FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1977 » No. 282/283
René Lefort

Tötet das junge Krokodil

Mozambique am Kreuzweg
Samora Machel hält Lenin hoch;
hinter ihm steht Sowjetpräsident Nikolai Podgorny (Mozambique, Anfang 1977)

Partisanen als Vaterlandsverteidiger

An einem sanften Abhang zum Flüßchen Lula stehen die Ruinen von Gento, eine der fünf Basen der mozambikanischen Volksarmee in der Provinz Tete, die Anfang November 1976 von rhodesischen Verbänden angegriffen wurden. Der Boden ist von Bomben- und Granattrichtern übersät. Die Kämpfe waren kurz, aber heftig. Alle Häuser wurden niedergebrannt. Die Rhodesier wollten, als der Druck der Guerilleros immer stärker wurde, die Stützpunkte in Mozambique vernichten — noch vor der Regenzeit, wenn die Pisten unbefahrbar werden.

14 Tage später starteten die Guerilleros von Zimbabwe (Rhodesien) ihre fünfte Offensive seit Beginn 1976. Die örtlichen Politkommissare versichern, die mozambikanische Bevölkerung sei zu Opfern bereit, da sie „selbst für die Befreiung ihres Landes gekämpft hat und sehr wohl versteht, daß in Zimbabwe jetzt das gleiche vor sich geht“. Dennoch flüchten die Einwohner der Region jedesmal beim Nahen eines Fahrzeugs. Noch eine Woche nach dem Angriff hielten sich die Frauen und Kinder im Busch versteckt. Die mozambikanische Regierung erklärt, man sei nicht in die von Salisbury gestellte Falle gegangen; man habe sich nicht provozieren lassen, den Kampf um die Befreiung Zimbabwes in einen Krieg zwischen Mozambique und Rhodesien zu verwandeln. Die Mozambikaner werden weiterhin die ZIPA (Volksarmee von Zimbabwe) „materiell und moralisch unterstützen“. Diese aber werde ihren Kampf selber führen. Die mozambikanische Volksarmee wird die Grenze nicht überschreiten.

„Die Lage hat sich geändert“, sagt ein Major mit Bedauern. „Wir sind jetzt Soldaten eines unabhängigen Landes und müssen es verteidigen.“ Die Volksarmee ist im Partisanenkrieg entstanden. Sie hat damals gelernt: um zu siegen, muß man stets die Initiative haben. Heute aber hat Salisbury den Vorteil der Überraschung. Die Rhodesier greifen an, wo und wann sie wollen. Sie beherrschen die Luft und werden unterstützt von früheren portugiesischen Kolonisten in Mozambique und von ehemaligen Kolonialsoldaten, die das Gelände genau kennen.

Die mozambikanischen Einheiten sind nicht sehr zahlreich und verteilt auf 1.500 Kilometer Grenze, von Tausenden Flüssen und Schluchten durchschnitten. Sie haben keine schweren Waffen und nur wenig Funkgeräte und Fahrzeuge. Die mozambikanische Armee kann die Grenze nicht sichern, nicht einmal Angriffe auf lebenswichtige Zentren verhindern. In solch einem Fall will Mozambique energisch zurückschlagen und so schwere Verluste zufügen, daß Rhodesien von weiteren Operationen abgeschreckt wird.

Handel mit Pretoria

Pretoria braucht aus Mozambique Hunderttausende Bergarbeiter, den elektrischen Strom von Cabora Bassa und — in geringerem Maß — den mozambikanischen Markt. Mozambique macht sich dies zunutze, um wichtige Produkte schneller und billiger zu beziehen. Der in Gold ausbezahlte Teil der Bergarbeiterlöhne ist bei weitem die wichtigste Devisenquelle Mozambiques. Mit Eifer erfüllien die Südafrikaner alle Wünsche Mozambiques — vielleicht in der Absicht, auf längere Frist die politische Entwicklung in Mozambique zu beeinflussen. Durch Abbruch der Handelsbeziehungen in einem klug gewählten Augenblick könnte das Land in eine schwere Wirtschaftskrise und die FRELIMO zu Fall gebracht werden.

