FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1993 » No. 480
Hans Pusch

Tschenstochau

Gnade Gott Polen

Der Teufel schläft nicht! Selbst im frommen Częstochowa treibt er sein Unwesen, obwohl er doch wissen müßte, daß in Częstochowa — oder Tschenstochau, wie die 300.000 Einwohner zählende Industriestadt im »Land der Adlerhorste« auch heißt — die Schwarze Madonna residiert ...

Aber was soll ich sagen?

Kaum kam ich in den Gnadenort, fiel ich zwei Spitzbuben in die Hände, die unweit der alten Warthebrücke auf motorisierte Pilger lauerten. Hätte ich nur nicht angehalten! »R-r-r-radar kontrolna«, herrschte mich der mit der Schnapsnase an, ein grobschlächtiger, reichlich aufgeblasen wirkender Kerl, während der andere — ein Marodeur aus der Zeit der napoleonischen Kriege, dachte ich erst — wie ein hungriger Wolf um meinen Cherokee kreiste. Er wollte — Geld.

»Pięćset tysięcy złotych«, posaunte er. »Wieviel? Ile?« »Pięćset tysięcy złotych«, wiederholte nun auch der mit dem Schnapsgesicht — allem Anschein nach der Anführer der beiden — und malte, um jedes Mißverständnis ein für allemal auszuschließen, die Horrorzahl 500.000 in den Sand.

Ich stellt den Motor ab. »Njet! Nix Złoty ... ich ... nur 50 km/h«, widersprach ich und beteuerte, daß in meinem Cherokee ein neuer, in Polen allerdings noch nicht erhältlicher Spezialcomputer — »specjalność computer, you understand?« — eingebaut sei, der die Fahrgeschwindigkeit automatisch dem gerade geltenden Tempolimit angleiche. Auch K.I.D., dozierte ich, das sprechende Auto aus der berühmten, in Polen gerade angelaufenen TV-Serie mit David Haselhoff, verfüge über eine ähnliche Technologie.

Ich öffnete die Motorhaube. »Proszę bardzo, bitte — Herr Chef! Please, look!« flötete ich, aber die wundersamen Eigenschaften meines Jeep Cherokee Turbodiesel — der leistungsstarke, äußerst sparsame 87-PS Motor, die exklusive Quadra-Link Vorderachsführung oder das zuschaltbare Command-Trac — ließen die beiden Halsabschneider kalt.

»Paszport«, erwiderte der mit der Schnapsnase ungerührt, und der andere nahm mir die Autoschlüssel ab. Was tun? Kapitulieren und — pięćset tysięcy złotych hinblättern? Kommt nicht in Frage! Das sind ja fünfzig Dollar, schoß es mir in den Sinn.

In höchster Not — auch mein Paßbild schien dem mit der Schnapsnase plötzlich suspekt — wandte ich mich an die Schwarze Madonna, die bewährte, laut dem vom Regensburger Institutum Marianum vertriebenen Handbüchlein für Częstochowa-Wallfahrer selbst in aussichtslos scheinenden Fällen stets hilfreiche Trostspenderin.

Die Gottesmutter mit dem verwundeten Antlitz, verkündete ich feierlich wie ein Priester, wenn er mit erhobenen Armen den Segen des Himmels erfleht, könne bezeugen, daß ich um kein Quentchen schneller als 50 oder 55 gefahren sei, und da ich es mit polnischen — demnach also höchstwahrscheinlich katholischen — Polizisten zu tun hatte, hoffte ich auf ein Wunder. Aber das Wunder blieb aus.

Die Schwarze Madonna verstünde nichts von R-r-radar, gab mir der mit der Schnapsnase höchst pietätlos zu verstehen. »Piecset tysiecy złotych«, sagte er dann und steckte meinen Reisepaß ein.

Schon wollte ich klein beigeben und zähneknirschend die verdammten 500.000 Złoty zahlen, als sich — weiß der Teufel, warum? — das Blatt doch noch einmal wendete: Ich fragte, ob sie statt der Złoty auch Mark, Dollar oder Marlboro nähmen ...

»Tak! Nix problema!« erwiderte der mit der Schnapsnase, sichtlich erfreut, daß ich Vernunft angenommen hatte.

Ein längeres Palaver entstand. Schließlich einigten wir uns auf 10 Dollar, 10 D-Mark und drei — oder waren es doch nur zwei? — Schachteln Marlboro, und außerdem wechselte noch ein Plastikfeuerzeug im Wert von 12 Schilling den Besitzer. Der erzielte Kompromiß war für beide Seiten tragbar: Ich erhielt einen »Radar-Rabatt« von immerhin mehr als 50 Prozent, und die zwei Staatsdiener durften sich über eine steuerfreie Sonderzulage freuen, denn natürlich verzichtete ich auf eine Quittung.

Als er Geld, Zigaretten und Feuerzeug endlich in Händen hielt, fühlte sich der mit der Schnapsnase — ein an sich ganz umgänglicher Kerl, wie die Verhandlungen gerade gezeigt hatten — zu einer Erklärung verpflichtet: »Black Madonna nix złotych«, ließ er mich lächelnd wissen, womit er wohl sagen wollte, daß auf die Schwarze Madonna in finanziellen Angelegenheiten kein Verlaß sei, oder — anders übersetzt — daß er in Anbetracht seines kargen Salärs (polnische Polizisten verdienen offiziell kaum 2000 Schilling im Monat) eben gezwungen sei, in Eigenregie für ein standesgemäßes Einkommen zu sorgen.

»Cry pani mnie rozumie? Kapiert?«

»Tak!« antwortete ich.

Er wirkte erleichtert, und trotz beträchtlicher Verständigungsschwierigkeiten setzten wir unsere Unterhaltung fort.

»Weißt du, wir Polizisten haben es wirklich nicht leicht, im neuen Polen«, schien ein langer, aus tiefster Seele kommender Seufzer jetzt zu sagen, und während der andere das »Bußgeld« nachzählte und voll Argwohn jede Dollar- und D-Mark-Note auf ihre Echtheit überprüfte, zuckte er bedauernd die Achseln.

»Ich weiß. diese Prozedur ist unwürdig, mein lieber Freund, aber in Zeiten wie diesen leider unvermeidlich«, hätte er wohl gerne gesagt — »selbst auf Pilger ist heutzutage kein Verlaß!«

Mein Zorn war verraucht.

»Do widzenia! Amigos!« verabschiedete ich mich daher freundlich, als ich — wieder im Besitz von Autoschlüssel und Reisepaß — meinen Wagen startete. Einmal, zweimal ließ ich den Motor aufheulen, dann brauste ich davon.

»Przyjemnej podróży — gute Reise!« riefen mir die zwei Strolche nach, und im Rückspiegel sah ich — der mit der Schnapsnase salutierte sogar ...

Die Schwarze Madonna von Tschenstochau kann genauso launisch wie eine Diva sein. Tausenden, zehntausenden Verehrern gewährt sie täglich Audienz, selbst den fragwürdigsten Gestalten — Schnorrern, Taschendieben oder gar solchen, die sie für eine Quacksalberin halten, aber auf meinen Besuch schien sie keinen Wert zu legen.

Statt mir nach dem zeitraubenden Intermezzo mit den beiden Polizisten den kürzesten Weg zu ihrem Gnadenbild in der Marienkapelle des Klosters Jasna Góra zu weisen, verwirrte sie mich.

»Uwaga! Objazd!« rief sie mir in Gestalt eines Verkehrszeichens plötzlich zu — Achtung! Umleitung! Und tatsächlich — die Zufahrt zu dem in der Altstadt von Częstochowa gelegenen Marienheiligtum war hermetisch abgesperrt ...

Roboty na drodze — Baustelle!

