FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 192
Eric Rouleau • Tilly Spiegel (Übersetzung)

Sprünge in Davids Panzer

II. Teil unseres Israelreports

Die Regel ist unerbittlich. Jeder Araber, der im Verdacht steht, einem Terroristen geholfen oder seine Anwesenheit der Polizei verschwiegen zu haben, muß der Zerstörung seines Hauses gewärtig sein. Verwandte oder Vermieter sind dabei oft unschuldige Opfer. Die israelischen Behörden stellen den ungerechten Charakter dieser „Strafe“ nicht in Abrede. Es handelt sich, wie mir der Sprecher General Dayans, Mordechai Barkai, sagte, um eine „Abschreckungsmaßnahme“. Er fügt hinzu: „Wir ziehen sie der Todesstrafe vor, deren Effekt wäre, den Arabern Märtyrer zu liefern. Haben Sie einen besseren Vorschlag, um die Terroristen daran zu hindern, unsere Frauen und Kinder zu töten?“

Die klassische Verkettung Besetzung-Widerstand-Unterdrückung-Widerstand hat die israelischen Verantwortlichen immer weiter von ihrer liberalen Linie weggeführt. In zwei Jahren seit der Feuereinstellung sind laut offiziellen Angaben etwa zweihundertfünfzig Häuser zerstört worden. Die palästinensische Befreiungsorganisation El Fatah behauptet, es seien 5450; die Zahl enthält wahrscheinlich die zerstörten und beschädigten Häuser in Ost-Jerusalem, zwei Flüchtlingslager in Gaza und drei dem Erdboden gleichgemachte Dörfer im Gebiet von Latrun.

Die Araber beklagen sich in den besetzten Gebieten vor allem über den israelischen Sicherheitsdienst, der sich eines Heeres von Denunzianten bediene, die er vom haschemitischen Regime geerbt habe. Die Beamten König Husseins hinterließen oder übergaben ihren Nachfolgern die Polizeiakten der Oppositionellen, die sie für potentielle Gegner der israelischen Besatzung hielten.

Mit dem Ansteigen der Gewaltakte wird die Repression in ihren Mitteln immer weniger wählerisch. Um Geständnisse zu erzwingen, die von lebenswichtiger Bedeutung für die Sicherheit der israelischen Bevölkerung sein könnten, werden Verhöre, wie israelische Advokaten versichern, manchmal wochenlang und oft ohne Rechtsbeistand fortgeführt; Prügel gehören zur alltäglichen Praxis, Folterungen zu den Ausnahmen.

Im Sarafandlager sollen Häftlinge mißhandelt worden sein, die im Verdacht standen, Schlüsselpositionen der Untergrundbewegung innezuhaben. William Nasser, Sohn einer jüdischen Mutter, Mitglied der El Fatah, zu 165 Jahren Gefängnis verurteilt, schilderte vor Gericht, wie er mit elektrischem Strom gefoltert wurde. Der ehemalige Bürgermeister von Nablus, Hamdi Canaan, versicherte mir, ein Häftling aus seiner Stadt habe dabei den Verstand verloren. Er habe einige Fälle von Folter dem Militärgouverneur angezeigt. „Dieser hat mir immer wieder nur das eine geantwortet: Solche Praktiken seien beschämend, und er werde Maßnahmen ergreifen, um ihnen ein Ende zu bereiten.“

Derzeit sind etwa zweitausend Araber inhaftiert, davon etwa die Hälfte ohne gerichtliches Urteil. Die israelischen Behörden bedienen sich der Ausnahmegesetze, die von den Engländern 1945 zur Bekämpfung der nationalistischen jüdischen Bewegung erlassen wurden. Diese Gesetze gestatten die „administrative Internierung“ aller Personen, die „für die öffentliche Ordnung gefährlich“ sind. Der Zwangsaufenthalt von drei Monaten kann immer wieder neu verhängt werden. [1]

Nach Beendigung des Krieges gab General Dayan, so hört man, dem Militärgouverneur eines besetzten Gebietes den Befehl: „Studieren Sie die amerikanischen Maßnahmen in Vietnam, und machen Sie dann genau das Gegenteil.“ Diese launige Bemerkung des Verteidigungsministers, der 1966 in Vietnam war, ist heute ein wenig überholt.

