten: Die Importwirtschaft profitierte vor allem von einer „überbewerteten“ Währung, was konkurrenzlos billige Einfuhren möglich machte (besonders Luxusgüter, Konsumgüter Stichwort: „Honda-Society“). Demgegenüber hatten schon 1969 Expertisen der Asiatischen Entwicklungsbank und andere internationale Finanzinstitute die Parität von 118 Piaster für 1 Dollar für unhaltbar erklärt; der Internationale Währungsfonds soll der südvietnamesischen Regierung 1974 empfohlen haben, bis zum Ende des Jahres auf 800 Piaster für 1 Dollar abzuwerten. Ein zusätzlicher Vorteil ergab sich daraus, daß für ganz bestimmte Importe, nämlich Einfuhren im Rahmen des von den USA finanzierten Hilfsprogramms CIP (= Commercial Import Program; Lieferland: meist die USA selbst!), ein Vorzugskurs zugrunde gelegt wurde (z.B. als die Dollar/PiasterParität 1:455 war, galt ein CIP-Kurs von 1:310). Nach der Aufhebung des gespaltenen Wechselkurses im Jänner 1974 wurde für Importe im Rahmen des CIP seit März 1974 je Dollar-Warenwert eine Rückvergütung (aus US-Mitteln) von 60 Piaster an den Importeur bezahlt. Für die Regierung in Saigon war dieses Importsystem schon als sichere Einnahmequelle von großem Interesse, wobei die beträchtliche Höhe der Importbesteuerung (für den Zeitraum 1965-1967: 38 Prozent des Gesamteinfuhrwerts [cif]) lange Zeit relativ unproblematisch, weil wegen der erwähnten Währungsrelation kaum spürbar war, (Nachrichten für Außenhandel, 21. März 1973, 5. Februar 1974, 20. Mai 1974; Asian Development Bank [ed.]; Southeast Asia’s Economy in the 1970s, London 1971, p. 198)

[21Die folgenden Ausführungen stützen sich im wesentlichen auf den Beitrag von Nguyen Xuan Lai, „Agrarian Reform“ in South Vietnam, in Vietnam Courier, März 1975, p. 24-27

[22Die Saigoner Tageszeitung Dien Tin berichtete in ihrer Ausgabe vom 22. Juni 1974 über eine Pressekonferenz des südvietnamesischen Finanzministers vom 15. Juni 1974, in deren Verlauf die Auffassung geäußert wurde, daß der ländliche Sektor 1974 mit 50 Milliarden Piastern zum Steueraufkommen beizutragen habe. Im Vergleich dazu: im Jahre 1973 waren’s nur fünf Milliarden Piaster! (Vietnam Courier, März 1975, p. 26)

[23Nach der Agrarreform von 1970 sollten eine Million Hektar Land an 800.000 Haushalte umverteilt werden. Nach einer Information des Saigoner Ministeriums für die Agrarreform waren bis zum 26. März 1973 714.131 ha von 84.901 Grundbesitzern enteignet worden. Die bis dato geleistete Entschädigungszahlung wurde auf 41.380 Millionen Piaster = 80 Millionen Dollar beziffert. Am 26. April 1974 gab Thieu die Höhe der Enteignungen mit 1,3 Millionen Hektar an, verteilt an 800.000 Bauern, und stellte für 1974 die Verteilung einer weiteren Million Hektar in Aussicht (Vietnam Courier, März 1975, p. 27)

[24Vgl. Le Monde diplomatique, September 1974. — Peter Cargill, Vizepräsident der IDA, schrieb an Eugene Blake, Präsident von „Brot für die Welt“, auf dessen Anfrage: „Mr. McNamara sagte, daß die Weltbankgruppe bereit sei, eine solche Gruppe (gemeint ist ein Länderkonsortium, das die Weltbank zunächst nur zu Hilfeleistungen für Saigon berufen wollte) auf der Basis der Verständigung über folgende Punkte zu bilden: a) daß sich die Gruppe mit den Problemen der drei Länder Indochinas, die Mitglieder der Bank und der IDA sind, befaßt also Laos, Kambodscha und Südvietnam; b) daß jede Initiative beim Zustandebringen einer solchen Gruppe oder jede Teilnahme durch die IDA davon abhängt, wie die Weltbankgruppe die Möglichkeit einschätzt, daß solch ein Hilfsprogramm allein in den Wiederaufbau und die Entwicklung dieser Wirtschaften gelenkt wird und sie wiederherstellt in einer Friedenszeit, wie sie in den Pariser Übereinkommen vorgesehen wurde; c) daß die Bankgruppe diese Operationen nur unternehmen würde, wenn sie eine breite Unterstützung der Mitglieder finden würde.“ (Vietnam International, Vol. VIII, Nr. 6/7 [Herbst 1974], p. 2)

