FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1991 » No. 448-450
Friedrich Geyrhofer

Sieg und Kriegen

Peymann begehrte mit Claudius, nicht schuld zu sein. Die ganze UN-Welt begehrte das Gegenteil, aber wußten die eigentlich, was das heißt?

Siege sehen anders aus

Im „Forvm“, März-Heft, prophezeite ich: „Die ‚westliche Wertegemeinschaft‘, im Grunde eine AG Kapital Global, dankt moralisch in diesem Wüstenkrieg ab.“

Unsere Kriegstrompeter vom Jahresanfang fühlen sich im Nachhinein betrogen: um den „Sieg“! — Ist denn der Schlächter von Bagdad besiegt, fragte Mitte April eine wirtschaftsliberale Zeitung in Wien, solange Phosphor- und Splitterbomben auf Kurdistan fallen? Für die bloße Rückkehr von Emir Scheich Jaber el Ahmed al Sabah auf den angestammten Thron in Kuwait City scheint der Aufwand der Operation Wüstensturm übertrieben gewesen zu sein. Den Zaren im Weißen Haus haben seine Lobhudler gründlich mißverstanden. Und die Fähigkeit eines Texaners überschätzt, den Retter der Menschheit zu spielen.

Resümieren wir das Kampfgeschehen. Zuerst ist der Papst besiegt worden. Im Vatikan herrscht dicke Luft, weil sich Johannes Paul II. geweigert hatte, die alliierten Kreuzritter zu segnen („kein gerechter Krieg“). Eine ganz normale Tankerkatastrophe im Ligurischen Meer ergänzt unterdessen den Ölteppich und die Ölfackeln im Golf. Den Vereinten Nationen hängt nach, daß General Schwarzkopfs Waffengang propagandistisch als „UNO-Feldzug“ verkauft worden ist, während das Pentagon de facto das Spiel bestimmte.

Oder doch nicht? Aufstand und Aufopferung der Kurden mischten die Karten neu. Vom „Kurden-Trauma“ peinlich überrascht, fühlt sich George Bush in realpolitischen Berechnungen gestört, der Kriegsherr wird nun auf seine schönen Sprüche festgenagelt, deren Zweck es war, den Kampf ums Benzin rhetorisch auszuschmücken. Dem Konservativen schmeckt es nicht, daß der „Weltordnungskrieg“ eine geradezu revolutionäre Unordnung in Gang gebracht hat, eine Erschütterung des Status quo, um dessen Sanierung es geht.

Die westliche Intervention im Nordirak, durchgesetzt von London und Paris mag zur Entwaffnung und Kontrolle der Peshmergas führen. Sind sie nicht Unruhestifter? Immerhin, der Kurden wegen könnte es so weit kommen, daß Präsident Bush einen so brauchbaren Feind wie Saddam Hussein (zwar „schlimmer als Hitler“, aber auch unentbehrlich) doch noch zur Hölle schicken muß.

„Das Ende des amerikanischen Jahrhunderts“: eine geläufige Floskel in den USA. Die Supermacht, die sich ihre Weltherrlichkeit kaum mehr leisten kann, hilft sich über die Runden, indem sie die Verhältnisse auf Biegen oder Brechen konserviert. Das Dilemma der konsevativen Denkweise (schlimmer: Gedanken- und Konzeptionslosigkeit): Einerseits „regionale Stabilität“ zu wollen, andererseits einen Schlag zu führen, der die ganze Gegend erschüttert. Woher überhaupt jene irren Kriegsgefühle, gemischt aus Angst und Aggression, die uns im Winter 1990/91 aufgewühlt haben?

Die westliche Welt trug wieder Stahlhelm. Von Bagdad aus ist nicht nur das Gesetz diktiert worden, sondern auch der Katalog kriegerischer Ideale: „Männlichkeit, Tapferkeit, Heldenmut!“ Urplötzlich zählten diese strammen Worte, während Berufssoldaten das Geschäft erledigt haben. Originell ist nicht einmal die Parole, Saddam Hussein vor Gericht zu stellen — der Vorschlag stammt von Ayatollah Khomeini, dessen Rehabilitierung jetzt fällig wäre.

Die Erregung breitete sich in Wellen über eine fernsehende Menschheit aus, der wenig später allerdings die Berichte aus Massenlagern im kurdischen Hochgebirge eine Kehrseite des Kriegsgeschehens vorführten, die vorher von den Militärzensoren am Golf unterdrückt worden war.

Der Siegesrausch in den USA nach der Feuerpause verriet, wie bitter nötig der Wüsten-Blitzsieg gewesen ist. Ein Aufputschmittel für’s nationale Selbstbewußtsein („Uns kann keiner“) und für’s kommende Wahljahr („Die Demokraten sind erledigt“). Im verbündeten Europa lernt man das Staunen. Deutschland wurde der Feigheit bezichtigt und die EG der Handlungsunfähigkeit überführt.