Baustelle?

Wo?

Weit und breit war kein einziger Arbeiter zu sehen. Kein Preßlufthammer, der dröhnte. Keine Straßenwalze, kein Lastauto, keine Bauhütte — nichts. Es herrschte gespenstische Ruhe. Selbst nach frischem Teer roch es nicht.

Freilich, noch glaubte ich nicht an Sabotage. Denn die Schwarze Madonna — sie konnte meine innere Stimme imitieren — flüsterte mir jetzt ins Ohr: »Fürchte dich nicht! Folge den Umleitungsschildern! Alle Wege führen nach Rom!«

Ich vertraute ihr. Arglos folgte ich den Umleitungsschildern: Zeigten sie nach links, lenkte ich meinen kreuzbraven Cherokee nach links, und zeigten sie nach rechts, bog ich nach rechts. Vier, fünf Kilometer ging’s auf diese Weise dahin, vielleicht waren es weniger, vielleicht auch mehr.

Schon wollte ich auf die Straßenverwaltung der altehrwürdigen Wallfahrerstadt ob der vorbildlichen Beschilderung ein Loblied anstimmen, als ich mit Entsetzen bemerkte, daß ich an ein und demselben Supermarkt — in seinen Auslagen prangte ein riesiges Foto, das den Heiligen Vater bei seinem letzten Besuch in Jasna Góra zeigte — bereits zum zweiten Mal vorbeikam.

Es war wie verhext — ich fuhr im Kreis!

Aber die Schwarze Madonna ließ mich nicht im Stich. »Du sitzt seit Warschau im Auto. Kein Wunder, daß du jetzt müde und unachtsam bist«, redete sie mir ein und lenkte meine Aufmerksamkeit auf einen Reisebus, der mich gerade überholte.

»Der Sieg wird durch Maria kommen!« stand groß auf einem Transparent und aus den offenen Seitenfenstern erklang die »Bogurodica« — ein Marienlied, das viele Jahrhunderte lang auch Polens Nationalhymne war.

»Sind das Pilger?« fragte ich mich.

»Tak!« antwortete die Schwarze Madonna und lächelte huldvoll.

Welch glückliche Fügung!

Wohin sonst sollte die fromme Reisegesellschaft fahren, fragte ich mich verzückt, wenn nicht nach Jasna Góra, zum Altar Unserer Lieben Frau? Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: In ihrer unermeßlichen Güte hatte mir die Schwarze Madonna einen ortskundigen Lotsen geschickt!

Halleluja! Mein Kleinmut verflog. Ich schöpfte neue Zuversicht, gab Gas und jagte dem Pilgerbus nach. Im dichten Stadtverkehr drohte ich ihn zwar das eine oder andere Mal aus den Augen zu verlieren, aber gerade dann zeigte sich die Schwarze Madonna von ihrer besten Seite und bewirkte Wunder um Wunder.

Sachen passieren — man glaubt es kaum!

Stoptafeln erschienen mir plötzlich als Vorrangzeichen, Sperrlinien lösten sich ganz einfach in Luft auf, und begab es sich, daß ich bei Gelb oder Rot noch rasch über eine Kreuzung mußte, wuchsen meinem Cherokee Flügel. Wie Batman oder der Erzengel Gabriel sah er dann aus und stürzte sich voll Todesverachtung ins ärgste Getümmel, zornig kreischend, wenn ihm andere Fahrzeuge in die Quere kamen oder Fußgänger nicht augenblicklich das Weite suchten.

Da glaubten nicht wenige, der jüngste Tag wäre angebrochen: Verdattert schauten sie uns nach, bekreuzigten sich oder erstarrten zu Salzsäulen. Auch mir stand der Schrecken ins Gesicht geschrieben, aber die Schwarze Madonna machte mir Mut: »Der Mensch denkt und Gott lenkt«, hämmerte sie mir ein, und da — wie durch ein Wunder — kein Unfall passierte, glaubte ich ihr.

Vier, fünf Kilometer ging’s auf diese Weise dahin, vielleicht waren es weniger, vielleicht auch mehr — bis ich plötzlich aus allen Wolken fiel: Der Pilgerbus bog in Richtung Katowice ab, die Marienverehrer waren auf der Fahrt nach Hause ...

»Arschlöcher!« schimpfte ich.

Erst jetzt bemerkte ich, daß mich die Schwarze Madonna nach Nova Częstochowa dirigiert hatte, in den neuen, nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Boden gestampften Teil der Stadt, obwohl ihre Residenz — wie in jedem Reiseführer steht — in Stari Częstochowa liegt.

Von Gotik und Barock, Kunstschätzen und meditierenden Paulinermönchen war hier nichts zu sehen. Veraltete, vom Zusperren bedrohte Hochöfen starrten mich an, giftspeiende, in pechschwarze Rauchschwaden gehüllte Textilfabriken und eine — ebenfalls in der Ära des realen Sozialismus errichtete — Technische Hochschule, die Ingenieure ohne Aussicht auf Arbeit produziert. Und dazwischen, grau in grau, ragten Betonklötze in die Höhe, gräßliche, wie notdürftig adaptierte Kasernen aussehende Monumente des bürokratischen Irrsinns, in denen die Werktätigen wohnten ...

»Was soll ich hier, Schwarze Madonna?« fragte ich empört, aber statt sich — wie es geziemend gewesen wäre — für ihren fatalen Fauxpas zu entschuldigen, war das Luder auch noch beleidigt.

»Sei froh, daß du überhaupt noch lebst!« erwiderte sie schnippisch, als ich gerade an einem Unfallkrankenhaus vorbeifuhr und — verschwand.

Es schien, als hätte sie mich verdammt, für immer in dieser trostlosen Satellitenstadt herumzukurven — denn so verzweifelt ich mich auch bemühte, ich fand und fand aus dem Labyrinth von Fabriksschloten und Wohnsilos einfach nicht heraus — wie Ahasver kam ich mir vor.

Und dann fing es auch noch zu regnen an.

»Heiligste Jungfrau von Jasna Góra! Zuversicht der armen Sünder! Du Königin des heiligen Rosenkranzes! Du Sitz der Weisheit! O du Gnadenreiche, bitte, bitte — führe mich doch wieder auf den rechten Weg!« flehte ich schließlich.

Und siehe da! Plötzlich konnte ich sie wieder sehen — zwischen den Regentropfen, die über die ölverschmierte Windschutzscheibe rannen. Ganz traurig war sie, wie auf dem Bild in meinem Reiseführer. Einen Augenblick lang schien sie meine Gedanken zu lesen, dann sagte sie: »Sieh selbst, wie du nach Jasna Góra kommst! Oder glaubst du, ich weiß nicht, daß du mich im Grunde deines Herzens für eine Schwindlerin hältst?«

Und flugs — war sie wieder weg. Ich war verblüfft, denn eigentlich hatte sie recht ...

Die Schwarze Madonna von Tschenstochau verdankt ihre Existenz einem Schwadroneur. Er hieß Paulus, stammte aus dem oberägyptischen Theben — dem heutigen Luxor, und lebte im 3. Jahrhundert. Sein erlernter Beruf war der eines Kaufmanns, später wurde er allerdings Frühchrist. Er begann unter Verfolgungswahn zu leiden — angeblich wollte ihm der römische Kaiser Decius an den Kragen — und versteckte sich daher in der Thebäischen Wüste, wo er 90 Jahre in einer Höhle hauste.

Dort lernte er einen gewissen Antonius kennen, einen menschenscheuen Kauz, der sich in die Wüste abgesetzt hatte, um Eremit zu werden.

Paulus machte den Sonderling glauben, mit Jesus und der Crème de la Crème der gesamten katholischen Prominenz in direktem Kontakt zu stehen. Ein vom Himmel beauftragter Rabe würde ihn täglich mit Nahrung versorgen und zwei Löwen würden ihn vor heidnischen Häschern schützen.