Die Feindseligkeit Rhodesiens ist hingegen eindeutig. Die Hilfe Mozambiques für die ZIPA ist nicht der einzige Grund. Salisbury hat vielen Flüchtlingen aus Mozambique Asyl gegeben; sie haben Sehnsucht nach der Kolonialzeit und finden sich nicht ab mit dem Sieg der FRELIMO. Sie erhalten große Mittel, um ihnen unablässige Angriffe auf das Nachbarland zu ermöglichen. Malawi dient als rückwärtige Basis für die Infiltration nach Mozambique.

Um diese Bedrohungen abzuwehren, wandte Mozambique sich an seine „natürlichen Verbündeten“, an die sozialistischen Länder. Präsident Samora Machel verkündete, China werde Mozambique helfen, eine Marine und eine Luftwaffe aufzubauen. Die Sowjetunion liefert schweres Kriegsmaterial. Aber alle Waffen, die wir an der Front sahen, ließen schon mehrjährige Verwendung erkennen. Die FRELIMO-Leute machen kein Hehl aus ihrer Enttäuschung über die sozialistischen Länder. Die Hilfe muß teuer bezahlt werden und ist mit politischen Bedingungen verbunden, die für intransigente Nationalisten schwer akzeptabel sind.

Mozambique wurde zum Zentrum des chinesisch-sowjetischen Gegensatzes im südlichen Afrika. Beide — die Russen recht plump, die Chinesen etwas geschickter — wollen vor allem ihren Einfluß stärken. Ein Ostdiplomat in Maputo erklärte uns, der „Hauptfeind“ Mozambiques sei nicht Südafrika, sondern China. Seine chinesischen Kollegen behaupten dasselbe von der UdSSR.

Der „wechseliseitige Beistandspakt“ der fünf afrikanischen „Frontstaaten“ gegenüber Rhodesien und Südafrika hat nur eng begrenzten Wert. Immerhin könnte ein Eingreifen der Luftstreitkräfte Sambias, Tanzanias und vor allem Angolas die Luftüberlegenheit Rhodesiens ein wenig reduzieren.

Produktionsschwierigkeiten

Mozambique bezahlt sein Festhalten an der Blockfreiheit und an seinen revolutionären Zielen mit einer gewissen Isolierung. Es muß einen großen Teil seiner bescheidenen Mittel statt für den „nationalen Wiederaufbau“ für die Landesverteidigung aufwenden. Die Krise im südlichen Afrika ist eine schwere Belastung für die mozambikanische Revolution.

„Produzieren heißt kämpfen“, und „Produktivität ist das Thermometer des politischen Bewußtseins“ — diese Losungen stehen täglich in roten Lettern am Fuß der Titelseite beider mozambikanischen Tageszeitungen. Aber die Produktion in den modernen Wirtschaftszweigen sinkt. Es gibt keine verläßlichen Statistiken, aber ein Betrieb, der heute halb soviel produziert wie 1974, erbringt schon eine gute Leistung.

Die meisten Beamten Mozambiques kamen aus Portugal. Ihr Auszug geht weiter. Rund 12.000, viele bereits im Aufbruch, sind der letzte Rest von 180.000 Portugiesen, die hier lebten. Obwohl sie erheblich mehr verdienen, als sie in Portugal erwarten können, und obwohl sie 25 bis 50 Prozent ihres Einkommens ausführen dürfen, sind ihre Beziehungen zur FRELIMO sehr gespannt.

Lissabon hat Mozambique ein vergiftetes Geschenk hinterlassen: Industrien und Plantagen, die nur unter Leitung der Kolonisten funktionierten. Beschleunigte Beförderungen und Hilferufe an ausländische Techniker können das Vakuum nicht füllen. In den Städten ist die Arbeitslosigkeit ein ernstes Problem. Auf dem Land machen die Bauern, dem Aufruf der FRELIMO folgend, große Anstrengungen zur Steigerung der Produktion, sowohl einzeln wie auch auf den „Kollektivfeldern“. Weil es an Transportmitteln mangelt und das Handelsnetz durch den Abgang der portugiesischen Zwischenhändler desorganisiert ist, gelangt ein großer Teil der Produkte nicht auf den Markt. Mozambique wird noch lange Zeit für die überstürzte Entkolonialisierung bezahlen müssen.

