FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 194/II
Marie Miková • Josef Smrkovský

Schwanengesang im ZK

Ende Jänner löste Paradestalinist Lubomir Strougal den letzten Paradereformer Oldrich Cernik als Ministerpräsident der ČSSR ab. Unterdessen zirkulieren im Land die illegalen Blätter mit dem Schwanengesang Josef Smrkovskys, des härtesten aller Neokommunisten, Ende September 1969 im Plenum des ZK, in derselben Sitzung, in der auch Alexander Dubček seine letzte Rede hielt (abgedruckt im NEUEN FORVM), desgleichen Altkommunistin Marie Miková.

Josef Smrkovsky [1]

Ich begrüßte den Jänner des Jahres 1968, wie es der Großteil der Partei und der Großteil der Bevölkerung taten. Er gab der Partei eine Chance, einen Gutteil dessen, was schlecht oder verbesserungsbedürftig war, abzuwerfen ...

Ich spürte, daß 20 Jahre genügen müssen, um den Sozialismus sicher in unserer Gesellschaft zu verankern, und daß nun die Zeit gekommen war, die anderen Sätze unserer Lehre zu verwirklichen, die Sätze, in denen es heißt, daß der Sozialismus dem Volk mehr Rechte und mehr Freiheit gibt als jedes andere System ...

Ich empfand es als unsere Pflicht, nach neuen Wegen Ausschau zu halten, nach einem neuen Bereich der Entwicklung ...

Jeder Kommunist, der sich selbst, seinem Land und der internationalen revolutionären Bewegung gegenüber aufrichtig ist, mußte erkennen, daß unser Land, das nach dem letzten Krieg ein denkbar günstiges Feld für den Sozialismus darstellte, wirtschaftlich, politisch und geistig stagnierte, daß uns andere Länder einholten und überholten, so daß wir auf dem besten Weg dazu waren, zum lahmen Flügel des Sozialismus zu werden.

Und die Kommunistische Partei der ČSSR hätte eines Tages für diesen Gang der Dinge verantwortlich gemacht werden können, für alle Fehler, die gemacht worden sind ...

Ich bin der Ansicht, daß der Jänner 1968 und die politischen Veränderungen, die danach folgten, für unsere Partei und für den Sozialismus einen enormen Gewinn bedeuteten.

Ich glaube noch immer, daß die Hauptideen des Jänners 1968 die Konsolidierung und das Wachstum des Sozialismus in der ČSSR förderten und daß sie in Einklang standen mit den Lebensinteressen und Bedürfnissen unserer arbeitenden Bevölkerung. So wurde die gesamte Entwicklung auch in der Öffentlichkeit beurteilt.

Man kann die politischen Führer dieser Ära, mich eingeschlossen, kritisieren, daß sie den ganzen Prozeß nicht strenger gelenkt und daß sie ihr Programm nicht rascher erfüllt haben. Sie können uns zwingen, von unseren Posten zurückzutreten.

Aber unser Hauptziel, ein neues Vertrauen zwischen Partei und Volk zu schaffen, ist ein Ziel, das alle Führer zu allen Zeiten verfolgen müssen, wenn sie in unserem Land einen erfolgreichen Sozialismus errichten wollen — sei es auch mit anderen und vielleicht zielführenderen Methoden. Der politische Kampf, der gegen einige von uns geführt wird, solite daher nicht die gesamte Entwicklung nach dem Jänner 1968 in Mißkredit bringen, eine Entwicklung, in die so viele anständige Leute ihr Bestes investiert haben ...

Ich war und bin der Meinung, daß der Eintritt von Truppen in unser Land in keiner Weise den Schwierigkeiten angemessen war, die der Sozialismus durchmachte. Ich beabsichtige hiermit nicht, meine Unterschrift unter dem Moskauer Protokoll zu widerrufen. Diese Unterschrift war von dem Wissen diktiert, daß sie unter den gegebenen Umständen der einzige Weg aus der Krise war. Unsere damaligen Ansichten sind jedenfalls allgemein bekannt.

Der August 1968 war für mich eine tiefe Verletzung — sowohl persönlich als auch als Kommunist, der mit seiner Partei eine ganze Menge mitgemacht hat. Ich wußte, daß sich diese Ereignisse auf die Gefühle des Volkes und insbesondere auf die Beziehungen unseres Volkes zur Sowjetunion unglücklich auswirken würden ... daß sie die Stimmung verstärken würden, die schon lange zuvor durch die Fehler der Vorjännerära entstanden war und in der Folge ausgenützt wurde. Beides betonte ich sowohl in Moskau als auch hier in der Tschechoslowakei ...

