FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1968 » Heft 173
Thomas Rothschild
Glossen zur Zeit

Studenten in Prag

Ein Erlebnis-Bericht

Seit jenem nun schon historischen 2. Juni 1967 [1] ist kaum eine Woche vergangen, in der die Hamburger „ZEIT“ nicht von der Revolte der deutschen Studenten berichtet hätte. In den letzten Wochen verdrängen mehr und mehr die Warschauer und Prager Kollegen die Dutschkes und Teufels von den Seiten der diversen Wochen- und Monats-Blätter. Das revolutionäre Feuer, das noch vor wenigen Jahren fast nur die Studenten Frankreichs und der lateinamerikanischen Staaten legten, hat sich über die Welt verbreitet. (Lediglich um Österreich hat es einen ehrfürchtigen Bogen gemacht).

Freilich darf man nicht übersehen, daß ähnliche Formen nicht unbedingt auf gleiche Inhalte schließen lassen. Die Studenten von Prag und Warschau verbindet mit ihren deutschen Kommilitonen nicht viel mehr als der Haß gegen eine durch die Polizei repräsentierte brutale autoritäre Macht, deren Anonymität es vorerst zu beseitigen gilt. Erstaunlich ist allerdings hier wie dort das Tempo der Entwicklung, die Dynamik, die innerhalb kürzester Zeit von einer relativ kleinen Gruppe ausgeht. Noch vor eineinhalb Jahren ruhten die tschechoslowakischen Studenten in einem tiefen Dornröschenschlaf und den wenigen Prinzen, die sich bemühten, gelang es nicht, die dichte Dornenhecke, die in der kalten Zeit des Stalinismus gewachsen war, zu durchbrechen. Als der Schreiber dieser Zeilen — damals Stipendiat in Prag — im Anschluß an eine Diskussion die Frage stellte, ob die zu einem Reisebüro degenerierte staatliche Jugendorganisation CSM die Aufgaben einer Studentenbewegung noch erfüllen könne und die informelle Gruppe als Alternative vorschlug, war die Antwort skeptisch. Heute gibt es nicht nur solche Gruppen (etwa für Futurologie oder für Kosmopolitismus), sondern es gibt auch eine breiter werdende Schicht von Studenten, für die gilt, was ich in der erwähnten Diskussion als Funktion der Studenten, die den Vorzug der jugendlichen Unbelastetheit mit dem der gründlichen Bildung in sich vereinigen, bezeichnete: daß sie das Gewissen des Volkes seien; daß sie kontrollieren, wo Fehler gemacht werden, daß sie frische Luft herein lassen, wo es stinkt, daß sie Bewegung hineinbringen, wo sich Rost festzusetzen beginnt.

Den Beginn der Prager Studentenrevolte sehen viele in den Strahover Ereignissen. Als damals — völlig unpolitisch — für elektrischen Strom und Heizung im Studentenheim demonstriert wurde, war es „‚Kopfarbeit“, die in der Folge zu politischem Engagement trieb: die Arbeit der Polizeiknüppel auf den Köpfen der arglosen Jugendlichen. Ansätze zu einer Politisierung findet man jedoch schon viel früher. Daß es bei Ansätzen blieb, ist der Engstirnigkeit der Funktionäre zu verdanken. 1962 noch demonstrierten Studenten spontan gegen die amerikanische Kuba-Politik und erhielten einen Verweis, weil sie diese Aktion ohne Direktiven des ČSM unternommen hatten. Zwei Jahre später gelang es, eine breite Unterschriftenaktion für den abgesetzten Unterrichtsminister Cestmír Císař durchzuführen, an der sich Studenten und Hochschullehrer beteiligten, ihre völlige Wirkungslosigkeit wirkte jedoch äußerst deprimierend. Damals bekamen die tschechischen Studenten einen Vorgeschmack jener „Demokratie“, in der man reden darf, ohne ändern zu können, und die in ihrem wahren Charakter zu zeigen das Bestreben der deutschen Studenten ist.