Dayans „Politik der offenen Brücken“ zwischen Zis- und Transjordanien sollte die Entwicklung eines gefährlichen Gefühles der Frustration bei den Arabern verhindern. Sie hat auch den Absatz von Agrarprodukten aus Jordanien, dessen Landwirtschaft mit der israelischen konkurrenziert, sowie mancher israelischer Industrieprodukte ermöglicht. Alles wurde darauf eingestellt die Besetzung erträglich zu machen. Die Armee wurde in Randsiedlungen kaserniert, die Aufrechterhaltung der Ordnung wurde der Polizei anvertraut, die schon im Dienste König Husseins stand, nun aber von israelischen Offizieren befehligt wurde. Die frühere Verwaltung wurde beibehalten; israelische Militärs und Beamte kontrollierten nur den Repressionsapparat, Finanzen und Zoll. Die Gewährung einer gewissen Redefreiheit, das intensive Gespräch mit den arabischen Notabeln sollte die israelisch-arabische Verständigung erleichtern.

Anfangs konnte General Dayan glauben, gewonnen zu haben. Die Palästinenser, angewidert vom Versagen der arabischen Armeen, überrascht von den liberalen Verfügungen ihrer neuen Besatzer, manifestierten einen gewissen Willen zur Zusammenarbeit, sogar zur Verbrüderung. Die Zukunft könnte, dachte man, weniger düster sein als zwanzig Jahre haschemitischer Unterdrückung.

„Unser relativer Optimismus“, sagte mir eine Lehrerin aus Nablus, „verging sehr bald.“ Die israelischen Staatsmänner wiederholten immer wieder ihre annexionistischen Erklärungen. Ihren Reden zufolge lebten wir Araber in ihrer befreiten Heimat. Bestenfalls waren sie bereit, eine zisjordanische Autonomie in Betracht zu ziehen, eine Art israelisches Bantustan.

Die Erbitterung der Palästinenser wuchs mit dem Gefühl, daß die wirtschaftlichen Maßnahmen der Okkupanten weniger den Interessen der Palästinenser als den Interessen der Israelis dienen. Die neuen Zölle, die Steuern, die Regelung des Außenhandels, die Einfuhr israelischer Produkte brachten eine empfindliche Steigerung der Lebenshaltungskosten ohne entsprechende Erhöhung des Einkommens. Für Besitzende und für Geschäftsleute war der neue Zustand profitabel, nicht aber für die ärmeren Klassen und für die Intelligenz. Die Arbeitslosigkeit stieg,

Die Situation in Zisjordanien ist immerhin erträglich; in Gaza ist sie, auch nach dem Urteil israelischer Politiker, „dramatisch“. Der winzige Gebietsstreifen ist von etwa 400.000 Personen bewohnt; die meisten sind arbeitslos. Drei Viertel sind Kriegsflüchtlinge des Jahres 1948; trotz UNDO-Rationen leben sie in Verhältnissen, die an Hunger grenzen. [2] Die Feindseligkeit der Bevölkerung von Gaza ist so groß, daß nur wenige Israelis sich gegenwärtig in den Gazastreifen wagen.

Der Freihafen von Gaza ist durch die Konkurrenz der Freihäfen in Ashdod und Ejlath praktisch lahmgelegt. Der Zollschmuggel mit der Vereinigten Arabischen Republik hat, ebenso wie der gewinnbringende israelische Tourismus, seit der Okkupation aufgehört. Die Unzufriedenheit ist um so größer, als die Behörden neue Steuern einheben und ungefähr die Hälfte der 7000 Beamten, welche die ägyptische Verwaltung füllten, entließen.