Sicher haben die Parteiführer das Recht und die Pflicht, die Ruhe im Land zu sichern und ihre Anstrengungen auf schöpferische Arbeit zu richten ... Aber ich bezweifle, ob manche der derzeitigen Kampagnen in Presse und Rundfunk diesem Zweck dienen. Es geht nicht so sehr darum, daß ich selber eine der Zielscheiben dieser Reden bin, in denen die elementarsten Regeln der politischen Auseinandersetzung mißachtet werden, wobei ich selbst keinerlei Chance habe, mich zu verteidigen. Ich denke mir mein Teil über diese Kritik und werde dies auch weiterhin tun ...

Ich glaube jedoch, daß diese Reden zu allgemein sind und mir Ziele unterstellen, die ich nie hatte. Ich bin sicher, daß das, wofür ich kämpfte, weder Rechtsopportunismus noch Nationalismus noch Antisowjetismus war. Solchen Vorwürfen kann ich nicht zustimmen: wenn ich dies täte, müßte ich mein ganzes Leben von vorn anfangen. Das habe ich nicht getan und will ich nicht tun. Deswegen kann ich auch den Vorschlag des Präsidiums, mich aus dem Zentralkomitee auszuschließen, nicht unterstützen ...

Ich behaupte keineswegs, daß in der Politik der Nachjännerära keine Fehler begangen worden seien. Aber ich betrachte sie als ein wichtiges Kapitel in den Bemühungen der Partei, ein Kapitel, das ich nicht aus meinem Leben streichen möchte. Es trifft sich, daß meine Entscheidung und Ihre Entscheidung, die Entscheidung des ZK, mit dem 40. Jahrestag meines Beitritts zur KP zusammenfällt.

Um den Übergang unserer Gesellschaft auf ein höheres Niveau zu gewährleisten, müssen die folgenden Genossen ausgeschlossen werden ...

Marie Miková [2]

Der Eintritt von Truppen ohne Wissen der verfassungsmäßigen Behörden, des Präsidenten und des Oberkommandierenden unserer Streitkräfte, war eine Verletzung der Verfassung unseres Landes. Nur die verfassungsmäßigen Behörden können Truppen in unser Land einladen. Dies war der wahre Grund, warum der Vertrag über die zeitweilige Stationierung von Sowjettruppen von der gesamten Nationalversammlung ratifiziert und nicht nur von ein paar Amtsträgern unterzeichnet werden mußte.

Ebenso illegal war die Festnahme von vier Abgeordneten, des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees der KPČ, des Vorsitzenden der Nationalversammlung, des Vorsitzenden der Nationalen Front und des Premierministers, ohne ein Wort der Erklärung an die Nationalversammlung ...

Behauptet Genosse Strougal, [3] der Dokumente unterzeichnete, in denen ständig von „Okkupation“ die Rede war, daß er von den Massenmedien irregeführt wurde? Kann man nicht vielmehr sagen, daß er sie irreführte, als er ihnen solche Dokumente mit seiner Unterschrift zur Veröffentlichung übersandte?

Auch ich beeinflußte manche Leute. Ich gebe es offen zu und nehme die volle Verantwortung dafür auf mich. Wir waren uns alle in unseren Reden ganz schön einig, bis auf die, die sich im Parlament überhaupt nicht rührten, sondern sich irgendwo verkrochen, wie die Genossen Indra, [4] Kolder, [5] Bilak [6] und andere ... Nun, ein Jahr später, haben sie uns auf einmal eine Menge zu sagen. Aber keiner von ihnen hat uns bis jetzt die volle Wahrheit gesagt.

Was ist mit dieser Einladung an die Truppen? Wenn wir die Wahrheit wissen wollen, dann die ganze Wahrheit ... Warum schämen sie sich, offen zu reden? Wer sind diese Leute, die hinter dem Rücken unserer Behörden Komplotte schmiedeten und uns solche Schwierigkeiten bereiteten? Wenn ich jemanden einladen will, tue ich es offen und verstecke mich nicht dabei! ...

Aber ich bin nie so weit gegangen, daß ich gegen die Sowjets und für die Neutralität eingetreten wäre, wie es einige unserer führenden Persönlichkeiten getan haben. Wie zum Beispiel Genosse Kempny [7] — er und sein Gemeinderat in Ostrau brachten eine Resolution ein, in der die Neutralität der ČSSR gefordert wurde.