Kurzum, er redete ihm ein, der 1. Heilige Nordafrikas zu sein und trug ihm auf, wieder unter Leute zu gehen, um den Bären auch anderen aufzubinden.

Antonius, der in der brütenden Wüstenhitze — in der Mittagszeit werden dort Temperaturen bis zu 65 Grad Celsius gemessen — einen schweren Dachschaden davongetragen hatte, tat, wie ihm geheißen. Mit missionarischem Eifer verzapfte er den Unsinn in ganz Ägypten, und da Afrikaner bekanntlich leichtgläubig sind, gingen ihm viele auf den Leim.

Vor allem bei den Christen, deren Lebenserwartung zur Zeit der Christenverfolgung eher kurz war, fand die Geschichte großen Anklang, was nicht verwunderlich ist. Antonius erzählte nämlich allen, sein Mentor Paulus wäre aufgrund seiner christlichen Lebensführung 113 Jahre alt geworden. Das gab natürlich Anlaß zur Hoffnung, und mit Gottes Hilfe verbreitete sich die Geschichte schneller als jeder Kettenbrief.

Schließlich erfuhr auch der hl. Hieronymus davon, ein gebürtiger Kroate, der zunächst in Syrien Asyl gefunden hatte, dann in Rom und zuletzt in Bethlehem Unterschlupf fand und hierzulande als »doctor ecclesiae« Berühmtheit erlangte. Ihm kam die sensationelle Story aus Ägypten ganz besonders zupaß, da er gerade dabei war, ein Buch — »De viribus illustribus« — über frühchristliche Zelebritäten zu schreiben. Er schmückte das Märchen noch aus — so behauptete er, Gott hätte den zwei Löwen befohlen, Paulus nach römisch-katholischem Ritus zu begraben —, übersetzte es ins Lateinische und nahm es in die Propagandaschrift auf.

Damit wurde die Lügengeschichte quasi amtlich. Paulus von Theben wurde heiliggesprochen und avançierte auch in Europa zum großen Idol — vor allem in Ungarn und Kroatien.

Eine wahre Paulus-Manie entstand und landauf, landab eiferten zahllose Fans dem Schwadroneur aus Oberägypten nach.

Freilich nicht konsequent genug! Denn statt ihrem Vorbild in die thebäische Wüste zu folgen, zogen sie sich in die Wälder rund um Pilis und Esztergom zurück, wo es zwar Rehe, Hirsche und Wildschweine gab, aber keine Löwen. Kurzum, es wurden ihrer immer mehr, und als sie — nach kurzer Euphorie — auch des sauertöpfischen Einsiedlerdaseins wieder überdrüssig geworden waren, gründeten sie einen Orden — den »Ordo Sancti Pauli Primir Eremitae«.

Der selige Eusebius von Esztergom, in jungen Jahren selbst ein begeisterter Eremit, danach allerdings zu einem der mächtigsten Kirchenfürsten Ungarns emporgestiegen, wurde zum ersten Ordensgeneral gekürt. Er erwies sich als glänzende Wahl. Es gelang ihm, nicht nur das Wohlwollen des Heiligen Stuhls, sondern auch die tatkräftige Unterstützung zahlreicher weltlicher Potentaten zu gewinnen. Sie stellten ihm Geld, Ländereien und — wenn nötig — auch Militärhilfe zur Verfügung, und bald nannten die Nachfahren des hl. Paulus ein stolzes Imperium ihr eigen.

Anno domini 1382 rief Fürst Władysław von Opole, der Bevollmächtigte des Königs von Ungarn für Ruthenien, die weißgekutteten Ex-Eremiten nach Częstochowa, ein damals noch unbedeutendes Kaff.

Er schenkte ihnen den 300 Meter hohen, westlich der Warthe gelegenen Mons Clarus, auf dessen Spitze sie ein Kloster errichten sollten — genauer gesagt, ein Mehrzweckgebäude, denn die Stätte der Erbauung sollte auch als Militäranlage dienen.

Der gute Władysław war nämlich nicht nur bigott, sondern auch ein passionierter Krieger und zeit seines Lebens in allerlei Scharmützel mit den in der Rus — der heutigen Westukraine — angesiedelten Tartaren verwickelt.

Freilich, auch die gottesfürchtigen Paulinermönche hatten zwischenzeitlich den Umgang mit Bihändern und Morgensternen erlernt und nahmen daran nicht weiter Anstoß. Im Gegenteil — sie dankten dem Herrgott für die großzügige Spende und erfüllten mit Feuereifer ihre Pflicht.

Anläßlich der feierlichen Einweihung der Klosterkirche — am 31. August 1384, wie der Krakauer Belletrist Petrus Resius in seinem im 16. Jahrhundert erschienen Bestseller »Historia Pulchra« ausführt — überraschte Władysław seine Schützlinge daher mit einem weiteren Geschenk — erraten, es handelte sich um ein Muttergottesbild ...

Daß Władysław Opolczyk das Muttergottesbild — eine laut Expertenmeinung besonders kostbare Hodegetria-Ikone — weder bei Sotheby & Co noch in einer Devotionalienhandlung erstanden hat, steht fest: Er brachte es von einem Kriegszug in die Ukraine heim.

Das berichtet der Historiker Jan Długosz, ein angesehener Autor, der am Hof der Jagiellonen das »Liber beneficiorum dioecesis Cracoviensis« verfaßte.

Wie Władysław Opolczyk allerdings in den Besitz des 82 x 122 cm großen, auf ein Lindenholz gemalten Marienbildes kam, blieb weitgehend ungeklärt. Er selbst behauptete stets, er habe die Madonna in einem Schloß nahe der Stadt Belz »gefunden«, eine Version, die auch Eingang in offizielle Darstellungen fand, obwohl jeder mit Eigentumsdelikten befaßte Kriminalbeamte zugeben wird, daß derartige Beteuerungen nicht immer wörtlich zu nehmen sind.

Tatsächlich wurde verschiedentlich auch die Vermutung geäußert, daß Opolczyk das Bild auch gestohlen, wenn nicht gar geraubt haben könnte, aber auch dafür fehlen letzte Beweise: Eine gerichtliche Untersuchung der mysteriösen Madonnentransaktion fand nicht statt, und trotz Vorliegens ausreichender Verdachtsmomente wurden gegen den Bevollmächtigten des Königs von Ungarn nicht einmal Vorerhebungen eingeleitet, wenngleich — nach heutiger Rechtspraxis — auch die Verhängung der U-Haft durchaus in Betracht zu ziehen gewesen wäre.

Am ehesten hätten noch die Paulinermönche — immerhin Donatare der dubiosen Madonna — Licht ins Dunkel des spätmittelalterlichen Kriminalfalls bringen können, doch ihnen waren die Hände gleichfalls zweifach gebunden.

Da Władysław, als er das Bild ablieferte, wohlweislich die heilige Ohrenbeichte ablegte und — in nomine Patris, et Filii, et Spiritus Sancti — einen Sündennachlaß erhielt, waren sie gezwungen, die strikte Wahrung des Beichtgeheimnisses über alle anderen Überlegungen stellen.

Und natürlich gab’s da auch kommerzielle Interessen, die sie hinderten, sich päpstlicher als der Papst zu gerieren. Wie sonst hätten sie billig zu einem vergleichsweise teuren Altarbild kommen sollen? Außerdem — einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, heißt es doch. Aber Schwamm darüber! Die ganze Angelegenheit ist längst verjährt ...