Idealistische Terroristen

„Die Feindschaft der arabischen Bevölkerung gegen uns ist gewachsen“, erklärt General Dayan offen. Die meisten Palästinenser wollen heute die Rückerstattung Zisjordaniens an König Hussein, trotz ihrem traditionellen Mißtrauen gegen die Haschemiten. Die palästinensischen Befreiungsorganisationen gewinnen immer mehr Sympathie und Unterstützung. Die Kommandos haben ihre Ausrüstung bedeutend verbessert, desgleichen ihre Technik und Kampfesmoral. Schon 1968 erklärte General Dayan: „Es wäre falsch zu glauben, die Fedayin seien nur Kriminelle und Söldner.“ Auf 100 Fedayin entfallen, gemäß einer israelischen Untersuchung, nur 6 Prozent Analphabeten; 54 Prozent hatten die Pflichtschule, 32 Prozent die Mittelschule absolviert, 8 Prozent waren Akademiker. Dayan schloß, daß diese „Terroristen“ von großem Idealismus und patriotischen Gefühlen erfüllt seien und ihre Bedeutung nicht unterschätzt werden dürfe. [3]

Bei der Beerdigung eines von Palästinensern getöteten Freundes sagte General Dayan am Vorabend des Sinaifeldzuges: „Hüten wir uns davor, es den Mördern entgelten zu lassen. Wer sind wir, um ihnen den Haß vorzuwerfen, den sie uns entgegenbringen? Kolonialisten, die ein Gebiet in jüdisches Vaterland verwandeln, das sie seit Generationen bewohnt haben! Ohne Stahlhelme und Kanonen können wir nicht einen einzigen Baum pflanzen, kein einziges Haus bauen.“ [4]

Zerstört eine in die Länge gezogene Besetzung nicht die traditionellen Werte des jüdischen Volkes? Auf diese Frage des amerikanischen Journalisten Stewart Alsop antwortete der israelische Premierminister Frau Golda Meir im April 1969: „Ich werde Ihnen gegenüber offen sein. Ich will kein sanftes, liberales, antikolonialistisches, antimilitaristisches jüdisches Volk. Das wäre ein totes Volk.“

45 Kilometer von Jerusalem säumten drei jordanische Dörfer die Grenze gegen Israel: Zeita, Beit-Nuba und Yalu. Ihre 4000 Einwohner arbeiteten in Weinbergen, aus deren Trauben die Mönche des nahegelegenen Klosters Latrun ausgezeichneten Wein machten. Vergebens wird man heute eine Spur dieser drei Siedlungen suchen. Israelis, denen wir zwischen Tel Aviv und Jerusalem begegneten, lenkten unsere Aufmerksamkeit auf die weite Ebene von Latrun, die mit kleinen Steinen übersät, aber gut nivelliert ist: „Die Araber hatten sie brachliegen lassen, jetzt wird sie in einen Gemüsegarten verwandelt.“ Keiner wußte, daß sich hier drei arabische Dörfer befanden. Manche entrüsteten sich, als wir auf ihre am 12. Juni 1967, zwei Tage nach Beendigung der Kriegshandlungen, mit Dynamit und Bulldozern vorgenommene Zerstörung anspielten. „Das ist unmöglich. Sie sind ein Opfer der arabischen Propaganda.“

Die Israelis kennen in ihrer großen Mehrheit die in den eroberten Gebieten herrschenden Bedingungen schlecht. Für den Mann auf der Straße ist kein Zweifel möglich: Die Besetzung ist die liberalste der Welt; die Palästinenser leben unter israelischer Verwaltung besser als unter dem Joch Husseins; die Terroristen sind eine aus dem Ausland manipulierte Minderheit; die Gefangenen und Internierten werden gut behandelt. Jede Anspielung auf Mißhandlungen gilt als Verleumdung. Jedes Zeichen kollektiver Feindschaft gegen Israel — Streiks, Demonstrationen, Aufstände — gilt als Undankbarkeit der Araber.

