FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 181
Heinz Kienzl

Unternehmerinitiative und Folgen

Ein Banker packt aus

Dr. Heinz Kienzl, langjähriger FORVM-Freund, ist Leiter der Volkswirtschaftlichen Abteilung des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB), Präsident der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft, Mitglied des Beirates für Wirtschafts- und Sozialfragen der Paritätischen Kommission, Generalrat der Nationalbank, Konsulent des Vorstandes der Bank für Arbeit und Wirtschaft (BAWAG). Nachfolgende Glosse betrachten wir als Auftakt zu einer hoffentlich lebhaften Diskussion.

Als die Konjunkturprognostiker im Herbst 1967 in den Nebel starrten, der die Zukunft unserer Wirtschaft damals stärker denn je verhüllte, sahen sie nur abwärtsgerichtete Kurven, rückläufige Entwicklungen in der Produktion, rückläufige Entwicklungen der Beschäftigung, insbesondere der Bauwirtschaft, fallende Aktienkurse, einen nichts Gutes verheißenden Investitionstest und ein beängstigend gebremstes Wachstum des Kreditvolumens. Die Mitglieder des Wirtschaftsbeirates versuchten an den Fäden zu ziehen, an denen die konjunkturpolitischen Instrumente hängen.

Sie empfahlen dem Generalrat der Oesterreichischen Nationalbank die Bankrate herab- und den Liquiditätsspielraum hinaufzusetzen. Nach einigem Überlegen, ob die hohe Körperschaft es mit ihrem Ansehen vereinbaren könne, nicht nur Wirtschaftstheoretikern, sondern noch dazu „jungen“ Männern, kaum einer über 55, ein geneigtes Ohr zu leihen, agierte der Generalrat im erbetenen Sinne.

Die Idee dahinter war, durch die Schaffung größerer Liquidität die Banken zu veranlassen, das Geld unter die Leute zu bringen und durch die Herabsetzung der Bankrate den Sollzinssatz zu drücken. Damit wollte man die Rentabilität der Kreditnehmer ein wenig verbessern und sie jedenfalls anregen, sich das Geld nicht im Ausland zu holen, sondern ihr Kreditbedrüfnis bei den inländischen Kreditinstituten zu befriedigen.

Die Vertreter der Bundeskammer im Wirtschaftsbeirat begaben sich auf Ermunterungstournee und redeten in zahllosen Länderkonferenzen den Unternehmern Mut, Konjunkturbewußtsein und aktivistische, zupackende, aggressive Geschäftspolitik ein.

Im Gewerkschaftsbund war man vif und gleich bereit, lohnpolitische Sachzwänge — die Mitglieder drängten auf Lohnerhöhungen, und die Betriebsräte wurden ungeduldig —, wirtschaftspolitisches Verantwortungsbewußtsein und eine propagandistisch günstige Ausgangslage zu einer Idealkombination zu formieren und eine Lohnbewegung nach Maß hinzulegen, also eine Lohnbewegung, die die Wirtschaft belebt, ohne sie zu belasten.

Natürlich sah auch die Regierung ihre Zeit gekommen, brachte ein Eventualbudget über die parlamentarische Bühne und wartete dann auf die Reaktionen der Wirtschaftssubjekte.

Wenn der Gewerkschaftsbund marschiert, sagte man sich in der Seitzergasse, kann man selbst nicht wie ein vergessener Klotz liegenbleiben. Wenn der Konsument konsumieren soll, wenn er sich antizyklisch verhalten soll, wie es die Regierung, wie es der Gewerkschaftsbund, wie es der Wirtschaftsbeirat wollen, dann braucht er Geld. Wenn die Nationalbank die Liquidität erhöht, dann will sie offenbar, daß Geld unter die Leute kommt. Wenn der Konsument den Braten nicht selber riecht, dann muß man ihn auf die Fährte setzen und vielleicht sogar ein wenig stupsen. Am Ende dieses Denkprozesses stand die Barzustellungs-Kreditaktion der BAWAG.

In den Fußstapfen der Creditanstalt wandelnd, die mit Hilfe einer Großaktion unter dem Slogan „Anschaffungs-Sofort-Kreditaktion“ Geld unter die Leute zu bringen begann, ließ die BAWAG durch den Gewerkschaftsbund die Konsumenten, die Arbeitnehmer an ihre Wirtschaftsbürgerpflicht erinnern, jetzt, wo man den Nachfragestoß brauche, zu konsumieren.