Der gottesfürchtige Opolczyk erwies sich auch in der Folge als großzügiger Mäzen. Jahr für Jahr leerte er sein Füllhorn über Jasna Góra, aber die weitblickenden Gottesdiener gaben sich keiner falschen Hoffnung hin: Irgendwann, das stand unwiderruflich fest, würde der Allmächtige auch den braven Władysław zu sich rufen.

Sic est vital

Und ein altes polnisches Sprichwort sagt: Selbst die beste Milchkuh gibt eines Tages keine Milch. Es galt daher, noch zu Lebzeiten des edlen Gönners neue, von den Wechselfällen des Lebens möglichst unabhängige Geldquellen zu erschließen. Aber welche?

Mit Orgelspiel und frommen Litaneien ließ sich vielleicht ein Klingelbeutel, nicht aber eine leere Stiftskasse füllen, die Tarife für Ablässe und Sakramente mußten sich — wollte man nicht leichtfertig Kundschaft verlieren — an den Sätzen der Konkurrenzorden orientieren, und potente Sponsoren — das war damals nicht anders als heute — waren rar.

Okay, in der Land- und Forstwirtschaft hätte man die Erträge steigern können. Aber was, wenn die Tartaren einfielen, Äcker und Felder verwüsteten oder — auch auf ihn war nicht immer Verlaß — Gott ganz einfach nichts wachsen ließ?

Guter Rat war teuer.

Bis den pfiffigen Paulinern dann doch noch die Erleuchtung kam: Inspiriert von ihrem Schutzpatron, besannen sie sich ihrer ursprünglichen Berufung, und mit schwärmerischem Eifer stiegen sie wieder in das angestammte Illusions- und Mirabilienbusiness ein.

Freilich, mit den alten Schnurren und Schwänken aus Oberägypten ließ sich an der Schwelle zur Neuzeit kein Złoty mehr verdienen. Selbst die 12jährige Königin Jadwiga kannte das Märchen von den braven Löwen schon in- und auswendig, und das gemeine Volk, dem der ganze Humbug ohnehin nie ganz geheuer war, verlangte zunehmend nützlichere, auch im Diesseits verwertbare Wunder — Krankenheilungen, Brotvermehrungen oder Wassertransformationen à la Kanaa.

In pauca verba: Um in der Mirakelbranche wieder Fuß zu fassen, um sich Wettbewerbsvorteile und damit den größten Marktanteil zu sichern, waren die Nachfahren des hl. Paulus gezwungen, einen Super-Knüller zu erfinden — eine Geschichte, wie es sie seit der spektakulären Himmelfahrt des Nazareners in der gesamten Christenheit nicht mehr gab.

Ein schwieriges Unterfangen! Aber hatte der Herr durch seinen Diener Opolczyk nicht gerade eine kostbare Madonna ins Haus geschickt? Und war der Umstand, daß sie kein Herkunftszeugnis aufwies, nicht eine glückliche Fügung — gleichsam ein Fingerzeig Gottes?

Mundus vult decipi, ergo decipiatur! Und schon setzten die ehrwürdigen Patres von Tschenstochau eine Geschichte in Umlauf, von deren Tantiemen sie bis heute leben: Opolczyks Madonna, verkündeten sie feierlich, sei keine gewöhnliche, aus irgendeiner byzantinischen oder griechischen Werkstätte stammende Ikone, sondern das Werk eines der bedeutendsten Heiligen der Christenheit — Lukas pinxit, seines Zeichens Evangelist, Verfasser der Apostelgeschichte und Begleiter des hl. Paulus ...

Und da Wundergläubige Wert auf Authentik legen, fügten sie noch hinzu, daß er es in Nazareth, im Haus der hl. Familie gemalt habe, auf einer Lindenholztafel, die ursprünglich Teil jenes — vom hl. Joseph gezimmerten — Eßtisches gewesen sei, auf dem die hl. Jungfrau Maria, die Mutter des wahren Gottes und der hl. Kirche, Jesus, dem Quell allen Lebens, jahraus, jahrein Speis und Trank servierte.

Oremus!

Einmal in Schwung gekommen, verblüfften die Nachlaßverwalter des hl. Paulus von Theben ihr Publikum mit weiteren hagiographischen Details: Dem anno 280 zu Naissos geborenen Flavius Valerius Constantinus — Geschichtskundigen als Kaiser Konstantin I., der Große, bekannt —, verlautbarten sie, sei als erstem Sterblichen die Gnade zuteil geworden, die mirakulöse Potenz des biblischen Gnadenbildes erleben zu dürfen.

Ungeachtet aller damit verbundenen Gefahren, allein seiner Christenpflicht gehorchend und inspiriert vom hl. Geist, präzisierten sie, habe sich der ob seiner außergewöhnlichen Verdienste um den hl. Glauben post mortem heiliggesprochene Monarch ins Heilige Land begeben, um die von frevelhaften jüdischen Altwarenhändlern zwischenzeitlich zum Verkauf angebotene Madonna an einen — bis heute — geheimgehaltenen Ort in Konstantinopel zu bringen.

Und siehe da! Kaum in der byzantinischen Hauptstadt angekommen, habe die Königin des heiligen Rosenkranzes ihr erstes Wunder bewirkt: 100.000 Kleinasiaten, behaupteten die einfallsreichen Paulinermönche, hätten am 8. Dezember, am Tag der Unbefleckten Empfängnis der allerseligsten Jungfrau Maria — ihr zu Ehren den wahren Glauben angenommen, und bald sei sie im Ruf gestanden, ein Palladium gegen heidnische Heerscharen zu sein.

Virgo gloriosa et benedicta, ora pro nobis!

Auch Kaiser Karl der Große, ein nicht minder prominenter und ebenfalls in den exklusiven Club der Heiligen aufgenommener Streiter Gottes, ließen die smarten Stiftsherren schließlich ihre verdutzten Schäfchen wissen, könne die Wunderkraft ihres neuen Altarbildes bezeugen.

Der am Christtag anno domini 800 von Papst Leo III., dem Stellvertreter Gottes auf Erden, zum römischen Kaiser gekrönte Frankenkönig, fabulierten sie, habe auf Befehl der Gottesmutter Byzanz gegen die Sarazenen verteidigt und manu propria 1000 Muselmänner erschlagen.

Deo gratias!

Wieder daheim in Aachen, wohnte er einem festlichen Dankgottesdienst in der Pfalzkapelle bei — da traute er plötzlich seinen Augen nicht ...

Wahrlich! Wahrlich! An derselben Stelle, wo seit Jahr und Tag ein von seiner Mutter Bertrada gestiftetes Jesusbild hing, erblickte er jetzt jene wundersame Madonna, die ihm sein byzantinischer Amtskollege Nikephoros I. anläßlich der Siegesfeiern in Konstantinopel eben erst vorgestellt hatte.

Kaiser Karl erschrak : »Um Gottes Willen! Hat einer meiner Offiziere das heilige Bild geraubt?« durchfuhr es ihn, und da er seine Pappenheimer zu kennen glaubte, zweifelte er keinen Augenblick an ihrer Schuld.

Schon machte er sich Gedanken, ob er die Missetäter lieber köpfen, rädern oder vierteilen lassen sollte, als die Gottesmutter — aus Sorge, der zu Kurzschlußhandlungen neigende Carolus könnte ihretwegen eine Todsünde begehen — eine Lanze für sie brach.

»Warum zürnst du deinen Offizieren? Keiner von ihnen hat mir auch nur ein Haar gekrümmt!« stellte sie klar.

Dem Kaiser fiel ein Stein vom Herzen. Er bekreuzigte sich und betete ehrfürchtig gleich drei »Gegrüßet seist du Maria« hintereinander, aber irgendwie — aus der Ferne vernahm er Donnergrollen — war ihm die geheimnisvolle Jungfrau nicht geheuer.