[25Bericht von dem Ausschuß für die Außenpolitik des US-Senats über die Lage in Südvietnam im August 1974. — Von Arbeitslosigkeit betroffen waren vor allem Kriegsopfer, Flüchtlinge, etwa 200.000 Jugendliche jährlich, die ins arbeitsfähige Alter kommen, ohne Arbeit zu finden, sowie 160.000 Vietnamesen, die als Arbeiter oder als Händler, Barbesitzer oder Prostituierte von der Anwesenheit der amerikanischen Truppen lebten. (Tribune Socialiste, 23. Jänner 1974)

[26Einkommen pro Kopf: 1972 92 Dollar, 1973 88 Dollar. Nach Angaben der US-AID (Agency for International Development) ist das Einkommen seit 1971 mindestens um zehn Prozent gesunken (nominal — die Inflationsverluste noch nicht mitgerechnet). Le Monde, 8. Mai 1974

[27Le Monde, 8. Mai 1974

[28Le Monde, 9. Mai 1974

[29Nach „Komitee für Wahrung ...“, p. 11

[30Le Monde, 9. Mai 1974

[31Il Manifesto, 21. März 1974. — Das Ausmaß der „Urbanisierung“ in Südvietnam mit den damit zusammenhängenden Problemen wird erkennbar, wenn man zum Vergleich eine Aufschlüsselung der Bevölkerung nach Stadt und Land aus dem Jahre 1967 heranzieht: Danach befanden sich von einer damaligen Gesamtbevölkerung von 16,973 Millionen 3,489 Millionen (= 20,6 Prozent) in Städten, aber 13,484 (= 79,4 Prozent) auf dem Lande. — Quelle: Asian Development Bank (ed.), Southeast Asia’s economy in the 1970s, London 1971, p. 571

[32South Vietnam in Struggle, März 1974

[33Das Vorstandsmitglied der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB, Manila) Buu Hoan beschreibt die im Gefolge der Kriegs- und Stabilisierungsanstrengungen geschaffene „künstliche Wirtschaftsstruktur“ wie folgt (1973): „Da die Investitionen (9,7 Prozent des Bruttosozialprodukts im Jahre 1972) und Exporte (7,4 Prozent) auf ein relativ unbedeutendes Niveau zurückgingen, bestimmten die durch Stützungsmaßnahmen getragenen Ausgaben der Regierung (26,1 Prozent) und die Ausgaben der alliierten Truppen (in der Größenordnung von 20 Prozent in den Jahren 1966-1970) in weitestem Maß das Einkommensniveau. Eine derartige strukturelle Abhängigkeit war in mancher Hinsicht ein Hindernis, auf normalem Wege wirtschaftliche Lebensfähigkeit zu erlangen. So erleichterte das System beispielsweise die unnormale Ausweitung des Dienstleistungssektors (mehr als die Hälfte des Bruttosozialprodukts) auf Kosten des primären und sekundären Bereichs. Es begünstigte ganz besonders wirtschaftliche Aktivitäten im Einfuhrgeschäft und in der Beschaffung von Gütern und Dienstleistungen für die alliierten Truppen und das amerikanische zivile Personal. Daher ist der Reichtum in diesen Sektoren zu erklären.“ (Buu Hoan, Ein Vorschlag für den Wiederaufbau in Südvietnam, in: Europa-Archiv 22/1973, p. 802)

