FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1989 » No. 432
Berthold Viertel

Tote auf Urlaub

Tote auf Urlaub, wie der Levine euch nannte,
als er sich vor Gericht zu euch bekannte:
 
Eisner: noch hör ich seinen Ruf und Ton,
das Atemholen der Revolution.
Das Stichwort brachte er, vom Volk umgeben,
das ihm die Stimme lieh, sie zu erheben.
 
Rosa: zwischen Kerkerwänden
schrieb sie Briefe, den Genossen Trost zu spenden.
Mit jeder Blume, jedem Tier verbunden,
sprach sie zu Wolken in den Abendstunden.
Du rote Rosa, Unhold, Bürgerschrecken,
wann wird die Welt die Heilige entdecken!
 
Erich Mühsam: abgehärmt und mager,
ein Geist auf Urlaub ging er um im Lager.
Sie rissen ihm aus seinen Judenbart
kein Dorn der Krone blieb ihm erspart.
Sein Aug war gebrochen, sein Aug war mild:
So schufen sie dem Christ ein Ebenbild.
 
Landauer: dessen Menschenliebe wie ein Donner grollte,
der rechthaberisch mit aller Habe rechten wollte.
Dem Staat zu nehmen und dem Volk zu geben
war er gewillt. Er kam zu früh ins Leben.
 
Ihr, die ihr einig wart im Widerspruch,
im Ruf: „Zur Tat! Genug ist nicht genug!“
Und einig waret ihr im Opfermute,
ein jeder eingesetzt, daß er verblute,
vom Volke eingesetzt, es zu vertreten,
verfrüht am Werke, euch nicht zu verspäten:
Dem blinden Deutschland mußtet ihr erblinden,
sieht Deutschland erst, wird es euch wiederfinden.

Berthold Viertel. — Aus: Nachrichten aus dem Kösel-Verlag, Sonderheft Berthold Viertel. Dezember 1969

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1989
, Seite 92
Autor/inn/en:

Berthold Viertel:

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