»Was führt sie im Schild? Warum ist sie in Aachen und nicht in Byzanz?« fragte er sich.

Die Madonna lächelte sphynxisch und — schwieg. Erst eine Ewigkeit später, als ihr wie ein Blitz aus heiterem Himmel aufgetauchter Herr Sohn im Rahmen einer eucharistischen Darbietung gerade einen Kelch besten Rheinrieslings in Blut verwandelte — teilte sie sich ein zweites Mal mit.

»Manus manum lavat«, sagte sie kryptisch, und weil sie der Kaiser, der erwartungsfroh an der Kommunionbank kniete, nicht zu verstehen schien, explizierte sie: »Du hast mir gegen die Sarazenen geholfen, ergo will auch ich dir beistehen denn dein Reich, Carole, ist von Feinden Christi umzingelt!«

»Dominus vobiscum!« rief nun der Erzbischof.

»Et cum spiritu tuo!« antworteten die Gläubigen im Chor, und der Kaiser — noch immer ein Stück Himmelsbrot im Mund — verbeugte sich ehrfürchtig vor seiner treuen Waffengefährtin.

»Ich verstehe«, sagte er nachdenklich.

Allein, hatte er sich nach seiner glücklichen Heimkehr aus Konstantinopel nicht vorgenommen, kurzweilige Geister — Einhard, Alkuin und wie sie alle hiessen — an den Hof zu holen? Und wollte er nicht — für ein Weilchen zumindest — das Kriegshandwerk an den Nagel hängen?

Da erscholl ein gar mächtiges Tedeum und siehe da, die Gottesmutter nahm die Gestalt der Ecclesia Militans an.

»Verblendeter! Glaubst du wir haben dich zum Kaiser gemacht, damit du mit ein paar dahergelaufenen Bücherschreibern, Ziborium-Designern oder gar diesem revisionistischen Bibelexegeten aus York Bier- und Honigweingelage feiern kannst?« pfauchte sie.

»Parbleu! Ehrwürdige Jungfrau! Aber mein Faible für Wissenschaft und Kunst kann doch nicht Sünde sein!« antwortete der Kaiser keck.

Si tacuisses, philosophus mansisses!

Denn einmal in Harnisch geraten, fuhr Unsere Liebe Frau gleich noch viel schwerere Geschütze auf: »Tölpel! Mich kannst du nicht bluffen!« rief sie zornig, und ehe sich Karl der Große von der unerwarteten Attacke erholen konnte, prasselten die schrecklichsten Vorwürfe auf ihn ein.

»Wie willst du die Völker Germaniens Mores lehren«, dröhnte es an sein Ohr, »wenn du an der Seite deiner Hofschranzen dem süßen Nichtstun frönst, ein Lotterleben führst und deine Kräfte bei heidnischen Dirnen vergeudest?«

Dem Kaiser stockte der Atem — was ging die byzantinische Jungfrau sein Privatleben an? Hatte sie Spione auf ihn angesetzt? Er schloß die Augen und binnen eines Augenblicks passierten sämtliche Honoratioren seines Reiches Revue: Roland, der legendäre Spanienheld, der alte Arnulf, Friedhelm, der so trefflich die Laute zu spielen verstand, der bärenstarke Ortwin, Karlmann, Pippin und wie sie alle hießen — lauter tapfere, treuergebene Kerle. Nein, da war kein Verräter dabei ...

Und der hohlwangige Erzbischof, der gerade den Meßkelch putzte? Hatte vielleicht er ihn verraten? Auch er nicht, war sich Kaiser Karl sicher — hatte er ihm doch erst neulich seinen Lieblingswunsch erfüllt und ihn zum Chef des Reichssicherheitsdienstes ernannt.

Erleichtert — wenngleich mit zittriger Stimme — wagte er eine Entlastungsoffensive: »Was? Ich soll ein Lotterleben führen? Ich? Kaiser Karl der Große?« replizierte er. »O keuscheste Jungfrau — bin ich nicht eben erst ins ferne Morgenland geeilt, um manu propria 1000 Muselmä ...«

»Spar dir dein Eigenlob, du Pharisäer!« unterbrach ihn die Mutter der Barmherzigkeit barsch. »Du warst nur ein Werkzeug Gottes und außerdem paßten meine besten Schutzengel auf dich auf!«

»Deo gratias«, brummte der Kaiser nolens volens — indessen die Madonna ihre Strafpredigt fortsetzte.

»Hildegard, dein braves Weib, hat dir neun Nachkommen beschert — vier stramme Söhne und fünf Töchter, legte sie los, »und damit die Dynastie der Karolinger begründet ...«

»Ja, das stimmt«, fiel ihr der Kaiser ins Wort.

»Aber wie dankst du Gott dem Allmächtigen für seine unendliche Gnade?«

»Nun, ich ...“

»Ich will es dir sagen!« ereiferte sie sich. »Statt das Ansehen der hl. Kirche zu mehren und ein mächtiges, vom Rhein bis zur Neisse und von der Nordsee bis zum Mittelmeer reichendes Imperium Christi zu schaffen, hurst du Nacht für Nacht mit deinen Mätressen herum!«

Und dann — die Madonna zeigte sich bis ins kleinste Detail informiert — zählte sie alle auf: die dralle Moselfränkin Fastrada, Desiderata, eine heißblütige Langobardin, die wie eine Walküre aussehende Alemannin Liutgard — eine Domina offenbar, und sie vergaß auch die zahllosen Findelehen nicht, die der sexbesessene Kaiser — altgermanischen Usancen folgend — allenorts einzugehen pflegte.

»Dein Harem ist ja größer als der eines ungläubigen Sultans«, schloß sie giftig. Ihre Stimme klang hart, unerbittlich — als hätte sie sich entschlossen, im fränkischen Augiasstall tabula rasa zu machen.

Der Kaiser erblaßte. Heiß und kalt lief es ihm über den Rücken und in seinen Purpurroten, von der durchzechten Vornacht gezeichneten Augen spiegelte sich blankes Entsetzen.

»O unbefleckte Mutter! Zuflucht der Sünder! Verstoß doch deinen Knecht Karl nicht!« flehte er, doch die Madonna antwortete nicht. Nicht eines einzigen Blickes würdigte sie ihn. Mehr noch — ausgerechnet jetzt verbarg sie ihr holdes Antlitz hinter einer Weihrauchwolke.

»Ein böses Omen? Ich trau’s ihr zu — die nimmt mir noch Zepter und Krone weg!« durchzuckte es den Kaiser und flugs — warf er sich ihr zu Füßen.

»Mea culpa ... mea culpa, mea ... maxima ... culpa«, stammelte er zerknirscht und bekannte — schonungslose Selbstkritik schien ihm plötzlich ein Gebot politischer Vernunft zu sein — schwere Versäumnisse bei der Missionierung der Nachbarvölker ein. Weder in Nord- noch in Ost- und Zentraleuropa habe er bis dato das mit dem hl. Stuhl vereinbarte Bekehrungsplansoll erfüllt, und er räumte auch ein, seiner vielgeliebten Hildegard nicht immer treu gewesen zu sein.

Freilich, so manche Findelehe, gab er zu bedenken, sei er nicht — wie vielfach vermutet — in unkeuscher Absicht eingegangen. Vielmehr habe er sie zum Wohle der hl. Kirche vollzogen. Denn viele Stämme — Seine Eminenz, der Erzbischof, könne dies bezeugen — würden nur dann ihren Götzen abschwören, wenn er — der Kaiser — eine der ihren zur Frau nähme.

»O Königin des hl. Rosenkranzes, reinste, keuscheste Mutter, du elfenbeinerner Turm — verschmähe nicht meine Worte, sondern höre sie gnädig an und erhöre mich«, winselte er schließlich, allein — die aufgebrachte Madonna ließ sich nicht bezirzen.

