FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 301/302
Friedrich Geyrhofer

Volk ohne Raum

Europapolitik der SPD

Reprisentheater

Wenn sich im Schachspiel die Stellung mehrmals wiederholt, ist die Partie zu Ende. Die Figuren der westdeutschen Politik ziehen immer wieder über dieselben Felder. Kein königliches Spiel, vielmehr ein Roulett, bei dem ständig die gleichen Zahlen kommen. Oder auch ein Repertoiretheater, das seine Abonnenten mit Reprisen abspeist und die Premieren absagt. Nur die Jahreszahlen ändern sich. Der Kalender täuscht die Illusion einer Entwicklung vor. Strauß greift Kohl an, erpreßt ihn mit der Androhung einer „Vierten Partei“ — von 1975 bis 1978 und anscheinend bis ans Ende aller Tage. Im Winter 1978 wärmt der Hamburger Oberbürgermeister Hans-Ulrich Klose den Stamokap wieder auf, obwohl ein Repräsentant dieser marxistischen Sekte, der unglückliche Juso-Vorsitzende Benneter, im Frühjahr 1977 von Egon Bahr eigenhändig aus der SPD hinausgeschmissen worden ist.

Innerhalb von zwei Jahren hat sich alles geändert, um wieder von vorn anzufangen. Das Verschwinden und Auftauchen gewisser Themen folgt einem eigenartigen Rhythmus. Was für die Union das Phantom von Wildbad Kreuth ist, scheint für die SPD die Stamokap-Theorie zu sein, die brüsk die Aussichtslosigkeit des Reformismus behauptet. Kloses Angriff auf eine Subventionspolitik, die nur den Unternehmern zugute kommt, erneuert die halbvergessene Debatte über „Investitionsienkung“, die Ende 1975 auf dem Mannheimer Parteitag autoritär beendet worden war. Zwanzig Monate nach der Austreibung Benneters wird der Exorzist Bahr auf dem Kölner SPD-Parteitag im Dezember zum unscheinbaren Statisten degradiert.

Statt mit den Linken ringt der Bundesgeschäftsführer jetzt die Hände über leeren Parteikassen. Die prominenten Kritiker des Radikalenerlasses — den Bahr selbst innerhalb der SPD exekutiert hat — stehlen ihm nunmehr die Show. Ohne den (kranken) Willy Brandt hat der Rausschmeißer keine Muskeln mehr. Aber auch der Bundeskanzler, der als Blitzsieger von Mogadishu (lang ist’s her) im November 1977 dem Hamburger Parteitag imponiert hatte, wirkt in Köln auffallend nervös. Er ist gereizt, weil sich der Applaus verdünnt. Nach seinen Erfolgen als Macher, Krisenmanager, Terrortöter und Weltökonom braucht der Staatsschauspieler dringend eine neue Rolle. Allzu aufdringlich leugnete Helmut Schmidt in Köln seinen Wunsch, Brandts Nachfolge anzutreten, allzu plump der Versuch, den Linken in der SPD ein bißchen zu schmeicheln.

Die Parteitagsrede des Oberlehrers glänzte mit seiner Schulbildung, von der Gotik über die Renaissance rollte die abendländische Kulturgeschichte ab, um in die Devisenmanipulationen des EWS — des „Europäischen WWährungssystems“ — logisch einzumünden. Ein typisches Zitat: „Wir Deutsche kennen und lieben den französischen Impressionismus, aber die Franzosen entdecken erst soeben den deutschen Expressionismus.“ Faule Brüder! Ein Europa der Museen? Der DGB-Vorsitzende Vetter, hinter Brandt der zweite Mann auf der Kandidatenliste für die „europäischen“ Wahlen, hatte ein „Europa der Arbeitnehmer“ angekündigt. Am „Modell Deutschland“ offenkundig irre geworden, konnten die Sozialdemokraten in Köln außer ihrer Parole „Deutsche, sagt ja zu Europa“ nur herzlich wenig über Europa sagen.