Císař hatte einige Reformen durchgeführt, die ihm bei den Hochschülern Sympathien und auch Vertrauen einbrachten, wovon ein offener Brief zeugt, den die Studenten der Philosophischen Fakultät während seiner Amtszeit an ihn richteten. Darin heißt es unter anderem:

... Die Verunstaltung der Grundlagen des Kommunismus in Theorie und Praxis durch Stalin und seine Nachfolger brachte eine grundlegende Verlangsamung des historischen Prozesses des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus und betraf besonders die sozialistischen Länder; sie ermöglichte der bürgerlichen Reaktion, die Massen vorübergehend zu desorientieren, antisowjetische und chauvinistische Stimmungen zu verbreiten u.ä. Wie verderblich der Dogmatismus für die ganze revolutionäre Bewegung ist, zeigte sich im Jahre 1956 in Ungarn und zeigt sich jetzt in der pervertierten Theorie und Praxis der chinesischen Dogmatiker, die aus dem Marxismus-Leninismus seinen humanistischen und demokratischen Inhalt beseitigen wollen ...

... Im Verlauf einiger Jahre wurden zirka sechs Versionen herausgegeben, mit denen die politischen Prozesse erklärt wurden. Jede von ihnen wurde als definitiv angeführt, nach einiger Zeit löste sie jedoch eine andere ab, je nach der augenblicklichen Situation. (Es scheint, daß bald die siebte Version herauskommt.) Besonders aufreizend ist, daß mit den politisch für die Prozesse Verantwortlichen sehr rücksichtsvoll umgegangen wurde. Leute, die die volle Verantwortung für brutale Morde tragen, wie Bacílek, Köhler oder Siroký, wurden noch nach dem XII. Parteitag auf alle möglichen Weisen entschuldigt und gerechtfertigt und sogar im ZK der Partei gelassen. Wir meinen, daß die Teilnahme an Verbrechen nicht vereinbar ist mit der Mitgliedschaft in der Partei ...

Mit dem rücksichtsvollen Umgang mit den Leuten, die für die Prozesse verantwortlich sind, kontrastiert scharf die harte Haltung, die jenen gegenüber eingenommen wird, die die stalinistische Vergangenheit kritisieren ... Die Studenten als ganzes verurteilen jedwede administrative Maßnahme, die gegen die Genossen Hübl, Sviták [2] und andere ergriffen wurde ...

... So geschah es, daß heute die ČSSR in den entscheidenden, fortgeschrittensten Zweigen der Industrie wesentlich hinter den entwickeltsten Ländern zurück ist und bis zu einem gewissen Grad sogar den Charakter eines entwickelten Landes verlor ... Als nächste Aufgabe ist es nötig, die katastrophale Situation zu beseitigen, was die ausländische wissenschaftliche Literatur betrifft, vor allem aus den entwickelten westlichen Ländern ...

... Es ist nötig, die Reisen ins Ausland so zu erleichtern, wie das in Ungarn geschah, und den Zugang zur nichtzensurierten seriösen bürgerlichen Presse — Times, Le Monde, Observer, L’Express, Guardian u.ä. — zu ermöglichen (wenigstens in den öffentlichen Bibliotheken in Prag und weiteren Zentren) ...

Mit der Absetzung Císařs und seiner „Verbannung“ nach Rumänien endete die Hoffnung vieler Studenten auf eine Verbesserung der Lage. Es gab eine Solidaritäts-Aktion für die eingestellte Zeitschrift „Tvář“, aber ansonsten manifestierte sich der Protest nur in den allzu unorganisiert verlaufenden Karnevalsumzügen des traditionellen Majáles, [3] wo es Studenten mit ernsten Anliegen nicht mehr möglich war, sich von der unerwünschten Unterstützung provozierender Rowdies zu distanzieren. 1966 noch artikulierten Studenten ihren Unmut mit Parolen wie „‚Lang lebe Minister Hájek — aber von einem Stipendium“, doch als es — wie im Vorjahr — zu Verhaftungen kam und die Studenten für Lausbübereien nichtstudentischer Radaumacher verantwortlich gemacht wurden, beschloß man, 1967 keinen Majáles mehr durchzuführen.