»Spar dir das fromme Gesäusel, elender Süßholzraspler«, spottete sie. »Ich will Taten sehen!«

Taten? Heldentaten vielleicht? Das ließ sich Kaiser Karl nicht zweimal sagen. Stanta pede — das erzbischöfliche »Ite, missa est« war noch nicht verklungen — zitierte er den gesamten Generalstab ins Presbyterium, unterstellte ihn der Schirmherrschaft Unserer Lieben Frau und gelobte, nicht nur die taufwasserscheuem Sachsen, sondern — in einem Aufwaschen sozusagen — auch die Liutitzen, Sorben, Böhmen, Dänen und Awaren zu katholisieren.

»Wir fürchten Gott und sonst niemand!« ließ er abschließend die hl. Gottesgebärerin wissen.

Sein Treueeid ließ alle Versammelten in frenetischen Jubel ausbrechen. »Sieg Heil!
Sieg Heil« skandierten sie ohne Unterlaß, und dann nützte der Erzbischof — erstmals in seiner Eigenschaft als Chef der Geheimpolizei, wie er betonte — die Gelegenheit zu einer kurzen Homilie: »Lasset uns frohen Herzens für den rechtmäßigen Glauben kämpfen«, zitierte er zunächst aus dem 1. Buch der Makkabäer, um anschließend zur Exegese zu kommen: »Brüder! Es ist unsere hl. Pflicht«, verkündete er mit schnarrender Stimme, »alles auszurotten — und zwar mit Putz und Stingel — was sich fürderhin weigert, das Sakrament der hl. Taufe zu empfangen!«

Und siehe da! Sanctus, sanctus, sanctus — Cherubim und Seraphim stimmten plötzlich ein ohrenbetäubendes Trishagion an. Aufgeregt — ihr Einberufungsbefehl war mit »Rosa Mystica« gezeichnet — flatterte ein Trupp fronterfahrener Schutzengel daher, und als der geläuterte Kaiser zum Abschluß ein inbrünstiges »Salve Maria« anstimmte, defilierten vor seinen Augen Legionen enthaupteter Heiden vorbei.

»Kyrie, eleison«, riefen sie ihm zu — Herr, erbarme Dich unser, und ihr Anführer, der widerborstige Widukind, wollte ihm gar die Zehen küssen.

Da lächelte die Madonna zufrieden und nahm die Gestalt der Ecclesia Triumphans an ...

Wie die Geschichte von der wundersamen Madonna nach ihrem Gastspiel in Aachen weiterging? Nun, die sonst so phantasievollen und mit allen Wassern der Spiritualbranche gewaschenen Adepten des hl. Paulus von Theben gaben vor, selbst nicht alle Einzelheiten zu kennen — Gottes Ratschluß sei eben unerforschlich ...

Fest stehe nur, ließen sie das Kirchenvolk wissen, daß die hl. Jungfrau nach Beendigung ihrer heiklen Mission die fränkische Residenzstadt wieder verlassen habe, um ein paar Jahrhunderte später — das genaue Datum ist religionswissenschaftlich noch nicht geklärt — im galizischen Belz aufzutauchen, wo sie sich bei einem russischen Prinzen namens Lev einquartiert habe.

Ferner gelte als erwiesen, daß sie im gottverlassenen Belz nur sehr sporadisch — wenn überhaupt — wundertätig geworden sei und daß sie erst 1384, als sie Władysław v. Opole kennenlernte, ihr in nachkarolingischer Zeit gewähltes Inkognito lüftete.

»Ich bin’s, die Gottesmutter! Bring mich nach Częstochowal« habe sie ihm zugerufen — auch das sei evident.

Nicht bestätigen wollten die spitzfindigen Anachoreten hingegen das von Krakauer Hofschreibern kolportierte Gerücht, die hl. Madonna habe sich nach ihrem strapaziösen Einsatz im Frankenland — dem Vernehmen nach machte das zierliche Ding sogar den zwölf Jahre währenden Sachsen-Feldzug mit — im ruthenischen Belz nur ein wenig ausruhen wollen, um nun — im polnischen Częstochowa Władysław noch größere Wunder als je zuvor zu bewirken.

Die Hoffnung auf neue Gunstbeweise sei zwar begründet, sehr begründet sogar, erklärten die frischgebackenen Eigentümer der seltsamen Opolczyk-Madonna kryptisch, aber eine absolute Garantie gäbe es natürlich nicht. Freilich, Tag und Nacht würden sie darum beten, und sie seien zuversichtlich, daß ihr Flehen auch erhört werde.

Am 8. September anno Domini 1384 — am Geburtstag Marias — war es dann so weit. Die meditierenden Paulinermönche entdeckten, daß sich ihr Altarbild in eine lebende Person verwandeln könne — »quasi vivam cerneres«, berichtete der Hofschreiber Jan Długosz im III. Band seines »Liber beneficiorum dioecesis Cracoviensis« euphorisch.

Alleluja! Alleluja! Felix es, sacra Virgo Maria! Und allen, die sich ihr sorgenvoll näherten, spendete sie von nun ab Trost — in der Regel gegen einen bescheidenen Unkostenbeitrag, in Ausnahmefällen aber auch gratis.

Wie nicht anders zu erwarten, verbreitete sich die fromme Mär bei den arglosen Polen wie ein Lauffeuer, und bald zählte das neugegründete Paulinerkloster zu den ertragreichsten Gnadenstätten der Welt.

Zehntausende pilgerten jetzt Jahr für Jahr zur ehrwürdigen Mutter von Częstochowa — Lahme, Blinde oder von unheilbaren Krankheiten Geplagte, ausgemergelte, geschundene Bauern, verheulte Jungfrauen, die keinen Freier finden konnten, Zeugungsunfähige oder Greise, die Angst vorm Sterben hatten, und dann natürlich das Heer all derer, die irgendetwas am Kerbholz hatten.

Aber nicht nur dem gemeinen Volk, auch dem Hochadel lieh die zu neuer Höchstform auflaufende Madonna ihr Ohr: sie gab Ezzes in komplizierten Finanz- und Erbschaftsangelegenheiten, vermittelte — wenn’s unbedingt sein mußte — standesgemäße Ehepartner und aufgrund ihrer einschlägigen Erfahrungen wurde sie auch gerne in militärischen Fragen konsultiert.

Und seit ihr — im Beisein des mächtigen Erzbischofs von Gniezno — die minderjährige Königin Jadwiga anno 1368 voll Stolz ihren frischbekehrten Gatten Jagiello vorstellte, versäumte es — abgesehen von ein paar Kommunisten — kein polnischer König oder Staatschef mehr, unmittelbar nach der Inauguration nach Częstochowa zu eilen, um dem Prunkstück der Pauliner seine Reverenz zu erweisen.

Im 15. Jahrhundert mußte sich die Madonna zwar einer langwierigen Gesichtsoperation unterziehen — hussitische Bilderstürmer, die im Auftrag habgieriger polnischer Landadeliger das reich gewordene Stift überfallen hatten, verstümmelten ihr Antlitz bis zur Unkenntlichkeit — aber auch das neue, von griechischen Restauratoren geschaffene Gnadenbild büßte nichts von seinen magischen Fähigkeiten ein. Erstens, weil es ja wieder auf den alten, aus Nazareth stammenden Lindenholzbrettern gemalt war, wie die smarten Pauliner nicht müde wurden zu betonen, und zweitens, weil die Reliquie jetzt mit schwarzer Farbe überzogen wurde, was ihr einen besonders mystischen Ausdruck verlieh.