Der größte Teil der israelischen Öffentlichkeit hatte bis vor kurzem ein unerschütterlich gutes Gewissen. „Was wäre unser Schicksal gewesen, wenn die Araber den Krieg gewonnen hätten?“ Das Verhalten und das politische Programm der Untergrundorganisationen haben tatsächlich die Vorstellung verbreitet, daß die Palästinenser nichts wollen als die Zerstörung des Staates Israel.

Dennoch beginnt das palästinensische Problem der israelischen öffentlichen Meinung irgendwie bewußt zu werden. Das Auftreten arabischer Persönlichkeiten, denen die Behörden gestatteten, im Fernsehen und in öffentlichen Versammlungen die Sache ihres Volkes zu verteidigen, hat manche festsitzende Überzeugung erschüttert. Die israelischen Fernseher waren schockiert, als sie sahen, wie Soldaten eine Schülerdemonstration brutal zerstreuten. Viele Israelis lehnen es ab, in die besetzten Gebiete zu gehen.

Es gibt aktive Minoritäten, die sowohl die annexionistischen Pläne wie auch die Methoden der Besetzung verurteilen. Aktivisten der „Matspen“ — eine linksradikale, antizionistische Organisation — haben bei einer Straßendemonstration skandiert: „Wir sind alle Araber!“

Etwa hundert Intellektuelle haben 1968 ein Manifest unterzeichnet, in dem man lesen konnte: „Jedes Volk, das ein anderes unterdrückt, verliert unfehlbar seine eigene Freiheit. Jüdischer Bürger! Erinnere Dich jener mutigen Gojim, die in der Zeit unserer höchsten Not zu uns standen. Wirst Du Dich abseits halten, wirst Du Schweigen gegenüber dem Unglück bewahren, mit dem das arabische Brudervolk geschlagen ist?“

Die Abgeordneten der proarabischen Kommunistischen Partei (Rakah) sowie Uri Avnery, einziger Parlamentsvertreter der Neue-Kräfte-Partei, verfolgen die Regierung mit Interpellationen über Unterdrückungsmaßnahmen, Kriegsgefangenenbehandlung, Folterungen usw.

Intellektuelle brandmarken die „Ultras“ der Regierung. Professor Rav Ravai, einer der zweihundert Unterzeichner des Manifestes der „Bewegung für Frieden und Sicherheit“, erklärte: „Wir prangern als israelische Patrioten die annexionistischen Pläne an, die unsere demokratische Gesellschaft zerstören, Chauvinismus und Militarismus nähren.“

Der von vielen Israelis verehrte, tiefgläubige Professor Leibowitsch: „Die Annexion wird aus uns ein Volk von Aufsehern, Bürokraten und Polizisten machen ... Heute sprengen wir Häuser; morgen werden wir gezwungen sein, Konzentrationslager zu errichten und, wer weiß, Galgen aufzustellen ... Wir sind auf dem Wege — und manche Regierungsmitglieder wissen dies — zu einem zweiten Vietnam ... Es ist möglich, daß die Eskalation uns morgen veranlaßt, Amman zu besetzen, und übermorgen, unsere Eroberungen noch weiter zu treiben. Das nicht sehr ruhmreiche Ende der Feldzüge Bonapartes oder auch der Kreuzzüge wird unter diesen Umständen auch das unsere sein.“

Die „Matspen“ ist für die Beseitigung der zionistischen Struktur des Staates und für „Gewährung des Selbstbestimmungsrechtes an beide Völker im gemeinsamen Vaterland Palästina“. Die Neue-Kräfte-Partei Uri Avnerys, die jüdische Kommunistiche Partei (Maki) und andere Gruppierungen wünschen eine föderalistische Lösung, die den Palästinensern in Zisjordanien einen eigenen Staat gibt; die proarabischa KP (Rakah) will die Verwirklichung der Resolution des Sicherheitsrates vom 22. November 1967.