Metallerstreik in Nordrhein-Westfalen:
Arbeiterklasse gibt’s noch
Bild: id-foto

Unordnung muß sein

Schmidt verwandelte sich in einen Genießer, der rein literarisch sogar im Klassenkampf den dramaturgischen Höhepunkt zu würdigen weiß. Er kritisierte „die gefährlich enge kleinbürgerliche Harmonievorstellung“ der Deutschen, „als ob Streik etwas Unordentliches sei“. Bei einem Staat ohne Streiks „muß man Zweifel an der demokratischen Struktur der Gesellschaft haben“. So wird auf einmal aus den Setzer-, Metaller- und Stahlarbeiterstreiks eine staatsbürgerliche Tugend gemacht. Ob nun die Deutschen arbeiten oder die Arbeit niederlegen in den Augen ihres Bundeskanzlers sind sie in jedem Fall vorbildlich. Wie aber paßt das Lob des Streiks zur Kraftmeierei des starken Mannes in Bonn, der die geheimen Diktaturwünsche der Bourgeoisie erfüllt? Mit knapper Not gelang es Herbert Wehner, in den letzten Stunden des Parteitags einen Antrag auf das gesetzliche Verbot der Aussperrung zu stoppen.

Hans Koschnick in Köln: „Perspektivenlosigkeit und personelle Auseinandersetzungen kennzeichnen die eine Seite der deutschen Politik.“ Und die andere Seite? Das sind Tagträume über „Europa“. Nach dem Parteitag wurde, teils betrübt, teils hoffnungsvoll, eine „Linksdrift“ der SPD diagnostiziert. Sie braucht einen linken Flügel: deshalb wächst er immer wieder nach. Schon vor Köln hatten Klose und Koschnick Töne angeschlagen, die sich die Jusos schwerlich leisten könnten. Rehabilitiert ist die „staatsmännische Linke“, die seit Jahren im Bundestag vergeblich dem Regierungskurs Widerstand geleistet hat. Momentan schwingt das Pendel, nach der Schreckenszeit des Antiterrors, in die andere Richtung aus. Die drei Staatsparteien arbeiten einander dabei in die Hände.

Auf dem CDU-Parteitag in Ludwigshafen Ende Oktober durfte Helmut Kohl über den Strauß/Dregger-Flügel der Union triumphieren. Der CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, Erfinder der „neuen sozialen Frage“, verlangte von den Unternehmern ein Bekenntnis zur „sozialen Gerechtigkeit“. Herbert Wehner fand für das CDU-Programm lobende Worte. Auf dem FDP-Parteitag in Mainz Mitte November revoltierten die Delegierten erfolgreich gegen eine Parteiführung, die für die Wahlniederlagen vom Juni büßen mußte. Bei den Präsidiumswahlen fiel der Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff durch, gegen dessen Willen der Beschluß gefaßt wurde, mit dem Weiterbau des Schnellen Brüters in Kalkar auch den Startschuß für die Plutoniumwirtschaft auf die lange Bank zu schieben.

Zwentendorf, Kalkar und die SPD

Ein Jahr zuvor hatte der FDP-Parteitag in Kiel für die AKWs freie Bahn geschaffen. Aber im Sommer 1978 wurden die Freien Demokraten von den Grünen und Bunten zu einem Kampf ums Überleben gezwungen. Die österreichische Volksabstimmung über Zwentendorf, kurz vor dem Mainzer Parteitag, brachte am 5. November eine überraschende Mehrheit gegen den Atomstrom. Die Entscheidung gegen den Schnellen Brüter entsprang einfach dem Selbsterhaltungstrieb. Sie wurde unterstützt von den FDP-Ministern in Nordrhein-Westfalen, unter deren direkte Kompetenz Kalkar fällt. Aber im Dezember, einen Monat nach Mainz, demonstrierten die FDP-Chefs Hans Dietrich Genscher und Wolfgang Mischnick, daß sie ebensogut wie Helmut Schmidt gegen die Mehrheit der eigenen Partei regieren und eine dissidente Minderheit in der Bundestagsfraktion zur Räson bringen können.

Der Eklat wurde künstlich provoziert. Ganz leicht hätte die Bonner Regierung, ohne Zustimmung des Parlaments und ohne Trara, die „dritte Teilerrichtungsgenehmigung“ für Kalkar geben können. Aber Genscher und Schmidt bezweckten eine dramatische Kraftprobe, um den Mainzer Beschluß auszulöschen, die Abgeordneten der Regierung zu unterwerfen, die Zukunft des Atomstaats zu garantieren. Sechs FDP-Abgeordnete, die sich an die Entscheidung des Mainzer Parteitags halten und gegen die sozialliberale Regierung stimmen wollten, wurden in die Knie gezwungen. „FDP-Spitze drohte Rücktritt an / Gegner des Schnellen Brüters verzichteten auf ihr Nein“ (Frankfurter Rundschau, 15. Dezember 1978).