Den Betriebsräten, die schon oft gefunden hatten, daß es eigentlich Aufgabe der „Arbeiterbank“ sei, ihren Kollegen im Betrieb rasch und ohne bürokratische Schwierigkeiten zu einem Kredit zu verhelfen, ließ man die Kunde zukommen, sie sollten die Tat dem Worte folgen lassen und ihre Kollegen darauf aufmerksam machen, daß es jetzt am Konsumenten liege, die Wirtschaft zu retten, und daß die BAWAG schon die kleinen Rettungsringe beistellen würde.

Österreichische Neidgenossenschaft

Doch man lebt und webt nicht ungestraft im Kreise der österreichischen Neidgenossen. Geld- und Kreditinstitute, die in den Jahren des österreichischen kleinen Wirtschaftswunders den Kunden mit einer Fülle von Filialgründungen dienten und so ihre Saugnäpfe für ihr Passivgeschäft bestens entwickelten, und das im Zeichen der Überprüfung des Lokalbedarfes und des konzessionsfreudigen Kreditwesengesetzes, sahen plötzlich das Gurkerl von ihrem Existenzsandwich wegstibitzt und begannen, Wettbewerbsparagraphen schleudernd, den Übeltäter zu bestürmen.

Ausgerechnet jene Spitzeninstitute und der Bankenverband, die jede volkswirtschaftlich notwendige Restriktion auf dem Geld- und Kreditsektor mit Verve und Erfolg abwehrten und weiterhin abzuwehren entschlossen sind, die der Notenbank ein Schnippchen spielten, als sie durch eine interne Absprache die Kreditkostensenkung auf Grund der Bankratensenkung unterbanden, setzten ihre Rechtsabteilungen in Trab und begannen, die Gesetzesbücher daraufhin zu prüfen, was gegen die Barzustellungskreditaktion der BAWAG unternommen werden könnte. Inzwischen hat sich herausgestellt: nichts. Aber einen Kommentar kann sich der Glossator doch nicht verkneifen.

Die BAWAG hat sich statutarisch verpflichtet, den Spargedanken zu fördern und die Kreditbedürfnisse der Arbeiter und Angestellten, soweit es bankmäßig möglich ist, zu befriedigen. Die Konkurrenten haben sie nach Kräften gebremst, als sie versuchte, ein Filialnetz aufzuziehen. Offenbar erkannten die von Berufs wegen mit gutem Gespür für das Kommende begabten Banker, daß in einem Zeitpunkt, in dem die ursprünglich vom christlichen Flügel der Gewerkschaftsbewegung aufgeworfene Idee der Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand ins Diskussionsstadium tritt, die Bank des Gewerkschaftsbundes die Verbindungen zu den Betriebsräten und zu den Betrieben zu aktivieren und zu intensivieren gezwungen ist. Selbstverständlih muß sie zuerst etwas bieten, und was kann das bei einer Bank anderes sein als im gegebenen Fall der Konsumentenkredit, auf daß sie dann auch das Passivgeschäft entwickeln kann.

Offensichtlich neigen manche Geld- und Kreditinstitute, die sicherlich im bürgerlichen Lager stark verwurzelt sind und seit eh und je für die Entproletarisierung waren, dazu, ihre Grundsätze schnell zu vergessen, wenn es ums liebe Geschäft geht. Die Anhänger der Marktwirtschaft, des Wettbewerbs, der Unternehmerinitiative und wie die hohen bürgerlichen Wirtschaftsideale für den Sonn- und Feiertagsgebrauch heißen mögen, kneifen, wenn sie am Wochentag darauf angesprochen. Daher ist es nun nicht unerwartet, daß sie auch so hohe Ideale wie die Vermögensbildung über Bord gehen lassen, sobald der Weg zur Verwirklichung beschritten wird.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1969
, Seite 44
Autor/inn/en:

Heinz Kienzl:

Geboren 1922 in Wien, Gewerkschafter und Bankmanager. Ab 1947 Mitarbeiter (1950-68 Leiter der wirtschaftlich-politischen Abteilung) beim Österreichischen Gewerkschaftsbund, 1954-69 Arbeiterkammerrat, Mitbegründer der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft. 1964 Vorstandskonsulent der BAWAG. Generaldirektor der Österreichischen Nationalbank 1973-1988 und 1. Vizepräsident 1988-1993.

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