Außerdem wurden die Spuren der Dolchstiche nicht beseitigt, sondern extra hervorgehoben. Jeder Betrachter, so lautete der Auftrag des Priors, sollte im leidenden Antlitz der Gottesmutter sein eigenes Leid erkennen können, menschlicher Schmerz sollte sich mit dem göttlichen gleichsam vermischen.

Der Einfall war genial, denn nun fiel es den leidgeprüften und seit jeher ein wenig schwermütigen Polen noch leichter, sich mit ihrer zur »Schwarzen Madonna« mutierten Nothelferin zu identifizieren.

Schließlich verpaßten die Nachfahren des hl. Paulus von Theben ihrer lädierten Jungfrau auch ein attraktives, dem Zeitgeschmack entsprechendes Outfit. Pater Clemens, in jungen Jahren Goldschmied und Geschmeidehändler, überraschte sie mit einem allseits bewunderten Diamantenkleid, zu ihrem Geburtstag — am 8. Dezember — erhielt sie ein Herbstkostüm aus erlesensten Rubinen, und zu Mariä Verkündigung ein eher bequem zu tragendes Negligee aus Perlen. Letzteres wurde ihr — von einem als Pilger getarnten Wäschefetischisten? — zwar gestohlen, doch keine Bange — zum Trost spendierten ihr die frommen Frauen der Wojwodschaft Kielce ein aus tausend Eheringen gefertigtes »Kleid der Treue«.

Trotz zahlreicher Querelen — die polnischen Restaurateure verbrachten mehr Zeit im Wirtshaus als bei der Arbeit, dann blätterten die von den griechischen Malern verwendeten Temperafarben ab, und schließlich brachen unter den mit dem An- und Ausziehen der Jungfrau befaßten Mönchen heftige Konflikte über die geziemendste Form der Durchführung aus — machte sich die aufwendige Behandlung der verunstalteten Opolczyk-Madonna mehr als bezahlt. Denn kaum wiederhergestellt, verwandelte sie Jasna Góra in eine marianische Trutzburg — »Fortalitum Marianum« hieß das Domizil der Ex-Eremiten nun ganz offiziell — und löste einen sagenhaften, bis heute anhaltenden Wallfahrerboom aus.

König Jan Kazimierz, seit Kindertagen an religiösem Wahnsinn leidend, half ihr dabei. Anno domini 1656 — am 1. April — betraute er sie während eines Festgottesdienstes in der Kathedrale von Lwów urplötzlich und für alle Ewigkeit mit der Herrschaft über Polen. Er verlieh ihr den Titel »Królowa Polska« (Königin Polens) und — um seinen Untertanen zu demonstrieren, daß dies kein Aprilscherz war, verfaßte er eine Note an den hl. Stuhl, mit der Bitte, die Schwarze Madonna auch coram publico krönen zu dürfen.

Zu Mariä Geburt anno domini 1716, nach einer peniblen, fast ein halbes Jahrhundert in Anspruch nehmenden Prüfung aller legistischen und protokollarischen Voraussetzungen, war es schließlich so weit: Papst Klemens XI. unterschrieb den Krönungsakt und ein Jahr später wurde die Schwarze Madonna gekrönt. Der Apostolische Nuntius Odesecalchi, ein gutes Dutzend Kardinäle und Erzbischöfe, hunderte weißgekuttete Pauliner und mehr als 200.000 Pilger wohnten dem Spektakel bei.

Freilich, am 6. September 1910, bei der 2.Krönung — sie mußte wiederholt werden, weil gottlose Russen, wie die Polen behaupten, die 1717 gestiftete Krone gestiebitzt hatten — waren es gar 500.000, die ihrer Staatschefin in geziemender Weise (die letzten Kilometer zur Marienkapelle werden üblicherweise knieend zurückgelegt) ihre Aufwartungen machten.

Aber was sind schon 500.000? Als 1979 Karol Wojtyla — erstmals als Papst — die Residenzstadt besuchte, um der »Regina Poloniae« eine goldene Rose zu verehren, fanden sich binnen dreier Tage nicht weniger als 3,5 Millionen ein.

Ein Ende der Pilger-Hausse ist nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil: Im Vorjahr konnte P. Jan Nalaskowski, Generalvikar des Paulinerordens in Częstochowa, mehr als 4 Millionen Jasna Góra-Besucher registrieren und im Durchschnitt langen bei der Schwarzen Madonna pro Woche 12.000 Briefe — mit Bitten, Danksagungen oder Geldspenden — ein.

Welche Wunder die hochdekorierte Madonna seit ihrer Übersiedlung nach Jasna Góra tatsächlich bewirkte? Nun, die Rettung Polens vor der »schwedischen Sintflut« gilt nach wie vor als ihre hervorstechendste — von Schulbuchautoren wie Nobelpreisträgern gleichermaßen enthusiastisch gefeierte — Leistung.

Schwedische Sintflut? Folgendes war geschehen: Der — protestantische — Schwedenkönig Karl X. Gustav und sein — katholischer, im übrigen ebenfalls aus Schweden stammender — Amtskollege, der polnische Wahlkönig Jan Kazimierz, waren einander spinnefeind — kein Wunder, jeder der beiden war überzeugt, daß der andere einer Irrlehre anhing. Schließlich marschierte Karl Gustav — im Sommer 1655 — in Polen ein, und da der polnische Hochadel wenig Neigung verspürte, für den nach Schlesien getürmten Jan Kazimierz den Schädel hinzuhalten, gelang es ihm, binnen weniger Wochen das ganze Land zu erobern.

Aber noch war Polen nicht verloren!

Als der Schwedengeneral Mueller, der Ende November mit einer Horde gottvergessener, meist schon am hellichten Tag stockbesoffener Rabauken sengend und brennend die obere Warthe entlang zog, auch dem Fortalitum Marianum einen Besuch abstatten wollte, holte er sich eine blutige Nase. Vierzig Tage lang verteidigte Prior August Kordecki mit siebzig Mönchen und einer Handvoll versprengter, nach Kriegsausbruch ins Kloster geflüchteter Soldaten die Gnadenstätte.

Und siehe da! Zu Weihnachten — die Zahl der heldenhaften Verteidiger war bereits auf ein kleines Häuflein geschmolzen — brach General Mueller die Belagerung plötzlich ab.

Der Mönchshügel sei militärisch ohnehin bedeutungslos, sagte er jetzt, zündete wutentbrannt ein paar umliegende Dörfer an und verdrückte sich schleunigst nach Krakau, wo ihn Karl Gustav bereits erwartete.

Alleluja! Alleluja! Das Heer Marias hatte gesiegt! Die Frohbotschaft verbreitete sich in Windeseile in ganz Polen. Das Volk erwachte. In allen Landesteilen begann es sich — dem Beispiel des tapferen Kordecki folgend — gegen die ketzerischen Usurpatoren zu erheben und schließlich wagte sich auch Jan Kazimierz — nenne ihn mir ja keiner einen Hasenfuß — zu seinem treu zur hl. Kirche stehenden Fußvolk zurück.

Ganze fünf Jahre tobte nun der Religionskrieg, aber am Ende hatte Polen allen Grund zum Jubel: König Jan Kazimierz, ein Sproß der Wasa-Dynastie, mußte zwar mit Brief und Siegel seinen Ansprüchen auf Schwedens Thron entsagen sowie Estland, Livland, ein paar Ostseegebiete und Teile der Ukraine einschließlich Kiews abtreten, allein — das Kernland blieb unabhängig und katholisch ...

Alle wollten nun Prior Kordecki als neuen Nationelhelden feiern, doch der weißgekuttete Streiter Gottes schmückte sich nicht mit fremden Federn.

