FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1973 » No. 235/236
Heinz Gibus

Thron im Vakuum

Zur Lage in Marokko

1 Mordroulette

Anfangs wollten Radikale aus der Partei Ben Barkas Hassan umbringen, worauf sie selbst umgebracht wurden und worauf Oufkir zusammen mit Dlimi Ben Barka umbrachte. Hierauf wollten der General Ababou und seine Freunde Hassan umbringen, während aber der General Medbouh nur die Abdankung Hassans wollte. Hierauf wurde Medbounh auf Befehl Ababous umgebracht, worauf Oufkir Ababou und die anderen Generale umbringen ließ. Da sich in diesem Zusammenhang Ghadafi für das Umbringen Hassans ausgesprochen hatte, plante Oufkir Ghadafi umzubringen, was ihm aber von Hassan verboten wurde. Nun wollten Oufkir und seine Freunde Hassan umbringen, worauf Dlimi Oufkir umbrachte, während dessen Freunde Monate später von einem Exekutionskommando umgebracht wurden. Wird nun Dlimi Hassan umbringen wollen?

Dieses Mordroulette ist geeignet, einen Grundriß marokkanischer Innenpolitik abzugeben, weil deren wichtigste Ereignisse ziemlich regelmäßig Reaktionen auf vorhergegangene Attentate, Aufstände und Putschversuche darstellten. Es wechseln nur die Tatorte und Mordinstrumente in dieser ständig prolongierten politischen Blutoper, der neben den Hauptdarstellern natürlich auch zwangsläufig eine Reihe anderer Personen, seien es Zivilisten, Kadetten oder ausländische Botschafter zum Opfer fallen.

Der erste Coup gegen Hassan, damals noch Thronprinz, war über das Anlegen von Waffenlagern nicht hinausgekommen, wofür die Linksradikalen Ben Hamou und Aznar Mohammed dann zum Tod verurteilt und hingerichtet wurden. Höchstpersönlich erdolchte im zweiten Fall die rechte Hand des Königs, der spätere Verteidigungs- und damalige Innenminister, Mohammed Oufkir, den gekidnappten Chef der sozialistischen „Union Nationale des Forces Populaires“ (UNFP), Ben Barka, in einer Pariser Vorortevilla. Tatort des nächsten Aktes war der Sommerpalast König Hassans in Skhirat, wo mehrere hundert Kadetten der Militärschule von Ahermoumou am 10. Juli 1971 mit MP-Salven in ein prunkvolles Gartenfest zum königlichen Geburtstag einbrachen.

Wer, wie der belgische Botschafter, im ersten Moment in die Brusttasche griff, um sich bei den gefechtsmäßig vorgehenden Kadetten auszuweisen, war des Todes. Davon kamen etliche Kriegsteilnehmer, die die ersten Schüsse nicht als zerplatzte Luftballons mißverstanden und sich rechtzeitig zu Boden geworfen hatten. General Medbouh, jahrelang in der Nähe des Thrones und daher bestens vertraut mit höfischen Festen, hatte die Kadetten angeführt, den anderen Verschwörern aber verschwiegen, daß er entschlossen war, den König zu retten und ihn dann zur Abdankung zu zwingen. Dies ging schief. Hassan entkam. Medbouh wurde von seinen Mitverschwörern liquidiert, die wenige Stunden später, zwar ohne Gerichtsurteil, dafür mit Koransuren auf den Lippen, im Kugelregen eines Exekutionskommandos starben, nachdem Oufkir, zwecks Dementi seiner Mitwisserschaft, königstreue Truppen nach Skhirat gehetzt hatte.

Da der libysche Präsident Ghadafi den Putsch über Radio lautstark unterstützt hatte, schlug Oufkir dem König später vor, das Flugzeug, mit dem sich der libysche Staatschef in Kürze nach Mauretanien begeben wollte, durch F-5-Jäger vom Himmel schießen zu lassen. Hassan verbot dies ausdrücklich. Am 20. August 1972 war er in der Hof-Boeing bei seinem Rückflug von Ferien in Frankreich über Tetouan mit einem aus allen Rohren feuernden F-5-Geschwader konfrontiert. Doch das „baraka“ — die sprichwörtliche, von Allah über einen Menschen verhängte Glückssträhne — blieb Hassan treu. Der König kam davon, wobei er beträchtliche Kaltblütigkeit zeigte. Die Putschisten in den attackierenden Maschinen, junge Luftwaffenoffiziere, wollten die Boeing zur Landung in der Luftwaffenbasis von Kenitra zwingen, wo man Hassan zur Abdankung zwingen wollte.

