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Jürg Jegge

Theaterbummel im Juni ’25

Jürg Jegge pendelt immer zwischen einem Schweizer Wohnsitz und seinen zwei halben Wahlheimaten in Mönchhof und Wien, wo er mit schöner Regelmäßigkeit seiner Theaterliebe erliegt, an der er uns fast ebenso regelmäßig teilhaben lässt: Viele Danke!

Was das Theater betrifft, ist der Juni in Wien ein spannender Monat. Die etablierten Bühnen spielen alle noch, sommerliche Freilichtaufführungen nehmen Fahrt auf; dazu kommen noch die Festwochen mit Eigenproduktionen und Gastspielen. Das ermöglicht eine gewaltige, reizvolle Vielfalt. Wer am Samstag ins Theater geht, kann aus etwa vierzig Vorstellungen auswählen. Sofern noch Karten vorhanden sind. Die Bandbreite reicht da von der Staatsoper bis…

Nestroy: Lady und Schneider (Utopia Theater im Gemeindebau)

Kein einfaches Stück, das sich die Utopisten diesmal ausgesucht haben. Eigentlich geht es um eine komplizierte, aber mäßig interessante adlige Erbschaftsintrige, durch die eine Heirat zwischen einem jungen Vonundzu und einer vermögenden Unternehmerin verhindert werden soll – und die grandios missglückt.

Mit von der Partie sind die Betreiber einer Schneiderwerkstatt, der alte Restl und dessen zukünftiger Schwiegersohn Hyginus Heugeign, die eigentliche Nestroy-Rolle. Dieser Heugeign glaubt sich zu Höherem als zur gewöhnlichen Schneiderei berufen, zunächst als Couturier, dann gar als Politiker. Er fällt aber mit seinen Unternehmungen ebenfalls gründlich auf die Nase, kehrt reumütig in die Schneiderwerkstatt zurück und heiratet seinen eh schon vorhandenen Schatz, das Linerl, die Tochter des alten Restl.

An diesem Heugeign hat sich Nestroy abgearbeitet und das Portrait eines Emporkömmlings gezeichnet, der durch Glück die Karriereleiter hinaufgeblasen wird und dabei selber glaubt, dass sein Aufstieg allein seiner Vortrefflichkeit zu verdanken ist. Und genau das macht das Stück interessant. Oder, wie auf dem Programmzettel bemerkt wird, es gehe um „… den Prototypen eines Politikers, den es scheinbar schon immer gab und immer geben wird: den halbgebildeten, wortgewandten, demagogisch begabten und narzisstischen Opportunisten, der als selbsternannter Vertreter des ,kleinen Mannesʻ um jeden Preis an die Macht will.“ Und da haben wir ja auch in der heutigen Zeit hervorragende Beispiele. Das wird auch hier deutlich herausgespielt.

So gesehen, ist das Stück hochaktuell, mit dem das Utopia Theater bei freiem Eintritt durch die Höfe der Gemeindebauten tourt. Peter Hocheggers Inszenierung ist temporeich, sehr genau gearbeitet, und gespielt wird von dem siebenköpfigen Ensemble (Christopher Korkisch, Bernhardt Jammernegg, Tina Haller, Natalie Obernigg, Thomas Bauer, Barbara Endinger, Andreas Paul Seidl) mit spürbarer Verve. Was gar nicht so einfach ist, wenn während der Vorstellung im Publikum ein munteres Kommen und Gehen herrscht und von außen allerlei mögliche und unmögliche Geräusche in den Hof dringen. Aber auch das gehört zum Charme dieser Unternehmung.

Indigo und die 23 Räuber*innen. Eine Operette „im Open-Air-Format"

Im Rahmen des Johann-Strauss-Festivals.

23? Waren das nicht 40? Und Räuber, keine *innen? Es handelt sich hier um die erste Operette von Johann Strauss, eine ziemlich dümmliche Geschichte um ein Wiener Liebespaar, das vom selbstverliebten König Indigo auf einer Insel gefangen gehalten wird, diesem schließlich dank einer List entfleucht und zurück nach Wien segeln kann. Der Eseltreiber Ali Baba segelt mit. Die List besteht darin, dass die Haremsdamen sich als Räuber verkleiden und damit die Soldaten des Königs in die Flucht treiben, daher der Genderstern. Und die 23 – das ist eine Anspielung auf die 23 Wiener Bezirke, durch die hier getourt wird, am 1. im 1., am 2. im 2. …und so fort.