»Den glorreichen Sieg über General Mueller hat einzig und allein die Schwarze Madonna errungen«, sagte er bescheiden. »Oder glaubt ihr, meine Mitbrüder und ich hätten ohne ihre Hilfe 3.000 kampferprobte, bis zu den Zähnen bewaffnete Schweden in die Flucht schlagen können?«

Der gute August! Er selbst sei nur ein Werkzeug der hl. Jungfrau gewesen — quasi ihr Schwert, erläuterte er dann, weshalb nicht ihm, dem Schwert, sondern natürlich ihr, die damit so trefflich umzugehen gewußt habe, Ruhm und Ehre gebühre.

Und um der Bildung falscher Legenden für alle Ewigkeit einen Riegel vorzuschieben, hielt er die wundersamen Ereignisse jener Tage in einer Denkschrift mit dem Titel »Nova Gigantomachia« fest.

Nach der Vertreibung der Schweden legte die Schwarze Madonna freilich eine längere Schaffenspause ein. Hatte sie der Kampf mit den 3.000 Skandinaviern einfach zuviel Substanz gekostet? War ihr der Pomp bei der Krönung zu Kopf gestiegen? Oder saß sie in ihren neuen Kleidern nur mehr vor dem Spiegel? Wer kann es wirklich wissen — aber Tatsache ist, daß sie einfach jahrhundertelang kein Wunder bewirkte.

Da konnten die unglaublichsten Dinge passieren: Das eine Mal fielen die Preussen, dann wieder die Österreicher über die armen Polen her, König Poniatowski gab Tschenstochau einschließlich aller Pauliner seiner früheren Mätresse, Zarin Katharina II., preis und 1795 radierten die drei Großmächte den polnischen Staat ohne viel Federlesens von der Landkarte aus, aber — weiß der Teufel, warum? — die Schwarze Madonna erhob keinen Einspruch, völlig schnurz schien ihr Polen zu sein ...

Erst nach dem I. Weltkrieg, als die Geißel des Bolschewismus herannahte, erwachte sie — für kurze Zeit — aus ihrer Lethargie. Marschall Piłsudski, der spätere Militärdiktator, durfte gegen die atheistische Rote Armee -— am Himmelfahrtstag — einen nicht erwarteten Sieg feiern. Und weil sich das gesamte Episkopat gemeinsam mit zehntausenden Gläubigen schon am Vorabend der Schlacht in Jasna Góra versammelt hatte, um für Piłsudski zu beten, ging dieser Sieg als »Wunder an der Weichsel« in die Geschichte ein.

Und dann?

Sub sigillo — auch in den Folgejahren stellte die Schwarze Madonna von Tschenstochau ihre Wundertätigkeit nur sehr selten unter Beweis.

Gegen Hitler hielt sie sich völlig zurück. Sie ließ sogar zu, daß im altehrwürdigen, mit reichen Fresken von Karl Dankwart verzierten Refektorium — keine 200 Meter von ihrem Audienzsaal entfernt — SS-Offiziere residierten, und auch der Machtergreifung durch die Stalinisten sah sie eher tatenlos zu.

Lediglich die Tatsache, daß Lech Walesa den Nobelpreis erhielt, wird — von Warschauer Kabarettisten — als echtes Mirakel erachtet, während der Einfluß der hl. Jungfrau bei der Überwindung des Jaruzelski-Regimes zunehmend nüchterner gesehen wird. Auch im orthodoxen Rußland oder im islamischen Tadschikistan, wird argumentiert, seien die kommunistischen Strukturen zusammengebrochen, und außerdem — wer weiß? — ob es tatsächlich besser wird ...

Freilich, vom größten Wunder, das die Schwarze Madonna je gewährte, spricht man selbst im Vatikan nur hinter vorgehaltener Hand: Wie sie den einst bettelarmen Paulinern ein Milliardenvermögen zukommen lassen konnte, obwohl sie — das ist durch wissenschaftliche Untersuchungen zweifelsfrei erwiesen — eine Ikone wie jede andere ist und aus dem 12. oder 13. Jahrhundert stammt.

In paucis verbis — die Lindenholzbretter, auf die sie gepinselt wurde, haben weder Aachen noch Byzanz gesehen, von Galiliäa, von Nazareth und dem hl. Familientisch ganz zu schweigen ...

Und doch — in Częstochowa geschehen Wunder, selbst im trostlosen Nova Częstochowa passieren sie — sogar an Regentagen.

Was soll ich sagen? Kaum hatte sich — stimmt schon, ich hielt sie für eine Schwindlerin — die Schwarze Madonna aus dem Staub gemacht, sah ich — vor einer Restauracja, an einer Autobushaltestelle — eine ...

Ich lüge nicht — sie hieß Maria, wie sie mir später erzählte, blutjung war sie, vielleicht neunzehn oder zwanzig, schätzte ich und — ich schwöre 1000 Eide — sie sah wie die Madonna in meinem Reiseführer aus.

Okay, ihr Teint war heller, sie war ja keine Orientalin, und statt dem Kind hatte sie eine Plastiktasche in der Hand.

»Dzień dobry! Nach Jasna Góra wollen Sie? Nichts leichter als das!« sagte sie freundlich, nachdem ich sie um den Weg gefragt hatte, und da sie in der Altstadt wohnte und der Autobus ohnehin nicht kam, fuhr sie mit mir.

Im Nu waren wir im Stadtzentrum. »Hier! Parken Sie doch gleich hier!« sagte sie dann, und tatsächlich — ich sah aus dem Fenster, und schon winkte mir — als wäre er ein alter Bekannter — der schlanke Glockenturm von Jasna Góra zu.

Und dann — ja, dann schrieb mir die zuckersüße Maria noch mit dem Lippenstift — wir hatten beide kein anderes Schreibgerät zur Hand — ihre Telefonnummer auf.

»Ruf doch einfach an, wenn du am Abend noch in Czenstochowa bist!« rief sie mir — wir duzten uns mittlerweile — noch einmal zu, spannte ihren Regenschirm auf und — weg war sie.

Ein wenig verwirrt — Maria schien zu allerlei Schabernack bereit — passierte ich das berühmte Lubomirski-Tor, benannt nach einem General, der anno domini 1655 eine Schlacht gegen die Schweden gewann.

Zwei aus der thebäischen Wüste stammende Löwen und ein Rabe mit einem Stück Brot im Schnabel — die Wappentiere des ehrwürdigen »Ordo Sancti Pauli Primi Eremitae« — hießen mich willkommen. Ich durfte das Arsenal samt den von König Sobieski erbeuteten Krummschwertern besichtigen, die kostbare Bibliothek und zu meinem Erstaunen auch die Schatzkammer, in der an prominentester Stelle die Goldene Rose Papst Wojtyłas, die wie eine Reliquie verehrte »Kordecki-Monstranz«, aber auch wertvolle Uhren, Bilder und Skulpturen aus den verschiedensten Jahrhunderten ausgestellt sind.

Schließlich gelangte ich auch in die Marienkapelle, die sich an die Basilika anschließt, wo — hinter einer feuersicheren Schutzwand und einem Stahlrahmen, der ein schonendes Festmachen der austauschbaren Gewänder und Kronen ermöglicht — die Schwarze Madonna residiert.

Aber — weiß der Teufel, warum? — keine zwei Minuten, bevor ich den mit reichen Gold- und Silberornamenten verzierten Ebenholzaltar erreichte, hatten — wie jeden Tag, pünktlich um 16.40 Uhr - die frommen Pauliner das Gnadenbild verhüllt. »Aääätsch!« hörte ich die Madonna noch sagen, aber sehen durfte ich sie nicht.

»Auch ätsch!« erwiderte ich — zugegebenermaßen ein wenig pietätlos — ging zur nächsten Telefonzelle und rief Maria an.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1993
, Seite 47
Autor/inn/en:

Hans Pusch:

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