Ende 1966 kommt es zu dem sogenannten „Fall Müller“. Der Student des Maschinenbaus und Funktionär seiner Fakultät Jiři Müller wird unter fadenscheinigen Begründungen aus der Hochschule und dem ČSM [4] ausgeschlossen und sofort zum Heer eingezogen. Da die Tatsache, daß Müller kritisch gegenüber dem ČSM auftrat, als Begründung nicht ausreicht, wirft man ihm unter anderm vor, daß er die chinesische Botschaft besucht habe. Sein Kollege Luboš Holeček, der auf zahlreichen Versammlungen, wo der Fall Müller diskutiert wird, den Standpunkt seines Freundes vertritt, wird kurz darauf ebenfalls eingezogen. Beide wurden vor kurzem aus dem Heer entlassen.

Vor dem Kongreß des ČSM, der 1967 stattfand, wurden in den Organisationen die Statuten diskutiert. Die weitestgehenden Änderungsvorschläge kamen von der philosophischen Fakultät der Karlsuniversität.

Huldigung an den Schah

Vierzehn Tage bevor er nach West-Berlin kam, besuchte der Schah von Persien die ČSSR. Zwei Wochen später wurde ein Student in Berlin bei Demonstrationen gegen den Schah erschossen. In Prag wurde der Schah nicht nur als Staatsbesuch empfangen, sondern das Parteiorgan „Rudé Právo“ brachte sogar eine Huldigung, die den Historiker Karel Durman, Mitglied des Hochschulausschusses der KPČ und Dozent am Lehrstuhl für allgemeine Geschichte an der Karlsuniversität, bewog, einen Brief an das ZK zu schicken. Darin weist er die opportunistische Verdrehung der Tatsachen in der offiziellen Darstellung nach. Er zeigt, wie die gewissenlose Unterordnung kommunistischer Prinzipien unter Forderungen der Staatsraison zu einer scheinbaren Rechtfertigung der chinesischen Anschuldigungen führen muß.

Am 31. Oktober 1967 kam es schließlich zum offenen Zusammenstoß von Studenten und Polizei. Zur Zeit läuft in den Prager Kinos statt der Wochenschau ein halbstündiger Film des bekannten Regisseurs Jan Némec, in dem Studenten interviewt werden, die damals geschlagen wurden. Einer mußte sein Studium zeitweilig unterbrechen, weil er auf Grund der Verletzungen auf einem Ohr das Gehör verloren hat. Dieser Film hat die Öffentlichkeit so sehr aufgerüttelt, daß sich die Polizei genötigt sah, sich zu entschuldigen. Auf der Versammlung der Vertreter der Prager Studenten am 13. Jänner 1968 sagte Karel Kovanda unter anderem:

Mit den Strahover Ereignissen und besonders mit dem, was auf sie folgte, erreichte in uns ein gewisser Prozeß seinen Höhepunkt, den ich einen Prozeß der Bewußtmachung der Realität nennen möchte. Großen Einfluß auf diese Bewußtmachung hatten zwar die Realitäten selbst, einen nicht geringeren jedoch hatte auch unsere eigene geistige Entwicklung, zu einem gewissen Grad (wenn ich mich auch nicht getraue zu schätzen, bis zu welchem) unabhängig von den umgebenden Erscheinungen.

Studenten und Schriftsteller

Zu den Hauptforderungen nach den Strahover Ereignissen gehörten bekanntlich die nach Feststellung der Verantwortlichen für das brutale Vorgehen der Polizei gegen die ungewarnten Studenten, für deren Eindringen in das Studentenheim und nach Kennzeichnung aller Polizisten mit Nummern. Die zeitlich mit diesen Vorkommnissen zusammenfallende Überführung der „Literárni noviny“ in die Kompetenz des Kulturministeriums und die Kampagne gegen den Schriftstellerverband im allgemeinen und Schriftsteller wie Vaculik, Klima und Liehm im besonderen führten dazu, daß die einmal erwachte politische Teilnahme sich auf neue Gebiete erstreckte, daß immer öfter Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit und die Möglichkeit der freien Ausreise verlangt wurden. Als der Chefredakteur der Wochenzeitschrift „kulturni tvorba“, František J. Kolár, der inzwischen von dieser Funktion „zurückgetreten“ ist, in einem bösartigen Artikel gegen die Studenten die Mitarbeiter der „Literárni noviny“ in einem Atem mit dem Sender „Free Europe“ nannte, erreichte die Verbundenheit der Studenten mit den revoltierenden Schriftstellern ihren Höhepunkt. Der Schriftstellerverband protestierte heftig gegen Kolárs Artikel. An das ZK. des Schriftstellerverbandes schrieb der Ausschuß des ČSM der philosophischen Fakultät der Karlsuniversität folgenden Brief:

Geehrte Freunde, wir begrüßen es sehr, daß der Verband tschechoslowakischer Schriftsteller den letzten studentischen Ereignissen in Prag Aufmerksamkeit widmete. Wir haben uns die Stellungnahme des tschechischen Teils des ZK des Schriftstellerverbandes durchgelesen, die an das Präsidium der Regierung der ČSSR adressiert war, die uns überraschte, weil das die erste außerhalb des Hochschulbodens formulierte Stellungnahme ist, die das studentische Engagement mit Verständnis bewertet.

Wir befürchten jedoch, daß die Maßnahmen, die vielleicht nach den Strahover Ereignissen ergriffen wurden, bei weitem nicht so grundlegend sind, daß sie eine Wiederholung von etwas Ähnlichem in der Zukunft verhindern würden. Wir glauben, daß die Konflikte und Mißverständnisse mit einigen Institutionen, die die Träger der Macht im Staat und den gesellschaftlichen Organisationen sind, die Bildung solch einer Studentenorganisation verhindern würden, die imstande wäre, ihre Interessen wirkungsvoll zu verteidigen ...

Den Studentenfunktionären der Philosophischen Fakultät Zdeněk Zbořil, Zdeněk Pinc und Jana Kohnová drohte der Ausschluß aus dem Studium. Mit dem Jänner-Plenum des ZK der KPČ änderte sich wie für viele Gruppen die Situation auch für die Studenten. Es wurde von nun an offener, heftiger, häufiger diskutiert. Die schon im Brief an den Schriftstellerverband angeschnittene Frage nach einer entsprechenden Studentenvertretung stand dabei im Mittelpunkt. Seit dem Jänner haben die Versammlungen, Demonstrationen und Auseinandersetzungen keine Unterbrechung erfahren. Freilich sollte man bei aller Hoffnung und Erwartung, zu der diese Entwicklung berechtigt, nicht in den Fehler der Überschätzung verfallen. Immer noch ist die Zahl der aus dem Dornröschenschlaf Geküßten relativ klein. Zdeněk Zbořil unterscheidet zwischen „aktiviert‘‘ und ‚‚engagiert‘‘ und meint, ein großer Teil der Studenten wäre zur Zeit aktiviert, aber keineswegs engagiert. Das wurde besonders vor den Präsidentenwahlen deutlich. Überall wurden Versammlungen und Diskussionen angesagt, die zum Teil dann gar nicht stattfanden. Während auf der philosophischen Fakultät eine Mehrheit bei einer Versammlung für Professor Goldstücker als Präsidenten stimmte, lief eine andere Gruppe auf den Altstädter Ring und stellte Císař als Kandidaten der Studenten auf. An die Häuserwände und Straßenbahnen wurden innerhalb einer Nacht Parolen, wie „Auf die Burg gehört ein Císař (Kaiser)“ geschmiert. Der Druck, der sich in all den Jahren aufgestaut hatte, führt jetzt, da ein Ventil geschaffen wurde, zu Bewegung. Was fehlt, ist die Organisation, die der Bewegung erst die Richtung gibt, um sie wirksam zu machen. Dessen sind sich die politisch denkenden Studenten bewußt und sie wissen, daß vor ihnen ein harter Weg energischer und manchmal unangenehmer Arbeit liegt.