Die Dissidenten der FDP-Fraktion erklärten vor dem Bundestag: „Da werden mit vielen Milliarden D-Mark-Beträgen Werke aufgebaut, die man vor den Bürgern schützen muß. Bei uns findet der sogenannte technologische Fortschritt nur hinter meterhohem Stacheldraht und von Hundertschaften bewacht statt“ (Frankfurter Rundschau vom 15. Dezember 1978). Der SPD-Parteitag in Köln ignorierte das Thema Atom. Zum Thema Berufsverbote, das innerhalb der Sozialdemokratie überraschende Fronten geschaffen hat, wurden in Köln Formeln und Formulierungen beschlossen, die nicht weniger zweideutig sind als der Beschluß des Karlsruher Verfassungsgerichts aus dem Jahr 1975, mit dem man damals dieses Thema abgeschlossen glaubte. Eigentlich geht es nur darum, die Geheimdienste nicht „von ihren eigentlichen Aufgaben“ abzulenken.

Böse Taten & gute Worte

Zwar verzichtet der SPD-Beschluß vom 10. Dezember, ein komplizierter Kompromiß, auf den gefährlichen Terminus „Verfassungsfeind“, der aber durch die Phrase „aktive Betätigung gegen den Kernbestand unserer FDGO“ umschrieben wird. Einerseits heißt es: „Eine Routineanfrage beim Verfassungsschutz findet nicht statt“, andrerseits wird verlangt: „Eine Anfrage muß jedoch stattfinden, wenn der Behörde Tatsachen bekannt sind ...“ Also doch noch ein Schlupfloch für Spitzel! Ein Antrag der Jusos, die Zugehörigkeit zu einer nicht verbotenen Partei in Zukunft nicht mehr zu berücksichtigen, wurde abgelehnt. Helmut Schmidt reagierte mit einem Wutausbruch, als auf dem Parteitag schikanöse Berufsverbote bei Post und Bundesbahn angeprangert wurden.

Die Hexenprozesse gegen „Radikale“ und „Extremisten“, eine Sisyphusarbeit, die den Aufbau und Ausbau des Polizeistaats begleitet, sind nur der hilflose Versuch, das Rad zurückzudrehen und eine gesellschaftliche Entwicklung zu korrigieren, die sich weder durch gute Worte noch durch böse Taten auf den Boden des Grundgesetzes und seiner ursprünglichen Intentionen zurückführen läßt.

Was tun? Böse Taten und gute Worte wechseln einander ab. Der taktische Zickzack der westdeutschen Politik — mal weit rechts, mal ein bißchen „links von der Mitte“ — verrät die Balanceakte einer Gesellschaft, die den Boden unter ihren Füßen schwinden fühlt. Unbeirrbar auf der Suche nach den „Verfassungsfeinden“, ist sie selbst der schlimmste Feind ihrer nominellen Verfassung, in der sie wie in einer Zwangsjacke steckt.

Alles, was sich der westdeutsche Staat bei seiner Gründung moralisch vorgenommen hat, ist heute unvereinbar mit seinen realen Tendenzen. Bezeichnend, wie der Bundeskanzler in Köln den Parteitag einzuschüchtern versuchte. Schmidt zitierte eine Meinungsumfrage in der BRD über die künftigen Aufgaben des Euro-Parlaments: „Ganz an der Spitze, beinahe hundert Prozent aller Befragten sagen: Bekämpfung des Terrorismus. Da gibt es kein Dran-vorbei-Gucken! 97 Prozent!“ Ein Wink mit dem Präzisionsgewehr. Ein Vorschlag, die Sympathisantenjagd zu exportieren, den Antiterror zur Lebensform des Kontinents zu machen. Dafür würde man auch in Kauf nehmen, im „vereinten Europa“ die Grenzkontrollen zu beseitigen.