Aber sitzt man dann glücklich auf einem der unbequemen Sesseln, ist es nur noch die reinste Freude: Eine sorgfältige, liebevolle Inszenierung, ein hübsches und zugleich umzugfreundliches Bühnenbild, witzige Kostümierung (die Inselanten natürlich in Indigo, das Wiener Paar in Mannerschnittenrosa), junge Sänger*innen, die sich die Seele aus dem Leib singen und mimen, das Wiener Kammerorchester in Kleinformation, ein blutjunger Dirigent, das das alles zusammenhält. Und Strauss’ Musik wird höchst uneitel und dabei ausgezeichnet exekutiert.

Zwischenspiel: Das Kartenbüro.

Die Frau Gertrude war die Inhaberin und alleinige Betreiberin eines kleinen Kartenbüros in der Alserstrasse. Sie verfügte über hervorragende Kontakte und konnte noch Karten verschaffen, wenn andere, weit grössere Firmen schon klein beigegeben hatten. Zu Zeiten, als ich noch für das Printforvm Theaterkritiken schrieb, hörte ich unzählige Male am Telefon: „Ja, ich habe noch eine Karte für die Vorstellung am Sonntag bekommen. Sie liegt an der Abendkassa. Bezahlen können Sie ja dann am Montag bei mir im Büro.“ Und ich ging auf Pump ins Theater.

Als sie ihr Geschäft aufgab und in Pension ging, sagte sie zu mir: „Ich verkaufe meinen Kundenstamm an ein renommiertes, grosses Kartenbüro. Da sind auch Sie mitverkauft. Würden Sie mir bitte noch ihre Adresse angeben, damit ich das ordentlich ausfüllen kann?“ Sie hatte mir jahrelang Kredit gegeben ohne die leiseste Sicherheit. O du Insel der Seligen!

Das renommierte, grosse Kartenbüro verfügte über beeindruckende Räumlichkeiten in der Lerchenfelder Strasse. Auch hier wurde ich zu meiner vollsten Zufriedenheit bedient, wenngleich natürlich nichts mehr war mit Theater auf Pump. Das war auch nicht mehr notwendig, den Pump übernahm jetzt Visa. Als ich in der Lerchenfelder Straße bestellte Karten abholte, fragte ich die freundliche Dame, ob sie eine Kaffeekasse für allfällig anfallenden Obolus hätten. Die Antwort: „Nein, eine Kaffeekasse haben wir nicht, aber wir haben eine Champagnerkassa.“

Für die Vorstellung von „Burgtheater“ suchte ich neulich eine Karte. Bei den Bundestheatern (Kreditkartenabteilung) erklärte man mir, ich müsse eine solche bei den Festwochen bestellen. Dort bedauerte man, die Vorstellung sei längstens ausverkauft, die Warteliste lang. Also rief ich das Kartenbüro an. Dort wurde mir erklärt: „Im Augenblick haben wir keine Karte. Aber wir rufen Sie zurück, wenn wir etwas haben.“ Tatsächlich bekam ich wenige Stunden später einen Anruf und eine Karte. Abzuholen in der Verkaufsstelle Opernring 1. Eine noble Adresse. Nach einigen Irrläufen im Riesengebäude erwischte ich schliesslich den Portier, und der konnte mir Lift, Stockwerk und Türnummer ansagen.

„Burgtheater“ im Burgtheater

Koproduktion mit den Wiener Festwochen.

Ins Burgtheater – da gehört Jelineks viergelobtes und vielgeschmähtes Stück auch hin. Unbedingt. Jetzt endlich, nach vierzig Jahren. Und die Burgschauspielerin Mavie Hörbiger spielt Paul Hörbiger, ihren eigenen Grossvater. Mehr Nähe geht nicht. Es geht tatsächlich um die Schauspielerfamilie Hörbiger und deren Kollaboration im Dritten Reich. Aber darüber hinaus um viele Künstler, die sich damals anpassten, mit- und sich damit „schuldig“ machten. Und darüber hinaus um die, welche auch heute ihr Fähnlein nach dem Wind richten. Das ist wichtig in einer Zeit, da vieles, was als „rechts“ galt, in die „Mitte“ gerutscht ist.