[34Il Manifesto, 21. März 1974

[35Le Monde, 31. Jänner 1974

[36Le Monde, 2. Oktober 1973

[37Le Monde, 31. Jänner 1974

[38Über die Modalitäten der Reisversorgung gibt es nur wenig gesicherte Informationen. Fest steht, daß die Reislieferungen aus dem Mekong-Delta nach Saigon kontinuierlich abnahmen (Le Monde, 2. Oktober 1973): Abnahme (im Verhältnis zu 1972):
Jänner 1973 59 Prozent
Februar 1973 39 Prozent
März 1973 18 Prozent
April 1973 37 Prozent
Mai 1973 37 Prozent
Nach verschiedenen Quellen kontrollierte die PRR mindestens ein Drittel der Reisproduktion. Die Saigoner Behörden beschlossen eine Wirtschaftsblockade gegen die befreiten Gebiete und Zwangslieferungen gegen bar zu einem angeblich „anständigen“ Preis, wobei die Aufkäufer in einigen Provinzen eigenmächtig Preisabschläge vornahmen, mit Wechsel bezahlten und schließlich für eigene Rechnung weiterverkauften. Jerry Silverman nannte in einem Artikel für das Asian Survey die Wirtschaftsblockade der PRR-Gebiete nur eine Quelle für immense Profite der Saigoner Behörden. Die PRR habe keinen Schaden erlitten; sie sei wirtschaftlich in sieben der 16 Deltaprovinzen dominierend gewesen. (Bei Gabriel Kolko, Watergate et le drame vietnamien, in: Le Monde diplomatique, September 1974, p. 6; alle sonstigen Angaben in Le Monde vom 10. Mai 1974)

[39Le Monde, 9. Mai 1974

[40Nach Berechnungen der Asian Development Bank, Manila, war die nominale Wachstumsrate von 4,5 Prozent des BSP in den letzten Jahren zu drei Viertel eine Wirkung der fortdauernden Dollar-Infusionen. (Handelsblatt, 30. April 1973)

[41Stuttgarter Zeitung, 26. November 1973

[42The Thieu Regime put to the Test, 1973-1975. Hanoi 1975, p. 27

[43Il Manifesto, 21. März 1974

[44Nachrichten für Außenhandel, 20. Mai 1974: „Bei einem Reservenbestand von etwa 70 Millionen Dollar mußten die Importe so weit eingeschränkt werden, daß zahlreiche Wirtschaftszweige aus Mangel an Rohstoffen und Vorprodukten in ihrer Existenz bedroht sind.“ Die Neue Zürcher Zeitung berichtete am 7. August 1974, daß aus diesem Grund bereits die Hälfte der vietnamesischen Textilunternehmen stillgelegt worden sei. Und eine andere Meldung besagt (Handelsblatt, 10. Jänner 1975), daß die Industrieproduktion Südvietnams 1974 real um 40 Prozent zurückgegangen sei — mit der Folge eines beschleunigten Ansteigens der Arbeitslosenzahl.

[45Blick durch die Wirtschaft, 25. Juli 1974

[46Neue Zürcher Zeitung, 7. August 1974

[47Noam Chomsky und Edward S. Herman geben einige interessante Details zur Rolle Tran Quoc Buus und des von ihm geführten vietnamesischen Gewerkschaftsbundes, der als CIA-Agentur galt, beträchtliche Hilfe vom amerikanischen Gewerkschaftsverband AFL/CIO und von Institut für Internationale Solidarität der CDU-nahen Konrad Adenauer Stiftung erhalten haben soll. Buu, selbst der Korruption bezichtigt, kritisierte auf der 25. Jahrestagung seiner Organisation im Oktober 1974 die „untaugliche und korrupte Führung“ und forderte Thieus Rücktritt, wobei er sich selbst als Nachfolger präsentierte. Buus Forderung nach Aufhebung der von ihm einst selbst unterstützten Antistreikgesetze zielte nicht auf demokratische Freiheiten, sondern sollte bloß „Bataillone“ für Anti-Thieu-Demonstationen bereitstellen. (Ramparts, Dezember 1974/Jänner 1975, p. 70f)

[48Siehe die Prognose der Verfasser in links 47/1973

[49Frankfurter Rundschau, 18. Oktober 1974

[50Il Manifesto, 12./13. November 1974

[51Ramparts, Dezember 1974/Jänner 1975, p. 23

[52„Komitee zur Wahrung ...“, p. 18, 40

[53Il Manifesto, 12./13. November 1974

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1975
, Seite 47
Autor/inn/en:

Andreas Buro:

Günter Dill:

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