Wie ohnmächtig war doch der Zorn, der während des letzten „deutschen Herbstes“ gegen die stärkste publizistische Säule der westlichen Linken, gegen die Pariser Zeitung Le Monde raste, weil sie Genets Apologie der RAF publiziert hatte. Und wieviel Zeit ließ sich nicht die Pariser Polizei, um den „Terroranwalt“ Croissant zu verhaften. Wenn erst einmal der Franc von der D-Mark abhängig ist ... Die deutsch-französische Freundschaft, einstmals vom Duo Stresemann/Briand intoniert, besaß seit jeher einen eigenartigen Beigeschmack. Ein pazifistischer Film der Weimarer Republik, Kameradschaft von G. W. Pabst aus dem Jahr 1931, zeigt deutsche Kumpels, die bei einem Grubenunglück an der Grenze französischen Bergleuten spontan zu Hilfe eilen. Ohne dabei auf bürokratische Formalitäten zu achten, fahren sie die überrumpelten französischen Grenzposten nieder. Genau mit dem unwiderstehlichen Schwung, den neun Jahr später die Panzerdivisionen Guderians im Westfeldzug bewiesen.

Westdeutsche Stahlarbeiter:
Die 35-Stunden-Woche ist endgültig am Tisch! (id-foto)

EWS am Kürzelfriedhof

Der Kölner Parteitag fand eine Woche zu früh statt. Das ausgetüftelte Timing zwischen innerparteilicher und internationaler Politik klappte nicht. Vier Tage vor Köln, am 5. Dezember, hatte Giscard, von den Gaullisten bedrängt, in Brüssel den Anschluß Italiens und Irlands an das EWS blockiert: Das „Europäische Währungssystem“, als Anfang einer neuen Ära angepriesen, schrumpfte zu einem französisch-deutschen Devisenblock zusammen, der Westeuropa eher zwischen arm und reich spalten als die westliche Hälfte des Erdteils einigen würde. Eine Woche später, am 12. Dezember, machte Andreotti kehrt und annoncierte doch noch den Beitritt Italiens; darauf folgte auch Irland.

In der Zwischenzeit jedoch, am 9. und 10. Dezember, mußte in Köln der Weltökonom mit peinlich leeren Händen vor seiner Partei erscheinen, das Fiasko mit hochtrabenden Redensarten kaschieren. Während das Euro-Parlament, ein Lieblingsprojekt Willy Brandts, knapp vor seiner Verwirklichung steht, konnte Schmidt das ökonomische Fundament dieser nebulosen Institution nur als Torso vorzeigen. Vergeblich strengte der Regierungschef sich an, das EWS seinen Genossen zu erklären. Klose sprach verächtiich vom „Euroscheck“, eine zarte Anspielung darauf, daß nun die harte D-Mark für die anderen bluten muß.

Die nationalökonomisch Beschlagenen unter den Delegierten hatten vermutlich das dumpfe Gefühl, dieses kostspielige und völlig unberechenbare System werde nur so lange funktionieren, als für die Eitelkeit des Bundeskanzlers nötig ist. Falls nämlich die Bundesbank nicht mehr blechen sollte, wäre Helmut Schmidt der Blamierte.

Wird das EWS nicht eines jener vielen Kürzel bleiben, die mit ihren Buchstaben den Weg der „Europäischen Gemeinschaft“ säumen? Schon 1969 haben Brandt (damals frischgebackener Bundeskanzler) und Pompidou (damals französischer Staatspräsident) auf der Haager Gipfelkonferenz den Plan der WWU („Europäische Wirtschafts- und Währungsunion“) gefaßt, der bis 1980 (!) realisiert werden sollte. Ein ehrgeiziges Projekt, das an den Inflationswellen und Devisenspekulationen der siebziger Jahre zerbrochen ist. Bis in die technischen Einzelheiten nimmt die WWU das neun Jahre später erfundene EWS voraus.