Als sie dann selbst zum Auftanken dort landen mußten und die schwer beschädigte Boeing in riskantem Flug nach Rabat flüchtete, kam es zu einem blutigen Versteckspiel. Die neuerlich gestarteten Piloten suchten den König am Boden. Der aber entkam ihren Bordgeschützen, im Gegensatz zu vielen Passanten und wartenden Fluggästen. Dlimi, der als Chef der Palastwache in der Boeing gewesen war, exekutierte Stunden später den Autor dieses einfachen und daher genialen Komplotts, seinen in den Palast zitierten Herrn und Meister Oufkir, durch Revolverschüsse in den Rücken.

Solange Hassan sich nicht auf eine konstitutionelle Funktion zurückzieht, kann man fast sicher sein, daß dies mit der Präzision eines Dramas von Shakespeare weitergehen wird. Dlimi als „Premier flic de royaume“ (erster Polizist des Königsreiches) wird nun Träger der Haupthandlung. Derzeit ist er als treuer Diener seinem Herrn Hassan ergeben und wird von diesem gegen die politische Opposition eingesetzt. Dlimi ist dem König auch insofern verpflichtet, als dieser seine Ehe mit einer Hofdame nach Feststellung ihrer bereits konsumierten Virginität annullierte. Aber das alles hat nichts zu besagen. Auch Oufkir hat dem König durch Jahre treu gedient und seine Hände für den marokkanischen Alawitenthron oft genug mit Blut besudelt.

Daß die marokkanische Politik so abläuft, liegt in der Komplexivität der gesellschaftlichen Kräfte, die sich im Verlauf der bewegten Geschichte dieses Landes herausgebildet haben.

Auch in anderen Kulturkreisen ist das Phänomen zu beobachten, daß sich an der äußersten Grenze der ethnischen, religiösen oder ideologischen Wirkungsgebiete geistige Schwerpunkte bilden. Marokko hat innerhalb des Islams den Status eines westlichen Außenpostens. Innerhalb der Umma, der riesigen Gemeinde muslimischer Gläubiger, ist es Ausgangspunkt und Auffangbasis für die vom Islam gegen Europa vorgetragenen und zurückgeschlagenen Angriffe. Marokko hat eine ungemein wechselvolle innere Geschichte mit vielen sich ablösenden Dynastien. Die aus all dem resultierende Beweglichkeit und Potenz haben dieses Land, nach Ägypten, zu dem ausgeprägtest arabischen Staat Afrikas und des Nahen Ostens gemacht. Das französische Protektorat blieb relativ kurz und der französische Einfluß sehr beschränkt, im Gegensatz etwa zu Algerien.

2 Klassengeschichte

Dieses große Reich konnte nicht schlagartig kolonisiert werden. Das französische Protektorat in Marokko hatte eine lange, widerstandsreiche Vorgeschichte. Durch Konkurrenzneid der Großmächte wuchsen sogenannte Marokkokrisen zweimal zu Europa gefährdenden Konflikten. Es dauerte auch nach der Errichtung des Protektorates rund 25 Jahre, bis die letzten Widerstand leistenden Bergstämme niedergeworfen worden waren. Ein Dutzend Jahre später war die französische Herrschaft schon wieder beendet. Der Kolonialismus hatte mit dem ihm eigenen brutalen Elan in Marokko sofort den Aufbau einer Infrastruktur in Angriff genommen. Dies führte augenblicklich zur Zerstörung der alten Stammestraditionen und zur Proletarisierung der Stämme. Weiße Siedler kamen, rissen den Boden an sich und drängten die Einheimischen auf steiniges oder unfruchtbares Land. So begann die Abwanderung in die Städte und eine fortschreitende Pauperisierung.