Diese „Exzentriker“, „Mondsüchtigen“, „Antinationalen“, wie sie manchmal in Israel genannt werden, stehen im Kampf gegen die Annexionisten jedoch nicht allein. In jeder Partei des „Establishment“ neigen Minderheiten dazu, die Resolution vom 22. November 1967 ohne Hintergedanken anzuwenden, die eroberten Gebiete im Rahmen einer Friedensregelung fast zur Gänze zurückzuerstatten.

„Wir sind nicht mehr“, erklärt der ehemalige Verteidigungsminister Pinhas Lavon, „in der Zeit Josuas, da man ein Volk vertreiben oder ausrotten konnte, um seinen Platz einzunehmen.“

Lavon hat wie einige Politiker der Arbeiterpartei und der Mapam (sozialistische Linke) vor den Gefahren der Annexion gewarnt: die Araber werden in zwanzig Jahren in Israel die Mehrheit bilden. [5] Die Geburtenerhöhung bei den Juden ermutigen und den arabischen Bürgern zugleich Geburtenkontrolle aufdrängen — wie es manche Publizisten vorschlugen — wäre weder demokratisch noch realistisch. Eine massive Einwanderung von Juden aus der Diaspora, worauf die Annexionisten bauen, ist unsicher. Wird der Antisemitismus der amerikanischen Neger zu einem Exodus der amerikanischen Juden führen, wie Livneh, Führer der „Großisraelbewegung“ dies meint? Werden die sowjetischen Juden millionenfach nach Israel kommen, falls die UdSSR sie ausreisen läßt?

So gesehen, ist die Integration der Araber der besetzten Gebiete „eine Todesgefahr für den jüdischen Staat“, proklamiert Pinhas Sapir, Generalsekretär der Arbeiterpartei und einer der schärfsten Gegner General Dayans.

Wir sind alle Araber

Die Anhänger eines Staates mit jüdischer Vorherrschaft verwerfen die föderalistische Lösung für die besetzten Gebiete. Sie meinen, die Anerkennung einer palästinensischen Nation bedeute das Wiederaufleben der Teilungspläne der britischen Mandatsmacht. Schon sprechen einige arabische Notabeln in Zisjordanien von der Rückkehr zum Teilungsplan der UNO von 1947. Außerdem verurteilen die palästinensischen Befreiungsorganisationen und alle arabischen Staaten eine solche Lösung. Um dem Terrorismus ein Ende zu bereiten, dürfe man sich nicht mit einigen Notabeln in Zisjordanien und Gaza verständigen, die sofort als Verräter denunziert würden, sondern mit den interessierten arabischen Staaten, die besser als Israel die palästinensischen Organisationen zu liquidieren imstande seien.

Die gemäßigten Israelis nehmen an, daß eines Tages unter den arabischen Politikern Realisten auftauchen werden, die eine den politischen und strategischen Notwendigkeiten des Staates Israel entsprechende Regelung in Betracht ziehen werden. Die Zeit arbeitet aber nicht notwendigerweise für Israel: die Verlängerung des Status quo könnte zum Sturz der gemäßigten arabischen Regierungen führen. Die militärischen Operationen an den Grenzen und gegen die Untergrundkämpfer forderten bereits mehr Opfer als der Krieg 1956. [6] Israel wird sich auf internationaler Ebene noch mehr isolieren, als Kolonialstaat, der sich vergrößern will. „Wir werden bald auf einem Pulverfaß sitzen“, sagt Pinhas Sapir.