Die Lektion heißt: „Was würden wir ohne die Amis machen?“ Bei der Vorbereitung des Wüstensturms erwies sich Bush als Profi. Die Finanznot verwandelte er in eine politische Tugend, um mit leeren Staatskassen werte Freunde zu erpressen. „Rent an army“, also „Leiharmee“, spotteten damals amerikanische Zeitungen über den Eifer der US-Diplomaten, die Verbündeten für den „feel good“-Krieg zu plündern. Ja sogar die neutrale Republik Österreich ist angeschnorrt worden, freilich „umsonst“.

Geöffnet wurden die Geldsäcke der Saudis, eh klar, Japans und Deutschlands. Bangla Desh schickte Soldaten, afghanische Rebellen unterwiesen die US-Marines in den Finessen des Wüstenkriegs. Der Kaiser des Westens hat seine Vasallen zum Treueschwur aufgerufen.

Zusätzlich zum Bargeld brauchte Bush moralische Schützenhilfe aus dem Ausland, um die Aktion innenpolitisch abzuschirmen. Imperialismus ja, doch bitte nur im Teamwork! Den Präsidenten, der noch nichts vom „Kurden-Trauma“ ahnte, ängstigte das alte „Vietnam-Trauma“. Er setzte sich das Ziel, seinen Wählern die „krankhafte Hemmung gegen Einsatz militärischer Gewalt“ abzugewöhnen. Welch ein Kontrast zu Ronald Reagans schlichter Feststellung: „America is standing tall“.

Der Krieg geht weiter

Die US-Verbände, in die deutschen Friedensgarnisonen heimgekehrt, warten den Zeitpunkt ab, an dem es wieder „Pflicht und Ehre“ ist, „einem brutalen Kerl ins Gesicht zu schlagen“ (O-Ton George Bush). Ein kraftvolles Bild, geschöpft aus dem Alltag amerikanischer Großstadtstraßen. Der Anspruch auf Weltherrlichkeit, den die USA im Vergleich mit den Ökonomien Japans und Binnenmarkt-Europas schwerlich halten können, stützt sich auf die Überlegenheit sündteurer militärischer High Tech. Der Apparat ist auf Fremdfinanzierung angewiesen.

Daß NATO-Europa als Basis für Einsätze in der Dritten Welt eingeplant wird, läßt sich nicht verheimlichen. Aus den ausgepowerten Weltgegenden kommen Terroristen, Tyrannen, „Fundamentalisten“, böse Burschen, die den Ölhahn abdrehen und uns mit Koks vergiften möchten ... sie vermehren sich wie Kaninchen. Wachsamkeit ist nötig, Eroberungen sind nicht angesagt. Überfall auf die Insel Grenada, Luftangriff auf Libyen, Invasion Panamas, kolumbianischer Drogenkrieg — die Operation Wüstensturm folgt dem Gesetz einer Serie von Strafexpeditionen, die punktuell zuschlagen. Ausfälle aus einer belagerten Festung in die verdreckten „Hinterhöfe“, tolle Knock-outs mit raschem Rückzug. Die Überlebenden haben genug Zeit, die Trümmer aufzuräumen.

Der Reichtum des Westens ist es, der ihn — uns alle — in die Defensive drängt. Flüchtlinge, Einwanderer, ganze Staaten samt Rohstoffen und Handelsströmen: eine Völkerwanderung strebt hungrig in Richtung auf die Fleischtöpfe der Metropolen. Wer sich jedoch asketisch absondert wie die islamischen Radikalen, der kriegt erst recht eine auf den Deckel! Die gar nicht so neue Weltordnung, welche der unruhigen Menschheit aufoktroyiert werden soll, schafft ständig neues Durcheinander. Waffenexporte, wirtschaftliche Zwangslagen, strategische Spielchen steigern jene globale Unsicherheit, auf die der „Globo Cop“ nur wartet.

Umso stärker die Tendenz, den Limes zu befestigen. Eine Halbierung des Kontinents bedeutet der projektierte „Superstaat Europa“, also das Gegenteil eines „gemeinsamen Hauses“; und genau deswegen drängt die östliche Hälfte desto verzweifelter darauf, beim „Delors-Europa“ dabei zu sein. Was die professionellen „Europäer“ in Brüssel unter Europa-Politik verstehen, das hat z.B. Österreich bei den Transit-Verhandlungen zu spüren bekommen.

Wohin wird das führen? Geradewegs zu jenem kritischen Punkt, an dem die konservative Weisheit am Ende ist. Das Vertrauen auf eine Kombination zwischen den „Selbstheilungskräften des Markts“ und der überwältigenden „hochtechnologischen Feuerkraft“ bewegt sich in einem Teufelskreis, der bald auch die reichen und mächtigen Gesellschaften einschließen könnte. Kalkulierte Planlosigkeit hat ihre Tücken. Wir leben zwar nicht in der „einen“ Welt, das ist wahr, aber auch nicht in einer, die sich auf ewig durch Kalte Kriege und heiße Kleinkriege zerstückeln läßt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1991
, Seite 4
Autor/inn/en:

Friedrich Geyrhofer:

Geboren am 03.09.1943 in Wien, gestorben am 16.07.2014 ebenda, studierte Jus an der Wiener Universität, war Schriftsteller und Publizist sowie ständiger Mitarbeiter des FORVM.

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