Die Einführung der kapitalistischen Produktionsweise zerstörte sehr rasch die sozioökonomischen Strukturen: im Schatten der Kolonisatoren wuchsen neue Klassen.

Die Franzosen warfen Produkte auf den Markt, die mit einheimischen Erzeugnissen konkurrierten und zum Ruin der marokkanischen Kleinhändler führten. Die Distribution dieser Waren wurde durch marokkanisches Personal vorgenommen; es wurde zum Kern eines bodenständigen Kleinbürgertums. Jene Marokkaner, die führende Posten in der kolonialen Bürokratie und Verwaltung besetzten, bildeten später das Großbürgertum.

Politisch ergab sich eine enge Kooperation zwischen den Kolonialherren und den Chefs der absolutistisch regierten, mächtigen Stämme. Zur Wahrung ihrer Privilegien waren fast alle zur Kollaboration bereit. Nach dem alten Prinzip des Teilens und Herrschens wurden diese Stämme gegeneinander ausgespielt. Höhepunkt dieser Politik war 1930 das sogenannte Berber-Dahir, ein Dekret, welches Marokko politisch wie kulturell in zwei Länder teilen sollte.

Die Unersättlichkeit des französischen Kolonialkapitalismus führte bald zum Interessenkonflikt mit der allmählich erstärkenden einheimischen Bourgeoisie, deren Elite an spanischen oder französischen Universitäten ausgebildet worden war. Da die Kolonisatoren zu keinem Kompromiß bereit waren, schuf sich die Bourgeoisie ab 1934 politische Organisationen. Das „Comité d’Action Marocaine“ (CAM) wurde zur Keimzelle einer Reihe von Parteien, im wesentlichen Organisationen der Groß- oder Kleinbourgeoisie.

Unter ihnen wurde die von Allal al-Fassi geführte „Parti Istiqlal“ (PI) die bedeutendste. Zunächst vorsichtig, dann immer entschiedener forderte die Istiqlal die Unabhängigkeit. Ihre Forderung erhielt durch die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges und den Einsatz marokkanischer Schützen auf europäischen Kriegsschauplätzen verstärktes Gewicht.

Da sich Sultan Mohamed V. mit dieser Forderung identifiziert hatte, beschloß Frankreich 1953, der Unabhängigkeitsbewegung durch Deportation des Sultans nach Madagaskar den Boden zu entziehen. Das Gegenteil trat ein. Ein Sturm erfaßte das Land. Alle Klassen solidarisierten sich mit der Unabhängigkeitsbewegung, deren Symbol der verbannte Sultan wurde. Die Istiqlal wurde unversehens zur Massenpartei.

Das marokkanische Proletariat ging mit dem Bürgertum eine taktische Allianz ein. Unabhängigkeit bedeutete die Gewinnung aller Rechte, deren es durch den Kolonisator und die eigene Bourgeoisie beraubt worden war. Die Bourgeoisie hingegen verstand unter Unabhängigkeit ihr eigenes Erbfolgerecht im Hinblick auf die abtretende Kolonialmacht. Sie wollte deren Positionen einnehmen und keines der so übernommenen Rechte und Privilegien an das Volk weitergeben.

Am folgenden Unabhängigkeitskampf beteiligte sich das marokkanische Proletariat mit einer effektiven Stadt- und Landguerilla. Sie verlief nicht so blutig wie in Algerien, weil die Kolonialmacht weniger Kräfte einsetzen konnte. Sie kämpfte in Algerien, Marokko, Tunesien; die französische Kolonialfront stand in Nordafrika auf fast 2000 Kilometern in Flammen.

Paris war klar, daß die Befreiungsfronten in allen drei Ländern nicht gleichzeitig niedergeschlagen werden konnten. So beschloß man, für die Erhaltung des französischsten dieser drei Länder, Algerien, die beiden anderen zu opfern. Der Sultan und die Istiqlal versprachen, als Gegenleistung für die Unabhängigkeit Marokkos sofort den revolutionären Prozeß zu stoppen, der überall im Land eingesetzt hatte und auf eine Machtübernahme durch die Massen abzielte.