Genau um diese Erweiterungen geht es in der Inszenierung des Festwochen-Intendanten Milo Rau gemeinsam mit dem Ensemble. Von Jelineks Text ist gerade ein Drittel übriggeblieben, beklagten oder lobten Auskennende. Dazu berichten Mitglieder, wie es ihnen mit dem Stück so ging. Mavie Hörbiger sinniert über ihren Grossvater. Sie sei, erklärt die Schauspielerin Anna Mària Làng, vor Victor Orbans Unkultur nach Österreich geflüchtet – und jetzt spiele sie hier fast ausschliesslich ungarische Dienstmädchen. Und Caroline Peters (sie spielt Attila Hörbiger) berichtet, sie habe als Kind mit ihrem Vater vor vierzig Jahren in Bonn die Uraufführung des Jelinek-Stückes gesehen. Neue Spielszenen entstehen. Paula Wessely (Birgit Minichmayr) spricht den langen, peinlichen Monolog aus dem Nazifilm „Heimkehr“, später eine Szene, wieder Wessely, aus dem Nachkriegs- und Wiedergutmachungsfilm „Der Engel mit der Posaune“. Selbst das in ganz Österreich bekannt gewordene Burschenschaftslied mit der Zeile „Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million“ singt man.

Gespielt wird grossartig, und das nicht nur von den drei Hauptprotagonistinnen in den Hörbiger-Rollen. Es entsteht so ein höchst beeindruckender, nachdenklich machender und bei aller Aufklärung doch kurzweiliger Theaterabend. Einen Einwand habe ich allerdings. Mir scheint, man tut hier manchmal zuviel des Guten wie zuviel des Schlechten. Da wird herumgezappelt, was das Zeug hält. Das ist oft lustig, aber es nützt sich ab. Und handkehrum sind die Folter- und die Tötungsszene für meine Begriffe zu ausführlich geraten. Man fährt schon aus reinem Selbstschutz seelische Scheuklappen aus. Erinnert sich noch wer an die Uraufführung von Taboris „Mein Kampf“ im Akademietheater? Da trauerte die Zuschauergemeinde kollektiv um ein Huhn. Und allen war klar, dass dieses getötete Huhn für die Grausamkeit der Naziregierung stand.

Noch einmal Burgtheater: Wie es euch gefällt.

Shakespeare ließ seinerzeit die Frauenrollen von jungen Männern spielen. Das sorgte für ein gleichgeschlechtliches Dauerknistern im Ardenner Wald. In dieser Inszenierung ist man einen andern Weg gegangen: Man besetzte einige Männerrollen mit Frauen. Der alte Zyniker Jacques, mit dem entthronten Herzog in die Verbannung geflüchtet, wird zur Frau Jacques, Oliver, der böse Bruder Orlandos, wird zu Olivia und auch den Narren Touchstone, mit den beiden Cousinen Rosalinde und Celia ebenfalls in der Verbannung, spielt eine Frau. Dafür schlüpft der Ringer Charles noch in die Rolle des Bauernmädchens, das sich mit dem Narren herumtreibt.

Foto: Matthias Horn

Kann man alles machen. Nur geht dabei etwas für dieses Stück ganz Wesentliches verloren. Dieser Orlando, der Herzogstochter Rosalinde verfallen, verliebt sich ja zusätzlich in den Knaben Ganymed, ohne zu wissen, dass der niemand anderes als Rosalinde in Verkleidung ist. Genau dieses Spiel zwischen gleich- und gegengeschlechtlicher Liebe und der damit verbundene seelische Zwiespalt macht eigentlich den Reiz dieses Stückes aus. Und der geht bei all dem queeren Allotria einfach unter. Sehr schön gelungen ist denn auch die Sequenz mit dem jungen Schäfer Silvio und der Schäferin Phoebe, die sich zu seinem Leidwesen ebenfalls in den vermeintlichen Knaben Ganymed verschaut hat und schliesslich reumütig zu ihrem Silvio zurückkehrt. Das ist hübsch geradlinig erzählt.

Ein grosses Plus dieser Inszenierung ist der junge Musiker Oskar Haag als Lord Amiens, einerseits mit seiner Musik, andererseits aber auch als Figur. Wie diese Figur in subtiler Aufdringlichkeit inszeniert und dargestellt wird, ist Queerness vom Feinsten. Und großartig passende Musik.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2025
Autor/inn/en:

Jürg Jegge:

Geboren 1943 in Zürich, war Lehrer, Fernseh­moderator, Radio­mitarbeiter, ist Buchautor und Liedermacher. Von 1985 bis 2011 leitete er den „Märtplatz“ in Rorbas, eine berufliche Ein­gliederungs­stätte für junge Menschen mit „Start­schwierigkeiten“; schrieb im FORVM ab 1982 zahlreiche Beiträge, darunter die theaterfreundliche Serie „Pawlatschenreport“. Wird alles (hoffentlich:) bald hier wiederveröffentlicht werden.

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