Der Generalsekretär der Arbeiterpartei und seine Freunde betreiben keine Zersetzung. Sie stellen das Bild des „mächtigen David“ nicht in Zweifel, aber sie signalisieren die Sprünge in seinem Panzer. „Der Frieden muß uns ermöglichen, ein Militärbudget loszuwerden“, erklärte vor kurzem Pinhas Sapir, der Finanzminister war, „das wir auch mit Hilfe der Juden der ganzen Welt nicht lange durchhalten können.“ Die israelischen Militärausgaben erreichten im Budgetjahr 1968/69 die Rekordhöhe von 630 Millionen Dollar, doppelt soviel wie im Budget des vorangegangenen Jahres, viermal soviel wie fünf Jahre vorher; 75 Prozent der Staatseinnahmen werden von der Landesverteidigung verschlungen. Israel widmet seiner Verteidigung 20 Prozent seines Bruttonationalproduktes, ein Prozentsatz, der als der höchste in der Welt gilt. [7]

Die Einfuhr von militärischem Material erhöhte das chronische Defizit der israelischen Handelsbilanz; es war 1968 zweimal so groß wie 1967 (435 gegenüber 212 Millionen Dollar). Für 1969 erwartet man eine weitere Erhöhung. Das gleiche gilt von der Zahlungsbilanz, was eine gefährliche Verminderung der Devisenreserven bewirken wird. Diese sind auf 550 Millionen Dollar gesunken. Durch Sammlungen im Ausland wurden die ärgsten Löcher gestopft. Aber werden die Juden der Diaspora eine so beträchtliche Hilfe endlos gewähren? Wird man von den israelischen Arbeitern noch lange das Opfer verlangen können, trotz Inflation beim Lohnstopp zu bleiben?

In Anbetracht dieser wirtschaftlich wie politisch ungewissen Zukunft will ein Teil des „Establishment“ einen großen Teil der eroberten Gebiete eintauschen gegen eine Regelung, die das arabische Hinterland für die israelische Wirtschaft öffnen soll. In einem bestimmten Sinne ist ihr Ziel viel ambitionierter als das der Annexionisten: sie wollen an Stelle eines Großisraels einen gemeinsamen vorderorientalischen Markt, der für den Anfang Israel, das vereinigte Jordanien und den Libanon einschließen würde.

„Ich bin eine Taube“, proklamierte Pinhas Sapir im Fernsehen.

[1Vgl. „Les Arabes en Israël“ von Sabri Gereis, das eben bei Maspéro erschien.

[2Gemäß der israelischen Zeitung „Al Mirsad“ (arabisches Organ der Mapam) vom 13. Februar 1969.

[3Rede vor Studenten der Hebräischen Universität, 6. Februar 1968.

[4Zitiert bei Uri Avnery, Israel without Zionists, Macmillan, New York 1968 (Éditions du Seuil, Paris 1969).

[5In den gegenwärtigen Grenzen „Großisraels“ wohnen ungefähr 1.500.000 Araber und 2.500.000 Juden. Bei den letzteren sinkt die Geburtenrate ständig; sie betrug 1965 1,65 Prozent gegen 4,58 Prozent bei den Arabern, deren Geburtenüberschuß einer der höchsten der Welt ist.

[6Der Sinaikrieg 1956 forderte auf seiten der Israelis 224 Tote und 770 Verwundete, der Sechstagekrieg 1968 kostete Israel 780 Tote und 3020 Verwundete. Die Zwischenfälle entlang der Feuereinstellungslinien und die Aktionen der Fedayin haben zwischen dem 10. Juni 1967 und dem 14. Juni 1969 mehr als 1800 israelische Opfer, davon 359 Tote, gefordert; die Palästinenser beklagen 700 Tote und 1500 Verwundete, ausschließlich Zivilisten. Nach anderen Schätzungen hat der Terrorismus im Verlauf der genannten zwei Jahre zehnmal mehr israelische Opfer gekostet als die fünf dem Krieg vorangegangenen Jahre zusammengenommen.

[7Arabische Staaten 11 bis 13 Prozent, USA 9,2 Prozent, Sowjetunion 8,9 Prozent, westeuropäische Staaten 4 bis 7 Prozent.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1969
, Seite 701
Autor/inn/en:

Eric Rouleau:

Tilly Spiegel:

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