Schulter an Schulter wiegelten Sultan und Istiqlal nun ab. Sie entwaffneten die Volksarmee, was ihnen um so leichter fiel, als in Marokko eine revolutionäre Avantgarde fehlte. Die KP des Landes — heute ‚„‚Parti de Libération et Socialisme“ (PLS) — mit ihrer Untergrundorganisation „Al Hilal al Aswad“ (Schwarzer Halbmond) bestand aus wenigen kleinbürgerlichen Intellektuellen. Die „Libération“ wurde in Marokko nicht zur Revolution, weil sie wie in vielen anderen afrikanischen Ländern vorerst im Bürgertum steckenblieb.

Der lokale Feudalismus und das mit ihm in der Annullierung der beginnenden Revolution verbundene Bürgertum brachen keineswegs mit den Kolonialherren. Die Istiqlal verstand Freiheit als außenpolitische Bewegungsfreiheit. Innenpolitisch war sie streng religiös und konservativ. Der Sultan brauchte diese Partei nicht zu fürchten. Beider Interessen waren identisch. Großbürgertum und Monarchie arbeiteten vorzüglich zusammen.

Einige Unannehmlichkeiten gab es auf dem landwirtschaftlichen Sektor. Der französische Grundbesitz in Marokko stach allzu schmerzhaft in die Augen des Volkes. Er mußte ein wenig reduziert werden, zumal zugunsten des staatserhaltenden Großbürgertums, das vom Landbesitz lebte. Man nahm einige spektakuläre Korrekturen am Agrarsektor vor. Ungeschoren blieb, worauf es wirklich ankam: Bodenschätze und Industrie. Sie blieben in französischen Händen und/oder waren vom europäischen Kapital abhängig. Das marokkanische Großbürgertum war traditionsgemäß an der Industrie wenig interessiert.

Das Bündnis zwischen Thron und Istiqlal war dennoch bald den ersten Belastungsproben ausgesetzt. Die Feudalen verstanden unter Unabhängigkeit die Rückkehr zu ihren Rechten vor 1912. Das konnte nicht einmal die Istiqlal hinnehmen. Es brachen jene Widersprüche auf, die vorher durch den gemeinsamen Kampf um Unabhängigkeit überdeckt worden waren. In der Istiqlal wuchs der Widerstand gegen den Thron; Ben Barka forderte als erster die Abschaffung der Monarchie. Folglich suchte der König neue Verbündete. Er fand sie in den Führern des regionalen Stammesfeudalismus. Sie hatten mit den Franzosen kollaboriert, zum Teil auch die Verbannung des Sultans begrüßt. Nun boten sie sich dem Sultan an. Er verwendete sie als Haudegen gegen das erstarkende Bürgertum, gegen die „Fassis“. Die sich auf Feinde von gestern stützende Monarchie schuf durch das Berber-Dekret künstliche Regionalismen, die sie dann gegen die „Fassis“ antreten ließ.

Die zweite mächtige Stütze des Thrones wurden die Religionsaristokratie und die Führer der zahllosen islamischen Sekten und Brüderschaften.

Außerdem gingen die Feudalen daran, dem Bürgertum die profitable Kooperation mit dem Auslandskapital zu entreißen.

Hinter der derzeitigen Friedhofsstille in Marokko gibt es also ein verzweigtes Netz von Interessenswidersprüchen: Bürgertum plus Thron gegen Massen, Thron gegen Massen, Bürgertum gegen Thron, Großbürgertum gegen Massen, Kleinbürgertum gegen Massen. Neue, noch nicht sichtbare Entwicklungen reifen heran.

3 Feudalismus

Wie das Ancien Régime in Europa von Gott, so leitet die Alawitendynastie in Marokko das Recht zur Herrschaft von Allah ab. Da der Islam den Laizismus, europäische Trennung zwischen Staat und Kirche, nicht kennt, sind im arabischen Bereich politische Herrscher oft auch gleichzeitig die religiösen Chefs des Landes. In Marokko versteht sich Hassan als Scherif, als direkter Abkomme Mohammeds, und als Oberstkommandierender der Gläubigen. Dieser arabische Cäsaropapismus ist so stark ausgeprägt, daß sogar Hassans körperliche Unantastbarkeit verfassungsmäßig verankert ist. Auch ist in der Verfassung garantiert, daß der König außerhalb des Rechtes steht.