Man muß hier gegen den Mythos kämpfen, daß die Unabhängigkeit wie durch Wunder, ohne Mühe und Anstrengung, allgemeinen Wohlstand bringe. In einer sehr harten Rede am 13. Oktober 1976 attackierte Präsident Samora Machel Disziplinlosigkeit, Unpünktlichkeit, Intrigen, Diebstähle, Korruption in den Unternehmen. Der Zusammenbruch der Träume hat zweifellos zu einer gewissen Enttäuschung geführt. Ein Beamter sagte uns: „Wir haben Würde gewonnen, aber materielle Vorteile verloren.“

„Es ist nicht unsere Aufgabe, den sterbenden Kapitalismus zu pflegen“, sagen die Führer der FRELIMO. Es ist keine Rede davon, die Revolution rückgängig zu machen oder auch nur zu bremsen, um Wirtschaftsprobleme zu lösen. Die Zerstörung der alten Ordnung wird methodisch vorangetrieben. Die Resultate in Schulwesen und Gesundheitsfürsorge können sich sehen lassen. Die Bemühungen im Verkehr, Handel, Kredit beginnen Früchte zu tragen. Aber die neuen Produktionsstrukturen haben noch nicht Zeit gehabt, operativ zu werden.

Die Landwirtschaft ist nach wie vor Grundlage der Entwicklung. Sie ist vor allem auf „Gemeinschaftsdörfer“ orientiert. Um die sozialen Dienste allen zugänglich zu machen, neue Agrartechniken einzuführen und mehr zu produzieren, will man je zweihundert Bauernfamilien, die jetzt verstreut in kleinen Weilern leben, in einem solchen Gemeinschaftsdorf konzentrieren. Aber Bauern geben ihre Lebensweise und Umgebung nicht leicht auf.

Der Übergang von primitiver zu moderner Landwirtschaft braucht Zeit. Die Zentralbehörden scheinen entschlossen, den Eifer örtlicher Beamter zu zügeln und „Gemeinschaftsdörfer“ nur mit Bauern aufzubauen, die von der Nützlichkeit dieser Einrichtung überzeugt sind. Die Zukunft soll den anderen zeigen, daß sie mit ihrem Zögern unrecht haben.

In der Industrie litten die „Dynamisierungsgruppen“, die Betriebszellen der FRELIMO, unter ihrer zweideutigen Stellung. Einerseits waren sie Speerspitze der „politischen Offensive an der Produktionsfront“ und standen somit auf seiten der Betriebsführung; anderseits sollten sie die Interessen der Arbeiter vertreten. Heute beschränken sie sich im wesentlichen auf politische Aufgaben; Produktionsprobleme werden von gewählten Ausschüssen behandelt.

Podgorny in Zambia (Ende März 1977):
Ist mit Podgornys Absetzung (24. Mai) die sowjetische Afrikapolitik umgeworfen?

Bürokratie = neue Bourgeoisie?

Ein „Seminar über den Staatsapparat“ gelangte zum Schluß, daß die vom Kolonialsystem übernommene Verwaltung nicht geeignet sei für den revolutionären Prozeß. Nach Nationalisierung des Unterrichts- und Gesundheitswesens, der meisten Betriebe, der Banken und des Bodens hat die Verwaltung viel schwerere Aufgaben als in der Kolonialzeit. Der neue mozambikanische Staat will „den Interessen des Volkes dienen“ und seine Beamten nach „Klassengesichtspunkten“ auswählen. Doch fast alle Beamten wurden in der Kolonialzeit ausgebildet. Sie wurden schnell befördert und relativ gut entlohnt. Die FRELIMO hat keine ausreichenden Kader zur Besetzung aller wichtigen Posten; die „alten“ Beamten “ werden sich zunehmend ihrer entscheidenden Rolle bewußt. Sie wissen, daß sie unentbehrlich und unersetzlich sind; sie fühlen sich frei, eine neue Kaste zu bilden.