Die Politik der Studenten

Um eine Vorstellung von der Art der Diskussionen zu geben, die sich nach dem Jänner-Plenum entwickelten, sei hier aus einem Vorschlag für eine studentische politische Gesellschaft zitiert, der von der bis dahin sehr ruhigen Brünner Universität stammt:

Ziele der Gesellschaft

  1. Sich eine Vorstellung von einer gerechten Ordnung der menschlichen Gesellschaft zu bilden und von der Stellung der Studenten in ihr. Sich nicht mit irgendwelchen gedanklichen Strömungen einzuschließen, sondern alle kritisch zu bewerten und sich ihre positiven Seiten anzueignen. Nicht Vorurteilen zu unterliegen, besonders nicht den herrschenden.
  2. Diese Vorstellung in unserer staatlichen Gesellschaft zur Geltung zu bringen. Zu diesem Zweck alle Möglichkeiten zu benützen, die zur Verfügung stehen. Die öffentliche Meinung mittels Massenkommunikationsmitteln zu beeinflussen, mittels politischer Demonstrationen und Manifestationen.

Die Organisation würde jene Hochschulstudenten vereinigen, die sich aktiv für die Gesellschaft interessieren, in der sie leben, über sie nachdenken und Lust und Mut haben, diese Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umzubilden. Die Organisation würde ihren Mitgliedern volle Freiheit der Ansichten und Überzeugungen garantieren, Fraktionsfreiheit und die Freiheit, jederzeit aus ihr auszutreten. Alle ihre Vertreter würden durch direkte Wahl und geheim gewählt, d.h. daß zum Beispiel über den höchsten Repräsentanten der Organisation ein Referendum aller Mitglieder der Organisation entschiede ...

Es ist die Möglichkeit der allfälligen Zersplitterung dieser Organisation in mehrere weltanschauliche Gruppen, in Übereinstimmung mit der weiteren Entwicklung der Situation in unserer Gesellschaft, nicht ausgeschlossen. Wir glauben jedoch, daß in der heutigen Zeit die Bildung einer vorläufig einheitlichen politischen Organisation vollkommen unerläßlich ist.

Im Anschluß an die Gedanken von 1964 machte der Diskussionsklub der Studenten der Philosophischen Fakultät der Karlsuniversität am 8.3.1968 einige Vorschläge, die hier auszugsweise zitiert seien:

Wir glauben, daß die vergangene und bei einigen auch die gegenwärtige Tätigkeit unvereinbar ist mit der Bekleidung hoher staatlicher und Partei-Ämter. Es hat sich gezeigt, daß die Hauptschuldigen der Deformation des gesellschaftlichen Lebens und namentlich Antonin Novotný gegen die Verfassung und gegen das Gesetz handelten — Prozesse, Persekutionen und inkonsequente Rehabilitierung wissenschaftlicher Arbeiter, der Künstlerverbände, der Teilnehmer des 1. und 2. Widerstandes usw.

Im Zusammenhang mit ‚Strahov‘ fordern wir den Rücktritt des Innenministers J. Kudrna und eine Klarstellung der Rolle der ‚Sicherheitsorgane‘ (d.i. der Polizei) in der sozialistischen Gesellschaft.

Bisher gab es an den Hochschulen Ausschüsse des ČSM. Innerhalb des Jugendverbandes spielten diese eine kritische Rolle, waren aber letzten Endes zur Unterordnung unter die Beschlüsse des ZK des ČSM verpflichtet. In den letzten Monaten gab es nun drei Modelle für eine Umgestaltung der Studentenvertretung. Das erste, das von vornherein die geringste Chance hatte, Popularität zu gewinnen, zielte auf eine Reform innerhalb des ČSM hin, auf eine Föderalisierung des Jugendverbandes. Der extremste — und schließlich auch angenommene — Vorschlag war der einer studentischen Selbstverwaltung, die allerdings ein weiteres Wirken des ČSM nicht ausschließt. Darüber hinaus gab es einen vermittelnden Entwurf, der die Gründung von Fakultätsverbänden und Klubs beinhaltete, die allmählich zur Gründung einer unabhängigen Studentenorganisation führen sollten. Nach einigen Diskussionen gründete man den Akademischen Studentenrat (ARS), in dem vorläufig die früheren Funktionäre der revoltierenden Hochschulausschüsse des ČSM und einige jüngere Studenten die Hauptsprecher sind. Aus der „Presse“ hatte ich erfahren, daß mein Freund Vladimír Ditmar Vorsitzender des ARS geworden war. Als ich ihm dazu gratulieren wollte, sagte mir der zwanzigjährige Soziologie-Student, der sich in seiner Freizeit mit Karikaturen beschäftigt, daß alles ein Irrtum sei: Eine tschechische Zeitung hatte im Büro des Studentenrats angerufen, um ein Interview zu machen, und da er zufällig gerade der einzige war, der zum Telephon kommen konnte, stand am nächsten Tag sein Name in der Zeitung. Bald darauf kamen Fernsehreporter und Journalisten aus aller Welt und verbreiteten die falsche Nachricht von Ditmars angeblicher Funktion. Das nur, um die verwirrte Lage und die Art der Berichterstattung aus Prag in diesen bewegten Tagen zu charakterisieren.