Die Ideologie des Alawitenthrones stützt sich auf zwei mächtige Instrumente: auf relativ entwickelte Massenmedien zur Beeinflussung der Bevölkerung und auf den Feudalismus der Stämme und der religiösen Sekten auf dem Lande.

Die Sekten behaupten ihre Existenzberechtigung aus dem Anspruch, den Koran besser zu interpretieren als andere. Sie sind in Marokko sehr verbreitet und bilden auf dem Land die eigentliche Basis der Propagierung des royalistischen Gedankens. Ihren Anhängern und der Bevölkerung predigen sie Zufriedenheit mit dem Schicksal hienieden. Elend wird im Jenseits reich entlohnt werden. Kismetdenken und Unterwerfung in den göttlichen Willen führen immer direkt zur Unterwerfung unter den Willen seines Stellvertreters auf Erden. Die Zahl der Moscheen in Marokko wurde in den letzten 14 Jahren verdoppelt.

Die Monarchie wird auf dem Land durch die Stammesfürsten, die Scheichs und Caids, abgesichert, die zusammen mit den Sekten bei Wahlen wetteifern, um „Sa Majesté“ hundert Prozent der Stimmen der von ihnen beherrschten Gebiete zu Füßen zu legen.

Hassan hat diese Stütze familiär abgesichert, indem er ein Mädchen aus dem mächtigen Stamm der Imahzane geheiratet hat. Dem Berberfeudalismus überläßt er laufend ungezählte Schlüsselstellungen in Polizei, Militär, Diplomatie und Verwaltung.

Gegenüber der Bevölkerung in den Städten sind andere Mittel notwendig. Der von den Franzosen hinterlassene Propagandaapparat ist fest in den Händen des Hofes und dient der Verbreitung des royalistischen Gedankens in den Städten. Dies geschieht nicht unterschwellig oder elegant, sondern in der denkbar plumpsten Form der Hofberichterstattung. Bei relativ zahlreichen Anlässen — Geburtstagen, Geburten und Jahrestagen der Inthronisation — werden für das Volk Ablenkungsfeste veranstaltet, bei welchen der Hof sich einer unglaublichen Prunkentfaltung fähig zeigt.

Nicht zu unterschätzendes Mittel, um angestaute Aggressionen gefahrlos zu kanalisieren, ist in Marokko der Fußballkult, in seiner Abfuhrfunktion durchaus vergleichbar dem Stierkampf in Spanien oder dem Karneval in Rio.

Der Adel lebt total abgesondert vom Volk in unvorstellbarem Luxus. Neue erfolgversprechende Projekte wie etwa der Tourismus werden zur Thronabsicherung nach dem System der Pfründe vergeben. Der Schwager Hassans, Ahmed Osman, ist Regierungschef, unvorstellbare Korruptionsaffären und Skandale kommen nie ans Tageslicht.

4 Kräfte der Veränderung

Die gesellschaftliche Isolierung einer jeden absolut regierenden Monarchie im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts ist total. Dies führt dazu, daß sie sich eine als Thronstütze konzipierte, schlagkräftige Armee aufbaut, ausgerüstet mit modernen Waffen. Die Ausbildung der mittleren Offizierskader an diesen Waffen schärft deren Blick für das Technisch-Rationale. Der Blick fällt über den Kasernenhof hinaus, dringt zu einer Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse vor und hält schließlich inne bei der Notwendigkeit der Abschaffung der Monarchie. Dies ist für den arabischen Raum nichts Neues. Modernisierungen der Armee hatten hier oft schon politische Neuerungen zur Folge.

Weiters tritt ein Phänomen auf, das auch in Südamerika zu beobachten ist. Der Wille, gegen die herrschende Ordnung zu kämpfen, erweist sich vielfach als Virus, der im Verhör und in Torturen vom kommunistischen Gewerkschafter und vom radikalen Studenten auf den folternden Polizisten oder Soldaten überspringt; Oufkir etwa war zu lange auf die Opposition angesetzt, um gegen eine solche Infektion gefeit zu sein.