Was lange währt, wird endlich gut. Oder? Schmidt, der in Westdeutschland seine Deflationspolitik erfolgreich durchgedrückt hat, greift 1978 — zusammen mit Giscard — den WWU-Plan von 1969 wieder auf. Er ist zuversichtlich, daß beim EWS mehr herauskommen wird als nur ein Buchstabensalat. Dem Kölner Parteitag erläuterte der Regierungschef, auf die Dauer müßten die abrupt schwankenden Devisenkurse den Gemeinsamen Markt zerrütten. Also: Stabilisieren, bis die Knochen knirschen! Er verschwieg, daß die Hochpreispoiitik der westdeutschen Landwirtschaft, die von der EG subventioniert wird, für den „europäischen“ Zusammenhalt noch viel gefährlicher ist (Italien und GB zahlen drauf). [1]

Volksfront in Europa

Ähnlich fadenscheinig ist das „Europäische Parlament“, dessen mögliche Kompetenzen vorerst noch im Reich der Träume liegen. Trotzdem, die SPD erhofft sich von Euro-Wahlen und Euro-Parlament innerpolitischen Profit. Eilig inszenierte sie den Kölner Parteitag, um als erste der Parteien mit Wahlprogramm und Kandidatenliste für die „europäischen“ Wahlen im Juni 1979 ausgerüstet zu sein. Nebenbei eine einmalige Chance für jene Funktionäre, die bisher zu kurz gekommen sind. Relativ viele Frauen durften für das Euro-Parlament kandidieren. Heide Wieczorek-Zeul wurde auf den (sicheren) Platz 28 der Kandidatenliste gesetzt: Der ehemaligen Juso-Vorsitzenden war es — anders als ihrem Vorgänger Wolfgang Roth — nicht mehr gelungen, in den Bundestag einzudringen.

Das Europa-Tamtam ist ein Paradefall dafür, wie sich der innere Widerstreit der BRD in monumentalen außenpolitischen Kraftakten entlädt. Von einer Sicherheitsneurose besessen, schafft die Bundesrepublik um sich herum eine „Stabilitätszone“. 1976, auf dem Weltwirtschaftsgipfel von Puerto Rico, drohte Helmut Schmidt den Italienern, er würde ihnen die Kredite sperren, falls die KPI in die römische Regierung käme. 1977 tobte in der BRD eine regelrechte Haßwoge gegen das romanische Europa. So betrachtet, sieht das EWS wie ein institutionalisierter Kontroll- und Erpressungsapparat aus, an dessen Hebeln das deutsche Finanzkapital sitzt.

Man kann es allerdings auch andersrum sehen. 1978 gesteht Helmut Schmidt in Köln: „Wir Deutschen haben die Demokratie nicht erfunden.“ Wird man im Euro-Parlament bei den Altmeistern in die Schule der Volksherrschaft gehen? Darauf scheint die SPD-Linke zu spekulieren, die insgesamt an eine „europäische“ Allianz mit den Eurokommunisten denkt und dadurch auf die westdeutsche Innenpolitik zurückwirken will. Was in Bonn nicht gelingt, will man in „Europa“ schaffen. Eben das ist der wunde Punkt. Jahrelang hat die SPD-Spitze mit Säuberungs- und Abgrenzungsaktionen jeden Keim eines westdeutschen „Eurokommunismus“ zertreten. Benneters Parteiausschluß und die Verfolgung des Stamokap bildeten den Höhepunkt dieses Kreuzzugs.

Bricht jetzt eine andere Zeit an? Werden die romanischen Kommunisten salonfähig? Braucht Brandt nicht mehr nur insgeheim mit der KPI zu verhandeln? Hebt man für die EG den Radikalenerlaß auf? Selbst ein Scharfmacher wie Schmidt verzichtet darauf, vor der roten Flut zu warnen. Er prophezeit vielmehr eine Isolierung der CDU/CSU im europäischen Konzert. Keiner wolle auf den Slogan „Freiheit oder Sozialismus“ hören. In Köln spottete der Bundeskanzler: „Die deutschen Konservativen sagen ja, das gäbe da in Straßburg eine Volksfront. Ich habe weder vor dem Schlagwort noch vor der Gefahr Angst.“ Boshaft stellte er die Frage: „Aber mit wem wird die CDU koalieren ? Wem fühlt sie sich in Europa zugehörig? Und mit wem die CSU?“ Strauß hat echte Alliierte nur unter den mediterranen Faschisten. Selbst die Gaullisten Chiracs, die der CSU noch am nächsten stehen, gehen außenpolitisch fallweise mit der KPF zusammen.