Die FRELIMO ist entschlossen, das nicht zu dulden. „Man muß das Krokodil töten, solange es zu klein ist, um in der Flußmitte zu schwimmen“, sagt Präsident Machel zur Illustration seiner Taktik gegenüber jenen, „die zu einer neuen Bourgeoisie werden möchten“.

„Die Arbeiterklasse ist die herrschende Klasse in unserem Land. Nur sie kann den gesellschaftlichen Umwandlungsprozeß konzipieren, in Gang setzen und leiten“, erklärte Machel in seiner Rede vom 13. Oktober. Die Bauernschaft war die „physische Kraft“ der Revolution. Noch vor kurzem sagten die FRELIMO-Theoretiker, Arbeiterklasse und Bauernschaft sollten in der neuen Gesellschaft verschmelzen: Die Bauern sollten von den Arbeitern die Technologie lernen und im Kontakt mit den Arbeitern „die vom Kolonialismus ererbten Fehler loswerden“. Heute spricht man nicht mehr von einer „Entleerung der Städte“. Die FRELIMO will eine Schwerindustrie aufbauen. Mozambique ist jedoch arm an Rohstoffen, Facharbeitern und Technikern — Voraussetzung für ökonomische Unabhängigkeit.

Die Bewegung meint nun, genügend Trümpfe in der Hand zu haben, um den neuen Kurs der Revolution zu bestimmen. Auf dem dritten Kongreß der FRELIMO im Februar 1977 wurde die Befreiungsfront in eine Avantgardepartei umgewandelt, die sich den Aufbau des Sozialismus zum Ziel setzt. „Für uns gibt es keinen afrikanischen Sozialismus, nur einen wissenschaftlichen“, sagt man in Maputo.

© Le Monde

Buschkrieger werden Marxisten

Zur Geschichte der FRELIMO

Die Befreiungsfront von Mozambique (FRELIMO) wurde am 25. Juni 1962 in Daressalaam (Tanzania) von Vertretern verschiedener antikolonialistischer Gruppen gegründet. Zum Präsidenten wurde Eduardo Mondlane gewählt, der diesen Posten bis zu seiner Ermordung durch portügiesische Söldner am 3. Februar 1969 bekleidete.

Am 25. September 1964 eröffnete die FRELIMO den bewaffneten Kampf gegen die portugiesische Kolonialarmee, der erst am 7. September 1974 durch das Lusaka-Abkommen beendet wurde. In den ersten drei Jahren des Kampfes gelang es der FRELIMO, die Nordprovinzen Mozambiques zu befreien, so daß der II. FRELIMO-Kongreß im Juli 1968 bereits innerhalb des Landes durchgeführt werden konnte.

Samora Machel wurde auf diesem zweiten Kongreß in das Zentralkomitee und dessen Politisches Komitee gewählt. Nach der Ermordung Mondlanes wählte das ZK vorerst eine vierköpfige kollektive Führung und schließlich im Herbst 1969 Samora Moises Machel zum Präsidenten. Machel unterzeichnete 1974 in Lusaka das Abkommen mit Portugal über die Gewährung der Unabhängigkeit, blieb jedoch bis zur endgültigen Befreiung im Exil in Tanzania.

Am 25. Juni.1975 rief der FRELIMO-Präsident in der Hauptstadt Lourenço Marques, dem heutigen Maputo, die Republik aus. Einen Monat später wurde eine neue Verfassung in Kraft gesetzt und Mozambique in eine Volksrepublik umgewandelt, deren Präsident Samora Machel wurde. Die junge Voiksrepublik ist seither zu einem entscheidenden Faktor im südlichen Afrika geworden, vor allem durch ihre Unterstützung des Befreiungskampfes in Zimbabwe (Rhodesien).

Vom 3. bis 7. Februar 1977 fand in Maputo der III. Kongreß der FRELIMO statt, der die Umwandlung der Befreiungsbewegung in eine marxistisch-leninistische Partei beschloß und den Aufbau des Sozialismus in Mozambique festlegte. Der Kongreß wählte Machel zum Präsidenten der FRELIMO-Partei.

A. K.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1977
, Seite 57
Autor/inn/en:

René Lefort:

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