Die in der Armee versammelte Elite der nationalen Bourgeoisie greift in den arabischen Ländern zur Macht und zerschlägt die vom Kolonialherren hinterlassenen feudalen Strukturen. Dies war im Irak der Fall, in Ägypten und in Libyen. Vor allem dieses letzte Beispiel hat auf die marokkanischen Offiziere große Anziehungskraft und auch auf die arabischen Massen. Drei Monate nach dem Putsch in Libyen wurde in Marokko eine „Organisation der freien Offiziere“ aufgedeckt und fünfzig ihrer Mitglieder heimlich erschossen. Verdächtige Kader werden weiter aus Schlüsselstellungen entfernt, mit rein administrativen Aufgaben betraut oder in die Sahara geschickt. Dennoch putschte die Armee 1971 und 1972.

Dieser zweifache Versuch der Armee, den in anderen arabischen Ländern schon vollzogenen Machtwechsel herbeizuführen, schlug in Marokko auf tragische Weise fehl. Die junge technische Elite der Armee wurde den Exekutionskommandos überantwortet. Die Armee wurde atomisiert und entwaffnet, so daß sie für längere Zeit als Faktor der Veränderung ausfallen dürfte. Sie hatte in ihren beiden Streichen gegen die Dynastie elitär gehandelt und keinerlei Absicherung in den Massen gesucht.

Nach der Unabhängigkeit kam es in der Istiqlal zur Spaltung. Unter Ben Barka fiel 1959 der gesamte linke, das Kleinbürgertum repräsentierende Flügel von der Istiqlal ab und bildete als UNFP eine eigene Partei. Während die Istiqlal weiterhin dem Thron die technischen Kader zur Verfügung stellte, trat Ben Barka von allem Anfang an gegen die Monarchie auf, wobei er es verstand, die Partei in den Massen zu verankern.

Jedoch war auch die UNFP nicht von Widersprüchen frei und spaltete sich bald in zwei Flügel. Einer Gruppe von professionellen Politikern, die von dem kompromißbereiten Rechtsanwalt Abderahman Bouabid geführt wird, steht ein blanquistischer Flügel gegenüber, der vor allem in der Gewerkschaft „Union Marocaine des Travailleurs“ (UMT) seine Verankerung hat und von Ben Seddik geführt wird. Man spricht auch von einem Rabat- oder Casablanca-Flügel der Partei, wobei sehr viele Mitglieder der letzteren Gruppierung sich im Exil befinden und von dort auch via Radio Tripolis gegen die Monarchie kämpfen.

Hassan hatte kurz nach seiner Thronbesteigung 1961 klar erkannt, daß die UNFP sein Hauptfeind war. Er führte mit einem gewaltigen Polizei- und Repressionsapparat einen planmäßigen Feldzug, um diese Partei zu vernichten. Die Niederschlagung des Aufstandes von 1965, die Ermordung Ben Barkas und die Ausrufung des Ausnahmezustandes lassen keinen Zweifel, daß die Monarchie die erste Runde gewonnen hat, wenn sie sich auch gleichzeitig noch weiter der Istiqlal entfremdet.

Die konstitutionellen Eiertänze Hassans, in welchen er die Monarchie stärken und sie gleichzeitig den Erfordernissen der modernen Zeit anpassen wollte, trugen zur politischen Abstinenz der Istiqlal bei, so daß Hassan sich bald Marionettenparteien schaffen mußte. Das ‚‚Mouvement Populaire“ (MP) unter Aherdane Quazzani und die „Parti Democratique et Constitutionnel“ (PDC), die sich für die Wahlfarce von 1962 zur „Front Democratique des Institutions Constitutionnelles“ (FDIC) verbanden, verfügen jedoch über keinerlei Basis im Volk.

Die im Juli 1971 nach dem Sturm auf den Palast vorgenommenen Reformen blieben im Rahmen minimalster Zugeständnisse. Die neue marokkanische Verfassung vom 1. März 1972 wurde von der Istiqlal und der UNFP gemeinsam bekämpft, unter dem Namen der neuen Sammelbewegung „Al Koutlah al Watania“ (Nationaler Block).