Auf dem Kölner Parteitag und in ihrem „europäischen“ Wahlprogramm definierte sich die SPD als eine Arbeiter- und Gewerkschaftspartei, die zwar ein Herz für die kleinen Unternehmer hat, aber den großen Konzernen mit Wünschen nach Mitbestimmung und Verkürzung der Arbeitszeit auf den Pelz rückt. Schöne Sprüche, hinter denen jedoch etwas ganz anderes steckt. Der DGB-Vorsitzende Heinz Oskar Vetter stellte der „europäischen“ Poesie die Prosa der Fakten entgegen: „Das Paradies auf Erden jedenfalls wird in Europa nicht mit dem Stichtag 10. Juni 1979 ausbrechen. Wir werden Europa durch die Wahlen allein nicht zu einer politischen, kulturellen und sozialen Idylle machen können.“

Waffen für die Multis

Den Delegierten in Köln mußte klar sein, daß das vielbesungene „Europa der Arbeitnehmer“ in Wahrheit ein Expansionsraum der Multis sein wird. EG-Konzerne, die sich den Amerikanern mutig entgegenstellen das ist der gemeinsame Nenner der SPD mit den französischen Sozialisten. Doch an der Macht der Monopole müssen auch die Gewerkschaften beteiligt werden. Klaus von Dohnanyi erklärte es dem Parteitag: „Für uns sind Strukturwandel — den wir sehen und nicht verneinen — und Mitbestimmung zwei Seiten derselben Medaille.“

Der Strukturwandel (sowohl die Konzentration des Kapitals als auch die Rationalisierung ist damit gemeint) erzeugt massenhaft Arbeitslose: 6 Millionen in der EG, die allerdings durch gewerkschaftliche Mitbestimmung gerettet werden sollen. Wie funktioniert das im „Modell Deutschland“? Sehr schlecht! Das Euro-Parlament muß Wunder wirken: die Arbeitszeit verkürzen, die Arbeitslosigkeit beseitigen, den zurückgebliebenen Regionen helfen, Superkonzerne und Supergewerkschaften aus dem Boden stampfen.

Neben dieser Zukunftsmusik, einer Symphonie der Sozialpartnerschaft, wird noch eine andere Melodie gespielt: der große Zapfenstreich. Von der „Friedensmacht“ Europa ist in Köln pathetisch genug die Rede gewesen. „Kriegsmacht“ träfe die Wirklichkeit besser. Helmut Schmidt benützt Giscard: als eine Art diplomatisches Aushängeschild für Ambitionen, über die man die Welt besser im Dunkel läßt. War nicht der Blitzsieg der GSG 9 in Mogadishu eine Generalprobe für die Interventionen französischer Fallschirmjäger im Libanon und in Zaire? Vielleicht bedürfen die deutschen Investitionen in Persien und am Golf ähnlicher Gewaltakte? Die Zeiten sind vorbei, da sich der D-Mark-Imperialismus unter dem Schutz und Schirm der amerikanischen Hegemonie arglos entfalten durfte.

So könnte aus dem Euro-Parlament eine Euro-Armee entstehen. Sie würde kaum gegen Osten marschieren. Anscheinend ängstigt man sich am Rhein über die Entente der USA mit China, die auch für Europa Konsequenzen haben mag. Bruno Friedrich, der oft Wehners Sorgen ausspricht, stellte auf dem Kölner Parteitag nachdrücklich fest, „daß sich die europäische Einigung in Mittel- und Westeuropa nicht gegen die osteuropäischen Staaten richtet“. Er präzisierte: „Wir sind nicht bereit, uns an einer Einkreisung Rußlands zu beteiligen.“

Darauf scheint die amerikanische Politik hinauszuwollen, sie versichert sich des chinesischen Beistands, weil sie auf der seismographischen Linie von Kabul über Teheran bis Addis Abeba viele neue „Vietnams“ heranwachsen sieht. Alte Blöcke zerreißen, ganz andere bilden sich. Der Dritte Weltkrieg scheint wieder in Mode zu kommen. Jedenfalls ist es die Weltlage, die die Staaten Europas zusammenschweißt.

[1Wegen der deutschen Agrarpolitik ließ Giscard Ende 1978 die EWS platzen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1979
, Seite 14
Autor/inn/en:

Friedrich Geyrhofer:

Geboren am 03.09.1943 in Wien, gestorben am 16.07.2014 ebenda, studierte Jus an der Wiener Universität, war Schriftsteller und Publizist sowie ständiger Mitarbeiter des FORVM.

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