Ein umfangreicher Entwurf für den ARS stammte von Zdeněk Pinc, eine Bearbeitung von Jana Kohnová. Inzwischen erschien für die philosophische Fakultät, wo der ARS am 28.2.1968 gegründet wurde, ein Statut, das aber noch als vorläufig angesehen werden muß. Der ARS soll ein Modell einer echt demokratischen Organisation sein. Wahlen sollen einmal jährlich stattfinden, die in die Organe des Rats Delegierten sind verpflichtet, mit ihren Wählern in engem Kontakt zu bleiben. Je zwanzig Studenten sollen einen Vertreter haben. Der Vorsitzende und das Sekretariat des ARS sind dem Plenum verantwortlich. Der Vorsitzende wird vom Plenum gewählt. Die Vollversammlung wählt für ein Semester den Vorstand, der seinerseits das Sekretariat ernennt, das allerdings vom Plenum gebilligt werden muß. Der ARS soll ständige Vertreter in staatlichen, akademischen und Organen der studentischen Selbstverwaltung haben. Schon früher gab es einen Studenten im wissenschaftlichen Rat des Kollegiums des Dekans.

Zwischen Versammlungen, Symposien und Studien gelingt es mir, Zdeněk Zbořil anzutreffen, der sich, seit ich ihn zuletzt sah, einen Bart wachsen ließ. Das ist aber — so versichert er mir — nicht der Einfluß Ché Guevaras oder Teufels, sondern der Wunsch seiner Frau. Der 29jährige Student der indonesischen Sprache und Geschichte gehört zu den aktivsten Funktionären und trat auch bei der Massenveranstaltung im Julius Fučik-Park neben Professor Goldstücker, Minister Smrkovský und anderen wichtigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens vor tausenden jungen Leuten auf. Zbořil soll mit noch drei anderen als Kandidat der Studenten für die Nationalversammlung aufgestellt werden.

Die drei Hauptprogrammpunkte Zbořils sind Konsolidierung, Rehabilitierung und Rekonstruktion. In den Studenten sieht Zbořil eine kritische Kraft in der Gesellschaft. Eine Studentenorganisation sollte eine politische Organisation sein, die ihre Aufgabe in einer permanenten Opposition gegen alles sieht. Sie solle nicht zu einer Oppositionspartei im „westlichen“ Sinn werden, ihr Ziel solle es nicht sein, an die Macht zu kommen, sondern ohne feststehendes Programm durch ständige Kritik das Bestehende zu kontrollieren.

[1Beginn des IV. Kongresses des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes (Anm.d.Red.)

[2Prof.Dr. I. Sviták wurde aus der Partei ausgeschlossen und aus seiner Stellung im Prager phil. Institut entlassen. (Anm.d.Red.)

[3Ein Umzug der Studenten am 1. Mai, wo auch ein Majáles-König gekürt wird. 1966 hätte z.B. der amerikanische Beat-Dichter Allen Ginsburg den Umzug als König führen sollen. (Anm.d.Red.)

[4Tschechischer Studenten-Verband. (Anm.d.Red.)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1968
, Seite 286
Autor/inn/en:

Thomas Rothschild: Geboren 1942, Dr. phil. (Slawistik und Germanistik) an der Universität Wien, seit 1968 wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Linguistik (Institut für Literatur- und Sprachwissenschaft) an der Universität Stuttgart. (Sohn von Kurt W. Rothschild). Träger des Österreichischen Staatspreises für Literaturkritik.

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