Die gemeinsame Opposition zum Thron war für Istiqlal und UNFP nur zeitweise stärker als die trennende und von letzterer verneinte Hauptfrage nach dem Privateigentum an Produktionsmitteln. Einige Konzessionen Hassans an die Istiqlal genügten, um diese schwankend zu machen und das antiroyalistische Bündnis zerfallen zu lassen. Die Istiqlal wird von Hassan derzeit vor allem außenpolitisch zufriedengestellt: Entsendung eines Truppenkontingentes an die israelisch-syrische Grenze; Ausscheren aus dem bisher eindeutigen Westkurs und Rückkehr zur neutralistischen Politik Mohammeds V., Betonung der ‚„Marocanité“ der Spanischen Sahara; Konfrontation im Fischereikrieg mit dem verhaßten Spanien. Die Istiqlal rückte mit Anfang 1973 wieder nach rechts und in Thronnähe. Wahrscheinlich einigte sich Hassan bereits mit der Istiqlal auf eine Regierung, die das derzeitige Hofschranzenkabinett seines Schwagers ablösen soll.

Neue Produktionsweisen erfordern neue gesellschaftliche Formen: Solange etwa Libyen nichts war als eine von Beduinen bewohnte Wüstenei, konnte König Idris unangefochten regieren. Mit dem Öl aber kam Oberst Ghadafi und stieß den alten Senoussi unsanft vom Thron. Die Monarchie konnte nicht ihr eigener Kapitalismus sein, und auch nicht dessen Funktion übernehmen. Traditionell dem Grundbesitz verhaftet und unfähig, auf kalkulierbaren Mehrwert hin zu investieren, überläßt sie die Industrialisierung dem Auslandskapital und gerät so in immer stärkeren Gegensatz zur nationalen Bourgeoisie, die dann ihren Sturz einleitet.

Der Schah von Persien hat mit der aufwendigen Aufrüstung und Aufstockung seiner Armee — allein für 1973 wurden im Westen für zwei Milliarden Dollar Waffen bestellt — seine eigene Abschaffung bestens vorbereitet. Der Feudalismus auf der arabischen Halbinsel ist durch die dortigen Ölvorkommen so reich, daß er sich eine Art Spendiersozialismus leisten und die Bevölkerung in Form von Wohlfahrtsalmosen bei der Stange halten kann. König Hussein kann sich vor allem durch seine Kompromißbereitschaft gegenüber Israel und seine Verankerung in den Stämmen halten. Die Monarchie in Äthiopien scheint durch eine uralte Dynastie, durch den sie stützenden, vier Millionen zählenden Stamm der Amharen sowie durch das panafrikanische Vatersymbol Haile Selassie abgesichert zu sein. Auch hier ist die Armee unverhältnismäßig stark und modern ausgerüstet, könnte daher die nach dem Tod Selassies zu erwartenden Diadochenkämpfe zwischen Prinz Paul, Prinz Zare Yorub und Admiral Desta nutzen. Da in Marokko die Armee als mißverstandener Stützpfeiler des Thrones nun kastriert wurde, und sich, wie Zwischenfälle mit bewaffneten Bauern zeigen, das Landproletariat aus feudaler und religiöser Bevormundung zu lösen beginnt, steht die Monarchie in einem Vakuum.

Literatur

  • Arnold Höttinger: Die arabischen Staaten Nordafrikas, Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1972.
  • Albert Ayache: Marokko, Bilanz eines Kolonialunternehmens, Dietz-Verlag, Berlin 1959.
  • Eckart Kroneberg: Zum Beispiel Marokko, Piper-Verlag, München 1970.
  • Kamal-Eddine Mourad: Le Maroc à la recherche d’une révolution, Idées interdites/Sindbad, Paris 1972.
  • Habib Abouricha: The Organisation and Evolution of Modern Marocco, Dhar el Khitab, Casablanca 1972.
  • Heinz Gstrein: Fortschritt ohne Klassenkampf — Arabischer Sozialismus, Laetare/lmba, Freiburg 1973.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1973
, Seite 36
Autor/inn/en:

Heinz Gibus: H. G. ist Weißer, aber Dauerreisender in Afrika, speziell in dessen Ostteil‚ wo er zum Teil in sehr engen Kontakten mit der schwarzen Bevölkerung lebte.

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