Ich möchte nur, daß wir unsere eigenen Probleme auch allein lösen können ... Interessant ist, daß Genosse Indra lange vor mir denselben Wunsch hatte, auf dem historischen Zentralkomitee im Jänner 1968, wo wir mit den alten Methoden und mit Genossen Novotny abrechneten. Genosse Indra war sehr konsterniert über den Besuch des Genossen Breschnjew in Prag im vorhergehenden Monat und insbesondere darüber, daß Genosse Breschnjew mit dem Genossen Novotny gewisse interne Probleme erörterte ... Sich interessieren und intervenieren ist zweierlei, sagte Genosse Indra. Die fehlende Information über diesen Besuch, sagte er, könnte ernsthafte Rückwirkungen auf unsere Beziehungen zur KPdSU haben. Nicht daß wir einander unsere Gefühle der Sympathie für die Sowjets bezeugen müßten, aber als tschechoslowakische Kommunisten müssen wir einen gewissen Stolz haben und darauf bestehen, mit unseren internen Problemen auch selbst fertig zu werden ...

Oder nehmen wir Leute wie den Genossen Matejka. [8] Er war einer von denen, die den außerordentlichen Parteikongreß organisierten. Ihre Haltung im August gilt heute als absolut untadelig — sie waren die ersten, die andere, wie Mikova und Smrkovsky, die Presse und den Rundfunk, angriffen — so wird ihnen heute ihre Vergangenheit verziehen ...

Ich kann meine Haltung nicht so leicht ändern. Ich habe kein Recht hiezu, denn als Abgeordnete habe ich die Gesetze zu wahren, ohne Rücksicht auf persönliche Interessen.

Ich habe immer noch kräftige Hände, ich kann irgendwohin gehen und arbeiten. Ich werde dorthin zurückkehren, woher ich gekommen bin.

[1Josef Smrkovsky, Altkommunist, Jugendführer; Spärienkämpfer, neben Dubček prominentester Repräsentant des „Prager Frühlings“, nach der Okkupation auf sowjetischen Druck sukzessive aus dem Präsidium (Polbüro) und dem ZK entfernt und zuletzt als Volkskammerpräsident abgesetzt.

[2Marie Miková, altbekannte Parlamentarierin, nach der Okkupation erst als stellvertretende Vorsitzende des Bundesparlaments abgesetzt und dann ihres Abgeordnetenmandats beraubt. Im September 1969 aus dem ZK ausgeschlossen.

[3Lubomir Strougal, in den sechziger Jahren große Karriere unter Novotny, Innenminister und Vizepremier, widersetzte sich den Rehabilitierungen der Opfer der fünfziger Jahre, schwamm im „Prager Frühling“ mit dem Strom, unterzeichnete am 24. August 1968 im Namen der Regierung den Protest gegen die sowjetische Okkupation, kurz darauf ins Lager der Ultrakonservativen abgeschwenkt, zum Chef der kommissarisch verwalteten KP für die böhmischen Länder und zuletzt (30.1.1970) zum Bundespremier ernannt.

[4Alois Indra, alter Novotnymann, war von der KPdSU als Ministerpräsident einer Marionettenregierung („Arbeiter- und Bauernregierung“) ausersehen, als Kollaborateur durch mehr als 30.000 Unterschriften seiner Wähler in Südmähren seines Abgeordnetenmandats entkleidet, auf sowjetischen Druck wieder rehabilitiert und am 30. Jänner zum Kandidaten des Präsidiums ernannt. Repräsentant der Ultrakonservativen.

[5Drahomir Kolder, unter Novotny entscheidender Mann im Polbüro, verantwortlich für die Wirtschaft, als Kollaborant von seinen Ostrauer Wählern aus dem Parlament abberufen, ist nun als erster Mann des „Büros des ZK“ die graue Eminenz der Säuberungen. Erneut verantwortlich für die Liquidierung der Wirtschaftsreform und der Arbeiterräte.

[6Josef Bilak, arbeitete erst mit Dubček zusammen, schloß sich dann den Kollaborateuren an, avançierte zum Leiter der Auslandsabteilung und — obwohl auf dem slowakischen Parteitag im August 1968 aus dem ZK hinausgewählt — wurde er erneut in dasselbe und ins Präsidium kooptiert.

[7Ing. Josef Kempny, schwindelnde Karriere im Zeichen der „Normalisierung“: erst Innenminister, bewährt bei der Niederschlagung der Augustunruhen 1969 ins ZK und im Septemberplenum ins Präsidium kooptiert und zum Premier der böhmischen Föderalregierung befördert, am 30.1.1970 an Stelle Strougals zum Chef der KP für die böhmischen Länder ernannt.

[8Oldrich Matejka, Sekretär des Kreises Prag der KPČ, aus dem ZK „zurückgetreten“ am 29.1.1970.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1970
, Seite 141
Autor/inn/en:

Josef Smrkovský:

Marie Miková:

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen

Themen dieses Beitrags

Desiderate der Kritik

Begriffsinventar

Geographie